54-jährige Anwältin und Frauenrechtlerin gründet liberale Moschee in Berlin! „Ich will einen Ort, an dem Frauen und Männer gemeinsam und friedlich an ihrer Religion arbeiten und auch Frauen predigen. Seyran Ates: Zu viele Moscheen predigen einen Islam von vorgestern. Und wir dürfen den Islam nicht den Fanatikern überlassen.“ Wir wollen zeigen, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die für einen progressiven und toleranten Islam stehen. Diese Menschen wollen wir in unsere Moschee einladen. Wir liberalen Muslime müssen mehr am öffentlichen Bild des Islams mitarbeiten. Das dürfen wir nicht länger den konservativen Verbänden überlassen. An uns ist es, einen friedlichen Islam der Liebe und Barmherzigkeit zu zeigen. Sie erinnert an Goethe. Er befasste sich mit dem Koran und der islamischen Mystik. Goethe war ein großer Bewunderer der islamischen Theologie. Sie macht aber für die Lage im Nahen und Mittleren Osten vor allem die westlichen Industrieländer verantwortlich: Deren Einmischung des Westens hatte immer einen kolonialistischen und missionarischen Charakter. Sie zielte auf eine Christianisierung der Gesellschaft, eine Anpassung an eigene Vorstellungen. Auch war sie mit Macht und Arroganz verbunden. Hätte man im Nahen Osten nicht so viel Erdöl gefunden, ginge es der islamischen Welt heute besser. Sie hätte ohne diesen Rohstoff keine solche ökonomische Wichtigkeit erlangt, dass die Weltmächte auf sie zugreifen, wie die USA und andere westliche Staaten es tun. Nach der Kolonialisierungsphase zeigten sie kein weiteres Interesse, den Demokratisierungsprozess auch zu stabilisieren. Deshalb leiden so viele Länder nach wie vor unter den Folgen. Das Trauma der Eroberung und der Kolonialisierung belastet sie bis heute. Der Westen missbraucht die Moderne. Dadurch verhindert er die Demokratisierung in ganz Afrika und insbesondere in den islamischen Ländern. US-Präsident Trump setzt islamische Länder auf eine schwarze Liste, um dann ein riesengroßes Waffengeschäft mit Saudi-Arabien abzuschließen. Das saudische Regime finanziert nicht nur den islamistischen Terror, sondern unterstützt auch westliche Moscheen, die einen rückwärtsgewandten Islam verbreiten. Dieses Geschäft zwischen den USA und Saudi-Arabien wurde uns liberalen Muslimen ins Gesicht geklatscht. Syrien ist ebenfalls ein solches Beispiel. Das sind doch nicht wirklich die Sunniten und Schiiten, die sich da im Krieg miteinander befinden. Da werden seit Jahren Stellvertreterkriege geführt. Es sind die USA, Frankreich, Deutschland und Russland, die Kämpfe um ihre Interessen im Nahen Osten austragen.

Seyran Ates: „Hätte man nicht so viel Erdöl gefunden …“

INTERVIEWRUTH RENÉE REIF24. Juni 2017, 12:00

Gerade eröffnete sie in Berlin eine Moschee, in der Muslime aller Konfessionen und beiderlei Geschlechts miteinander beten. Seyran Ates über west-östlichen Dialog und Moscheen, die Frauennamen tragen

STANDARD: Zeitgleich mit dem Erscheinen Ihres Buches „Selam, Frau Imamin“ haben Sie in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee eröffnet. Sie ist benannt nach dem andalusischen Philosophen, dem das Abendland die Kenntnis von Aristoteles verdankt, und dem Dichter Goethe. Was veranlasste Sie zu dieser Namenswahl?

Seyran Ates: Als liberale Muslime wollen wir damit ein Signal setzen. Orient und Okzident gehören zusammen, wie Goethe das in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck bringt. Goethe war ein großer Bewunderer der islamischen Theologie. Er befasste sich mit dem Koran und der islamischen Mystik. Ibn Rushd, der Vordenker der islamischen Aufklärung, und er sind Brückenbauer. Sie verkörpern mit ihrem Werk den west-östlichen Dialog. Einen solchen Ort wollen wir schaffen, an dem Muslime aller Konfessionen, Andersgläubige und Atheisten willkommen sind und der interreligiöse Dialog lebbar wird. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen, Juden und Christen. Auf die wollen wir uns besinnen, statt die Unterschiede zu betonen, wie das heute häufig geschieht. Der Islam soll nicht nur mit Hass und Terror in Verbindung gebracht werden.

