Islamistische und mit dem Westen verbündete Feudalherrn fordern: Al-Jazeera soll schweigen! Der Sender brachte Meinungsvielfalt in die von staatlichen Zensoren beherrschte arabische Medienlandschaft. Diplomatische Krisen wegen der Berichterstattung des Senders gab es schon früher. Er hatte im Lauf der Zeit alle arabischen Regime ausser das im eigenen Land, in Katar, kritisiert. So ist es gesetzlich verboten, das Herrscherhaus von Katar zu kritisieren. Auch Kritik an Saudi-Arabien war beim Sender in den letzten Jahren ein Tabu. Manche werfen dem Sender auch vor, in den Chor des Konfessionalismus einzustimmen und bisweilen Schia-feindliche Rhetorik zu verbreiten. Dennoch ist al-Jazeera immer noch professioneller und pluralistischer als andere lokale Stationen. Am Freitag haben Riad und Abu Dhabi die Schliessung von al-Jazeera offiziell zu einer ihrer 13 Bedingungen für ein Ende der Blockade gemacht. Der Sender kritisierte darauf jetzt erstmals wieder das Regime in Saudi-Arabien und den Krieg gegen Jemen. «Wohin geht die arabische Koalition in Jemen?», fragt die Stimme des Reporters im Off, während Kriegsbilder über den Bildschirm flimmern. «Das fragen sich viele Leute nach über zweieinhalb Jahren Krieg.» Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die in Jemen eine Militärkoalition gegen die Huthi-Rebellen anführen, «haben keinen klaren Plan» für das Land, fährt der Fernsehbericht fort. Er verweist auf die chaotische Lage in den Gebieten, welche die Koalition befreit hat, und auf Spaltungen innerhalb des Anti-Huthi-Bündnisses. Die Jemeniten müssten jetzt den Preis dafür zahlen mit der Verbreitung von Krankheiten, Tod und Vertreibung. Das sind neue Töne des Fernsehsenders, der bisher wenig kritisch über die Intervention in Jemen berichtet hatte – solange Katar Teil der Koalition in Jemen war. Jetzt hat Doha seine eher symbolische Beteiligung beendet. Was werden die westlichen Werte-Vertreter zu dieser versuchten Einschränkung der demokratischen Freiheiten sagen? Wir wissen es: Schon über den brutalen Jemenkrieg und das Leid, das die Saudis anrichten, berichten sie kaum.

Al-Jazeera im Brennpunkt der Katar-Krise
Der Medienkrieg am Golf
von Monika Bolliger, Doha24.6.2017, 08:00 Uhr
Al-Jazeera soll schweigen, fordern die Nachbarn von Katar. Der Sender brachte Meinungsvielfalt in die arabische Medienlandschaft. Aber auch er ist nicht gegen politische Instrumentalisierung gefeit.
Geht es nach den grossen Nachbarn, soll auch das Al-Jazeera-Studio in Doha seine Türen schliessen. (Bild: Thomas Koehler / Getty)

Geht es nach den grossen Nachbarn, soll auch das Al-Jazeera-Studio in Doha seine Türen schliessen. (Bild: Thomas Koehler / Getty)

«Wohin geht die arabische Koalition in Jemen?», fragt die Stimme des Reporters im Off, während Kriegsbilder über den Bildschirm flimmern. «Das fragen sich viele Leute nach über zweieinhalb Jahren Krieg.» Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die in Jemen eine Militärkoalition gegen die Huthi-Rebellen anführen, «haben keinen klaren Plan» für das Land, fährt der Fernsehbericht fort. Er verweist auf die chaotische Lage in den Gebieten, welche die Koalition befreit hat, und auf Spaltungen innerhalb des Anti-Huthi-Bündnisses. Die Jemeniten müssten jetzt den Preis dafür zahlen mit der Verbreitung von Krankheiten, Tod und Vertreibung.

