Die Wut wächst – Londoner stürmen Rathaus – Sie riefen: „Wir wollen Gerechtigkeit“, „schämt Euch!“, „Mörder!“- Eigentümer und Verwaltung hatten Warnungen der Bewohner ignoriert – Premierministerin May flieht vor Diskussion mit Hinterbliebenen und Anwohnern – Fassadenmaterial mangelhaft – Nichtbrennbare Fassadenverkleidung hätte 5000 Pfund mehr gekostet, wurde aber eingespart – Privatisierungspolitik der britischen Regierung in der Kritik – Die Katastrophe bestätigt Kritik des Vorsitzenden der oppositionellen Arbeiterpartei an der Privatisierung und an dem Rückzug des Staates – Mietervereinigungen befürchten ihre Gebäude seien ebenfalls mangelhaft renoviert worden; sie fordern Massnahmen. Der gleiche Ruf dürfte in vielen der rund 4000 Wohnblöcke ganz Grossbritanniens laut werden.

Bericht aus GB vom Independent:blood-on-hands-2048.jpg

http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/grenfell-tower-fire-jeremy-corbyn-theresa-may-government-response-failure-latest-news-a7794411.html

Nach Brand in London: Demonstranten stürmen Rathaus

VIDEO JOCHEN WITTMANN AUS LONDON 16. Juni 2017
Die Wut in Nord-Kensington nimmt zu – Zusammenstöße mit Sicherheitskräften – Queen besuchte Unglücksstelle
Nach der Brandkatastrophe in London haben dutzende wütende Demonstranten am Freitag ein Bezirksrathaus in der britischen Hauptstadt gestürmt. „Wir wollen Gerechtigkeit“, „schämt Euch!“, „Mörder!“, riefen die Demonstranten, als sie das Rathaus der Stadtteile Kensington und Chelsea stürmten, wie Reporter berichteten. Im Eingangsbereich des Gebäudes kam es zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Königin Elisabeth II. besuchte am Freitag die Unglücksstelle in Westlondon, wo der Grenfell Tower ausbrannte.
Das Inferno forderte mindestens 30 Menschenleben, korrigierte die Polizei die Zahl nach oben. Das erste Opfer wurde mittlerweile identifiziert, es handelt sich um einen syrischen Flüchtling. Die Zahl der Toten kann sich noch deutlich erhöhen, wenn die Bergungsarbeiten beginnen können. Tags zuvor war Premierministerin Theresa May in Nord-Kensington erschienen, hatte sich aber nur mit Rettungskräften unterhalten wollen und darauf verzichtet, Anwohner und Betroffene zu treffen – aus Sicherheitsgründen, wie Downing Street verlautete. Das trug May viel Kritik ein. Sie solle doch „Humanität zeigen“, drängte ihr Parteifreund Michael Portillo.
Keine Gespräche mit Hinterbliebenen
May verzichtete auf den Kontakt mit den Hinterbliebenen, weil sie sich ausrechnen konnte, was sie zu hören bekommen hätte. Die Wut in Nord-Kensington wächst. Die Menschen sind empört, weil sie sich im Stich gelassen fühlen von kommunalen Politikern, denen sie seit Jahren gesagt haben, dass es beim Brandschutz des Hochhauses gravierende Mängel gab. Sie denken auch, dass die Austeritätspolitik der konservativen Regierung dazu geführt hatte, dass in den sozialen Wohnungsbau nicht mehr investiert wurde. bbc news Queen Elisabeth II. und Prinz William in Nord-Kensington. Nord-Kensington ist eine der reichsten Kommunen Großbritanniens mit einem zugleich sehr armen Bevölkerungsteil. Hier gibt es eine sehr diverse Mischung von Menschen – ethnisch wie sozial. Auf der einen Seite viele Sozialhilfeempfänger mit Migrationshintergrund, auf der anderen Seite eine vornehmlich weiße obere Mittelklasse, die sich jene sündhaft teuren Häuser leisten kann, die nicht zum sozialen Wohnungsbau gehören wie etwa der Grenfell Tower. Fatale Verschönerung Die Modernisierung des Grenfell Tower vor einem Jahr, sagen jetzt die Anwohner, habe man unternommen, um den Betonklotz mit einer neuen Fassadenverkleidung aufzuhübschen. Das mag das Viertel schöner aussehen lassen, doch für viele Mieter im Tower hatte die Verkleidung fatale Folgen: Da sie brennbar war, konnte das Feuer an der Außenwand schnell nach oben klettern. Die Feuerwehr, die solch eine Brandentwicklung noch nie erlebt hatte, war überwältigt. Man hatte den Mietern vorher gesagt, im Brandfall in ihren Wohnungen zu bleiben, sie würden innerhalb einer Stunde gerettet werden. So lange sei ihre Wohnung feuerfest. Die Weisung wurde zum Todesurteil. Kein Wunder, dass Wut und Ärger jetzt überzukochen scheinen. Die private Wohnungsverwaltungsgesellschaft, die den Tower im Auftrag der Kommune betrieb, hätte auch Fassadenpaneele auswählen können, die feuerfest gewesen wären. Das hätte laut Times weniger als 5000 Pfund mehr gekostet. Als die Queen erschien, bekam sie keine der wütenden Vorhaltungen und Anklagen zu hören, die tags zuvor noch an den Bürgermeister Sadiq Khan gerichtet wurden – da war der Respekt vor der alten Dame doch zu groß. Aber die Fragen nach krimineller Haftung und politischer Verantwortung werden nicht so schnell verschwinden. (Jochen Wittmann aus London, 16.6.2017) Kopf des Tages Londons Feuerwehrchefin: Eine Kämpferin ohne „behaarten Arsch“ –
derstandard.at/2000059365923/Nach-Brand-in-London-Die-Wut-in-Nord-Kensington-nimmt

