Wer belästigt Frauen sexuell? Viele kommen sofort auf Muslime. Jetzt aber stellt eine Untersuchung fest, im „westlichen“ Australien müssen die Frauen die weißen Männer fürchten: Sexuelle Belästigung und Gewalt sind an Australiens Universitäten weit verbreitet. Jede zehnte Studentin gibt an, innerhalb der letzten zwei Jahre sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Man sieht, einfache Schuldzuweisungen an die „Anderen“ treffen nicht und werden dem Problem nicht gerecht, ja verdecken es. Und: Man sollte zuerst vor der eigenen Türe kehren! Die Christen wissen das eigentlich, dass man erst den Balken im eigenen Auge sehen sollte, bevor man sich über den Splitter im Auge des Anderen aufregt.

Schockierende Ergebnisse

Sexuelle Belästigung und Gewalt sind an Australiens Universitäten weit verbreitet

von Patrick Zoll, Sydney8.8.2017, 03:03 Uhr
Eine neue Studie zeigt, dass erschreckend viele Studierende, vor allem Frauen, sexuell belästigt werden.
Eine Studentin demonstriert an der Australian National University gegen sexuelle Belästigung und Gewalt an australischen Universitäten. (Bild: EPA)

Eine Studentin demonstriert an der Australian National University gegen sexuelle Belästigung und Gewalt an australischen Universitäten. (Bild: EPA)

Was Betroffene und Aktivisten schon lange sagen, lässt sich nun mit Zahlen belegen: An Australiens Universitäten sind sexuelle Belästigungen Alltag. Das zeigt eine grossangelegte Umfrage, an der 30’000 Studentinnen und Studenten teilnahmen. Die Hälfte der Befragten gab an, innerhalb des vergangenen Jahres mindestens einmal sexuell belästigt worden zu sein. Die Hälfte dieser Belästigungen fanden an den Universitäten selber, an Veranstaltungen, die die Institutionen organisiert hatten, oder auf dem Weg zum und vom Studienort statt. Frauen waren doppelt so häufig Opfer wie Männer. Jede zehnte Studentin gab an, innerhalb der letzten zwei Jahre sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Opfer meldete die Übergriffe bei den Universitäten oder Behörden. Auch Zeugen, wenn es welche gab, schwiegen meist.

Universitäten entschuldigen sich

Die Umfrage, die erste ihrer Art, war von den 39 Universitäten des Landes und der Nationalen Menschenrechtskommission in Auftrag gegeben worden. Die Chefin der nationalen Dachorganisation der Universitäten entschuldigte sich bei den Opfern. Die Anzahl der Übergriffe sei inakzeptabel, sagte sie, als die Resultate vorgestellt wurden.

Die Universitäten müssen sich vorwerfen lassen, dass sie das Thema zu lange nicht ernst genommen haben. Sie kümmerten sich mehr um ihren Ruf als um die Opfer. Australische Universitäten generieren einen Grossteil ihrer Einkünfte durch Beiträge der Studierenden. Sie befürchten daher bei negativer PR empfindliche finanzielle Einbussen. Das lange Verleugnen und Vertuschen erinnert auch an die Reaktion kirchlicher Institutionen in Bezug auf sexuellen Missbrauch von Kindern.

Zur aktuellen Studie kam es denn auch nur, weil Opferorganisationen jahrelang Druck gemacht hatten. Die Untersuchung griff auch auf fast 2000 schriftliche Eingaben zurück. In diesen berichteten Opfer von erschreckendem Desinteresse vonseiten der Universitäten, wenn sie Belästigungen und gewaltsame Übergriffe gemeldet hatten. So sei es den Verantwortlichen entweder egal gewesen, die Vertraulichkeit ihrer Meldungen sei nicht gewährt gewesen oder Täter seien ungestraft geblieben, heisst es. Nur etwa jeder zwanzigste Befragte sagte, dass die Universitäten genug täten, um Opfern von sexueller Belästigung und Gewalt zu helfen. Eine Kampagne in sozialen Netzwerken unter dem Titel «Setzt Vergewaltigungen an Unis ein Ende» unterstreicht, wie wenig sich viele Institute kümmerten. «Meine Uni bestraft Plagiate schärfer als Vergewaltigungen», heisst es in einem Beispiel.

Toxische Kultur und Machtmissbrauch

Sexuelle Belästigung und Gewalt sind nicht auf Universitäten beschränkt. Andere Studien, die zum Beispiel Übergriffe am Arbeitsplatz untersuchten, kamen zu ähnlichen Resultaten.

Schwierig ist, eine Erklärung dafür zu finden. Da Frauen viel häufiger Opfer werden als Männer, spielen Rollenbilder und die Einstellung gegenüber Frauen eine wichtige Rolle. So berichteten in der aktuellen Studie Studentinnen wiederholt davon, dass sie von Professoren und Dozenten – die in der Überzahl Männer sind – als weniger intelligent als ihre männlichen Kollegen dargestellt werden. Es herrsche auch eine Kultur, in der Frauen als sexuelle Objekte angesehen würden. Viele Männer sähen Sex mit einer Frau, die sie begehrten, als ihr gutes Recht an. Da sexuelle Belästigung, wie etwa anzügliche Sprüche oder Witze, kaum geahndet werde, würden diese als akzeptabel angesehen.

Dazu kommt Missbrauch von Machtpositionen, nicht nur von Professoren und Dozenten gegenüber Studenten, sondern auch von älteren gegenüber jüngeren Studierenden, die häufiger Belästigungen und Gewalt erleiden. Alkohol verschärft häufig das Problem: Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation hat Australien pro Kopf den sechsthöchsten Alkoholkonsum der Welt. Erleichtert werden Übergriffe auch, wenn sich die Täter unbeobachtet fühlen. So sind Studenten, die auf dem Universitätscampus leben, deutlich häufiger von sexuellen Übergriffen betroffen als andere.

Für die Universitäten schlagen die Studienautoren eine Reihe von Massnahmen vor, um das Problem zu bekämpfen. Die Verantwortlichen haben versprochen, diese Vorschläge so rasch als möglich umzusetzen. Gleichzeitig muss aber auch in der Gesellschaft generell eine Diskussion stattfinden, denn negative Einstellungen gegenüber Frauen und Machtmissbrauch kommen nicht nur im Umfeld von Universitäten vor.

NZZ-Ozeanienkorrespondent Patrick Zoll auf Twitter oder Facebookfolgen.

https://www.nzz.ch/international/schockierende-ergebnisse-sexuelle-belaestigung-und-gewalt-sind-weit-verbreitet-an-australiens-universitaeten-ld.1308845

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