Galgen-Installation auf Indianerland weckt Erinnerungen an die unvorstellbaren Grausamkeiten der Weißen bei der Eroberung „Amerikas“! Beispiel: Das Massaker von Sand CreekDie meisten Menschen in dem Zeltlager waren Frauen und Kinder, weil die Männer auf der Jagd waren. Viele Soldaten feuerten unterschiedslos auf alles, was sich bewegte, und steigerten sich in einen wahren Blutrausch. Die Soldaten standen unter dem Kommando von Colonel John Chivington, der als methodistischer Pfarrer zwar ein «Mann der Bibel» war «Frauen und Kinder wurden skalpiert, die Finger abgeschnitten, um an die Ringe zu kommen. Eine Squaw wurde aufgeschnitten und ihr Ungeborenes entnommen. Kleine Kinder wurden erschossen, während sie um ihr Leben flehten, manche auf den Knien, als sie die Soldaten umarmten und um Gnade bettelten.» Rund 200 Indianer wurden auf diese Weise umgebracht, die Verrohung einiger Täter war selbst für die Verhältnisse des Wilden Westens erschreckend: Sowohl ermordeten Männern wie Frauen wurden die Genitalien entfernt und einige Tage später in Denver als Trophäen ausgestellt. Streit gibt es jetzt um ein Kunstwerk, das an die Morde der Weißen an den „Indianern“ erinnern sollte, aber jetzt selbst die Würde der „Indianer“ verletzt. Was nämlich weder die Direktorin des Walker Art Center noch Durant selber beim Aufbau von «Scaffold» mitbedacht haben, ist der Umstand, dass der Boden, auf dem die Galgen-Installation errichtet wurde, den Dakota-Indianern gehört, einem Stamm der Sioux, dessen Vorfahren Opfer der grössten öffentlichen Massenhinrichtung in der amerikanischen Geschichte waren. Die Anspielung auf diese nur wenige Meilen vom Standort des Kunstwerks entfernt vollzogene Exekution, bei der im Jahr 1862 achtunddreissig Dakota-Indianer ums Leben kamen. Wie die Autorin Chris Kraus in einer Umfrage unter amerikanischen Kunstkritikern anmerkt, wäre etwa ein kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im MoMA installiertes Kunstwerk, das die Gaskammern von Dachau rekonstruiert, als absolute Tabuverletzung begriffen worden. Das Recht der Opfer, von solchen Formen der «empathischen» Belehrungskunst verschont zu bleiben, sei zu respektieren. Diese Diskussion gibt es auch um Kunstwerke, die an das Leid der Afro-Amerikaner erinnern.

Holzskulptur «Scaffold»

Eine Galgen-Installation auf Indianerland – der Skandal war vorprogrammiert

von Andrea Köhler10.6.2017, 05:30 Uhr
Die geplante rituelle Verbrennung einer künstlerischen Installation in den USA ist ein Lehrstück darüber, dass kein Kunstwerk in einem Vakuum existiert.
Damals nahm noch niemand Anstoss: Sam Durants «Scaffold» wurde 2012 an der Documenta in Kassel gezeigt. (Bild: Ralph Orlowski)

Damals nahm noch niemand Anstoss: Sam Durants «Scaffold» wurde 2012 an der Documenta in Kassel gezeigt. (Bild: Ralph Orlowski)

Ist es ein Fall von überzogener Political Correctness oder ein Beispiel der typischen Ignoranz, mit der die privilegierte, vornehmlich weisse Kunstwelt sich der Opfergeschichten von Minderheiten bedient? In jedem Fall ist der jüngste Skandal um Sam Durants Holzskulptur «Scaffold» ein Lehrstück darüber, dass Kunst je nach Kontext eine ganz neue Bedeutung annehmen kann.

Der 56-jährige Konzeptkünstler aus Los Angeles hatte die begehbare Plattform, die auf sieben Hinrichtungen in der amerikanischen Geschichte anspielt, anno 2012 für die Documenta gebaut, um, wie er in einem offenen Brief erklärte, «Menschen, die – wie ich auch – nicht unter den Auswirkungen einer weissen rassistischen Gesellschaft leiden mussten, einen Raum der Bewusstwerdung bereitzustellen». Dieser Raum, ursprünglich dazu ausersehen, «die rassistischen Dimensionen der amerikanischen Justiz zu beleuchten», soll nun aufgrund seiner eigenen vermeintlich rassistischen Implikationen in einer öffentlichen rituellen Verbrennung vernichtet werden.

