US-Bürger haben weltweit mit die meisten Ängste! Ein Viertel der Jungen und 38 Prozent der Mädchen klagen in Amerika über Angststörungen. Noch erschreckender ist der ungehemmte Griff zu Medikamenten. Der Soziologe Heinz Bude hat diesen Affekt 2014 in seinem Buch «Gesellschaft der Angst» zum einzigen Grundkonsens moderner Gesellschaften ausgerufen. Der «aussengeleitete Mensch», der sich ständig an anderen statt an seinen inneren Werten und Zielen misst und in notorischer Angst vor dem Abstieg lebt, sei der Normaltypus unserer Tage. Seit die Ideologie der Selbstoptimierung überdies alle Lebensbereiche durchdringt, sind Ängstlichkeit und Konformismus zur Hauptbefindlichkeit der Gesellschaft geworden. Da Angst meist diffus ist und weder reguliert noch widerlegt werden kann, widersteht sie jeder Kritik und ist entsprechend manipulierbar. Kaum jemand hat das besser erkannt als Donald Trump, der das Grundrauschen so lange mit seinen irrationalen Fanfarenstössen verstärkt, bis alle Mexikaner Verbrecher und alle muslimischen Flüchtlinge Terroristen sind. Es gehört zu den typischen Paradoxien in diesem Land, dass jene, denen Trumps Politik wohl den grössten Schaden zufügen wird, dem Volkstribun ihre Zustimmung sichern. Die Angst vor dem Verlust alteingesessener Rollenbilder und Privilegien scheint stärker zu sein als diejenige vor dem Verlust der Gesundheitsfürsorge, auch wenn Letzterer viele in den Ruin treiben könnte.

Angststörungen in den USA

Von Furcht vergiftet

von Andrea Köhler28.7.2017, 05:30 Uhr
Es fängt schon bei den Jugendlichen an: Ein Viertel der Jungen und 38 Prozent der Mädchen klagen in Amerika über Angststörungen. Noch erschreckender ist der ungehemmte Griff zu Medikamenten.
Nur nichts an sich heranlassen – aber die Angst selbst ist manchmal gefährlicher als die Dinge, die man fürchtet. (Bild: VU /Keystone)

Nur nichts an sich heranlassen – aber die Angst selbst ist manchmal gefährlicher als die Dinge, die man fürchtet. (Bild: VU /Keystone)

Vor einiger Zeit habe ich angefangen zu meditieren – wie die meisten Amerikaner mit einer App. Meditations-Apps helfen dabei, das permanente Rudern im Kopf zu durchbrechen. Breathe! Ich will ja nicht alles Donald Trump in die Schuhe schieben, eines jedoch hat er geschafft: dass mein iPhone neuerdings unterm Kopfkissen liegt. Die Hypnose-App lullt in den Schlaf. Breathe! Es gibt Gutenachtgeschichten zum Eindösen und beim Aufwachen die Gelassenheitsübungen für den Tag. Tausende Amerikaner loggen sich täglich per iPhone in einen atemgesteuerten Rhythmus ein. Was das Jogging für die depressiven neunziger Jahre, ist für unsere angstgetriebene Ära die Meditation.

Der Angst-Level in den USA ist freilich nicht erst seit Trumps Einzug ins Weisse Haus gestiegen. Bereits anno 2002 hatte der World Mental Health Survey die Amerikaner als die ängstlichste Nation unter 14 getesteten Ländern ausgemacht, mit einem klinisch signifikant höheren Angstniveau als etwa Nigeria, Libanon oder die Ukraine.

Interview mit Angst-Experten Bandelow
«Wir sind die Nachkommen der Ängstlichen»
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Geschätzte 40 Millionen Amerikaner werden pro Jahr mit einer Angststörung diagnostiziert. Laut Google Trends hat sich die Zahl der Internet-Suchen unter dem Stichwort «anxiety» in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Starke Beruhigungsmittel wie Xanax oder Paxil bringen der Pharmaindustrie jährlich Milliarden Dollar ein. Ist die «Prozac-Nation» – so hiess ein 1994 erschienener Bestseller in Anspielung auf das meistgenutzte Medikament gegen Depression – zur «Xanax-Nation» mutiert?

