Die Hochseeschiffahrt ist die schmutzigste Transportart überhaupt, sie stösst so viele Schadstoffe aus, wie alle Autos dieser Welt zusammengenommen. Nicht nur die Autoindustrie hat „unseren“ Staat so im Griff, dass sie ungestraft jahrelang Gesetzt übertreten konnte: Die Reeder, Schiffbauunternehmen, Globalisierer und Reiseveranstalter sind noch erfolgreicher. Die Zeit: Während Autos immer strengere Grenzwerte verordnet bekommen, zumindest auf dem Papier, können Schiffe fast so viel Dreck in die Luft pusten, wie ihre Besitzer wollen. Es gibt nur eine Vorgabe für den Schwefelgehalt im Kraftstoff, und die liegt hundertmal höher als bei Lkw. Aber die Diesel verpesten unsere Innenstädte: Deshalb kann der Hinweis auf die Schifffahrt kein Grund sein, den Druck von der Autoindustrie zu nehmen, sondern nur auch auf die Schifffahrt auszuweiten.

CO2-Ausstoss:
Schifffahrt – das schmutzigste Gewerbe der Welt

  • Montag, 27. Februar 2017, 17:10 Uhr
  • Christoph Keller

Keine andere Branche verschmutzt die Atmosphäre so stark wie die Hochseeschifffahrt. Nun wird die weltweite Flotte mit neuen Bestimmungen zum ökologischen Umdenken gezwungen.

So viel wie 750 Millionen Autos

Die «MSC Oscar», hier in in Wilhelmshaven (Niedersachsen) festgemacht, ist das weltgrösste Containerschiff.Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende:Die «MSC Oscar», hier in in Wilhelmshaven (Niedersachsen) festgemacht, ist das weltgrösste Containerschiff.KEYSTONE

Containerschiffe, Öltanker, Frachter, Kreuzfahrtschiffe laufen mit billigstem, schwerem Dieselöl; dem giftigsten Treibstoff, der überhaupt erhältlich ist. Allein die fünfzehn grössten Schiffe der Welt stossen pro Jahr so viele Schadstoffe aus wie 750 Millionen Autos, errechnete der Naturschutzbund Deutschland in einer Studie. Die Weltflotte von rund 90’000 Schiffen verbrennt etwa 370 Millionen Tonnen Treibstoff pro Jahr und pustet 20 Millionen Tonnen Schwefeloxid in die Luft.

49 Schiffe unter Schweizer Flagge

Im Hafen von Oakland wird ein Containerschiff entladen.Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende:Im Hafen von Oakland wird ein Containerschiff entladen. KEYSTONE

Die Schweizer Flotte mit 49 Schiffen steht nicht besser da. Gemäss Auskünften aus dem Schweizerischen Seeschifffahrtsamt SSA trage auch die Schweiz «anteilsmässig» zum globalen Schadstoffausstoss bei. Rechnerisch sind das rund 201‘000 Tonnen Schadstoffe pro Jahr. Aufgrund der modernen Flotte sei jedoch «der verhältnismässige Anteil geringer als bei anderen Flotten; das Durchschnittsalter der schweizerischen Schiffe beträgt rund acht Jahre», schreibt das SSA.

Verdreifachung und Krise

Container stehen am Containerterminal Altenwerder im Hafen von Hamburg.Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende:Lange stieg der Rauminhalt der Containerschiffe. Seit ein paar Jahren steckt die Branche jedoch in der Krise.KEYSTONE

Allein zwischen 2000 und 2009 hat sich die Tonnage der Containerschiffe auf hoher See verdreifacht. Die Finanzkrise hat dieses Wachstum abrupt gestoppt. Heute befinde sich die Branche in der «grössten Krise seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71», schreibt die «Deutsche Schifffahrts-Zeitung». Containerschiffe, die früher zu einer Tagesreede von 25‘000 Dollar zu haben waren, kosten heute gerade mal 4000 Dollar. Schiffe werden stillgelegt, abgewrackt, manche Reederei ging bankrott. In der Schweiz muss die Eidgenossenschaft für ihre Flotte Bürgschaften in Millionenhöhe zahlen, erstmals in der Geschichte.

30 Prozent weniger CO2 bis 2025

Ein Containerschiff verlässt den Tianjin Hafen in China.Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende:Voll beladen: Ein Containerschiff verlässt den Tianjin Hafen in China. KEYSTONE

Die International Maritime Organization, eine Unterorganisation der UNO, hat für die weltweite Flotte strenge Ziele festgelegt, nach langwierigen Verhandlungen. Sie sehen vor, dass neue Schiffe mit umweltschonenden Technologien ausgerüstet werden müssen, bestehende werden teilweise nachgerüstet, und insgesamt soll die Flotte bis 2025 bis zu 30 Prozent weniger CO2 ausstossen. Das erhöht die Chance, dass neue Technologien, wie etwa Gasmotoren, hochtechnisierte Segelsysteme oder Flettner-Rotoren zum Einsatz kommen werden.