Sieben Galgen

Das aus sieben massstabsgetreu rekonstruierten Galgen komponierte zweistöckige Gerüst wurde zuerst in Kassel gezeigt; 2013 diente es in Den Haag als Plattform für ein Pop-Konzert mit dem Titel «Murder Songs». 2014 dann erwarb das Walker Art Center in Minneapolis Durants Arbeit für seinen Skulpturengarten, zu dessen diesjähriger Eröffnung am 3. Juni es erstmals auf amerikanischem Boden installiert worden ist. Nach lauten Protesten der örtlichen Indianerstämme wird die Installation jedoch derzeit abgebaut und zur Verbrennungszeremonie an einen stammeshistorisch bedeutsamen Ort gebracht. Der Künstler hat sich verpflichtet, das Werk nicht zu rekonstruieren.

Was nämlich weder die Direktorin des Walker Art Center noch Durant selber beim Aufbau von «Scaffold» mitbedacht haben, ist der Umstand, dass der Boden, auf dem die Galgen-Installation errichtet wurde, den Dakota-Indianern gehört, einem Stamm der Sioux, dessen Vorfahren Opfer der grössten öffentlichen Massenhinrichtung in der amerikanischen Geschichte waren. Die Anspielung auf diese nur wenige Meilen vom Standort des Kunstwerks entfernt vollzogene Exekution, bei der im Jahr 1862 achtunddreissig Dakota-Indianer ums Leben kamen, ist ein integraler Bestandteil dieser Schafott-Skulptur, deren Schöpfer von sich selber sagt, er sei aufgrund der historischen Schuld gegenüber den Indianern zum politischen Künstler geworden.

Durch die Geschichte des Werkes aufgerüttelt, legten die Dakota Einspruch ein und forderten, dass «Scaffold» wegen seiner potenziell traumatisierenden Wirkung entfernt werden solle. Die Erinnerung unterminiere das Selbstwertgefühl einer jüngeren Generation, die die höchste Selbstmordrate im ganzen Land zu verzeichnen hat.

Letzte Woche kam man dann unter Vermittlung einer auf heilige Stätten spezialisierten Mediatorin zu einem bemerkenswert heiklen Beschluss: Das Kunstwerk soll von den «Dakota Spiritual and Traditional Elders» abgebaut und zu einem noch nicht feststehenden Datum in einem öffentlichen Ritual verbrannt werden. Nicht aus der Welt geschaffen wird damit freilich die zunehmend brennende Frage, wie man mit kontroversen Kunstwerken, die spezielle Empfindlichkeiten verletzen, umgehen soll.

Belehrungskunst

Der Fall erinnert an die unlängst zum Skandal hochgepuschte Debatte um Dana Shutz‘ Gemälde des Lynchopfers Emmett Till, in der die weisse Künstlerin der Usurpation schwarzer Geschichte und der künstlerischen Ausbeutung schwarzen Leids bezichtigt und die Zerstörung des Bildes gefordert wurde. Doch die Frage, wem a) die Geschichte «gehört» und b) was Kunst «darf», sollte im Prinzip klar zu beantworten sein: a) allen und b) fast alles.

Gleichwohl hängt die Qualität eines politischen Kunstwerks nicht zuletzt auch von der Wirksamkeit seiner Botschaft ab – und die ist von dem Ort seiner Ausstellung nicht zu trennen. Deshalb darf es zumindest verwundern, dass weder das Walker Art Center noch der Künstler selber einen Gedanken darauf verschwendet haben, dass die in unmittelbarer Nähe zum Ort der Massenexekution errichtete Installation eine schmerzhafte Geschichte wachrufen könnte.

Wie die Autorin Chris Kraus in einer Umfrage unter amerikanischen Kunstkritikern anmerkt, wäre etwa ein kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im MoMA installiertes Kunstwerk, das die Gaskammern von Dachau rekonstruiert, als absolute Tabuverletzung begriffen worden. Das Recht der Opfer, von solchen Formen der «empathischen» Belehrungskunst verschont zu bleiben, sei zu respektieren.

Nun ist die Analogie zur maschinellen Massenvernichtung der Juden eher fragwürdig, im Übrigen jedoch hat Chris Kraus recht. Bezeichnenderweise aber zollen alle der hier befragten Kritiker der Lösung uneingeschränkten Beifall, ohne an der historisch befrachteten Idee der Kunstwerkverbrennung Anstoss zu nehmen.

