Das Zeitfenster, um dramatische Klimawandelfolgen abzuwenden, schließt sich: Die Bewohner einiger österreichischer Gemeinden haben solche Sintfluten freilich gerade hinter sich: Überschwemmungen und Vermurungen haben auch in diesem Sommer bereits enorme Schäden angerichtet. Nahezu zeitgleich konnte ein internationales Forscherteam in einer bahnbrechenden Studie nun erstmals zeigen, dass der menschengemachte Klimawandel in den letzten Jahrzehnten einen eindeutigen Einfluss auf die Überflutungen in Europa gehabt hat. Der Meeresspiegel stieg in den letzten Jahren immer schneller, was bereits erste Auswirkungen auf Inseln und Küsten hat. Unklar ist nur, um wie viel das Meer in den nächsten Jahrzehnten mehr wird: Für das Jahr 2100 schwanken die Prognosen zwischen 50 Zentimetern und zwei Metern. Die weltweiten Treibhausgasemissionen müssen bis 2050 um mindestens die Hälfte sinken, in den Industrieländern um 80 bis 95 Prozent. Dafür wäre es nötig, quasi hier und jetzt zu beginnen, denn das Zeitfenster ist sehr knapp bemessen, um die tiefgreifenden Reformen auf Schiene zu bringen.

Klimawandel: Wir und die kommenden Sintfluten

KOMMENTAR KLAUS TASCHWER 10. August 2017,

Das Zeitfenster, um dramatische Klimawandelfolgen abzuwenden, schließt sich

Das geflügelte Wort wird gemeinhin der Marquise de Pompadour in die Schuhe geschoben. Die Adelige wollte sich eine rauschende Party durch schlechte Nachrichten nicht verderben lassen und tat deshalb den legendären Ausspruch. Bis heute gilt „Après nous le déluge!“ – „Nach uns die Sintflut!“ – als beliebte Formel, um Indifferenz und Verantwortungslosigkeit gegenüber der Zukunft zum Ausdruck zu bringen. Die Bewohner einiger österreichischer Gemeinden haben solche Sintfluten freilich gerade hinter sich: Überschwemmungen und Vermurungen haben auch in diesem Sommer bereits enorme Schäden angerichtet. Nahezu zeitgleich konnte ein internationales Forscherteam in einer bahnbrechenden Studie nun erstmals zeigen, dass der menschengemachte Klimawandel in den letzten Jahrzehnten einen eindeutigen Einfluss auf die Überflutungen in Europa gehabt hat – wenn auch „nur“ auf den Zeitpunkt der Hochwasserereignisse. Sehr viel direkter ist der Zusammenhang der globalen Erderwärmung mit der anderen, ganz großen „Sintflut“: Der Meeresspiegel stieg in den letzten Jahren immer schneller, was bereits erste Auswirkungen auf Inseln und Küsten hat. Unklar ist nur, um wie viel das Meer in den nächsten Jahrzehnten mehr wird: Für das Jahr 2100 schwanken die Prognosen zwischen 50 Zentimetern und zwei Metern. Wenn das Wasser bis zum Hals steht, ist es zu spät Um solche und andere dramatische Klimawandelfolgen halbwegs in Grenzen zu halten, wurde 2015 im Übereinkommen von Paris das ambitioniertere Ziel festgeschrieben, die globale Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts im Idealfall auf 1,5 Grad Celsius, jedenfalls aber auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Dadurch wären zahlreiche Folgen der globalen Erwärmung bestenfalls gemildert, nicht aber abgewendet: Der Anstieg des Meeresspiegels wird für Hunderte von Jahren weitergehen. Doch um auch nur die Zwei-Grad-Grenze für das 21. Jahrhundert zu erreichen, sind in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dramatische Maßnahmen nötig, wie zumindest den Klimaforschern klar ist, die am Pariser Übereinkommen beteiligt waren: So müssten etwa die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2050 um mindestens die Hälfte sinken, in den Industrieländern um 80 bis 95 Prozent. Dafür wäre es nötig, quasi hier und jetzt zu beginnen, denn das Zeitfenster ist sehr knapp bemessen, um die tiefgreifenden Reformen auf Schiene zu bringen. Passierten diese Veränderungen nämlich nicht rechtzeitig, seien die Folgen für den Planeten unumkehrbar, warnen Klimaforscher. Angesichts dieser dramatischen Appelle und Prognosen der Wissenschaft verhält man sich heute in vielen Teilen der Politik, der Wirtschaft und auch der Bevölkerung so wie die Marquise de Pompadour vor 260 Jahren. Man will sich das Fest – also die Profite, das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand – nicht durch schlechte Nachrichten und unangenehme Wahrheiten verderben lassen. US-Präsident Donald Trump mag nicht nur in dieser Hinsicht ein besonders ignoranter Volksvertreter sein. Doch auch im hiesigen Wahlkampf spielt dieses wohl wichtigste globale Problem der Zukunft eine erstaunlich geringe Rolle. Das Dumme daran ist nur: Wenn der Menschheit aufgrund des Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten das Wasser – buchstäblich oder im übertragenen Sinn – bis zum Hals stehen wird, ist es definitiv zu spät, dagegen noch etwas zu tun. (Klaus Taschwer, 10.8.2017) – derstandard.at/2000062531368/Wir-und-die-kommenden-Sintfluten

