Finanziert Katar Terrorismus? NZZ: „Dafür, dass aus Katar heraus viel für die Kaida, die Nusra-Front und die Hamas getan wurde, gibt es eine Fülle von Indizien, vor allem in den USA. Kongresshearings, Untersuchungen von Regierungsstellen, Instituten und Medien haben viel Belastendes zutage gefördert. Für Aufsehen hat vor allem der Fall Jamal al-Fadls gesorgt, eines sudanesischen Jihadisten, der 1988 der Kaida beitrat, zum Geschäftsführer Usama bin Ladins avancierte, ihm die Treue schwor, diese dann aber spektakulär brach und dem Kongress in Washington berichtete, die «wohltätige Vereinigung Katars» sei nichts anderes als der Hauptsponsor bin Ladins gewesen. Die «Financial Times» hat berichtet, in den ersten beiden Jahren des syrischen Kriegs habe Katar Freischärlern diverser Richtungen mindestens eine Milliarde Dollar zukommen lassen. Die Annahme, dass einiges davon beim IS hängenblieb, ist nicht unplausibel. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri glaubt, Katar habe mehr Waffen als jedes andere Land nach Syrien geliefert. Allein zwischen April 2012 und März 2013 seien über siebzig Cargo-Flüge aus Doha in die Türkei gegangen. In Washington ist man der Ansicht, Mitglieder der königlichen Familie hätten Abu Musab al-Zarkawi, dem mittlerweile getöteten Gründer der Kaida im Irak, zeitweise Unterschlupf gewährt. Bekannt ist, dass Katar in Zusammenarbeit mit den USA syrische Freischärler unterstützte und ausbildete.“ Katar spielte auch eine Schlüsselrolle bei der Zerstörung Libyens: NZZ: „Was tat Katar nicht alles, um den libyschen Diktator Ghadhafi zu stürzen. Das Emirat bekniete die Arabische Liga förmlich, die Nato-Intervention im März 2011 zu unterstützen. Katarische Jagdbomber flogen Einsätze. Mindestens 400 Millionen Dollar erhielten die islamistischen Freischärler. Als sie Benghasi eingenommen hatten, halfen ihnen die Katarer beim Verkauf des Öls und richteten ihnen in Doha eine Fernsehstation ein. In Benghasi und in den Bergen von Nafusa liess Katar Rebellen ausbilden, und beim Sturm auf die Hauptstadt Tripolis im August spielten katarische Spezialkräfte eine wichtige Rolle.“

Spenden an Terroristen

Wen Katar finanziell unterstützt

von Ulrich Schmid12.6.2017, 14:39 Uhr
Es gibt kaum einen Konflikt im Nahen Osten, in dem die Herren in Doha nicht mitmischen. Geld aus Katar hat Revolutionäre und Freischärler unterstützt, aber auch Terroristen. So ganz allein war das reiche Golfemirat damit allerdings nicht.
Yusuf al-Karadawi, Fernsehprediger und geistiger Führer der Muslimbrüder, steht auf Saudiarabiens schwarzer Liste. (Bild:AP )

Yusuf al-Karadawi, Fernsehprediger und geistiger Führer der Muslimbrüder, steht auf Saudiarabiens schwarzer Liste. (Bild:AP )

Was tat Katar nicht alles, um den libyschen Diktator Ghadhafi zu stürzen. Das Emirat bekniete die Arabische Liga förmlich, die Nato-Intervention im März 2011 zu unterstützen. Katarische Jagdbomber flogen Einsätze. Mindestens 400 Millionen Dollar erhielten die islamistischen Freischärler. Als sie Benghasi eingenommen hatten, halfen ihnen die Katarer beim Verkauf des Öls und richteten ihnen in Doha eine Fernsehstation ein. In Benghasi und in den Bergen von Nafusa liess Katar Rebellen ausbilden, und beim Sturm auf die Hauptstadt Tripolis im August spielten katarische Spezialkräfte eine wichtige Rolle.