Neuartige Hafensysteme, etwa in Hamburg

Der Containerfrachter «Hamburg Bridge» wird am 06.05.2014 beim Anlegen an den HHLA Containerterminal Tollerort im Hafen von Hamburg von zwei Schleppern unterstützt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende:Der Containerfrachter «Hamburg Bridge» beim Anlegen an den Containerterminal Tollerort im Hafen von Hamburg. KEYSTONE

Im Hamburger Hafen werden pro Jahr 8,8 Millionen Container umgeschlagen, ihr Entladen und ihr Weitertransport verursacht viele Emissionen. Die Stadt Hamburg aber will die CO2-Emissionen deutlich senken und möchte Energie vor allem aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Deshalb wurde ein Teil des Hafens nun ganz auf elektrische Fahrzeuge, umgestellt. Sie fahren autonom, laden sich selbständig auf; die Anlage ist vorbildhaft für andere Häfen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 28.2.2017, 9:00 Uhr.

https://www.srf.ch/kultur/wissen/schifffahrt-das-schmutzigste-gewerbe-der-welt

 

Kontext
Wenn Container übers Meer segeln

28.2.2017, 9:02 Uhr

Die Hochseeschiffahrt ist die schmutzigste Transportart überhaupt, sie stösst so viele Schadstoffe aus, wie alle Autos dieser Welt zusammengenommen. Aber es gibt Alternativen, zum Glück.

„Die Autos und Lkw haben inzwischen fast alle Partikelfilter“, sagt Malte Siegert vom Nabu. „Die Schiffe nicht.“ Er kämpft seit Jahren dafür, dass auch Container- und Kreuzfahrtriesen einen Filter einbauen müssen. Bislang vergeblich.

Während Autos immer strengere Grenzwerte verordnet bekommen, zumindest auf dem Papier, können Schiffe fast so viel Dreck in die Luft pusten, wie ihre Besitzer wollen. Es gibt nur eine Vorgabe für den Schwefelgehalt im Kraftstoff, und die liegt hundertmal höher als bei Lkw.

Fest steht jetzt: Die extremen Messwerte müssen von den Schiffen stammen. Noch eine Messung, direkt an den Landungsbrücken. Sönke Diesener legt das Messgerät auf einen Tisch bei Brücke 3, wo bald Fischbrötchen verzehrt werden. Noch ist nicht viel los, nur ein paar Fähren und Barkassen tuckern umher. Das Gerät zeigt 33.000, dann 44.000, plötzlich springt es auf 118.000. Stellt man sich in die Abgasfahne einer ablegenden Hadag-Fähre, spielt das Messgerät fast verrückt: Die Anzeige springt auf 343.000. Dann zeigt sie kurzzeitig eine halbe Million, den höchsten Wert, den das Gerät überhaupt anzeigen kann.

Natürlich sind das punktuelle Messungen, keine Tagesmittelwerte, wie die EU sie für andere Schadstoffe verlangt. Natürlich sind die Ergebnisse stark abhängig davon, wie der Wind gerade steht. An diesem Tag weht er mäßig aus Westen. Aus Altona, wo das Kreuzfahrtschiff Caribbean Princess seine Motoren wie üblich am Kai laufen lässt, um Strom zu produzieren für die rund 3.000 Passagiere.

Geht es nach dem Senat, wird sich die Luft im Hafen nur langsam verbessern. Im Luftreinhalteplan sind einige Maßnahmen geplant, da die Schiffe neben Feinstaub auch die weitaus meisten Stickoxide ausstoßen. Doch das Ziel ist vor allem eines: den Reedern nicht zu sehr wehzutun. Denn das Schlimmste wäre es in den Augen der Stadt, wenn die großen Schiffe künftig anderswo anlegten.

Sollten Container- und Kreuzfahrtschiffe nicht dazu verpflichtet werden, während ihrer Liegezeit Strom vom Festland zu beziehen? Ist nicht geplant. Bisher gibt es in Hamburg gerade mal einen Landstrom-Anschluss in Altona, der bislang von einem einzigen Kreuzfahrtschiff genutzt wird, der AIDAsol. Ein Anschluss für Containerterminals muss erst noch gebaut werden. Kaum ein Reeder nimmt freiwillig Landstrom, weil das viel teurer ist, als einfach weiter den billigen Diesel an Bord zu verbrennen.

Müsste man für Fähren, Schlepper und Barkassen im Hafen nicht Partikelfilter vorschreiben, wie Autos und Lkw sie längst haben? Ist auch nicht geplant. Man will die Reeder nicht gängeln. Immerhin hat die Hadag begonnen, erste Schiffe umzurüsten. Sechs der 24 Fähren haben inzwischen einen Filter. Bei der Hafenverwaltung HPA werden neue Schiffe damit ausgestattet. Die städtische Flotte tankt jetzt einen Kraftstoff namens GTL, der weniger Dreck verursacht. Doch auch diesen Kraftstoff will die Stadt nicht für alle Schiffe vorschreiben. Er ist etwas teurer als Diesel.

So erwartet die Hafenverwaltung, dass bis zum Jahr 2020 gerade mal ein Prozent der Schlepper und Fähren mit Partikelfiltern ausgestattet sein werden oder mit sauberem Flüssiggas fahren. Saubere Schiffe sollen einen Rabatt beim Hafengeld bekommen.

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