Die Bundesregierungen haben Jahrzehnte Schuldeingeständnisse, verbunden mit Entschädigungen gegenüber den früheren deutschen Kolonien verzögert. Das trifft auch für die einstige grüne Spitzenkraft Joschka Fischer zu. Jetzt rollt eine Klagewelle auf den deutschen Staat zu: Mehrere afrikanische Völker suchen jetzt juristisch ihr Recht durchzusetzen. Deutschland war zwar bereit, den Genozid der Türkei an den Armeniern zu verurteilen. Beschämend aber ist, dass Erdogan berechtigt Deutschland vorwerfen konnte, dass es erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren sollte und sich für den Genozid an den Hereros und Namas entschuldigen sollte. Nama- und Herero-VertreterInnen reichten im Januar 2017 die anhängige Sammelklage gegen die BRD vor dem Bezirksgericht von New York ein. Seit Mitte März läuft das Verfahren in New York, jedoch bemängelte die zuständige Bundesrichterin, dass keine VertreterInnen der Bundesregierung anwesend waren und verschob den Prozess auf Juli. Hauptforderungen sind eine offizielle Entschuldigung, die Anerkennung der Massaker als Genozid und die Rückgabe geraubten Landes an die rechtmäßigen BesitzerInnen. Außerdem fordern die KlägerInnen eine Resolution des Deutschen Bundestages, wie 2016 zum Völkermord an den ArmenierInnen, die Rückgabe aller während der Kolonialzeit geraubten Gebeine und Kulturgüter sowie die Aufnahme direkter Verhandlungen mit den OpfervertreterInnen. Im Februar 2017 ließ Tansanias Verteidigungsminister Hussein Mwinyi verlauten, dass sein Land eine Klage auf Entschädigungszahlungen für die begangenen Verbrechen im damaligen Deutsch-Ostafrika vorbereitet. Allein während des Maji-Maji-Krieges (1905-1907) kamen etwa 300.000 AfrikanerInnen ums Leben. Die Bundesregierung sollte vor diesem Hintergrund zeitnah Stellung beziehen und Pläne vorlegen, wie insgesamt mit der kolonialen Vergangenheit umzugehen ist. Falls Kamerun, Burundi und Rwanda ebenfalls klagen, sieht sich Deutschland mit Forderungen in dreistelliger Milliardenhöhe konfrontiert.

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Bild: Die Schädel getöteter Herero werden von deutschen Soldaten für den Transport nach Berlin verladen.

Reinhart Kößler/Henning Melber: Völkermord – und was dann?

»Ey, Deutschland, ich sage es noch mal: Leg erst mal Rechenschaft ab für den Holocaust, leg erst mal Rechenschaft darüber ab, wie du in Namibia 100.000 Menschen umgebracht hast. Ihr seid das letzte Land, das die Türkei mit dem sogenannten Völkermord an den Armeniern beschuldigen kann.«

Diesem Zitat lässt sich aus einer geschichtsbewussten Perspektive wenig entgegenhalten, und so kommentieren es Henning Melber und Reinhart Kößler denn auch treffend so: »Dass Erdogan in seiner ansonsten erschreckenden Schimpfkanonade dieses Argument mit einem gewissen Recht einsetzen konnte, muss beschämen.«

Im neuesten Buch des Autorenduos Kößler/ Melber, Völkermord, und was dann?, geht es indes nicht in erster Linie um den Armeniengenozid. Er spielt darin nur deshalb eine recht prominente Rolle, weil die bundesdeutsche Vergangenheitspolitik in Bezug auf Armenien vergleichsweise positiv zu beurteilen ist. Im Juni 2016 verabschiedete der Bundestag eine Resolution, in der das 1915 vom Osmanischen Reich verübte Genozid an der armenischen Bevölkerung ohne Umschweife als »Völkermord« bezeichnet wird. Zwar folgt daraus in Sachen Entschädigungen für Deutschland nichts, denn obwohl das Deutsche Kaiserreich mit dem Osmanischen Reich verbündet war, lässt sich daraus keine völkerrechtliche Haftung ableiten. Aber dass der Bundestag sich offen mit Erdogans Türkei anlegte und auch deutsche Mitschuld am Armeniengenozid eingestand, verdient Anerkennung.

Im Falle des von deutschen Kolonialtruppen in »Deutsch-Südwestafrika« verübten Genozids an Herero (genauer: Ovahararo) und Nama verbieten sich hingegen lobende Worte über die deutsche Vergangenheitspolitik. Obwohl der Fall eindeutig und die deutsche Schuld ungeheuerlich ist, weigern sich seit Jahrzehnten sämtliche Bundesregierungen, Entschädigungen für die Nachfahren der Opfer auch nur in Erwägung zu ziehen. Kößler/Melber zeichnen kenntnisreich nach, welche argumentativen Verrenkungen Politiker wie der grüne Außenminister Joseph Fischer vollzogen, um explizite Eingeständnisse des Genozides und daraus resultierende Ansprüche abzuwehren.