Selbst wenn man die rituelle Bedeutung der reinigenden Kraft des Feuers in Anschlag bringt: Soll in Zukunft wirklich der ganze Prozess – Schaffung des Kunstwerks, Protest, Mediation und Zerstörung – «Vorbild einer sozial engagierten künstlerischen Praxis sein», wie die Schriftstellerin Arouna D’Souza vorschlägt? Ginge es nicht vielmehr darum, zu konzedieren, dass – allen gutgemeinten Intentionen zum Trotz – kein Kunstwerk in einem Vakuum existiert? Anders gesagt: dass der Ort einer Installation im Raum von diesem selbst nicht zu trennen ist?

Konzeptuelle Erfüllung

Man könnte im Fall von «Scaffold» natürlich geltend machen, dass seine zeremonielle Hinrichtung künftig integraler Bestandteil des Kunstwerks selbst sein wird; gewissermassen seine konzeptuelle Erfüllung. Ist doch Durants gesamtes Schaffen darauf ausgerichtet, unhinterfragte Machtmechanismen zu dekonstruieren. Nun hat diese Geschichte den Aufklärer in Sachen Rassismus auf seine eigenen blinden Flecken gestossen. Eine Neonarbeit Durants aus dem Jahr 2008 trägt den Titel, der als Mahnung über dem Ganzen zu stehen verdient: «You Are on Indian Land, Show Some Respect». So ist das mit den pädagogischen Botschaften in der Kunst – mitunter wenden sie sich gegen den Boten selbst.

https://www.nzz.ch/feuilleton/rassismus-oder-paedagogische-unterweisung-am-falschen-ort-ld.1300090

Das Sand-Creek-Massaker 1864
Der Inbegriff weisser Grausamkeit

Seit einigen Jahren erinnert eine Tafel an das Massaker von Sand Creek. (Bild: Carptrash / Wikipedia)

von Ronald D. Gerste, Washington28.11.2014, 18:16
Das Sand-Creek-Massaker vor 150 Jahren steht sinnbildhaft für die Eroberung des amerikanischen Kontinents durch die Weissen

Das Sand-Creek-Massaker 1864

Der Inbegriff weisser Grausamkeit

von Ronald D. Gerste, Washington28.11.2014, 18:16 Uhr
Das Sand-Creek-Massaker vor 150 Jahren steht sinnbildhaft für die Eroberung des amerikanischen Kontinents durch die Weissen. An die Bluttat wird indes nur auf lokaler Ebene erinnert.

Als im Morgengrauen des 29. November 1864 die ersten Schüsse fielen und Hunderte von blau uniformierten Reitern auftauchten, hisste der Cheyenne-Häuptling Black Kettle sogleich das Sternenbanner und eine weisse Friedensfahne. Es half den Indianern nichts. Die Angreifer, gegen 700 Angehörige mehrerer Kavallerieregimenter aus Colorado und New Mexico, gedachten das «Problem» mit den Ureinwohnern in den Rocky Mountains auf eigene, für die amerikanische Pioniergeschichte indes nicht ungewöhnliche Weise zu lösen.

Vor allem Frauen und Kinder

Die Soldaten standen unter dem Kommando von Colonel John Chivington, der als methodistischer Pfarrer zwar ein «Mann der Bibel» war, sich an diesem Tag aber nicht im mindesten an christlichen Grundprinzipien orientierte. Der Angriff erfolgte ohne jeden militärischen Anlass: Die Indianer, Angehörigen der Cheyenne und Arapaho, hatten sich nach Rücksprache mit einem örtlichen Militärkommandanten an einer Biegung des Sand Creek im Osten Colorados niedergelassen. Sie waren friedlich, die jüngsten Überfälle auf Farmen und Postkutschen waren von einer anderen Gruppe verübt worden. Die meisten Menschen in dem Zeltlager waren Frauen und Kinder, weil die Männer auf der Jagd waren.