Erziehung zur Ängstlichkeit

Wie die «New York Times» kürzlich berichtete, haben die Angststörungen die Volkskrankheit Depression inzwischen abgehängt. Laut dem National Institute of Mental Health leiden heute 38 Prozent aller Mädchen und 26 Prozent aller Jungen zwischen 13 und 17 an einer Angststörung.

Auch College-Studenten sind gestresster denn je. Auf dem Campus ist die Angst nach einer 2016 landesweit durchgeführten Untersuchung des Center for Collegiate Mental Health at Pennsylvania State University das grösste Gesundheitsproblem. Überbehütete Kindheiten, in denen jeder Harm von den Kids ferngehalten und ihnen keine Gelegenheit gegeben wird, mit Frustrationen zurechtzukommen, haben der Erziehung zur Ängstlichkeit Vorschub geleistet.

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Die College-Studenten sind mit ihrer Ängstlichkeit freilich nicht allein. Ob die Furcht der Immigranten vor Razzien und Deportation oder die Angst der weissen Unterschicht vor Überfremdung – die Panik hat alle im Griff. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die kulturellen Ängste der weissen Arbeiter die grössere Rolle bei Trumps Wahlsieg spielten als die ökonomisch prekären Verhältnisse. Wie das Magazin «The Atlantic» berichtet, das kürzlich zusammen mit dem Public Religion Research Institute eine Umfrage durchgeführt hat, gaben fast 70 Prozent der weissen Trump-Wähler die Sorge um die amerikanische Identität als den wichtigsten Faktor für ihre Entscheidung an.

Obschon die Angststörung als eine klinische Krankheit gilt, scheint die grassierende Ängstlichkeit mehr und mehr ein Symptom unserer Zeit, sprich: eine soziologische Kategorie zu sein. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat die Angst schon Mitte der achtziger Jahre zum Grundrauschen unserer durchrationalisierten Gesellschaft erklärt. Da Angst meist diffus ist und weder reguliert noch widerlegt werden kann, widersteht sie jeder Kritik und ist entsprechend manipulierbar. Kaum jemand hat das besser erkannt als Donald Trump, der das Grundrauschen so lange mit seinen irrationalen Fanfarenstössen verstärkt, bis alle Mexikaner Verbrecher und alle muslimischen Flüchtlinge Terroristen sind.

Dauernder Konkurrenzdruck

Hinzu kommt, dass unser rastloser Lebensstil die menschliche Psyche in permanente Alarmbereitschaft versetzt. Der antiquierte Mensch, den Günther Anders in seinem Standardwerk «über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution» bereits anno 1956 beschrieben hat, kommt mit der ungeheuren Beschleunigung aller Kommunikationsprozesse schon längst nicht mehr mit.

Die technologische Umwälzung, die das iPhone in unser Bett und das Tablet auf unseren Esstisch brachte, das notorische Updaten all der News- und Twitter-Feeds, das ununterbrochene Checken der E-Mails und Likes, kurz: der immer rapider und schneller rotierende Neuigkeitswahn, der die Aufmerksamkeit in einem dauernden Überbietungsfluss strapaziert, lässt uns nicht mehr zur Ruhe, geschweige denn zu uns selber kommen. Und wer sich abhandenkommt, der hat Angst.

Der Soziologe Heinz Bude hat diesen Affekt 2014 in seinem Buch «Gesellschaft der Angst» zum einzigen Grundkonsens moderner Gesellschaften ausgerufen. Der «aussengeleitete Mensch», der sich ständig an anderen statt an seinen inneren Werten und Zielen misst und in notorischer Angst vor dem Abstieg lebt, sei der Normaltypus unserer Tage. Seit die Ideologie der Selbstoptimierung überdies alle Lebensbereiche durchdringt, sind Ängstlichkeit und Konformismus zur Hauptbefindlichkeit der Gesellschaft geworden. «My Age of Anxiety», wie ein Bestseller von Scott Stossel heisst, in dem der amerikanische Journalist seine notorischen Panikattacken minuziös protokolliert, ist unser aller Zeitalter geworden.