Kehrtwende im Jemen-Krieg

Das sind neue Töne des in Doha stationierten Fernsehsenders al-Jazeera, der bisher wenig kritisch über die Intervention in Jemen berichtet hatte – solange Katar Teil der Koalition in Jemen war. Jetzt hat Doha seine eher symbolische Beteiligung beendet, nachdem Saudiarabien und die Emirate einen Boykott gegen Katar ausgerufen hatten. Doha hält sich zurück, verzichtet darauf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Aber al-Jazeera streift jetzt die Samthandschuhe ab, wenn es um die Berichterstattung über die einstigen Verbündeten geht.

Der Sender war indes schon vorher Stein des Anstosses für Riad und Abu Dhabi und mit ein Grund für den Boykott. Er steht im Fokus der schrillen Medienkampagne gegen Katar, die im Vorfeld des Boykotts begonnen hatte. Riad hat seither das Büro von al-Jazeera im eigenen Land geschlossen; in den Emiraten war es schon länger zu. Angriffe auf al-Jazeera sind nicht neu. Und diplomatische Krisen wegen der Berichterstattung des Senders gab es schon früher, zumal dieser im Lauf der Zeit alle arabischen Regime ausser dasjenige in Doha kritisierte. Doch diesmal gehe es weiter, sagt Yasir Abu Hilala, der Direktor des arabischen Kanals von al-Jazeera: «Die Attacken sind orchestriert, rund um die Uhr, und man ist sich weder für persönliche Angriffe noch für die Verbreitung von Lügen zu schade.»

Am Freitag haben Riad und Abu Dhabi die Schliessung von al-Jazeera offiziell zu einer ihrer 13 Bedingungen für ein Ende der Blockade gemacht. Doch Doha dürfte diese Forderung kaum erfüllen: «Katar wird al-Jazeera nicht aufgeben», meint ein Journalist des Senders. «Wenn andere Nationen ein Territorium, ein Volk und eine Regierung haben, dann hat Katar zusätzlich noch al-Jazeera. Eine Schliessung wäre eine Aufgabe der Souveränität.»

Katar unterstütze Terroristen, sagen seine Gegner. Damit meinen sie, dass Katar moderaten wie radikalen Kräften des Wandels hilft und dass al-Jazeera ihnen eine Plattform bietet. Al-Jazeera war 1996 als erster panarabischer Fernsehsender mit Meinungsvielfalt und einer Berichterstattung nach journalistischen Kriterien gegründet worden. Das wirbelte die arabische Medienlandschaft durcheinander, die von linientreuen Staatssendern beherrscht war. Bei al-Jazeera durften sich Säkularisten und Islamisten live streiten, Dissidenten im Exil erhielten eine Stimme, aber auch Usama bin Ladin, dessen Videobotschaften der Sender ausstrahlte.

Al-Jazeera präsentierte sich als «alternative Stimme» gegenüber den despotischen arabischen Regimen wie auch gegenüber westlichen Medien und erlangte grosse Popularität. Das winzige Emirat Katar hatte damit ein Instrument gefunden, um seinen Einfluss in der Region auszubauen und unabhängiger vom «grossen Bruder» Saudiarabien zu werden. Im Arabischen Frühling wurde der Sender zu einer Stimme der Protestbewegungen. Das trieb die Regime zur Weissglut. Als in Ägypten nach dem Putsch von 2013 die Restauration einsetzte, holte das alte Regime zu einem Rachefeldzug aus. Dabei wurden drei Journalisten des englischen Kanals von al-Jazeera verhaftet und mit Terrorvorwürfen belastet, um ein Exempel gegen den Sender zu statuieren.

«Wie der Mauerfall»

Die drei wurden schliesslich begnadigt, nachdem der Fall international viel Aufsehen erregt hatte. Einer der drei, Baher Mohammed, lebt jetzt in Doha und arbeitet da für al-Jazeera. Bei der Ausreise wurde er verhaftet und für einige Stunden festgehalten, so dass er seinen Flug verpasste. «Die Botschaft war klar», meint er. «Ich soll nicht zurückkommen.» Al-Jazeera sei ihm während der Haft zur Seite gestanden und habe auch die Familie unterstützt, erzählt er. Die Überzeugung, für das Prinzip der Pressefreiheit zu kämpfen, habe ihm geholfen, die Haft zu überstehen.