Nach der Brandkatastrophe erhärtet sich der Verdacht: Das Material der Fassade war mangelhaft

von Markus M. Haefliger, London16.6.2017, 15:56 Uhr
Die Fragen nach einer Mitschuld von Behörden und Hausverwaltungen an der Londoner Brandkatastrophe werden immer lauter. Ohne eine geringe Kosteneinsparung hätte der Grossbrand vermutlich verhindert werden können.
Dutzende von Personen werden nach dem Hochhausbrand in London weiterhin vermisst – die Zahl der Todesopfer könnte auf über 100 steigen. (Bild: Reuters)

Dutzende von Personen werden nach dem Hochhausbrand in London weiterhin vermisst – die Zahl der Todesopfer könnte auf über 100 steigen. (Bild: Reuters)

Während Rettungsdienste und Behörden kaum Erkenntnisse und Opferzahlen des Grossbrands in einem Londoner Wohnblock preisgeben, zerren Reporter der britischen Medien vorläufig unbestätigte – und teilweise unbequeme – Tatsachen ans Licht. Bei der Brandkatastrophe im Grenfell Tower im Westlondoner Stadtteil Kensington waren in der Nacht auf Mittwoch nach neusten Angaben 30 Bewohner getötet worden; 24 befinden sich in Spitalpflege, die Hälfte von ihnen schwebt in Lebensgefahr.

Demonstranten stürmen nach Grossbrand Bezirksrathaus in London
«Wir wollen Gerechtigkeit», «schämt Euch!», «Mörder!»
16.6.2017, 18:45

Explosion eines Eisschranks

Laut zusammengetragenen Augenzeugenberichten könnte die Zahl der Todesopfer auf über 100 ansteigen. In den obersten vier Etagen entkamen offenbar wenige oder keine Bewohner dem Inferno, weil die Feuerwehrmänner in der Brandnacht in jenem Gebäudeteil dem Rauch und der Hitze nicht gewachsen waren. Laut den Behörden dürften Bergung und Identifizierung der Opfer mehrere Tage in Anspruch nehmen. Möglicherweise können einige Opfer gar nicht identifiziert werden.

Bei einem Hochhausbrand im Zentrum Londons sind mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen. Medienberichten zufolge gelten immer noch Dutzende von Personen als vermisst. Queen Elizabeth II würdigte in einer Notunterkunft in London den Mut der Feuerwehrleute und die unglaubliche Grosszügigkeit der freiwilligen Helfer. (Bild: Dominic Lipinski/ / Reuters)

Laut mehreren Überlebenden begann das Feuer zu lodern, nachdem in der Küche eines Mieters im vierten Stock das Kühlaggregat eines Eisschranks explodiert war. Der Mieter, ein äthiopischstämmiger Taxifahrer, rief die Feuerwehr herbei. Anschliessend eilte er kurz vor ein Uhr morgens in seinem Stockwerk durch die Gänge und weckte die Nachbarn. Mehrere von ihnen sahen das Feuer in der Wohnung; es habe kontrollierbar ausgesehen, sagten sie. Vor dem Gebäude seien zu dem Zeitpunkt zwei Feuerwehrautos gestanden. Der Taxifahrer überlebte und steht unter Schock.

