Sollte jeder lesen: Wie der Westen mit seinem „Krieg gegen den Terror“ selber so vielen Menschen Leid zufügt und Terroristen erst erzeugt. Die Geschichte des Bruders des Predigers Anwar al-Awlaki, des ersten Amerikaners, den die US-Regierung ohne Gerichtsurteil per Drohne töten lies. «Der Irakkrieg war für uns alle ein entscheidendes Moment dafür, wie wir die Beziehung zwischen Amerika und den Muslimen sahen». Anwar sagte nun in seinen Predigten, dass der Westen Krieg gegen alle Muslime führe. 2009 tauchte Anwar ab, weil amerikanische Drohnen in seinem Stammesgebiet auftauchten. 2011 wurde er von einer Drohne getötet. Sein Erbe lebt im Internet jedoch fort, und er wird von vielen als Märtyrer verehrt. Immerhin, Anwar habe gewisse Entscheide getroffen, sei am Ende erklärter Feind Amerikas gewesen. «Aber die Kinder? Warum? Ich kann es einfach nicht verstehen.» Ammar muss kurz innehalten, dem so unverwüstlich wirkenden Mann schiessen die Tränen in die Augen. Der 16-jährige Abdelrahman wurde 2011 mit anderen Jugendlichen in einem Café in der Provinz Shabwa getötet. Später sagte Washington, Abdelrahmans Tod sei nicht beabsichtigt gewesen. Eine Erklärung ist das nicht. Auch nach der Razzia, die zum Tod von Ammars 8-jähriger Nichte Nawar geführt hat, bleiben Fragezeichen.

NZZ: Ammar al-Awlaki, Bruder des Kaida-Predigers

«Es verfolgt mich bis in meine Träume»

von Monika Bolliger, Beirut10.6.2017, 10:00 Uhr
Ammar al-Awlaki ist ein erfolgreicher junger Politiker, der von Frieden und von einem pragmatisch geführten Jemen träumt. Der amerikanische Krieg gegen die Kaida verfolgt seine Familie wie ein Fluch.
Unter den Trümmern liegen sieben Männer begraben, unter ihnen der 16-jährige Abdelrahman al-Awlaki. (Bild: Khaled Abdullah / Reuters)

Unter den Trümmern liegen sieben Männer begraben, unter ihnen der 16-jährige Abdelrahman al-Awlaki. (Bild: Khaled Abdullah / Reuters)

Er hat einen Sinn für Humor und eine beeindruckende Karriere hinter sich: Ammar al-Awlaki wirkt geerdet. Der Ingenieur und Familienvater aus einem mächtigen jemenitischen Stamm hat in Kanada studiert und amtet in Jemen als stellvertretender Minister für Wasser und Umwelt. Er ist erst Mitte dreissig, war in der Jugendbewegung des Arabischen Frühlings aktiv. Er ist bis heute in fast allen politischen Lagern gut vernetzt und träumt vom Aufbau eines neuen, pragmatisch geführten Jemen, von der Überwindung des Bürgerkriegs, der überkommenen Parteien und der Fehden alter Politiker. Viele sehen jedoch zunächst etwas anderes in ihm: den Bruder von Anwar al-Awlaki.

Anwar al-Awlaki war als «bin Ladin des Internets» oder «bin Ladin 2.0» bekannt und wurde 2011 in einem amerikanischen Drohnenangriff getötet. Er war jemenitisch-amerikanischer Doppelbürger und damit der erste Amerikaner seit über hundert Jahren, der ohne Gerichtsverfahren auf Befehl des amerikanischen Präsidenten exekutiert wurde. Manche betitelten ihn fälschlich als Kaida-Chef in Jemen. Formal war er der Kaida nie beigetreten, das belegen die Abbottabad-Dokumente, die bei der Tötung bin Ladins gesichert wurden. Doch die Predigten, in denen er zu Angriffen auf Amerika aufrief, inspirierten Extremisten weltweit – und tun es immer noch, denn im Internet kursieren die Aufnahmen weiter.

