Hoffen, dass sich keine Eigendynamik zum Krieg entwickelt: Kim Jong Un ist kein Verrückter. Er will keinen Krieg, sondern sein Land gegenüber den USA unangreifbar machen. Er weiß genau, dass ein Krieg mit Amerika den Untergang für sein Regime und sein Land bedeuten würde. Ähnlich wie Trump geht es ihm vor allem darum, sich vor seinem Volk als starker Führer zu inszenieren. Trump ist von guten Generälen umgeben, die großen Einfluss auf ihn haben, unter anderem von dem erfahrenen Verteidigungsminister James Norman Mattis. Der gehört zu denen, die eher von militärischen Maßnahmen absehen. Auf der anderen Seite steht Trump innenpolitisch unter Druck. Deshalb wird er versuchen, sich möglichst stark zu gebärden, um von seiner schwachen Innenpolitik abzulenken. Dabei hat er manchmal seine Rhetorik nicht im Griff. Man muss hoffen, dass sich daraus keine Eigendynamiken entwickeln.

Nordkorea:„Kim Jong Un ist kein Verrückter“

Der nordkoreanische Diktator will keinen Krieg, sagt Rüstungsexperte Oliver Thränert. Er versuche nur, sich als starker Führer zu zeigen – genauso wie Donald Trump.
Nordkorea: Nordkoreas Diktator Kim Jong Un beobachtet den Test-Start einer Rakete. Standbild aus dem Programm des nordkoreanischen Fernsehsenders KRT.
Nordkoreas Diktator Kim Jong Un beobachtet den Teststart einer Rakete. Standbild aus dem Programm des nordkoreanischen Fernsehsenders KRT © KRT/AP Photo

ZEIT ONLINE: Herr Thränert, hält Nordkorea atomare Interkontinentalraketen einsatzbereit?

Oliver Thränert: Nordkorea hat bei Tests demonstriert, dass es atomare Sprengsätze herstellen kann. Zwei Fragen sind offen: Können sie diese Sprengköpfe auch auf Raketen montieren? Und verfügen sie über die Technologie, dass die Sprengköpfe beim Wiedereintritt in die Atmosphäre nicht verglühen? Beides kann man im Moment nicht beantworten.

ZEIT ONLINE: Muss man Nordkoreas Drohung, den amerikanischen Militärstützpunkt auf der Insel Guam im Westpazifik „in Feuer einzuhüllen“, ernst nehmen?

Thränert: Von der Reichweite her wäre es möglich, aber es gehört in die Kategorie Drohgebärde eines Diktators. Auf diese Weise will Kim Jong Un Trump einschüchtern.

Oliver Thränert ist Leiter des Think Tank am Center for Security Studies der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Er ist außerdem Non-Resident Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik. Thränert studierte Politikwissenschaft, Zeitgeschichte und Soziologie.© Josef Darchinger

ZEIT ONLINE: Trump sprach davon, auf weitere Drohungen „mit Feuer, Wut und Macht, wie die Welt es so noch nicht gesehen hat“ zu reagieren. Ist Trump ein Militärschlag gegen Nordkorea zuzutrauen?

Thränert: Das ist schwer zu sagen. Er ist von guten Generälen umgeben, die großen Einfluss auf ihn haben, unter anderem von dem erfahrenen Verteidigungsminister James Norman Mattis. Der gehört zu denen, die eher von militärischen Maßnahmen absehen. Auf der anderen Seite steht Trump innenpolitisch unter Druck. Deshalb wird er versuchen, sich möglichst stark zu gebärden, um von seiner schwachen Innenpolitik abzulenken. Dabei hat er manchmal seine Rhetorik nicht im Griff. Man muss hoffen, dass sich daraus keine Eigendynamiken entwickeln.

ZEIT ONLINE: Wie gefährlich ist es, wenn Trump in Kim Jong Un auf einen anderen impulsiven Machthaber trifft?

Thränert: Kim Jong Un ist ebenso wenig erfahren mit internationalen Krisen wie Trump. Er ist außerdem von der Welt abgeschottet, genauso wie sein Umfeld. Das ist ein Risiko. Andererseits: Kim Jong Un ist kein Verrückter. Er hat bisher seine wenigen Karten sehr gut gespielt. Kim will keinen Krieg, sondern sein Land gegenüber den USA unangreifbar machen. Er weiß genau, dass ein Krieg mit Amerika den Untergang für sein Regime und sein Land bedeuten würde. Ähnlich wie Trump geht es ihm vor allem darum, sich vor seinem Volk als starker Führer zu inszenieren.

ZEIT ONLINE: Könnte ein US-Militärschlag gegen Nordkorea überhaupt Erfolg haben?

Thränert: Natürlich kann das US-Militär einen Krieg gegen Nordkorea gewinnen. Die Frage ist, wie die Amerikaner alle Raketenstandorte und Produktionsstätten treffen können, dabei aber den Schaden für die koreanische Bevölkerung möglichst klein halten. Nordkorea hat viel Artillerie an der Grenze und könnte die dicht besiedelte Region um die südkoreanische Hauptstadt Seoul treffen. Es kann nicht im Interesse der Amerikaner sein, dass ihr Verbündeter große Verluste erleidet.

ZEIT ONLINE: Welche Möglichkeiten hat die Weltgemeinschaft noch, um Nordkorea von einer weiteren Aufrüstung abzuhalten? Sanktionenwaren bisher nicht erfolgreich.

Thränert: Eine Möglichkeit wäre eine engere Zusammenarbeit mit China, das Nordkorea wirtschaftlich strangulieren könnte. Denn Lebensmittel, Energie und andere wichtige Güter kommen vor allem aus China nach Nordkorea. Aber die Chinesen wollen nicht, dass das nordkoreanische Regime kollabiert, weil sie ein vereintes Korea unter amerikanischem Einfluss fürchten. Nordkorea ist Chinas Verbündeter.

ZEIT ONLINE: Also wird China die Sanktionen weiterhin nicht umsetzen?

ThränertDie Chinesen bewegen sich seit vielen Jahren zwischen den Fronten hin und her. China will auch nicht, dass Nordkorea dauerhaft zu einer nuklearen Bedrohung wird, denn das führt dazu, dass die USA ihre militärische Präsenz in der Region erhöhen.

 ZEIT ONLINE: Hat China Nordkoreas Aufrüstung unterstützt?

Thränert: Das glaube ich nicht, denn das wäre nicht im chinesischen Interesse. Woher Nordkorea die Ressourcen für die Waffen hat, ist unbekannt. Man weiß nur, dass sie Raketentechniker aus der zusammenbrechenden Sowjetunion angeheuert haben. Und dass sie versucht haben, Dollarnoten zu drucken.

 ZEIT ONLINE: Wie würde China auf eine militärische Eskalation reagieren?

Thränert: China würde vermutlich versuchen, den Krieg begrenzt zu halten, denn für eine Konfrontation mit den USA ist China noch nicht ausreichend vorbereitet.

 ZEIT ONLINE: Wäre es vielleicht das Beste, Nordkorea einfach zu ignorieren, statt es weiter mit Sanktionen zu provozieren?

Thränert: Obama hat versucht, Nordkorea nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, die es sucht. Aber Nordkorea ist inzwischen zu weit mit der Entwicklung der Atomwaffen. Man kann das Land nicht einfach ignorieren. Die Drohgebärde ist zu stark, dass ein autokratisches Land in der Lage wäre, amerikanische Städte zu zerstören.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-08/nordkorea-konflikt-kim-jong-un-interview

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