Was Corbyn plant, ist ein anderes Land. Sein Erfolg zeigt die Bereitschaft der Briten, dem Staat gegenüber dem Markt eine größere Rolle zurückzugeben. Gegen das Versprechen, die tiefe Spaltung des Landes aufzuheben. Sein Programm: Investitionen in Schulen und in die Lehrlingsausbildung. Abschaffung der Studiengebühren. Ein massives 250-Milliarden-Investitionsprogramm, um die britische Infrastruktur aufzubauen. Gleiche Rechte und Gewerkschaftsvertretung für alle Arbeiter. Ein Mindestlohn von mindestens zehn Pfund bis 2020. Unbezahlte Praktika werden verboten, Väter und Mütter bekommen mehr bezahlte Elternzeit und was die Tory-Regierung an Sozialhilfen kürzte, wird wieder eingeführt. Labour gibt sich als Heiler des gespaltenen Landes: Man wolle alle Gemeinden wieder aufbauen, die durch die Globalisierung zerrissen und von der Regierung seit Jahren vernachlässigt worden seien, heißt es im Labour-Wahlprogramm. Kleine und mittelständische Unternehmen sollen geschützt und 60 Prozent der Energie bis 2030 aus kohlenstoffneutralen oder erneuerbaren Quellen kommen. Die Eisenbahn, die Energie- und Wasserversorgung und die Post will Labour wieder verstaatlichen: der Demokratie rechenschaftspflichtig gemacht werden, sagt das Wahlprogramm. Krankenschwestern und -pfleger und Ärzte sollen fair bezahlt werden, der staatliche Gesundheitsdienst bekommt frische Milliarden. Und Labour will 10.000 neue Polizisten einstellen.

Zeit: Jeremy Corbyn:

Erfolgsrezepte aus den Siebzigern

Mehr Staat und eine großzügige Sozialpolitik hat Großbritanniens einst belächelter Labour-Chef Jeremy Corbyn versprochen. Das war erfolgreich. Ist der Etatismus zurück?
Jeremy Corbyn: Labour-Chef Jeremy Corbyn
Labour-Chef Jeremy Corbyn © Dan Kitwood/Getty Images

Ein kurzer Blick ins Wahlprogramm hätte es eigentlich jedem klarmachen müssen: Jeremy Corbyn kann mitreißen – und Theresa May kann es nicht. Die Premierministerin gruselt bereits im ersten Satz: Die nächsten fünf Jahre, prophezeit sie düster, würden die härtesten für das Land, die sie bisher erlebt habe. Corbyn dagegen jubelt: „Unser Land ist voller dynamischer, großzügiger und kreativer Menschen mit gewaltigem Potenzial.“

Sie ist hölzern, schreibt in Klischees und drischt auf den Leser ein mit ihrem gnadenlos wiederholten Slogan strong and stable. Er spricht von den Menschen, die er getroffen und was er von ihnen gelernt hat, was er für sie ändern will.

Dummerweise hatten die britischen Medien während des Wahlkampfes eine ganz andere Geschichte erzählt: Gewiss, Theresa May war hölzern, seelenlos. Aber Corbyn? Dilettantisch, hieß es. Ein Relikt der siebziger Jahre. Die Kandidaten seiner Partei verleugneten ihn, wurde berichtet, weil die Wähler dem Labour-Chef nicht trauten. Ein sicherer Verlierer. Schließlich hatte Labour gerade erst bei den Kommunalwahlen im Mai miserabel abgeschnitten. Die Umfragen zur Unterhauswahl bestätigten das Bild.

Umso größer der Schock, als sich in der Wahlnacht das Gegenteil herausstellte. Corbyn wird seitdem gefeiert, als habe er die Nation erlöst. Oder doch wenigstens die Linke im Lande. Nachdem noch im März Tausende die Partei verließen, treten jetzt Tausende wieder bei – wenn auch bei Weitem nicht 150.000, wie Twitter-Gerüchte behaupteten.

Hat Corbyn also die magische Formel gefunden, wie sozialistische Politik mehrheitsfähig werden kann? Ist er ein linker Macron? Ein Vorbild für Deutschlands Martin Schulz? Worauf beruht sein Wahlerfolg?

Eisenbahn, Wasser, Post, Energie: alles verstaatlichen

Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht. Wohl aber verschiedene Erklärungsversuche. Einer lautet: Der Labour-Chef appellierte an die Unzufriedenheit einer tief gespaltenen Nation. Der Riss verläuft zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, Gebildet und Ungebildet, Norden und Süden. Es ist derselbe Riss, der Brexit- von Pro-EU-Wählern trennt. Der Graben wurde vertieft von einer Tory-Regierung, unter deren scharfer Sparpolitik das Volk leidet: ob Sozialhilfeempfänger oder Studenten, Behinderte oder Krankenschwestern, Schüler, Lehrer oder Polizisten. Die Reallöhne stagnierten, im ersten Quartal dieses Jahres begannen sie gar zu fallen. Die kostenlose Lebensmittelausgabe für Bedürftige wird zunehmend in Anspruch genommen.