STANDARD: Der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi stellte selbstkritisch fest, dass genau diese Vermittlung bisher nicht gelungen sei.

Ates: Politische Interessen und Machtgehabe üben leider starken Einfluss auf die Vermittlung aus. Wir liberalen Muslime müssen mehr am öffentlichen Bild des Islams mitarbeiten. Das dürfen wir nicht länger den konservativen Verbänden überlassen. An uns ist es, einen friedlichen Islam der Liebe und Barmherzigkeit zu zeigen. Dazu gehört die Vermittlung in die Masse der Muslime hinein, die wie auch ich kein Arabisch können. Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen die Texte in richtiger Übersetzung geboten werden.

STANDARD: Wollen Sie mit Ihrer Moschee auch Vorbild sein?

Ates: Ja, auch die friedlichen Muslime tragen Verantwortung dafür, dass unsere Religion von Fundamentalisten missbraucht wurde. Zu lange sind wir nicht auf die Straße gegangen, haben uns nicht organisiert, keine Moscheen gegründet. Deshalb wollen wir Vorbild sein für alle aufgeklärten Muslime. Wir müssen zeigen, dass es diese schweigende Mehrheit friedlicher Muslime gibt.

STANDARD: Sie lassen sich selbst zur Imamin ausbilden …

Ates: Wir stehen in einer jahrhundertealten Tradition. Unser Vorbild ist die Islamwissenschafterin Amina Wadud. Sie betete 2005 in New York als Imamin vor. Auch in islamischen Ländern praktizieren viele Muslime wie wir in unserer Moschee, dass Männer und Frauen gemeinsam beten und eine Frau vorbetet, die Predigt spricht.

STANDARD: Wie aufgeschlossen erleben Sie die Menschen Ihrer Moscheegründung gegenüber?

Ates: Ich erhalte viel Zuspruch. Zwar gibt es auch Kritik von Menschen, die sich nicht gern bewegen und Veränderungen ablehnen. Aber ich bin zuversichtlich, die Menschen, die sich uns gegenüber skeptisch zeigen, davon zu überzeugen, dass wir nebeneinander existieren können. Das ist für mich Toleranz. Wir behaupten nicht, die Wahrheit über den Islam zu besitzen.

STANDARD: Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung des Islams?

Ates: Diese Spaltung ist längst da. Der Islam ist von Indonesien bis Marokko sehr vielfältig. In Indien wird er zum Teil liberaler gelebt als in anderen Ländern. Extrem konservativ zeigt er sich im Iran und in Saudi-Arabien. In Europa erleben wir einen europäischen Islam. Aber wir wollen zeigen, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die für einen progressiven und toleranten Islam stehen. Diese Menschen wollen wir in unsere Moschee einladen.

STANDARD: Die Türkei galt lange als Vorbild für einen laizistischen Staat mit islamischer Bevölkerung. Droht sie unter Erdogan ein autoritärer religiöser Staat zu werden?

Ates: In der Tat hätte Erdogan aus der Türkei ein viel demokratischeres Land machen und damit zeigen können, wie gut Islam und Demokratie zusammengehen. Er hatte die Unterstützung vieler liberaler Türkinnen und Türken. Auch die kurdische Bevölkerung wählte ihn, weil es schien, als würde er Frieden bringen. Als muslimischer Demokrat war er ein Hoffnungsträger für viele. Dann änderte sich alles. Gegenwärtig haben wir in der Türkei politische Verhältnisse, wie sie – mit anderen Vorzeichen – vielleicht bei Atatürk herrschten. Atatürk konzentrierte ebenfalls viel Macht auf sich. Er verdrängte die Religion, während Erdogan sie in die Politik holt, was für eine Republik kein gutes Zeichen ist. Mittlerweile kann man die Türkei nur noch auf dem Papier als laizistisches islamisches Land ansehen.

STANDARD: Gibt es noch einen Staat mit islamischer Bevölkerung, der als Vorbild dienen kann?

Ates: Nicht mehr. Die Türkei hätte ein solcher Staat sein können. Die sogenannte Ankaraner Schule, die an der islamisch-theologischen Fakultät der Universität von Ankara eine wissenschaftliche Erforschung des Islams betrieb, war einzigartig. Ihre historisch-kritische Lesart des Korans brach mit der Überzeugung, der Korantext sei wörtlich zu nehmen. Die Ankaraner Theologen verstanden den Koran nicht als ewig gültige Offenbarung. Vielmehr suchten sie nach dem religiösen Sinngehalt und einer zeitgemäßen Auslegung. Dieser aufgeklärte Islam hätte sich durchsetzen können. Denn es entstanden damals weitere Fakultäten nach dem Vorbild Ankaras. Aber der politische Islam gewann die Oberhand.