Von Angst verfolgt

«Wegen der Sache mit Anwar wurde es den Leuten ungemütlich in meiner Nähe, weil sie sich vor Drohnen fürchteten», sagt Ammar halb scherzend. Aus der Luft gegriffen sind die Ängste indes nicht. Der amerikanische «Krieg gegen den Terror» scheint seine Familie wie ein Fluch zu verfolgen: Nur zwei Wochen nach dem Tod Anwar al-Awlakis kam auch dessen 16-jähriger Sohn Abdelrahman bei einem Drohnenangriff ums Leben. Und Anfang dieses Jahres wurde Anwars 8-jährige Tochter Nawar bei einer misslungenen amerikanischen Bodenoperation gegen die Kaida getötet.

Der Vater Anwars reichte 2012 in den Vereinigten Staaten Klage wegen der Tötung seines amerikanischen Sohnes und Enkels ein, die jedoch 2014 abgewiesen wurde, mit der Begründung, dass damit die künftige Entscheidungsfähigkeit von Führungsverantwortlichen im «Krieg» gegen den Terror behindert werden könnte. Ammar sagt, sein Vater habe auf einen Rekurs verzichtet: «Es war eine schwierige Zeit. Seine Gesundheit verschlechterte sich. Darum gab er auf. Er suchte Antworten, aber er wollte endlich abschliessen.»

Ammar verurteilt die Tötung seines Bruders, weil dieser nie die Chance hatte, seinen Fall vor einem Gericht zu präsentieren. die damit zusammenhing, dass dieser nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von den Geheimdiensten von Amerika über Grossbritannien bis Jemen verfolgt wurde – zu Unrecht, ist Ammar überzeugt.

Die Erniedrigung im Gefängnis in Jemen schliesslich und die lange Isolationshaft, so meint Ammar, habe seinen Bruder schwer verändert. Ammar selber war nur einmal eine Woche lang inhaftiert. Das war nach der Machtübernahme der Huthi-Rebellen in Sanaa 2015: «Isolationshaft ist das Schlimmste. Du machst die Augen zu und denkst an die schönste Erinnerung deines Lebens, hältst dich daran fest, lässt sie aufleben. Dann öffnest du die Augen, merkst, es sind nur zehn Minuten vergangen und du hast noch fast den ganzen Tag vor dir, und den nächsten, und den nächsten . . .»

Ammar hat die Biografie von Nelson Mandela gelesen und war davon nachhaltig beeindruckt. Er meint, Mandela sei aussergewöhnlich, weil Gefängnisse Menschen entweder brächen oder radikalisierten. Er sinniert, was wohl aus seinem Bruder geworden wäre, wäre er noch am Leben: «Wie ich ihn kenne, bin ich überzeugt, dass er mit der Zeit realisiert hätte, dass sein Kurs nicht hilfreich ist. Aber sein Leben endete abrupt, und wir werden es nie wissen.»

Zehn Kinder getötet

Immerhin, Anwar habe gewisse Entscheide getroffen, sei am Ende erklärter Feind Amerikas gewesen. «Aber die Kinder? Warum? Ich kann es einfach nicht verstehen.» Ammar muss kurz innehalten, dem so unverwüstlich wirkenden Mann schiessen die Tränen in die Augen. Der 16-jährige Abdelrahman wurde 2011 mit anderen Jugendlichen in einem Café in der Provinz Shabwa getötet. Später sagte Washington, Abdelrahmans Tod sei nicht beabsichtigt gewesen. Eine Erklärung ist das nicht. Auch nach der Razzia, die zum Tod von Ammars 8-jähriger Nichte Nawar geführt hat, bleiben Fragezeichen.

Nawar lebte mit ihrer Mutter in al-Ghail, einem abgelegenen Dorf, und sollte eigentlich bald zu Ammars Familie ziehen, um zur Schule zu gehen. «Sie war ein sehr schlaues Kind, ein starkes Mädchen, das immer mit Bedacht handelte», erinnert sich Ammar. Bei der amerikanischen Razzia in al-Ghail, die Präsident Trump als «äusserst erfolgreich» bezeichnete, kamen zehn Kinder ums Leben, die noch nicht im Teenageralter waren, unter ihnen Nawar. Nachdem sie getroffen worden war, lebte sie noch ein paar Stunden. Ihre Mutter hielt sie im Arm, während sie blutete und fror. Als die Mutter zu weinen anfing, sagte Nawar zu ihr: «Mach dir keine Sorgen, Mama, es geht mir gut» – bis sie verstarb.

