Lynchjustiz in Ghana: Ein joggender Soldat wird in Ghana für einen Räuber gehalten und von einer wütenden Menge umgebracht. Lynchjustiz ist in vielen subsaharischen Ländern ein grosses Problem, vor allem in Armenvierteln. Der jüngste Fall von Lynchjustiz sorgt im westafrikanischen Staat Ghana für grosses Aufsehen. Vertreter der Polizei erklärten, die Lynchjustiz stelle eine zunehmende Bedrohung in Ghana dar. Zugleich wird in den nationalen Zeitungen auch klargemacht, dass die Polizei Teil des Problems ist. Vor allem die Bewohner der armen Quartiere schreiten auch deshalb zur Selbstjustiz, weil sie der Polizei nicht trauen. Das ist nicht nur in Ghana, sondern in vielen subsaharischen Ländern so. Oft bleibt die Polizei angesichts von Verbrechen untätig, selbst wenn diese praktisch vor ihren Augen passieren. Oft herrscht Personalmangel, und die Uniformierten sind schlecht bezahlt. Auch deshalb ist die Polizei oft korrupt. Man überlegt es sich zweimal, ob man gegen jemanden Anzeige erstatten soll, wenn er nach einem Tag dank etwas Schmiergeld wieder auf freiem Fuss ist. Viele Afrikaner fürchten sich prinzipiell, einen Polizeiposten zu betreten. Es handelt sich für sie um einen Ort der Willkür und der Gewalt. In vielen afrikanischen Ländern getrauen sich Polizisten schon gar nicht mehr in gewisse Slums. Es sind de facto rechtsfreie Räume, die entweder von Gangs kontrolliert werden oder in denen Selbstjustiz herrscht. Allein die Möglichkeit der «Strassenjustiz» schreckt so viele potenzielle Kriminelle ab. Denn diese endet praktisch immer tödlich. Bei aller rationalen Ursachenanalyse darf man jedoch nicht vergessen, dass die Selbstjustiz für viele der frustrierten Slumbewohner auch einfach eine Möglichkeit ist, ungestraft Aggressionen auszuleben. Letztlich ist die Selbstjustiz aber auch ein Zeichen dafür, dass in vielen subsaharischen Staaten das Gewaltmonopol noch kaum durchgesetzt ist und das «nation building», also der Aufbau tragfähiger staatlicher Strukturen und Institutionen, noch in den Kinderschuhen steckt.

Lynchjustiz in Ghana

«Haltet den Dieb!»

von David Signer, Dakar14.6.2017, 06:00 Uhr
Ein joggender Soldat wird in Ghana für einen Räuber gehalten und von einer wütenden Menge umgebracht. Lynchjustiz ist in vielen subsaharischen Ländern ein grosses Problem, vor allem in Armenvierteln.
Lynchjustiz ist in vielen subsaharischen Ländern ein grosses Problem. Wie hier in Bengui, wo ein Soldat versucht Lynchjustiz zu verhindern. (Bild: Jerome Delay / Keystone)

Lynchjustiz ist in vielen subsaharischen Ländern ein grosses Problem. Wie hier in Bengui, wo ein Soldat versucht Lynchjustiz zu verhindern. (Bild: Jerome Delay / Keystone)

Maxwell Mahama, ein Soldat der ghanesischen Armee, hat am Donnerstagmorgen seine morgendliche Jogging-Runde absolviert. Der junge Mann trug keine Uniform, hatte aber seine Dienstwaffe bei sich. Man kannte ihn nicht im kleinen Ort Denkyira-Boase, etwa 80 Kilometer von Kumasi, der zweitgrössten Stadt Ghanas, entfernt. Offenbar hielt er an, um einige Frauen nach dem Weg zu fragen. Sie bemerkten seine Waffe, alarmierten junge Männer in der Nähe, und in Windeseile verbreitete sich das Gerücht, er sei ein bewaffneter Räuber. Mahama versuchte den Angreifern umsonst zu erklären, dass er ein Armeeangehöriger sei. Es dauerte nur wenige Minuten. Die Einwohner zertrümmerten seinen Schädel mit Zementbrocken und zündeten ihn an.