Berge von Indizien

Nicht immer hat sich der katarische Gestaltungswille so klar manifestiert wie in Libyen. Doha hat sich selber dazu bekannt, Mahmoud Jibril, der Chef der Übergangsregierung nach Ghadhafi, hat die Hilfe Dohas in den höchsten Tönen gelobt. Doch wenn es um die Unterstützung von Terrorgruppen wie der Kaida und dem Islamischen Staat geht, dementiert Doha entschieden. Als falsch und erfunden, als Fake-News, hat Katars Aussenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani die Anwürfe der von Riad angeführten Koalition bezeichnet. Katar habe sich stets korrekt verhalten, für die Blockade gebe es keinen Grund.

Ganz so ist es nicht. Dafür, dass aus Katar heraus viel für die Kaida, die Nusra-Front und die Hamas getan wurde, gibt es eine Fülle von Indizien, vor allem in den USA. Kongresshearings, Untersuchungen von Regierungsstellen, Instituten und Medien haben viel Belastendes zutage gefördert. Für Aufsehen hat vor allem der Fall Jamal al-Fadls gesorgt, eines sudanesischen Jihadisten, der 1988 der Kaida beitrat, zum Geschäftsführer Usama bin Ladins avancierte, ihm die Treue schwor, diese dann aber spektakulär brach und dem Kongress in Washington berichtete, die «wohltätige Vereinigung Katars» sei nichts anderes als der Hauptsponsor bin Ladins gewesen. In der Schweiz erinnert man sich an den Fall Abdel Rahman bin Umayr al-Nuaymi. Der war nicht nur Präsident des katarischen Fussballverbandes und hochdotierter Financier in Doha, sondern auch Gründer der in Genf niedergelassenen «Menschenrechtsorganisation» Alkarama, die offiziell Verfolgten aus aller Welt beisteht, nach Auffassung der USA, Algeriens, der Emirate und anderer aber verdächtige Kontakte zu Gruppen wie der Kaida und der Hamas und zu Jihadisten in Europa unterhielt.

Die guten Kumpel aus Gaza

Dass Katar der Hamas nahestand, war hingegen nie ein Geheimnis. Seit Jahren lebt Khalid Mashal, eine der wichtigsten Hamas-Führerfiguren, in Katar. Selbst die leicht aufgepeppte neue Hamas-Charta ist nicht etwa in Gaza, sondern in Doha präsentiert worden. Darüber, was den Geldfluss angeht, weiss man dank dem Mossad vor allem in Israel gut Bescheid. In Jerusalem schätzt man, dass seit dem Sommerkrieg 2014, der Operation Protective Edge, rund 900 Millionen Dollar aus Katar nach Gaza geflossen sind, und zwar durchaus mit dem Wissen der Israeli. Viel von diesem Geld kam dem Wiederaufbau zugute. Über die restlichen Zahlungen an die Hamas, die wohl in erster Linie für den Kauf von Waffen verwendet wurden, können auch die Israeli nur spekulieren.

Vager werden die Angaben, wenn es um die angeblichen direkten Kontakte zwischen Katar und dem IS geht. Die «Financial Times» hat berichtet, in den ersten beiden Jahren des syrischen Kriegs habe Katar Freischärlern diverser Richtungen mindestens eine Milliarde Dollar zukommen lassen. Die Annahme, dass einiges davon beim IS hängenblieb, ist nicht unplausibel. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri glaubt, Katar habe mehr Waffen als jedes andere Land nach Syrien geliefert. Allein zwischen April 2012 und März 2013 seien über siebzig Cargo-Flüge aus Doha in die Türkei gegangen. In Washington ist man der Ansicht, Mitglieder der königlichen Familie hätten Abu Musab al-Zarkawi, dem mittlerweile getöteten Gründer der Kaida im Irak, zeitweise Unterschlupf gewährt. Bekannt ist, dass Katar in Zusammenarbeit mit den USA syrische Freischärler unterstützte und ausbildete.

Umworbene Muslimbrüder

Die Frage ist in den meisten dieser Fälle, was man genau unter «Katar» versteht. Harte Beweise dafür, dass Katar als Staat den IS unterstützt, liegen laut Jean-Marc Rickli, dem Leiter der Abteilung Globale Risiken am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik, keine vor. Rickli verweist auf diverse amerikanische Regierungsberichte, laut denen in Katar lebende Individuen als private Sponsoren verschiedener Gruppen auftraten. Doch dies sei zum einen nicht mit staatlichem Handeln gleichzusetzen, und zweitens habe es dies auch in allen anderen Golfstaaten gegeben, im Falle von Kuwait sogar noch ausgeprägter als in Katar. Der entscheidende Unterschied ist der, dass Katar vor allem die in Nordafrika verwurzelten Muslimbrüder unterstützte, während Riad eher salafistischen Organisationen unter die Arme griff. Den IS in Libyen hat Katar nie unterstützt.