Nach verschiedenen Versionen ging es bei der Operation in al-Ghail entweder darum, einen Kaida-Führer zu erwischen, der aber nicht vor Ort war, oder Informationen zu erbeuten. Man schien nicht bedacht zu haben, dass die Bewohner bewaffnet sein und auf Eindringlinge schiessen könnten: Das Dorf liegt nahe der Frontlinie zwischen den Huthi-Rebellen und ihren Gegnern, die Bewohner erwarteten jederzeit eine Offensive der Huthi. Ironischerweise gehörten sie damit zu jenem Lager im jemenitischen Bürgerkrieg, das auch die USA unterstützen. Die Navy Seals kamen jedenfalls unter Beschuss und riefen um Hilfe. Laut der britischen Journalistin Iona Craig, die sich später vor Ort umschaute, schienen Kampfhelikopter in blinder Panik das ganze Dorf beschossen zu haben.

«Diese Aktionen machen alles nur schlimmer», sagt Ammar. «Wenn ich nicht wie Anwar werde, ist das eine Sache. Aber die Stammesleute, die Verluste erlitten haben, werden empfänglich für das Narrativ der Kaida, dass Amerika gegen uns kämpft und wir uns rächen müssen. Rache ist Teil der Stammeskultur.» Ammar sagt, sein eigener Vater sei äusserst umsichtig. Die grösste Sorge gilt dem noch lebenden Sohn Anwars, der jetzt mit 18 seinen Vater und zwei Geschwister in amerikanischen Angriffen verloren hat: «Es ist schwierig, einen Teenager zu beschützen, der mit solchen Fragen heranwächst, und zu schauen, dass er psychisch stabil bleibt», sagt Ammar.

Und wie kommt er selber damit klar? «Ich hatte die Wahl, daran zugrunde zu gehen oder, so gut es geht, ein normales Leben zu führen und zu akzeptieren, dass es ein Teil von mir ist. Ich versuche möglichst nicht daran zu denken. Aber wie sehr ich mich auch bemühe: Es verfolgt mich bis in meine Träume.» Ein Stück weit scheint sich Ammar damit zu helfen, dass er sich in Arbeit stürzt und sich für sein Land engagiert. Sein Wissen über die Geschichte und die politischen Vorgänge in seinem Land und die vielen politischen Anekdoten, die man durch gute persönliche Kontakte sammelt, verblüffen manches Gegenüber.

Wechselnde Allianzen

Ammar ist Mitglied der Regierung in Aden, hat aber trotzdem auch zur gegnerischen Allianz der Huthi und des Ex-Präsidenten Saleh Kontakte: «Es ist im Krieg schwierig, sich nicht von der feindseligen Rhetorik gegen die anderen mitreissen zu lassen. Aber eines Tages werden wir alle wieder zusammensitzen müssen», sagt er. Könnte er dereinst in Vermittlungen eine Rolle spielen? «Natürlich würde ich das gern. Im Moment gibt es dafür noch wenig Raum. Die Zeit wird jedoch kommen», glaubt er. Ammar hat sich entschieden, in Jemen zu bleiben und sich dort zu engagieren, obwohl er als kanadisch ausgebildeter Ingenieur auch andernorts einen Job gefunden hätte. Es mag ihn viel von seinem Bruder unterscheiden, aber das Charisma und der Drang, etwas zu erreichen, sind ihnen vielleicht gemein.

Während sein Bruder erst eine Brücke zwischen Amerika und den Muslimen und später eine Inspiration für Anhänger der Kaida war, hat Ammar Ratschläge, wie man mit dem Problem der Kaida umgehen könnte. Er sieht in den Stämmen einen Schlüssel. «Sie sind die pragmatischsten Akteure in Jemen. Viele heutige Kaida-Mitglieder sind Stammeskämpfer und nicht harte Ideologen», erklärt er. Die Stämme wechselten ihre Allianzen je nach Interesse. Wenn sie bessere Möglichkeiten für sich sähen, würden sich viele von der Kaida abwenden. Man müsse ausländische Kaida-Mitglieder loswerden und möglichst viele lokale gewinnen.