Mangelhafte Verschalung

Weshalb ging das Hochhaus kurz darauf wie ein Streichholz in Flammen auf? Der Verdacht erhärtet sich, dass die kürzlich angebrachte Verschalung der Fassade mangelhaft war. Die dazu verwendeten Platten bestehen aus einer Isolationsschicht und einer Abschirmung aus Polyester und Aluminium. Zwischen Isolation und Abschirmung klafft eine Lücke, die im Brandfall einen fatalen Luftzug wie in einem Kamin entwickeln kann.

Entscheidend ist laut Fachleuten das Material der äusseren, witterungsbeständigen Verschalung. Laut der «Times» wurden bei der letztes Jahr abgeschlossenen Renovation die genannten Platten mit Polyester-Kern verwendet. Das entzündbare Material soll etwa in Amerika in Gebäuden mit mehr als drei Etagen verboten sein. Die französische Firma, die die Platten herstellt, bietet laut der Zeitung auch eine etwas teurere Version mit nicht brennbarem mineralischem Material anstelle von Polyester an. Die Mehrkosten belaufen sich angeblich auf 2 Pfund pro Quadratmeter, was für das ganze Gebäude Zusatzkosten von rund 5000 Pfund verursacht hätte. Die Renovationskosten beliefen sich auf insgesamt 8,6 Millionen Pfund.

Knausern bei der Sicherheit

Sollte sich die lächerliche Einsparung bewahrheiten, rücken die Verantwortlichkeiten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die teilweise Privatisierung des sozialen Wohnungsbaus vor drei Jahrzehnten schuf gestaffelte Zuständigkeiten. Die Gemeindebehörde eines Stadtbezirks – in diesem Fall Kensington and Chelsea – lagert die Verwaltung von Wohnblöcken an eine öffentlichrechtliche Organisation aus. Die sogenannten Tenants‘ Management Organisations (TMO) sind nicht profitorientiert. Bei Neubauten werden sie vertraglich verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz von Wohnraum zu erschwinglichen Preisen anzubieten oder zu vermieten, also Quersubventionierungen einzuplanen. Die TMO gelten als effizienter als staatliche Wohnungsverwaltungen.

Bei der Renovation des Grenfell Tower lagerte die zuständige TMO die Arbeiten an eine Privatfirma aus, die ihrerseits ein Familienunternehmen mit der Verschalung des Gebäudes beauftragte. Die komplizierten Verantwortlichkeiten dürften – zusätzlich zur angekündigten richterlichen Untersuchung – Strafverfolgungen nach sich ziehen.

Aufgebrachte Mieter

Die Katastrophe spielt der Opposition in die Hände. Die Teilprivatisierung des sozialen Wohnungsbaus wurde in den 1990er Jahren auch von der damaligen Labour-Regierung unter Tony Blair vorangetrieben, aber der jetzige Labour-Chef Jeremy Corbyn lehnt sie ab. Mietervereinigungen in der Nachbarschaft des Grenfell Tower glauben, ihre Gebäude seien ebenfalls mangelhaft renoviert worden; sie fordern Massnahmen. Der gleiche Ruf dürfte in vielen der rund 4000 Wohnblöcke ganz Grossbritanniens laut werden. Auf Freitagnachmittag planen Überlebende der Katastrophe sowie aufgebrachte Nachbarn und Sympathisanten eine Demonstration zum Parlamentsgebäude in Westminster.

Die Queen und Prinz William besuchten am Freitag eine Notunterkunft in einem Fitnesscenter im Stadtteil Kensington in der Nähe des Brandorts. Schon am Donnerstag hatte die Monarchin den Mut der Feuerwehrleute und die «unglaubliche Grosszügigkeit» der freiwilligen Helfer gewürdigt.

https://www.nzz.ch/panorama/hochhausbrand-in-london-diffuse-verantwortlichkeiten-ld.1301302

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