Exkursionen in die Seelenräume des Sozialen
Im Spiegelkabinett der Ängste
von Uwe Justus Wenzel11.11.2014, 05:30

Und das ist kein Wunder. Das alles in den Würgegriff nehmende Vergleichsprinzip, sei es am Arbeitsplatz, sei es in den Selbstvermarktungsforen des World Wide Web, hat einen derart starken Druck aufgebaut, dass nicht nur die Älteren die spätkapitalistische Rache sowohl des bis an die Grenzen geforderten Körpers als auch der Psyche fürchten. Auch jüngere Menschen, die ihren sozialen Status an der Anzahl der Likes ablesen und ihre realen Unzulänglichkeiten notorisch an den durchkuratierten Online-Profilen ihrer 500 Facebook-Freunde messen, geraten in eine lähmende Angstspirale. «This is how anxiety feels», lautet ein Hashtag, das auf Anhieb Tausende Twitter-Follower zu Überbietungsszenarien angeregt hat.

Nun sind die Experten sich keineswegs einig, was genau unter krankhafter Angst firmiert. Das «Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders» definiert die Angststörung als eine sich über ein halbes Jahr erstreckende Periode unkontrollierbarer Sorgen, die von mindestens drei der folgenden Konstanten begleitet ist: permanente Unruhe, chronische Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, notorische Anspannung und anhaltende Schlaflosigkeit. Man könnte Amerika mit Fug und Recht auch die «Ambien-Nation» taufen. So heisst das Barbiturat, das Millionen von Amerikanern täglich gegen die Sorgen und Ängste einwerfen, die ihnen nachts den Schlaf rauben.

Die überdosierte Nation

Eine junge befreundete Ärztin, die unlängst in einem Krankenhaus in der Umgebung New Yorks ihr erstes Praktikumsjahr angefangen hat, erzählte kürzlich, dass nahezu alle Patienten, die ins Krankenhaus kämen, eine tägliche Dosis an Medikamenten schluckten, die ein menschlicher Körper über einen längeren Zeitraum eigentlich nicht verkraften könne.

Das gilt nicht nur für Prozac, Xanax oder Ambien – es gilt ganz besonders auch für Schmerzmittel. Deren Missbrauch, der erschreckend oft in immer höheren Dosen und schliesslich in Heroinkonsum resultiert, hat einer Epidemie Vorschub geleistet, die für einen massiven Anstieg der Sterblichkeitsrate von weissen Amerikanern mittleren Alters verantwortlich ist. Mehr als 52 000 US-Bürger sind im Jahr 2016 an einer Überdosis gestorben.

Amerikas stille Epidemie
Gefangen in der Schmerzmittel-Wolke
von Andrea Barthélémy (dpa)30.12.2016, 12:00

Nun ist die laxe Verschreibung von Medikamenten in der Ära Trump nicht schlimmer geworden – auch wenn dessen Gesundheitspolitik jene, die mit diesen Problemen kämpfen, am härtesten trifft. Die republikanische Revision von Obamacare, die an die 24 Millionen Amerikanern ihre Krankenversicherung nimmt, würde auch zu empfindlichen Einschränkungen bei der Behandlung von Drogenabhängigkeit führen. Fast noch bedenklicher aber stimmt, dass der systematische Einsatz von Medikamenten gegen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei gerade einmal Zweijährigen jahrelange Abhängigkeiten schafft.

Es gehört zu den typischen Paradoxien in diesem Land, dass jene, denen Trumps Politik wohl den grössten Schaden zufügen wird, dem Volkstribun ihre Zustimmung sichern. Die Angst vor dem Verlust alteingesessener Rollenbilder und Privilegien scheint stärker zu sein als diejenige vor dem Verlust der Gesundheitsfürsorge, auch wenn Letzterer viele in den Ruin treiben könnte. Die meisten Trump-Wähler wussten, dass ihr Kandidat ein Risiko darstellt, und haben ihn trotzdem gewählt. Nach dem coolen, vernunftgeleiteten Barack Obama war es vielleicht nur konsequent, dass die überall lauernde Angst in Zeiten globaler Destabilisierung sich einen schlaflosen, irrationalen, unkontrollierten und dauertwitternden Kandidaten als Impresario für ihr Wüten wählte.

https://www.nzz.ch/feuilleton/angststoerungen-in-den-usa-von-furcht-vergiftet-ld.1308207

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