Dass der Westen derartige Mühe hat, harte Zahlen vorzulegen, hat zum einen mit der Materie selber zu tun. Terror liebt die Diskretion, Spender tun alles, um keine Spuren zu legen. Das muslimische System des «Zakat», das mit «Reinheit» übersetzt werden kann, erleichtert das Vertuschen. Zakat verpflichtet Reiche, einen Teil ihres Wohlstandes an Arme abzugeben. Spenden an gemeinnützige Einrichtungen werden kaum überprüft, und festzustellen, ob sie weitergereicht werden an dritte Gruppen oder Tarnorganisationen, die sie dann wiederum an Terrorzellen transferieren, ist extrem schwierig. Fast unlösbar wird die Spurensuche dann, wenn für Überweisungen das informelle Zahlungssystem Hawala verwendet wird. Die Hawala basiert auf Vertrauen und hinterlässt kaum Spuren, was sie westlichen Behörden, die gegen Steuerflucht kämpfen, suspekt macht.

Die Angst vor der Strasse

Der Vorwurf, Katar unterstütze die Muslimbrüder, ist richtig, der Vorwurf allzu grosser, ja «verräterischer» Nähe zu Iran ist indes fraglich. Doha pflegt einen pragmatischen Umgang mit Teheran, das ist alles. Die Verbindungen zu den Muslimbrüdern indessen reichen sechzig Jahre zurück. Mitte des letzten Jahrhunderts holten sich die Herrscher des jungen Emirats viele ägyptische Islamisten ins Land und betrauten sie mit dem Aufbau des Schulwesens. Der berühmteste, Yusuf al-Karadawi, ein geistiges Oberhaupt der Muslimbrüder, kam 1961. Er wurde in Katar zum Fernsehstar und ist die prominenteste Figur jener 59 Personen und 12 Organisation, die Riad und Abu Dhabi als terroristisch bezeichnen. In der Arabellion 2011 hat Katar im Gegensatz zu Saudiarabien tatsächlich die Muslimbrüder unterstützt. Der zum ägyptischen Präsidenten gewählte Muslimbruder Mohammed Mursi soll rund 10 Milliarden Dollar erhalten haben.

Für Riad war das komplett inakzeptabel. Die saudischen Herrscher haben sich auf Gedeih und Verderb den Wahhabiten ausgeliefert, deren Lehre nicht nur puristisch und ultrakonservativ ist, sondern auch anti-pluralistisch und zutiefst antimodern. Die Muslimbrüder mit ihrem «politischen Islam» sind offener, geschmeidiger und «moderner», sie stützen sich aufs Volk, auf die Armen und die «Strasse» und haben Erfolg damit. Für das demokratisch überhaupt nicht legitimierte Haus Al Saud sind sie deshalb brandgefährlich. Ungeheure Summen hat Riad aufgeworfen, um dem Wirken Katars, seines Senders al-Jazeera und der Muslimbrüder etwas entgegenzusetzen. Abdelfatah al-Sisi, der ägyptische Armeechef, der Mursi und die Muslimbrüder wegputschte, erhielt als Präsident aus Riad Dutzende Milliarden Petrodollars. Es gibt viele Araber, die Sisi für mindestens so terroristisch halten wie salafistische Extremistengruppen. Zumal die Muslimbrüder in Ägypten terroristische Gewalt offiziell ablehnen. «Staatsterrorismus» scheint deshalb gerade in der muslimischen Welt ein durchaus sinnvolles Analyseinstrument.