Dabei müsse aber auch der Staat eine Rolle spielen, namentlich die Sicherheitskräfte: Solange Krieg herrscht, findet die Kaida Raum, sich auszubreiten. Doch die Jemeniten, so ist Ammar überzeugt, sehnten sich nach Frieden, nach Stabilität und nach einem Staat. Die Leute hätten die Nase voll von Milizen und ganz allgemein von Islamisten, die alle getestet worden seien: die Kaida und auch die den Muslimbrüdern nahestehende Islah-Partei, die nach dem Sturz von Präsident Saleh 2011 eine führende Rolle spielte. Auch die Huthi-Rebellen, schiitische Islamisten, welche seit 2015 Sanaa kontrollieren, hätten sich als völlig regierungsunfähig entpuppt. Ammar sagt kurzum: «Ich denke, der politische Islam ist am Verlieren.»

Mit Blick auf die Kaida meint Ammar ausserdem, dass die Jemeniten Schlüsselfiguren durchaus fassen könnten: Leute in Jemen sind nicht unerreichbar, wenn man gute Verbündete hat. Aber dafür, so sinniert er, müssten die Amerikaner ihre Vorwürfe gegen mutmassliche Terroristen nachweisen, und diese Mühe wollten sie sich wohl nicht machen – mit manchmal verheerenden Folgen für Unbeteiligte. Die Bitterkeit ist ihm anzuhören, wenn er sagt: «Für mich sind die wahren Terroristen jene, welche meinen Bruder, meinen Neffen und meine Nichte ohne Gerichtsverfahren getötet haben.»

9/11 verurteilte der «bin Ladin des Internets» noch

bol. ⋅ Anwar al-Awlaki wurde 1971 in New Mexico geboren, wo sein Vater studierte. Die Familie zog sieben Jahre später zurück nach Jemen. Mit 19 ging Anwar selbst wieder in die Staaten, um dort zu studieren. Kurz darauf begann der Golfkrieg von 1990. In der Zeit wurde Anwar religiös. Er erwies sich schon bald als charismatischer Prediger. Ammar besuchte seinen älteren Bruder 2001 in den Staaten und sah, wie er sich von anderen Imamen unterschied.

Im Gegensatz zu den üblichen saudisch gesponserten Imamen, die kaum Englisch konnten und sehr traditionell waren, predigte Anwar auf Englisch und ging danach mit den Jugendlichen Basketball spielen oder fischen. Er war der moderate, gut integrierte Imam. Er fühlte sich derart wohl in Amerika, dass er zu Ammar sagte, er wolle nie nach Jemen zurückkehren. Die Anschläge vom 11. September 2001 verurteilte er öffentlich als unislamisch.

Bald danach begannen jedoch die Geheimdienste, bei Anwar aufzukreuzen. Die Agenten hatten ihn im Verdacht, weil zwei der Attentäter in seiner Moschee gebetet hatten. Ammar insistiert, seines Bruders Ablehnung der Attentate sei damals genuin gewesen. Er erinnert sich an eine persönliche Unterhaltung mit seinem Bruder aus diesen Tagen: «Er sagte, den Muslimen in Amerika gehe es sehr gut und die Jihadisten schadeten ihrer Sache seit langem. Jetzt sei die Welt auf das Problem aufmerksam geworden, und man werde mit den Jihadisten aufräumen.»

Das FBI liess nicht locker und begann, ihn 24 Stunden zu überwachen. Die Geheimdienste liessen ihn auch nicht in Ruhe, als er nach London und schliesslich nach Sanaa gezogen war. Dort wurde er auf Ersuchen der amerikanischen Regierung verhaftet und verbrachte ein Jahr in Isolationshaft.

Es gelang seinem Vater, seine Freilassung auszuhandeln. Doch das Gefängnis hatte ihn verändert. Auch der amerikanische Krieg im Irak hatte einen Einfluss. «Der Irakkrieg war für uns alle ein entscheidendes Moment dafür, wie wir die Beziehung zwischen Amerika und den Muslimen sahen», meint Ammar. Anwar sagte nun in seinen Predigten, dass der Westen Krieg gegen alle Muslime führe. 2009 tauchte Anwar ab, weil amerikanische Drohnen in seinem Stammesgebiet auftauchten. 2011 wurde er von einer Drohne getötet. Sein Erbe lebt im Internet jedoch fort, und er wird von vielen als Märtyrer verehrt.

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