Wie einige andere AktivistInnen auch, setzen sich Kößler/Melber seit langem für historische Gerechtigkeit gegenüber den Opfern deutscher Kolonialherrschaft in Namibia ein. Ihr Buch kann als Zusammenfassung von hunderten wissenschaftlichen Artikeln und Buchbeiträgen zum Thema gelesen werden. In konzentrierter Form informiert es über die historischen Ereignisse, die deutsche Vergangenheitspolitik und den aktuellen Stand der Dinge. Es mündet in ein flammendes Plädoyer für die Dekolonisierung der deutsch-namibischen Beziehungen und postkoloniales Lernen.

Die Kritikpunkte fallen gegenüber diesen Vorzügen des Buches nicht groß ins Gewicht. Falsche Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis und das allzu beflissene Vorwort der ehemaligen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sind lässlich. Gewünscht hätte man sich jedoch eine kritischere Diskussion des Volks- und des Völkermordbegriffes. »Volk« ist allemal im deutschen Kontext eine durch und durch rassistische Kategorie, und es gibt viele gute Gründe, den biologistisch-naturalisierenden Begriff »Völkermord« durch das Kunstwort »Genozid« zu ersetzen. Ganz im Sinne seines Erfinders, des jüdischen polnischen Friedensforschers Raphael Lemkin, lässt sich mit diesem semantisch reflektierten Begriff das Vorgehen der deutschen Kolonialtruppen in aller Eindeutigkeit als mörderische Vernichtungspolitik benennen.

Christian Stock

Reinhart Kößler/Henning Melber: Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a.M. 2017. 176 Seiten. 19,90 Euro.

https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/361_tourismus_und_migration/genozid

Bildergebnis für deutsches kolonialreichKarte mit dem Deutschen Reich und seinen kolonial-imperialistischen Eroberungen, in Afrika: Kamerun, Togo (und Teile des heutigen Ghana), Tanzania, Burundi, Ruanda (Deutsch-Ostafrika) und Namibia (Deutsch-Südwest-Afrika)

„Let us die fighting“

Eher im Kampfe sterben als weiterhin von den Kolonialherren unterjocht zu werden, wollte Kaptein der Herero Samuel Maharero. Dies schrieb er in einem Brief vom Januar 1904, in dem er zur Allianz gegen die Deutschen aufrief. Heute verklagen namibische Herero und Nama die Bundesrepublik.

von Oliver Schulten

2001 gingen die Opferverbände der Herero und Nama vor ein US-amerikanisches Gericht. Sie klagten gegen die Bundesrepublik Deutschland, als Rechtsnachfolgerin des Kaiserreiches, und gegen deutsche Firmen. Das Ziel war, dass der deutsche Kolonialkrieg von 1904 bis 1908 als Genozid anerkannt wird, es zu einer offiziellen Entschuldigung seitens der Bundesregierung kommt, und dass Reparationszahlungen durchgesetzt werden. Die Klage scheiterte an der Frage der Zuständigkeit. Anfang 2017 nahmen die Herero- und Nama-VertreterInnen einen weiteren Anlauf und klagen erneut vor einem amerikanischen Gericht.

Während der 31-jährigen deutschen Kolonialgeschichte überlebte die Hälfte der Bevölkerung von Deutsch-Südwestafrika (ca. 100.000 AfrikanerInnen) die Herrschaft der »neuen Herren« nicht. Eingeschleppte Krankheiten, Verlust von Land und Vieh, Zwangsarbeit (Kinder ab 7 Jahren konnten hierzu herangezogen werden), Steuerlast, Wucher, Reservatspolitik, Rassentrennung, absolute Rechtsunsicherheit, Prügelstrafe, ungesühnte Morde und Vergewaltigungen durch Europäer sowie die Entmachtung der lokalen Herrscher führten schließlich zum Ausbruch des Krieges von 1904. Während der Kämpfe beging die deutsche Kolonialmacht Verbrechen gegen die Menschlichkeit, missachtete die vom Deutschen Reich unterzeichnete Haager Landkriegsordnung von 1899 und verübte schließlich ein Genozid. Die klare Absicht des Kommandeurs der deutschen Schutztruppe, Lothar von Trotha, der sich selbst in einem »Rassenkrieg« sah, die Herero entweder aus dem Land zu drängen oder zu vernichten, belegt dies.

