In einem Dorf in Saudiarabiens erdölreichem Osten haben sich schiitische Aktivisten verschanzt. Sie wehren sich dagegen, dass die Regierung die Bewohner zwangsumsiedeln will. Sunniten und Schiiten bekämpfen sich nicht nur in Syrien, im Irak und in Jemen bis aufs Blut. Im Kleinen tobt dieser Krieg auch in Saudiarabiens Osten. Aktivisten sagen, das historische Viertel Musawara werde von den Sicherheitskräften wahllos beschossen. Die Regierung hat mit dem Abriss von Musawara begonnen. Riad will dort ein Einkaufszentrum zu errichten und spricht von Modernisierung. Die Uno hat die Zerstörung der über 400 Jahre alten Häuser kritisiert. Die europäisch-saudische Organisation für Menschenrechte spricht von einer Zwangsumsiedlung der Bewohner von Awamiya, deren Zahl von 25000 bis zu 35000 geschätzt wird. Die Organisation schreibt unter Berufung auf lokale Quellen, man habe den Bewohnern nur vier Stunden Zeit gegeben, um das Viertel zu verlassen.Wegen der Zensur gibt es kaum unabhängige Berichte und Bilder.

Zusammenstösse in der saudischen Ostprovinz
Aufruhr unter Saudiarabiens Schiiten
von Monika Bolliger, Beirut4.8.2017, 14:13 Uhr
In einem Dorf in Saudiarabiens Osten haben sich schiitische Aktivisten verschanzt. Sie wehren sich dagegen, dass die Regierung die Bewohner umsiedeln will. Aber der Konflikt reicht darüber hinaus.
Der 2016 hingerichtete Geistliche Nimr al-Nimr bleibt eine Identifikationsfigur für die schiitische Minderheit in Saudiarabien und anderen Golfstaaten – wie diesen jungen Demonstranten in Bahrain. (Bild: EPA / Ahmed Alfardan)

Der 2016 hingerichtete Geistliche Nimr al-Nimr bleibt eine Identifikationsfigur für die schiitische Minderheit in Saudiarabien und anderen Golfstaaten – wie diesen jungen Demonstranten in Bahrain. (Bild: EPA / Ahmed Alfardan)

Ist in der saudischen Ostprovinz eine Bevölkerungsverschiebung im Gang? Aktivisten aus der Provinz Katif, die mehrheitlich von der schiitischen Minderheit bewohnt wird, sagen genau das. Eine freie, unabhängige Berichterstattung ist derzeit nicht möglich, der Zugang ist nahezu blockiert. Fest steht, dass diese Woche Hunderte, wenn nicht Tausende, aus dem Dorf Awamiya geflohen sind, das neben der Provinzhauptstadt Katif liegt. In Awamiya war es zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen den Sicherheitskräften und bewaffneten Militanten gekommen. Drei Polizisten, sieben saudische Bürger und fünf Gastarbeiter wurden laut Menschenrechtlern getötet. Aktivisten sagen, das historische Viertel Musawara werde von den Sicherheitskräften wahllos beschossen.

Abriss eines historischen Viertels

Vielleicht ein Dutzend Bewaffnete haben sich in dem wegen seiner engen Gassen schwer zugänglichen Viertel verschanzt. Die Regierung hat mit dem Abriss von Musawara begonnen. Riad will dort ein Einkaufszentrum zu errichten und spricht von Modernisierung. Die Uno hat die Zerstörung der über 400 Jahre alten Häuser kritisiert. Die europäisch-saudische Organisation für Menschenrechte spricht von einer Zwangsumsiedlung der Bewohner von Awamiya, deren Zahl von 25000 bis zu 35000 geschätzt wird. Die Organisation schreibt unter Berufung auf lokale Quellen, man habe den Bewohnern nur vier Stunden Zeit gegeben, um das Viertel zu verlassen.

Der geplante Abriss des Viertels ist nicht die Ursache des Konfliktes. «Um zu erklären, was heute geschieht, muss man weit zurückgehen», meint Mohammed Nimr al-Nimr, Sohn des populären Scheichs Nimr al-Nimr aus Awamiya, welcher Anfang letztes Jahr hingerichtet wurde. Mohammed Nimr lebt heute in den USA. Sein Vater hatte sich für die Rechte der diskriminierten Schiiten Saudiarabiens starkgemacht und war während des Arabischen Frühlings 2011 zum Wortführer der Protestbewegung in der saudischen Ostprovinz geworden. Dafür bezahlte Scheich Nimr mit dem Leben.

Mit der Hinrichtung eskalierten die Spannungen in Awamiya. Iran, zu dem Scheich Nimr kein unkompliziertes Verhältnis hatte, goss seinerseits Öl ins Feuer, indem es gegen die Hinrichtung des Scheichs mobilisierte und diese für seine eigenen Propagandazwecke nutzte: Iran gebärdet sich als Schutzmacht aller Schiiten und baut so seinen Einfluss in der Region aus. Das lieferte wiederum Riad Munition für die Behauptung, dass die schiitischen Oppositionellen allesamt Agenten Teherans seien.