STANDARD: Der jüngst verstorbene Schriftsteller Juan Goytisolo sah die Ursachen für das Erstarken des islamischen Fundamentalismus im Scheitern westlicher politischer Modelle. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts übernahmen die europäischen Mächte die Vorherrschaft in der arabisch-islamischen Welt. Es entstanden aber keine Demokratien, sondern korrupte Unterdrückungsregime. Hoffnungen wurden enttäuscht …

Ates: Diese Einmischung des Westens hatte immer einen kolonialistischen und missionarischen Charakter. Sie zielte auf eine Christianisierung der Gesellschaft, eine Anpassung an eigene Vorstellungen. Auch war sie mit Macht und Arroganz verbunden. Hätte man im Nahen Osten nicht so viel Erdöl gefunden, ginge es der islamischen Welt heute besser. Sie hätte ohne diesen Rohstoff keine solche ökonomische Wichtigkeit erlangt, dass die Weltmächte auf sie zugreifen, wie die USA und andere westliche Staaten es tun. Nach der Kolonialisierungsphase zeigten sie kein weiteres Interesse, den Demokratisierungsprozess auch zu stabilisieren. Deshalb leiden so viele Länder nach wie vor unter den Folgen. Das Trauma der Eroberung und der Kolonialisierung belastet sie bis heute.

STANDARD: Der 2010 verstorbene islamische Gelehrte Mohammed Arkoun warf dem Westen vor, er habe die Moderne als Mittel zur Herrschaft benützt …

Ates: Er missbraucht sie. Dadurch verhindert er die Demokratisierung in ganz Afrika und insbesondere in den islamischen Ländern. US-Präsident Trump setzt islamische Länder auf eine schwarze Liste, um dann ein riesengroßes Waffengeschäft mit Saudi-Arabien abzuschließen. Das saudische Regime finanziert nicht nur den islamistischen Terror, sondern unterstützt auch westliche Moscheen, die einen rückwärtsgewandten Islam verbreiten. Dieses Geschäft zwischen den USA und Saudi-Arabien wurde uns liberalen Muslimen ins Gesicht geklatscht. Syrien ist ebenfalls ein solches Beispiel. Das sind doch nicht wirklich die Sunniten und Schiiten, die sich da im Krieg miteinander befinden. Da werden seit Jahren Stellvertreterkriege geführt. Es sind die USA, Frankreich, Deutschland und Russland, die Kämpfe um ihre Interessen im Nahen Osten austragen. So sehr ich Erdogan und sein politisches Handeln kritisiere, muss ich doch zugeben, dass er davor gewarnt hat und oft gesagt hat, wir Muslime müssten uns zusammentun gegen den Westen.

STANDARD: Worin sehen Sie Ihre wichtigste Aufgabe für die Zukunft?

Ates: Die erste Muslimin war Hatice, Mohammeds erste Frau. Sie war Geschäftsfrau und machte dem 15 Jahre jüngeren Mohammed selbst einen Heiratsantrag. 25 Jahre waren die beiden verheiratet, und sie hatten fünf Kinder. Auch bestärkte sie ihn darin, an seine Berufung zum Propheten zu glauben. Es gibt vieles von dieser starken Frau zu erzählen. Sie wird aber viel zu wenig gewürdigt. Wir wollen fundierter über sie und andere für den Islam wichtige Frauen forschen. Wir wollen Moscheen gründen, die Frauennamen tragen. (Ruth Renée Reif, Album, 24.6.2017)

Seyran Ates, geb. 1963 in Istanbul, lebt seit 1969 in Deutschland. Sie ist Autorin, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin. Für ihr Engagement wurde sie immer wieder bedroht, aber auch ausgezeichnet. Ihre Arbeitsschwerpunkte: Zwangsehen, Ehrenmorde und Migrationsfragen. Zuletzt erschien von ihr: „Selam, Frau Imamin. Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete“ (Berlin 2017).