Reichtum will gestalten

Warum Katar die Muslimbrüder in den letzten beiden Jahrzehnten so intensiv umwarb, ist trotz alledem nicht wirklich klar. An sich ist Katar kaum weniger salafistisch orientiert als Saudiarabien, und auch im Emirat ist der Wahhabismus lebendig. Die beste Antwort liegt vermutlich im katarischen Ehrgeiz. Die Herren in Doha, unermesslich reich und gewohnt, alles kaufen und bestimmen zu können, wollten ihre eigene, von Riad unabhängige Aussenpolitik. Dazu wagten sie eine grosse Spekulation. Sie setzten 2011 ganz auf die Muslimbrüder, in der Annahme, diese würden sich durchsetzen. Katar hätte auf diese Weise gute Alliierte gewonnen und sich aussenpolitisch als ernstzunehmender Akteur und Gegenspieler Riads etabliert. Die Rechnung ging nur teilweise auf.

Bis am Montag gab es keine Anzeichen für ein Einknicken Katars, angesichts der Verkehrs- und Warenblockade durch Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain. Ganz im Gegenteil, Doha wehrt sich. In Moskau sagte Aussenminister Al Thani, die Hamas sei eine «legitime Widerstandsbewegung». Iran hat seine Chance erkannt, schickt tonnenweise Nahrungsmittel und hat Qatar Airways den iranischen Luftraum für Flüge nach Europa und Afrika zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig scheint sich Katar um Deeskalation zu bemühen. Im Gegensatz zu seinen Gegenspielern will Doha keine Bürger aus den drei Blockadeländern des Landes verweisen. Hinter den Kulissen sind die Vermittlungsbemühungen angelaufen. Der russische Präsident Wladimir Putin empfiehlt eine dialogische Lösung, und auch sein amerikanischer Amtskollege Trump findet Verhandlungen mit Katar jetzt plötzlich wieder gut. Kuwait bemüht sich um die konkreten Details der Entkrampfung.

Hilfe aus Washington

Unterdessen hat sich Doha die Dienste John Ashcrofts, des amerikanischen Generalstaatsanwalts zur Zeit George W. Bushs, gesichert. Drei Monate hat der Lobbyist Zeit, um die Araber und die Welt zu überzeugen, dass auch Katar den weltweiten Terror stets heftig bekämpft hat. 2,5 Millionen Dollar soll Ashcrofts Anwaltsfirma erhalten. Für Doha ist das praktisch nichts. Riad hingegen wird darin einen weiteren Beweis für die singuläre Verworfenheit Katars sehen.

https://www.nzz.ch/international/doha-in-der-isolation-katars-kaempfendes-kapital-ld.1300374

Zeit:

Doha:Wer unterstützt hier Islamisten?

Die Regierung Erdoğan hilft Katar in der Krise mit Lebensmitteln und Soldaten. Zugleich wächst in Ankara die Sorge, Saudi-Arabiens Bann könnte auch die Türkei treffen.

Tatsächlich ist es kein Geheimnis, dass Katar Muslimbrüder und Hamas-Mitglieder beherbergt und diese Gruppen materiell unterstützt. In Syrien finanzierte das Emirat teils radikale Rebellen — wie Dschabhat Fatah al-Scham, einst als Al-Nusra-Front bekannt, der syrische Ableger von Al-Kaida. Zudem unterstützten einige Privatpersonen in Katar wohl den „Islamischen Staat“. Doch auch saudische Bürger schickten Geld an IS-Brigaden; und die brutale Ideologie der Dschihadisten ist dem streng konservativen Wahhabismus Saudi-Arabiens am nächsten.

Hinter den Vorwürfen verbirgt sich ohnehin ein viel größerer Streitpunkt: Saudi-Arabien setzt Katar wegen dessen vergleichsweise guter Beziehung zum schiitischen Iran unter Druck — und wie Katar steht auch die Türkei dem Iran nicht komplett feindselig gegenüber. Doha und Ankara wollen zwar den regionalen Einfluss Teherans eindämmen. Doch anders als Saudi-Arabien sehen sie das Land nicht als Erzfeind.

In Ankara wächst deshalb die Sorge, die Krise könne sich bald auf die Türkei ausweiten. Denn das Argument, mit dem Saudi-Arabien die Blockade von Katar begründete, träfe auch die Türkei. Auch sie unterstützt teils radikalislamische Gruppen in Syrien, und auch sie gewährte Mitgliedern der Muslimbruderschaft und Hamas Zuflucht.

 

http://www.zeit.de/politik/2017-06/doha-katar-hamsterkaeufe-golfstaaten-konflikt-tuerkei/komplettansicht

 

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