Viele Soldaten feuerten unterschiedslos auf alles, was sich bewegte, und steigerten sich in einen wahren Blutrausch. Black Kettle konnte zwar entkommen, aber ein anderer Häuptling, White Antelope, trat aus seinem Zelt, verschränkte die Arme zum Zeichen seiner Friedfertigkeit und wurde umgehend niedergeschossen. Wie so oft bei derartigen Verbrechen gab es auch Soldaten, die ihrem Gewissen gehorchten und sich den Befehlen Chivingtons widersetzten. Zwei Offiziere weigerten sich mit ihren Kompanien, am Angriff teilzunehmen. Ein entsetzter Kavallerist berichtete später. «Frauen und Kinder wurden skalpiert, die Finger abgeschnitten, um an die Ringe zu kommen. Eine Squaw wurde aufgeschnitten und ihr Ungeborenes entnommen. Kleine Kinder wurden erschossen, während sie um ihr Leben flehten, manche auf den Knien, als sie die Soldaten umarmten und um Gnade bettelten.» Rund 200 Indianer wurden auf diese Weise umgebracht, die Verrohung einiger Täter war selbst für die Verhältnisse des Wilden Westens erschreckend: Sowohl ermordeten Männern wie Frauen wurden die Genitalien entfernt und einige Tage später in Denver als Trophäen ausgestellt.

Das Massaker löste selbst in einer durch den anhaltenden Bürgerkrieg an Grausamkeiten gewöhnten amerikanischen Öffentlichkeit Entsetzen aus. Eine Kommission des Kongresses fand vernichtende Worte für Chivington, der gleichwohl nie vor Gericht gestellt wurde und sich bis ans Ende seiner Tage des «Sieges» am Sand Creek rühmte. Das Blutbad war bei weitem nicht das einzige Vorkommnis dieser Art, doch das Bild der durch ein Dorf galoppierenden «Blauröcke», die unbarmherzig Männer, Frauen und Kinder abschlachtenden, prägte sich ein. Vor allem Hollywood griff es wiederholt auf, als ab den 1960er Jahren eine kritische Betrachtung der Pionierzeit die frühere undifferenzierte Verehrung weisser «Helden» ablöste. Der 1970 gedrehte Film «Soldier Blue» (deutsch: Das Wiegenlied vom Totschlag) setzte dem Massaker ein unter die Haut gehendes cineastisches Monument. Im an Wiederholungen so reichen amerikanischen Fernsehen ist er merkwürdig wenig präsent.

Kein Thema in Washington

Der Opfer wird am 150. Jahrestag fast ausschliesslich auf lokaler Ebene gedacht. Es dauerte bis zum Jahr 2007, bis eine Gedenkstätte unter der Ägide des National Park Service am Ort des Geschehens eröffnet wurde. Dort wird es wie in jedem Jahr einen «Spiritual Healing Walk» geben. Im Denver Art Museum findet zudem eine Ausstellung mit dem Namen «One November Morning» statt. Auf nationaler Ebene schlägt das Jubiläum hingegen kaum Wellen. Das hängt damit zusammen, dass die Native Americans und ihre zahlreichen Probleme keinen nennenswerten Platz in der öffentlichen Diskussion einnehmen. Weder die Verbreitung von Suiziden und Alkoholismus – bei beidem weisen sie die höchste Rate in den USA auf – noch die Arbeitslosigkeit und Verelendung in zahlreichen Reservaten sind ein Thema in Washington.

Es passt ins Bild, dass das National Museum of the American Indian in Washington, das ohnehin eine ziemlich geschönte Geschichtsdidaktik betreibt, keinen Anlass im Zusammenhang mit Sand Creek plant. Dafür ist in der Hauptstadt ein anderer Aspekt in Mode: Regelmässig werden von den Medien, vor allem der «Washington Post», neue Kampagnen gestartet, man solle doch das Football-Team Redskins endlich umbenennen, da sein Name anstössig sei. Wie es im täglichen Leben vieler Indianer 150 Jahre nach Sand Creek aussieht, interessiert die Gralshüter der politischen Korrektheit erkennbar weniger als solche sprachlichen Fragen.

https://www.nzz.ch/international/amerika/der-inbegriff-weisser-grausamkeit-1.18434876

Whitney-Biennale – Streit um ein Gemälde

Schwarzes Leid, weisser Blick

von Andrea Köhler6.4.2017, 05:30 Uhr
Darf eine weisse Künstlerin das Motiv schwarzen Leidens aufgreifen? New Yorks Kunstwelt ist so tief gespalten wie schon lange nicht mehr.
Anstössig? Das Ölgemälde «Open Casket» («Offener Sarg») von Dana Schutz erinnert an einen schwarzen Jugendlichen, der Opfer eines grausamen Lynchmordes wurde.(Bild: Dana Schutz)

