Was tun, um die sinnlose Gewalt zu überwinden? Der amerikanische Schriftsteller Russo sah keine Hoffnung für seine Kinder und sieht keine Hoffnung für seine Enkel auf eine Welt ohne Gewalt. Er schreibt über die Leben der Kleinen Leute in den USA, die die Eliten beider Parteien lange Zeit ignoriert haben und für die kein Platz mehr im Imperium ist. Für die das Imperium und seine Vorteile bereits nicht mehr existieren. Die Wahl von Donald Trump, aber auch die starke Unterstützung für Bernie Sanders, habe ein Licht auf die schlimme Lage vieler Angehöriger der weißen Arbeiterklasse geworfen. Er ruft diese Menschen auf, ihr Leben als genauso wertvoll zu begreifen, wie dass der Gewinner: Sine Auffassung: «Kleine Leben gibt es nicht». „Es machte mich wahnsinnig, dass die Welt, die meine Töchter erbten, so voller Gewalt war und ich nicht in der Lage sein würde, sie davor zu schützen. Heute habe ich Enkel, die natürlich in einer Welt mit noch mehr sinnloser Gewalt aufwachsen.“ Wir brauchen die große Diskussion all derer, die ihr und das Leben aller anderen als wichtig sehen: Wie kommen wir aus der Gewaltspirale? Sind wir wirklich hilflos? Schriftsteller wie Russo konfrontieren uns immerhin mit der Wirklichkeit und ihrer Düsternis für die, die im Schatten stehen und ermutigen aus ihm herauszutreten!

Richard Russo im Gespräch

«Kleine Leben gibt es nicht»

INTERVIEWvon Rainer Moritz6.6.2017, 05:30 Uhr
Der amerikanische Schriftsteller Richard Russo hatte die «Abgehängten» in seiner Heimat im Blick, lange bevor sie Trump zum Sieg trugen. Er betrachtet ihre Welt von innen her – nicht von oben herab.
Was Richard Russo am meisten erstaunt, ist unsere Befähigung zum Guten. (Bild: Elena Seibert)

Was Richard Russo am meisten erstaunt, ist unsere Befähigung zum Guten. (Bild: Elena Seibert)

Richard Russo, Ihr Roman «Empire Falls» erhielt 2001 den Pulitzerpreis. Erst 2016 erschien er unter dem Titel «Diese gottverdammten Träume» auf Deutsch. Warum waren die Verleger derart zögerlich, dieses Buch zu übersetzen, das dann in der hiesigen Presse so hervorragende Kritiken bekam?

Ich weiss nicht genau, wieso das so lange gedauert hat. Natürlich ist es ein dickes, ein sehr dickes Buch, und in der Übersetzung kommen nochmals rund zwanzig Prozent dazu, so dass die Übersetzungskosten nicht unbeträchtlich sind. Andere ausländische Verleger haben mir gesagt, ich sei ein sehr «amerikanischer» Autor – womit sie offenbar andeuten wollten, dass ich nicht gut für andere Länder tauge.

Wie in früheren Romanen werfen Sie hier eine Art Panoramablick auf eine Kleinstadt, wo allenthalben die Überreste einstigen Wohlstands zu sehen sind und fast jeder davon träumt, sich auf- und davonzumachen. Was macht dieses Setting für Sie so attraktiv?

Meine Mutter war – wie ich – im nördlichen Teil des Gliedstaats New York aufgewachsen, in einer kleinen Textilstadt, wo sie sich immer wie eingeschlossen fühlte. Sie meinte, sie würde mir ein Geschenk machen, wenn sie mich aus diesem Umfeld befreite. Aber als Knabe liebte ich diesen Ort – meine Familie, unsere Nachbarn – und wusste gleichzeitig, dass ich das nicht sollte. Das ist ein Konflikt, der die Literatur vorantreibt, und in meinem Fall hat er die meisten meiner Geschichten befördert.