Während May diese Menschen mit Phrasen abspeiste, hörte Corbyn ihnen zu. Und versprach: Investitionen in Schulen und in die Lehrlingsausbildung. Abschaffung der Studiengebühren. Ein massives 250-Milliarden-Investitionsprogramm, um die britische Infrastruktur aufzubauen. Gleiche Rechte und Gewerkschaftsvertretung für alle Arbeiter. Ein Mindestlohn von mindestens zehn Pfund bis 2020. Unbezahlte Praktika werden verboten, Väter und Mütter bekommen mehr bezahlte Elternzeit und was die Tory-Regierung an Sozialhilfen kürzte, wird wieder eingeführt.

Labour gibt sich als Heiler des gespaltenen Landes: Man wolle alle Gemeinden wieder aufbauen, die durch die Globalisierung zerrissen und von der Regierung seit Jahren vernachlässigt worden seien, heißt es im Labour-Wahlprogramm. Kleine und mittelständische Unternehmen sollen geschützt und 60 Prozent der Energie bis 2030 aus kohlenstoffneutralen oder erneuerbaren Quellen kommen. Die Eisenbahn, die Energie- und Wasserversorgung und die Post will Labour wieder verstaatlichen: der Demokratie rechenschaftspflichtig gemacht werden, sagt das Wahlprogramm. Krankenschwestern und -pfleger und Ärzte sollen fair bezahlt werden, der staatliche Gesundheitsdienst bekommt frische Milliarden. Und Labour will 10.000 neue Polizisten einstellen.

Die Finanzierung all dieser Versprechen ist aber nur das eine Problem. 95 Prozent aller Steuerzahler, verspricht Corbyn, sollen nicht mehr Einkommenssteuer zahlen. Zur Kasse gebeten werden die reichsten fünf Prozent und die großen Unternehmen. Das Institut für Fiskalstudien, eine neutrale Denkfabrik, hat vorgerechnet, dass das wahrscheinlich nicht klappen wird: Höhere Steuern führen dazu, dass Unternehmen abwandern und die reichsten Bürger Wege finden, Steuern zu vermeiden.

Ein mächtiger Corbyn-Staat

Das tiefer liegende Problem ist, das Corbyns Versprechen nicht ehrlich sind. Am deutlichsten wird das beim Thema Brexit. Jobs stünden an erster Stelle, verspricht der Labour-Chef. Man wolle einen ungehinderten Zugang zum wichtigen europäischen Markt vereinbaren und den Handel mit den EU-Nachbarn uneingeschränkt fortführen. Kurzum: Corbyn möchte alle Vorteile des Binnenmarktes bewahren. Zugleich aber kündigt er wie Theresa May  ein Ende der Freizügigkeit an. Beides gleichzeitig geht mit Brüssel aber nicht.

Corbyns Wahlerfolg bleibt dennoch beeindruckend. Labour-Wähler, das zeigt eine erste Analyse des Ergebnisses, haben sich überwiegend erst kurz vor dem Wahlgang entschieden. Da hatten sie eine Premierministerin erlebt, die sich vor den Wählern versteckte, eine detaillierte Erklärung ihrer Politik verweigerte, dafür aber mehr Härten androhte. Corbyns Versprechen waren schlicht attraktiver.

Das Wahlprogramm verschweigt den Preis

Die Rettung für das gespaltene Land sind sie jedoch nicht. Corbyns Labour-Partei hat bloß wiederauferstehen lassen, was die Partei unter Tony Blair versenkt hatte, um seinerzeit wieder wählbar zu werden: den eingreifenden, dirigierenden Staat, der die Wirtschaft lenkt und seinen Bürgern vielfache Rechte und Hilfen zusichert. Dieser Corbyn-Staat sei daher mächtiger und umfangreicher als irgendein britischer Staat seit 35 Jahren, analysierte Paul Johnson vom bereits zitierten Institut für Fiskalstudien.

Viele Wähler hat das offenbar nicht verschreckt. Im Gegenteil. Die Ideologie des geschrumpften Staates von Margaret Thatcher hatte tiefe Gräben aufgerissen. Die Spaltung des Landes, die im EU-Referendum und nun wieder am Wahlausgang der vergangenen Woche deutlich wurde, begann unter der legendären Premierministerin.

Corbyns Etatismus jedoch ist auch Ideologie. Sein Wahlprogramm verschweigt den Preis, den die Bürger dafür werden zahlen müssen. Die Kosten der umfangreichen Verstaatlichung sind nicht allein in Pfund auszurechnen. Was Corbyn plant, ist ein anderes Land. Seine Kritiker hatten nicht alle unrecht, nur weil sie den Wahlausgang falsch voraussagten. Was die Leitartikler dabei aber übersahen, war die Bereitschaft der Briten, dem Staat eine größere Rolle zurückzugeben. Gegen das Versprechen, die tiefe Spaltung des Landes aufzuheben.

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