Kein Vertrauen in die Polizei

Der jüngste Fall von Lynchjustiz sorgt im westafrikanischen Staat Ghana für grosses Aufsehen. Am Freitag wurde für Mahama ein Staatsbegräbnis ausgerichtet. Präsident Akufo-Addo erklärte die Verhaftung der Schuldigen zur Chefsache. 44 Verdächtige wurden bis jetzt wegen Mordes und Beihilfe verhaftet, unter anderem die Denunziantin, die am Anfang der Tragödie stand. Postum wurde Mahama zum Major befördert. Seine Mutter äusserte öffentlich, sie wolle mit den Schuldigen reden und ihnen sagen, wer ihr Sohn war.

Vertreter der Polizei erklärten, die Lynchjustiz stelle eine zunehmende Bedrohung in Ghana dar. Zugleich wird in den nationalen Zeitungen auch klargemacht, dass die Polizei Teil des Problems ist. Vor allem die Bewohner der armen Quartiere schreiten auch deshalb zur Selbstjustiz, weil sie der Polizei nicht trauen. Das ist nicht nur in Ghana, sondern in vielen subsaharischen Ländern so. Oft bleibt die Polizei angesichts von Verbrechen untätig, selbst wenn diese praktisch vor ihren Augen passieren. Wählt man die Notfallnummer der Polizei, nimmt oft keiner ab, oder es heisst, im Moment sei niemand verfügbar, man solle in einer Stunde nochmals anrufen. Oft herrscht Personalmangel, und die Uniformierten sind schlecht bezahlt.

Auch deshalb ist die Polizei oft korrupt. Man überlegt es sich zweimal, ob man gegen jemanden Anzeige erstatten soll, wenn er nach einem Tag dank etwas Schmiergeld wieder auf freiem Fuss ist. Viele Afrikaner fürchten sich prinzipiell, einen Polizeiposten zu betreten. Es handelt sich für sie um einen Ort der Willkür und der Gewalt. Aus Nigeria beispielsweise sind Fälle bekannt, wo jemand eine Anzeige erstatten wollte und sich schliesslich selber in einer Zelle wiederfand, weil er sich geweigert hatte, Schmiergeld zu bezahlen. Für Frauen besteht auch immer die Gefahr der sexuellen Belästigung oder Nötigung. Nicht viel anders sieht es mit der Justiz aus.

Gewalt im Schutz der Masse

In vielen afrikanischen Ländern getrauen sich Polizisten schon gar nicht mehr in gewisse Slums. Es sind de facto rechtsfreie Räume, die entweder von Gangs kontrolliert werden oder in denen Selbstjustiz herrscht. Dabei besteht ein gewisser Zwang zu Gegenseitigkeit und Solidarität. Macht jemand nicht mit bei der Hatz auf einen angeblichen Missetäter, muss er damit rechnen, dass ihm die andern auch nicht helfen, wenn ihm jemand etwas stiehlt und er «Haltet den Dieb!» schreit. Das ist überlebenswichtig; wenn in einem armen Quartier beispielsweise einer Köchin am Strassenrand die Pfanne gestohlen wird, kann das ihre ganze Existenz gefährden. Allein die Möglichkeit der «Strassenjustiz» schreckt so viele potenzielle Kriminelle ab. Denn diese endet praktisch immer tödlich. Die Unschuldsvermutung gilt nicht. Paradoxerweise besteht die einzige mögliche Rettung für solche Opfer eines wütenden Mobs darin, in die nächste Polizeiwache zu flüchten.

Bei aller rationalen Ursachenanalyse darf man jedoch nicht vergessen, dass die Selbstjustiz für viele der frustrierten Slumbewohner auch einfach eine Möglichkeit ist, ungestraft Aggressionen auszuleben. Im Schutz der Masse können sie hemmungslos Brutalitäten begehen und dabei erst noch das Gefühl haben, sie stünden auf der Seite des Rechts und täten eigentlich etwas Gutes. Besonders schockierend sind solche Gewaltexzesse, wenn es um die Verfolgung von angeblichen Hexen geht.

Letztlich ist die Selbstjustiz aber auch ein Zeichen dafür, dass in vielen subsaharischen Staaten das Gewaltmonopol noch kaum durchgesetzt ist und das «nation building», also der Aufbau tragfähiger staatlicher Strukturen und Institutionen, noch in den Kinderschuhen steckt.

https://www.nzz.ch/international/lynchjustiz-in-ghana-haltet-den-dieb-ld.1300718

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