Es machte mich wahnsinnig, dass die Welt, die meine Töchter erbten, so voller Gewalt war und ich nicht in der Lage sein würde, sie davor zu schützen.

Was heisst das konkret für «Diese gottverdammten Träume»?

Miles Robys Mutter wünscht sich für ihren Sohn ein besseres Leben, weit weg von ihrem Wohnort Empire Falls. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, können tragisch sein, und für Miles sind sie es beinahe: Er versucht den Traum seiner Mutter zu erfüllen und beginnt dabei sein Leben zu hassen, sich selbst als Niete zu sehen. Es braucht fast den Tod seiner geliebten Tochter, damit er begreift, dass er alles andere als eine Niete ist, dass er mehr zu der Stadt gehört als die reiche Mrs. Whiting, die glaubt, sie gehöre ihr. Meine Geschichten spiegeln generell meine persönliche Überzeugung, dass es keine kleinen Leben gibt. Leider ist dieser Glaube in unserer gegenwärtigen Kultur nicht sehr verbreitet.

Obwohl «Diese gottverdammten Träume» im Jahr 2000 spielt, hat man das Gefühl, ein ungemein aktuelles Buch zu lesen – vor allem am Ende, wenn es zu dem Schulmassaker kommt. Wie denken Sie darüber, wenn Sie Ihren Roman wiederlesen?

Ich habe ihn erst wiedergelesen, als ich das Drehbuch für die TV-HBO-Serie schrieb, die auf dem Roman basiert. Es kommt bei mir selten vor, dass ich Ereignisse wie ein Schulmassaker einsetze, die wie eine Illustration von Zeitungsschlagzeilen wirken. In diesem Fall machte ich eine Ausnahme.

Wieso?

Als ich das Buch schrieb, gingen meine Töchter gerade in die Highschool; es machte mich wahnsinnig, dass die Welt, die sie erbten, so voller Gewalt war und ich nicht in der Lage sein würde, sie davor zu schützen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich das Buch so lange nicht wiedergelesen habe – es konfrontierte mich wieder mit der Atmosphäre der Angst in jenen Jahren. Heute habe ich Enkel, die natürlich in einer Welt mit noch mehr sinnloser Gewalt aufwachsen.

Ihr neuer Roman, «Ein Mann der Tat», ist eine Fortsetzung von «Ein grundzufriedener Mann» aus dem Jahr 1993. Beide Bücher sind in North Bath, NY, angesiedelt, wo die Mineralquellen versiegt sind, es zum Himmel stinkt und ein Themenpark, den niemand braucht, zur grossen Attraktion werden soll. Wann kam Ihnen der Gedanke, Figuren wie Sully, Rub oder Douglas Raymer wiederzubeleben?

«Ein Mann der Tat» ist meinem Freund, dem Schriftsteller Howard Frank Mosher, gewidmet. Er hat Sully und Rub – ja, vor allem Rub – geliebt. Jedes Mal, wenn wir uns über den Weg liefen, fragte er mich, ob es Neuigkeiten von den beiden gebe. Leider hatte ich nie welche, bis mir eines Tages jemand auf einer Dinnerparty von einem Mann erzählte, der mit der Kettensäge in einen Baum geklettert war, um einen Ast zu stutzen. Nur begriff er erst, als der Ast zu Boden fiel, dass er gefangen war: auf dem Aststumpf, mit dem Rücken gegen den Stamm sitzend, und ohne Chance, nach unten zu kommen. Wer würde so etwas Verrücktes tun?, fragte ich mich und dachte sofort an Rub – und natürlich steht diese Geschichte nun im Buch.

Das Drehbuchschreiben lehrte mich, über die Struktur einer Geschichte viel früher nachzudenken, als ich es gewohnt war.

Und hat es Ihnen gefallen, Ihren Helden erneut zu begegnen?

Ich war beglückt, mich wieder unter den Figuren des alten Romans zu bewegen. Sully ist nach dem Vorbild meines Vaters modelliert, und die Figur auferstehen zu lassen, machte auch den Mann wieder lebendig, erlaubte es mir, weitere fünf Jahre in dieser sehr unterhaltsamen Gesellschaft zu verbringen.