Wie der Klimawandel Überflutungen in Europa beeinflusst

KLAUS TASCHWER 10. August 2017, 20:00 509 POSTINGS Eine große Studie unter Leitung der TU Wien belegt erstmals, dass sich der Klimawandel auf das Hochwasser auswirkt, konkret: auf dessen Zeitpunkte Wien – Der Erscheinungszeitpunkt der Studie im renommierten Fachblatt „Science“ hätte – zumindest für unsere Breiten – nicht besser gewählt werden können. Nur wenige Tage nach den folgenschweren Überschwemmungen und Vermurungen in mehreren Regionen des Landes belegt eine internationale Untersuchung, die von einem Österreicher geleitet wurde, erstmals einen klaren Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Hochwassern in Europa. Dass dieser Einfluss der Erderwärmung auf Überflutungen bislang nicht eindeutig bewiesen werden konnte, liegt nicht zuletzt an der Komplexität des Problems. Zwar wird dem Klimawandel gern dafür die Schuld gegeben, wenn das Wetter verrückt spielt und ein Fluss mit ungewohnter Heftigkeit über die Ufer tritt. Auch wenn sich solche Extremwetterereignisse zu häufen scheinen, finden sie quasi ständig irgendwo statt. Zusätzliche Einflussfaktoren Eine besondere Herausforderung bei der Analyse von Hochwassern und Vermurungen liegt darin, dass deren Intensität nicht nur vom Klimawandel abhängt, wie Studienleiter Günter Blöschl (Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der TU Wien) erklärt: „Die Landnutzung, etwa Versiegelung von Flächen oder intensive Landwirtschaft, oder auch der Rückgang wasserspeichernder Auwälder – all das hat einen sehr starken Einfluss auf Hochwasserereignisse.“ foto: tu wien/asi/land tirol/bh landeck Die Intensität von Hochwasserereignissen (wie hier im Paznauntal) hängt nicht nur vom Klimawandel ab, sondern noch von vielen anderen Faktoren. Blöschl und seine insgesamt 45 Koautoren haben für ihre Untersuchung, die vom European Science Council (ERC) unterstützt wurde, Datensätze zwischen 1960 und 2010 von über 4.000 Stationen aus 38 europäischen Ländern ausgewertet. Ihr Ergebnis ist eindeutig: Der Klimawandel hat einen deutlichen Einfluss auf Hochwasserereignisse – aber anders, als man vielleicht vermuten würde. Starke zeitliche Verschiebungen Dieser Zusammenhang lässt sich nämlich nicht in erster Linie an der Häufigkeit und der Größe der Hochwasserereignisse festmachen, sondern am besten daran, dass sich das Auftreten der Hochwasser aufgrund des Klimawandels über die Jahre zeitlich dramatisch verschoben hat – und zwar differenziert nach Regionen. In Österreich etwa sind Hochwasserereignisse traditionell im Sommer häufig, in England und im Mittelmeerraum hingegen treten sie eher im Winter auf, weil dann die Verdunstung gering ist und die Niederschläge intensiv sind. In Nordosteuropa wiederum ist zur Zeit der Schneeschmelze im Frühling die Hochwassergefahr am größten. grafik: tu wien Das durchschnittliche Auftreten von Überflutungen in Europa im Lauf des Jahres: Winterhochwasserereignisse sind durch blaue Pfeile nach oben markiert, Sommerhochwasserereignisse durch rote Pfeile nach unten. Erhebliche regionale Differenzen Für die letzten 50 Jahre zeigte sich etwa in Skandinavien und im Baltikum, dass Hochwasserereignisse dort heute um einen Monat früher auftreten als in den 60er- und 70er-Jahren, berichten die Forscher in „Science“. Das liege daran, dass sich im Norden die Zeiten mit viel Schneefall verkürzt haben und die Schneeschmelze aufgrund der Klimaerwärmung früher einsetzt. Ganz anders ist die Lage in England und Norddeutschland, wo Überflutungen im Schnitt um rund zwei Wochen später auftreten. Je nach europäischer Region sind zwar klare, aber eben unterschiedliche Trends zu beobachten, sagt Blöschl, der resümierend ergänzt: „Wir können Zusammenhänge nachweisen, über die man bisher nur spekulieren konnte.“ grafik: blöchl et al., science (2017) So haben sich seit 1960 die jeweiligen Zeitpunkte für Überflutungen in Europa zeitlich verändert: Rot zeigt frühere Zeitpunkte an, blau spätere. Veränderungen in Österreich Das gelte im Übrigen auch für die Alpenregion, wo sich die Zeitpunkte der Überschwemmungen im Sommer vergleichsweise wenig stark verschoben haben. Blöschl hat mit seinem Team der TU Wien gerade auch eine Studie für das Lebensministerium abgeschlossen, die anders als die „Science“-Studie vor allem auf Österreich abstellt, wie er im Gespräch mit dem STANDARD erklärt. „In Österreich haben vor allem die Häufigkeit und die Intensität der Hochwasserereignisse nördlich des Alpenhauptkamms in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen“, so der Forscher, der immerhin auch einen positiven Ausblick hat: Seit dem sogenannten „Jahrhunderthochwasser“ 2002 und den danach erfolgten Vorsorgemaßnahmen sei man hierzulande auf weitere Überflutungen im internationalen Vergleich sehr gut gut vorbereitet, was sich bereits beim „Jahrhunderthochwasser“ 2013 gezeigt habe. (tasch, 10.8.2017) Volltext der Studie Science: „Changing climate shifts timing of European floods“ – derstandard.at/2000062534848/Wie-der-Klimawandel-Ueberflutungen-in-Europa-beeinflusst

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