Eine liberale Moschee in Berlin gegen Fanatismus

BIRGIT BAUMANN AUS BERLIN 21. Juni 2017

Frauen und Männer beten gemeinsam, Homosexuelle sind willkommen. Mit ihrer Moschee in einer evangelischen Kirche sorgt Frauenrechtlerin Seyran Ateş für Aufregung

Seyran Ateş schnauft ein wenig, als sie ihre „Moschee“ betritt. Es ist heiß in Berlin, und um in den hellen Gebetsraum mit den hohen Fenstern zu kommen, muss man zuerst einmal drei Etagen hinaufsteigen. Aber das ist alles auszuhalten. „Meine Mama hat Herzrasen. Sie fragt mich: Kannst du nicht was anderes machen?“, sprudelt es aus ihr heraus. Doch für die 54-jährige Anwältin und Frauenrechtlerin aus Berlin gibt es jetzt keinen Weg mehr zurück. „Ich habe gebetet, dass es andere machen“, sagt sie. Aber es fand sich niemand. Und so hat die in Istanbul Geborene, die im Alter von sechs Jahren nach Berlin kam, entschieden, die erste liberale Moschee in Berlin zu gründen.

Unterschlupf in der Johanniskirche Sehr vieles an dem Projekt ist ungewöhnlich. Es beginnt schon bei den Räumlichkeiten. Ateş und ihre Mitstreiter sind im Stadtteil Moabit in unmittelbarer Nähe der „berühmten“ U-Haft in den Räumen der evangelischen Johanniskirche untergekommen. Die Johanniskirche kennen auch Religionsferne, es gibt dort einen schönen Sommergarten, wo gegrillt wird, er ist für alle offen. Ein ehemaliger Theatersaal war noch frei, und den hat jetzt Ateş bekommen. Auf dem steinernen Fußboden im Treppenhaus kleben graue Pfeile, die zur neu eröffneten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee weisen. Neben dem Namen von Johann Wolfgang Goethe trägt die Mosche jenen des mittelalterlichen Arztes, Philosophen und Richters Ibn Rushd. Dieser wurde 1126 im andalusischen Córdoba geboren, verfasste auch Kommentare zum Werk von Aristoteles und gilt als Verbinder zwischen Islam und Aufklärung.

Kein Nikab, keine Burka

Die grauen Pfeile wirken provisorisch, und so soll es auch sein. Irgendwann möchte Ateş, die sich gerade zur Imamin ausbilden lässt, hier wieder raus und ein eigenes Gebäude für ihre Moschee. Aber bis dahin ist noch ein Stück Weg zu gehen. Im Moment muss sie erst einmal den Shitstorm aushalten, der ihr aus aller Welt entgegenschlägt. Dass Frauen predigen dürfen, Frauen und Männer gemeinsam beten, dass Homosexuelle willkommen sind, auch Frauen mit Kopftuch, nicht aber jene mit Burka und Nikab, sorgt für viele Anfeindungen. Ateş, die von 2006 bis 2009 Mitglied der Deutschen Islamkonferenz war, bekam wegen dieser „Gotteslästerung“ übelste Beschimpfungen und Morddrohungen. „Die Alte macht grade ihr Testament“, heißt es da. Oder dass man in der Moschee „doch nicht der Frau auf den Arsch schauen“ könne beim Beten. An den Grundsätzen rütteln Ateş nimmt die Drohungen nicht auf die leichte Schulter. 1984 arbeitete sie in Berlin-Kreuzberg in einer Beratungsstelle für kurdische und türkische Frauen, die Schutz vor häuslicher Gewalt suchten. Eine ihrer Klientinnen wurde vom Ehemann erschossen, Ateş dabei schwer verletzt. „Ich weiß, dass wir an Grundsätzen rütteln“, sagt sie. Und dennoch: „Ich will einen Ort, an dem Frauen und Männer gemeinsam und friedlich an ihrer Religion arbeiten. Zu viele Moscheen predigen einen Islam von vorgestern. Und wir dürfen den Islam nicht den Fanatikern überlassen.“ Sie erhält natürlich nicht nur Drohungen, sondern auch viel Zuspruch – ebenfalls aus aller Welt. In Berlin, weiß sie, würden gern noch mehr kommen. Aber: „Die haben eine Scheißangst und trauen sich nicht.“ Ateş selbst hat sich für all jene, die sie jetzt angreifen, nur eine Gegenfrage überlegt: „Sagt mir, was tut ihr eigentlich für den Islam?“ (Birgit Baumann aus Berlin, 21.6.2017) –

derstandard.at/2000059541116/Eine-liberale-Moschee-in-Berlin-gegen-Fanatismus

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s