Robert Benton verfilmte «Ein grundzufriedener Mann» 1994 unter dem Originaltitel «Nobody’s Fool», mit Paul Newman, Bruce Willis, Jessica Tandy und Philip Seymour Hoffman in den Hauptrollen. Wie sehr hat dieser Film, wie sehr hat Hollywood Ihr Leben verändert?

Der Film kam genau zur richtigen Zeit. Ich hatte vom Unterrichten genug und wollte nur noch schreiben; der Film erlaubte mir diesen Sprung, ohne meine Familie einem finanziellen Risiko auszusetzen. Ich arbeitete am Drehbuch mit und fand zudem heraus, dass ich nach Jahrzehnten des einsamen Schreibens die Zusammenarbeit wirklich genoss.

Sie haben dieses Genre dann auch weiterhin gepflegt.

Bei den folgenden Filmen arbeitete ich mit sehr klugen Leuten zusammen, und das Drehbuchschreiben lehrte mich, über die Struktur einer Geschichte viel früher nachzudenken, als ich es gewohnt war. Was nicht das Schlechteste ist. Und am allerbesten war, dass mir das zu einem lukrativen Nebenjob verhalf. Wenn ich beim Schreiben eines Romans mit einem Problem kämpfe, unterbreche ich ihn für ein paar Monate und mache einen Entwurf für ein Drehbuch. Wenn ich dann zum Roman zurückkehre, sehe ich normalerweise die Lösung des Problems genau vor mir.

In Bentons Film spielt Philip Seymour Hoffman den Polizeichef Doug Raymer, der nun die Zentralfigur in «Ein Mann der Tat» ist. Hat Hoffman in irgendeiner Weise die Figur beeinflusst?

Neben der Doug-Raymer-Rolle in «Nobody’s Fool» spielte Hoffman eine tragende Rolle in der Serie «Empire Falls». In der Zeit dazwischen lernte ich ihn ein wenig kennen. Sein tragischer Tod und sein zu kurzes Leben regten mich dazu an, den Charakter Raymers für «Ein Mann der Tat» auszuweiten.

Jedes Mal, wenn ich eine Roy-Purdy-Szene schrieb, hatte ich das Gefühl, mich danach duschen zu müssen.

Wie haben Sie Hoffman persönlich erlebt?

Philip war einer der freundlichsten, sanftesten Menschen, die ich in Hollywood traf. Am Set wollte er immer sicher sein, dass alle wussten, wo abends das Dinner stattfand, und dass alle eine Mitfahrgelegenheit hatten. Wenn in «Ein Mann der Tat» Raymer anhält, um nach dem alten Mr. Hines zu sehen, dann ist das Philip. Philip wirkte auch wie ein Mensch, der trotz seinem grossen Talent immer streng mit sich selbst war. Extrem verletzlich, wie er mir schien, nahm er sich – wie Doug Raymer – Beleidigungen wahrscheinlich viel mehr zu Herzen als Komplimente.

Sie haben einmal gesagt, dass das Schreiben von Romanen eine Übung in Empathie sei. Wie schwierig war es für Sie, in «Ein Mann der Tat» einen brutalen Bösewicht wie Roy Purdy zu entwickeln?

Jedes Mal, wenn ich eine Roy-Purdy-Szene schrieb, hatte ich das Gefühl, mich danach duschen zu müssen. Selbst bei der Überarbeitung war es schwer, Distanz zu halten. Wenn ich das sage, schäme ich mich ein wenig zuzugeben, wie gut ich ihn verstand.

Aber wieso das Verständnis – wenn er Sie dermassen angeekelt hat?