Anstössig? Das Ölgemälde «Open Casket» («Offener Sarg») von Dana Schutz erinnert an einen schwarzen Jugendlichen, der Opfer eines grausamen Lynchmordes wurde.(Bild: Dana Schutz)

Es gibt ein höchst kontroverses Werk in der diesjährigen Biennale des New Yorker Whitney-Museums, ein Video, in dem ein junger Mann fast zu Tode geprügelt wird. Jordan Wolfsons Virtual-Reality-Installation «Real Violence» zeigt den Künstler, wie er gnadenlos auf sein am Boden liegendes Opfer einschlägt. Es ist ein Gewaltakt, der sich mittels der Technik in der Tat wie «reale Gewalt», nämlich beinahe physisch, mitteilt.

Diese Attacke ist auch ein Übergriff auf den Betrachter, der, mit Kopfhörern und einer 3-D-Brille ausgestattet, nicht nur zur Zeugen-, sondern zur Mittäterschaft verurteilt wird. Man sollte meinen, dass dieses Video zwar laute Proteste, aber nicht den Ruf nach Entfernung auslöst.

Es ist im Kontext der jüngsten Debatte um die Whitney-Biennale nicht ganz unwichtig zu erwähnen, dass in Wolfsons Video ein Weisser von seinesgleichen niedergeschlagen wird; damit, schrieb ein Kritiker, sei der Skandal «neutralisiert». Proteste und Rufe nach Entfernung aber finden tatsächlich statt. Doch geht es dabei um ein anderes, auf den ersten Blick kaum skandalös zu nennendes Werk: Dana Schutz‘ Gemälde des Lynch-Opfers Emmett Till, dessen Fall zum Katalysator der Civil-Rights-Bewegung geworden ist.

Multikultureller Anspruch

Die vor kurzem eröffnete Biennale hat zu Recht viel Lob eingeheimst. Die Kuratoren Christopher Y. Lew und Mia Locks, die, was in diesem Kontext erwähnenswert ist, beide «nicht weisser» Abstammung sind, haben ein interessantes Spektrum der amerikanischen Gegenwartskunst versammelt, das nicht zuletzt auf dem Hintergrund der jüngsten Präsidentschaftswahl dem multikulturellen Anspruch der Stunde Rechnung trägt.

Anders als viele vorangegangene Whitney-Biennalen zeigt diese Schau mit 63 Künstlern eine überschaubare Zahl von Arbeiten, die miteinander einen spannenden Dialog eingehen – darunter überraschend viele Gemälde. Der «New Yorker» pries denn auch das «frappante Revival der Malerei» und insbesondere Dana Schutz («a new master»), deren Bild «Open Casket» aus dem Jahr 2016 das Publikum spaltet wie schon lange kein Kunstwerk mehr.

Es geht, wie heute meistens, wenn in den USA eine emotional hochbesetzte Debatte ausbricht, um «identity politics», genauer um die Frage, ob eine weisse Künstlerin schwarzes Leid als Sujet wählen darf. Schutz hat die Fotografie des offenen Sarges mit dem grausam entstellten 14-jährigen Emmett Till in ein ästhetisch eher besänftigendes Ölgemälde verwandelt. Tills Mutter, Mamie Till-Mobley, hatte seinerzeit darauf bestanden, dass der Sarg des Knaben offen bleibt, «damit die Welt sieht, was man meinem Kind angetan hat».

Es ist nachvollziehbar, wenn Schwarze mit Empfindlichkeit auf die Aneignung eines Motivs reagieren, das zum Symbol des Rassismus geworden ist.

Der Sarg steht heute im unlängst eröffneten National Museum of African-American History und ist zu einem Schrein der afroamerikanischen Leidensgeschichte geworden. Emmett Till war 1955 bei einem Besuch von Verwandten im Süden der USA von einer weissen Verkäuferin der Belästigung bezichtigt worden. Der Knabe wurde daraufhin von deren Gatten und Bruder entführt und grausam zu Tode gefoltert; die Mörder kamen nach einstündiger Verhandlung wieder frei. Die Geschichte kochte kürzlich noch einmal hoch, als die vermeintlich belästigte Frau dem Autor eines neuen Buches über den Fall gestand, die inkriminierenden Aussagen erfunden zu haben.

https://www.nzz.ch/feuilleton/whitney-biennale-streit-um-ein-gemaelde-schwarzes-leid-weisser-blick-ld.155613

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