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Ägypten warf al-Jazeera damals vor, Falschmeldungen zu verbreiten. Mohammed sagt dazu, all seine Berichte aus Kairo für den englischen Service von al-Jazeera seien ausgewogen gewesen. Dieser war tatsächlich relativ ausgeglichen, doch die arabische Version wurde nach dem Sturz der Muslimbrüder zum agitatorischen Sprachrohr der Islamisten. Ägyptens staatsnahe Medien fuhren derweil einen hypernationalistischen Kurs und hetzten gegen die Muslimbrüder. Die Umbrüche spalteten die Gesellschaft in Ägypten und andernorts: Säkularisten gegen Islamisten, Regimeanhänger gegen Revolutionäre. Gerade weil al-Jazeera Partei ergriff, geriet der Sender in den Strudel dieser Polarisierung.

Auch die aktivere aussenpolitische Rolle Katars während der Aufstände hat den Sender stärker zu einem parteiischen Medium gemacht. Manche werfen dem Sender auch vor, in den Chor des Konfessionalismus einzustimmen und bisweilen Schia-feindliche Rhetorik zu verbreiten. Dennoch ist al-Jazeera immer noch professioneller und pluralistischer als andere lokale Stationen. Al-Jazeera habe den Unzufriedenen eine Stimme gegeben und dadurch ungewollt zum Chaos in der Region beigetragen, meint Direktor Abu Hilala. Natürlich sei man nicht neutral gewesen: «Aber waren die westlichen Medien beim Fall der Berliner Mauer neutral? Für uns fühlte es sich damals an wie der Mauerfall.»

Oft wird Bahrain als Beispiel dafür genannt, wie auch der Berichterstattung von al-Jazeera politische Grenzen gesetzt werden: Die dortigen Proteste von 2011 wurden bei al-Jazeera eher als Fussnote behandelt, während man in den Nachbarländern enthusiastisch auf den Protestwellen ritt. In Bahrain unterstützten Truppen aus Katar ein saudisch angeführtes Kontingent des Golfkooperationsrates, welches die Proteste der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung gegen das sunnitische Herrscherhaus niederschlug. Al-Jazeera mag unabhängiger und professioneller als andere berichten, aber in der eigenen Nachbarschaft gibt es rote Linien. So ist es gesetzlich verboten, das Herrscherhaus von Katar zu kritisieren. Und auch Kritik an Riad war beim Sender in den letzten Jahren ein Tabu.

Heikle Gratwanderung

Al-Jazeera hatte die Saudi anfänglich mit kritischer Berichterstattung verärgert. Im Rahmen einer Wiederannäherung der beiden Länder 2008 änderte sich das jedoch, nachdem eine Regierungsdelegation aus Katar in Begleitung des Vorsitzenden von al-Jazeera Riad besucht hatte. Abu Hilala erklärt, al-Jazeera müsse manchmal zu einem gewissen Grad Kompromisse machen, um sein Büro in einem Land zu behalten: «Wie erreiche ich möglichst viele Leute mit möglichst vielen Informationen? Es ist eine schwierige Gratwanderung. Ja, es gibt Dinge, die wir verschweigen müssen. Aber wir bringen 90 Prozent, und wir lügen nicht», insistiert er.

Das Zerwürfnis am Golf sorgt dafür, dass al-Jazeera erstmals seit Jahren wieder kritischer über Saudiarabien berichtet. Man kann das begrüssen, oder es als opportunistisch verurteilen. Ein Journalist des Senders meint augenzwinkernd: «Man könnte sagen, dass unsere Berichterstattung nach der Schliessung des Büros in Riad besser wurde.»

https://www.nzz.ch/international/al-jazeera-im-brennpunkt-der-katar-krise-der-medienkrieg-am-golf-ld.1302650

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