In seinem Vorhaben wurde von Trotha vom Generalstab und Kaiser Wilhelm II. unterstützt. Die Rheinische Mission richtete ferner ab Dezember 1904 sogenannte Sammellager und Konzentrationslager ein, in denen Herero und Nama Zwangsarbeit leisten sollten. Dabei starben weitere 4.000 Menschen. Den Herero und anderen Gruppen wurde jeglicher Besitz von Land und Vieh untersagt. 75 Prozent des verfügbaren Landes wurde zum Verkauf an EuropäerInnen freigegeben und der Rest als Reservatsgebiete ausgewiesen. 1907 schrieb Paul Rohrbach, ehemaliger Ansiedlungskommissar für Deutsch-Südwestafrika, dass die ‚Eingeborenen’ von jeglichem Schreib- und Leseunterricht ausgeschlossen werden sollten. Der deutsche Kolonialismus hatte in Namibia zur Folge, dass die traditionelle Lebensweise und Gesellschaftsstrukturen völlig zerstört wurden.

 

Der Streit um Reparationszahlungen

Die deutsche Bundesregierung streitet seit Jahrzehnten den Vorwurf des verübten Völkermordes ab. Sie argumentiert, dass die Haager Landkriegsordnung von 1899 nicht anwendbar sei, da diese »Naturvölker« explizit ausschließt. Außerdem sei der Begriff des Genozids erst 1948 von der UN definiert worden. Die bundesrepublikanische Geschichte ist in Bezug auf die deutschen Kolonialverbrechen ohnehin von Ignoranz geprägt. Der Deutsche Bundestag beschloss erst 1989, dass Deutschland »Verantwortung für Namibia übernehmen« müsse.

Nach der Unabhängigkeit Namibias forderten die Herero 1990 erstmals eine Entschuldigung und Reparationen in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar von der BRD. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag scheiterten 1999 Herero- und Nama-VertreterInnen mit einer Klage. 2004 und 2006 forderten sie die Anerkennung des Genozids zunächst vom Bundespräsidenten und später von der Bundesregierung ein. Diese lehnte jegliches Eingeständnis oder gar Reparationszahlungen ab. Die Gelder aus der Entwicklungshilfe – von 1990 bis 2014 wurden 800 Millionen Euro gezahlt – sollten als Aussöhnung reichen.

2014 erfolgte eine politische Wende. Seither verhandeln die Bundesregierung und die namibische Regierung über die Vergangenheitsbewältigung, ohne die Teilnahme der Herero oder Nama. Nachdem bereits Bundespräsident Horst Köhler 2014 von einem Völkermord sprach, schlossen sich 2015 Bundestagspräsident Lammert und das Auswärtige Amt dieser Sichtweise an. Einschränkend wurde darauf hingewiesen, dass sich daraus keine rechtlichen Schritte ableiten lassen. Die BRD akzeptiert bis heute nur die namibische Regierung als Gesprächspartnerin.

Nama- und Herero-VertreterInnen reichten im Januar 2017 die anhängige Sammelklage gegen die BRD vor dem Bezirksgericht von New York ein. Seit Mitte März läuft das Verfahren in New York, jedoch bemängelte die zuständige Bundesrichterin, dass keine VertreterInnen der Bundesregierung anwesend waren und verschob den Prozess auf Juli. Hauptforderungen sind eine offizielle Entschuldigung, die Anerkennung der Massaker als Genozid und die Rückgabe geraubten Landes an die rechtmäßigen BesitzerInnen. Außerdem fordern die KlägerInnen eine Resolution des Deutschen Bundestages, wie 2016 zum Völkermord an den ArmenierInnen, die Rückgabe aller während der Kolonialzeit geraubten Gebeine und Kulturgüter sowie die Aufnahme direkter Verhandlungen mit den OpfervertreterInnen.

Im Februar 2017 ließ Tansanias Verteidigungsminister Hussein Mwinyi verlauten, dass sein Land eine Klage auf Entschädigungszahlungen für die begangenen Verbrechen im damaligen Deutsch-Ostafrika vorbereitet. Allein während des Maji-Maji-Krieges (1905-1907) kamen etwa 300.000 AfrikanerInnen ums Leben. Die Bundesregierung sollte vor diesem Hintergrund zeitnah Stellung beziehen und Pläne vorlegen, wie insgesamt mit der kolonialen Vergangenheit umzugehen ist. Falls Kamerun, Burundi und Rwanda ebenfalls klagen, sieht sich Deutschland mit Forderungen in dreistelliger Milliardenhöhe konfrontiert.

 

Die Langfassung dieses Textes mit ausführlicher Literaturliste über die Ereignisse um den deutschen Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama 1904 – 1908 folgt in Kürze an gleicher Stelle.

 

Oliver Schulten ist Experte für afrikanische Geschichte in Wuppertal.

https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/361_tourismus_und_migration/namibia

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