Sicher, Verstehen kann zu Sympathie führen, aber das ist nicht das Gleiche. Die Szene im Diner, wenn Roys Vater beschliesst, seinem Sohn eine Lektion zu erteilen, ist ziemlich schrecklich. Man empfindet Mitleid für Roy, weil er ein Kind ist, selbst wenn wir schon wissen, welche Sorte Mann aus ihm werden wird. Männer wie Roy zu verstehen, ist letztlich ein wenig so, als glaubte man an so etwas wie die Erbsünde. Wir sind vielleicht nicht sündig geboren, aber mit der Befähigung zum Bösen und mit einem Verständnis dafür. Aber gibt es etwas Rätselhafteres als unsere Befähigung zum Guten?

Richard Russo auf Deutsch

mrz. · Der 1949 geborene Richard Russo wuchs in der Kleinstadt Gloversville in New York auf. Er promovierte an der University of Arizona und lehrte an verschiedenen Hochschulen, zuletzt am Colby College. Zu seinem ersten grossen Erfolg wurde 1993 «Nobody’s Fool», der in diesen Tagen in überarbeiteter Übersetzung unter dem Titel «Ein grundzufriedener Mann» neu aufgelegt wird. 2001 erschien Russos ein Jahr später mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman «Empire Falls», der erst 2016 auf Deutsch als «Diese gottverdammten Träume» herauskam. Russos achter Roman, «Everybody’s Fool», ist soeben im Dumont-Verlag unter dem Titel «Ein Mann der Tat» erschienen. Der Schriftsteller liest am 6. Juni um 20 Uhr im Kaufleuten in Zürich.

2001 schrieben Sie die Einführung zur Ausgabe von Richard Yates‘ «Collected Stories». Was hat Sie an seinem Schreiben fasziniert?

Yates‘ Prosa war ein Rettungsanker für mich, als ich versuchte das Schreiben von Geschichten zu erlernen. In einer Zeit grosser postmoderner Experimente fand ich in ihm diesen altmodischen Geschichtenerzähler, der über Menschen schrieb, die unterhalb des Kulturradars lebten. Das war es, was ich brauchte.

Yates kam in seinem letzten Apartment ohne jeden Wandschmuck aus. Aber über seinem Schreibtisch hing ein Zitat des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Adlai E. Stevenson: «Die Amerikaner gehen unbewusst immer davon aus, dass jede Geschichte zu einem Happy End führen müsse.» In Ihrem Essay über Yates schreiben Sie: «Das grausamste Versprechen der Demokratie liegt darin, dass jeder alles sein könne.» Kann man in diesen Sätzen die grossen Themen Ihrer eigenen Romane finden?

Ja, das stimmt, danke.

Europäer tun sich schwer damit, zu verstehen, warum Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt werden konnte. Wenn man Ihre Romane liest, begreift man das besser. In den Städten Empire Falls und North Bath begegnen wir einer Menge weisser Männer, über die Amerika hinweggegangen ist. Sind Ihre Romane ein Versuch, die derzeitigen Konflikte der amerikanischen Gesellschaft offenzulegen?

Die Konflikte der amerikanischen Gesellschaft offenlegen, das klingt ein wenig grossspurig, obwohl ich glaube, dass meine Romane von wichtigen Themen wie Klasse, Ungleichheit der Einkommen und sozialer Gerechtigkeit handeln. Donald Trump und – nicht zu vergessen – Bernie Sanders haben ein Licht auf Menschen geworfen, die die Eliten beider Parteien lange Zeit ignoriert hatten.

Während Sie ihnen Ihr Augenmerk schenkten. Warum?

Beinahe ausnahmslos lernen Schriftsteller das Rüstzeug ihres Handwerks anzuwenden, bevor sie begreifen, wer sie sind, das heisst einfach, wen und was sie lieben. Meine Romane sind Ausdruck dessen, was ich schätze: Liebe, harte Arbeit, Opfer, Familie, Freundschaft, Gemeinschaft, das übergeordnete Wohl. Und, ja, mein tief zerrissenes Land.

https://www.nzz.ch/feuilleton/richard-russo-im-gespraech-kleine-leben-gibt-es-nicht-ld.1298826

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