Die Schiiten Saudiarabiens sind indes seit der Staatsgründung in einer schwierigen Lage, weil die wahhabitische Staatsdoktrin sie als Häretiker betrachtet. Protestbewegungen gab es hier immer wieder. Als sich 2011 im benachbarten Bahrain die diskriminierten Schiiten erhoben und im Rahmen einer Demokratiebewegung gleiche Rechte für alle forderten, bildete sich auch in Katif eine Protestbewegung, inspiriert von jener in Bahrain und vom Arabischen Frühling. Saudiarabien schickte jedoch Truppen nach Bahrain, um die Proteste niederzuschlagen. Katif demonstrierte in Solidarität mit Bahrain.

«Alle sind tot oder verhaftet»

«Awamiya war immer das Zentrum des Aufstandes», meint Toby Matthiesen von der Universität Oxford, der ausgiebig zu den saudischen Schiiten geforscht hat. Jahrelang habe es weitgehend friedliche Proteste gegeben: «Aber jetzt sind alle entweder tot oder verhaftet. Und einige wurden in die Militanz getrieben.» Matthiesen meint, die Strategie, wegen einer Handvoll Bewaffneter ein ganzes Viertel plattzumachen und den Tod Unbeteiligter in Kauf zu nehmen, sei nicht sehr klug. Dass die Militanten bis zum Tod kämpften, sei wenig verwunderlich. Im Falle einer Verhaftung würden sie wie andere vor ihnen auf dem Schafott enden.

Die Regierung sagt, sie bekämpfe Terroristen, welche ihre Waffen gegen den Staat erhoben hätten. Mohammed Nimr sagt, diese hätten lediglich zu den Waffen gegriffen, um sich gegen die Verhaftungs- und Hinrichtungskommandos zu wehren, welche Oppositionelle in Awamiya verfolgten. Ein Onkel von ihm, der vor Ort ist, distanziert sich von den Bewaffneten. Mohammed Bakir al-Nimr betont, kaum jemand der Bewohner heisse die bewaffnete Konfrontation gut: «Wir hätten uns gewünscht, dass sich die Krise mit einem politischen Ausgleich statt mit militärischen Mitteln lösen liesse.»

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Mohammed Bakir ist vom Konflikt in der Ostprovinz persönlich betroffen. Abgesehen davon, dass Scheich Nimr sein Bruder war, ist auch sein Sohn Ali inhaftiert. Ali war 2012 im Alter von 17 Jahren verhaftet worden, weil er in der Protestbewegung aktiv war. Ein Gericht hat ihn schliesslich zum Tod durch Enthauptung und Kreuzigung verurteilt. Das drakonische Urteil wartet auf die Bestätigung durch König Salman. Inzwischen setzt Ali im Gefängnis sein Studium fort: «Aber das Schwert hängt immer noch über seinem Nacken, und ich rechne damit, dass die Todesstrafe jederzeit ausgeführt werden kann», sagt sein Vater im Telefongespräch.

Mohammed Bakir sorgt sich um die Geflüchteten von Awamiya. Es sei schwierig mit anzusehen, eine solche Massenflucht habe es in der modernen Geschichte des Königreiches noch nie gegeben. Er spricht von Tausenden Vertriebenen. Es sei vergleichbar mit dem, was derzeit in Syrien oder im Irak geschehe, nur auf kleinerem Raum. Aktivisten werfen dem saudischen Regime vor, es wolle den Ort demografisch verändern. Mohammed Nimr meint, die Regierung schicke gezielt Mitglieder der Sicherheitskräfte in die Provinz, welche grossen saudischen Stämmen angehören. Wenn von diesen einer getötet werde, ziehe Awamiya den Zorn seines ganzen Stammes auf sich. Das trage dazu bei, den Hass im ganzen Land zu schüren: «Wenn es jetzt ein Massaker gibt, dann werden viele nichts dagegen haben.»

Drastische Massnahmen

Mit der drastischen Massnahme der Zerstörung des rebellischen Viertels und der Umsiedlung seiner Bewohner scheint man auf eine Beendigung der Krise zu hoffen. Toby Matthiesen verweist auf ein Beispiel aus früherer Zeit: 1979 gab es in der Provinzhauptstadt Katif einen Aufstand, worauf die Regierung die Altstadt dem Erdboden gleichmachte und dort einen Parkplatz und eine sunnitische Moschee errichtete. Es gelang Riad, die Situation unter Kontrolle zu bringen, doch gelöst war der Konflikt nicht. Matthiesen glaubt nicht, dass sich die Ostprovinz nun mit der Räumung des alten Viertels von Awamiya befrieden lässt. Zugleich, meint er, könnten die Schiiten – insgesamt etwa zehn Prozent der Bevölkerung – alleine letztlich wenig gegen den übermächtigen saudischen Staat ausrichten.

https://www.nzz.ch/international/zusammenstoesse-in-der-saudischen-ostprovinz-was-von-scheich-nimrs-protestbewegung-blieb-ld.1309251

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Sunniten und Schiiten bekämpfen sich nicht nur in Syrien, im Irak und in Jemen bis aufs Blut. Im Kleinen tobt dieser Krieg auch in Saudiarabiens Osten. Wegen der Zensur gibt es kaum unabhängige Berichte und Bilder.
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