Vertrieben, vergiftet, vergessen: Uno entschädigt Roma in Kosovo nicht – Von Albanern in Kosovo vertriebene Roma wurden auf giftigen Bleiböden neu „beheimatet“. Die Erkrankungen und Todesfälle unter den Lagerbewohnern häuften sich. Doch das Provisorium dauerte an. Weshalb die Unterkünfte keine 200 Meter neben einer riesigen Halde mit Industrieabfällen aus der benachbarten Bleischmelzerei zu stehen kamen, weiss heute niemand mehr. Zweifellos gab es dort genügend Platz. Nicht weniger als fünf Unmik- (die zuständige UNO-Mission) Chefs kamen und gingen, während die Roma im Industriegebiet festsassen. Unter ihnen waren der französische Mitgründer der «Médecins sans Frontières» Bernard Kouchner, der deutsche Karrierediplomat Michael Steiner und der Däne Sören Jessen-Petersen, der ehemalige stellvertretende Hochkommissar des Uno-Flüchtlingshilfswerks. Schon im Jahr 2000 war der Unmik bekannt und durch wissenschaftliche Gutachten bestätigt, dass die vergifteten Böden ein hohes Gesundheitsrisiko darstellten, vor allem für Kinder. Im Februar 2016 hatte eine Menschenrechts-Kommission der Uno-Mission in Kosovo (Unmik) festgestellt, dass die Ansiedlung vertriebener Roma-Familien auf mit Blei vergifteten Böden in Nord-Mitrovica durch die Unmik rechtswidrig gewesen sei. Die Roma hätten Anrecht auf eine Entschuldigung und auf individuelle Entschädigung. Das Gutachten erregte Aufsehen, und die Angelegenheit blieb in der Schwebe, bis Uno-Generalsekretär António Guterres im Februar 2017 entschied, dass es weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung der Uno geben würde.

Uno entschädigt Roma in Kosovo nicht
Vertrieben, vergiftet, vergessen
von Andreas Ernst, Belgrad30.5.2017, 05:30 Uhr
Jahrelang sassen vertriebene Roma in Nordkosovo auf giftigen Bleiböden. Nun stiehlt sich die verantwortliche Uno-Mission aus der Verantwortung.
Die Unterkünfte der Roma befanden sich keine 200 Meter neben einer riesigen Halde mit Industrieabfällen. (Bild: Visar Kryeziu / AP)

Die Unterkünfte der Roma befanden sich keine 200 Meter neben einer riesigen Halde mit Industrieabfällen. (Bild: Visar Kryeziu / AP)

Ein Jahr lang durften die Betroffenen hoffen. Im Februar 2016 hatte eine Menschenrechts-Kommission der Uno-Mission in Kosovo (Unmik) festgestellt, dass die Ansiedlung vertriebener Roma-Familien auf mit Blei vergifteten Böden in Nord-Mitrovica durch die Unmik rechtswidrig gewesen sei. Die Roma hätten Anrecht auf eine Entschuldigung und auf individuelle Entschädigung.

Das Gutachten erregte Aufsehen, und die Angelegenheit blieb in der Schwebe, bis Uno-Generalsekretär António Guterres im Februar 2017 nach einer Sitzung mit der Rechtsabteilung entschied, dass es weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung der Uno geben würde. Stattdessen wolle die Uno Geld sammeln, um Hilfsprojekte für die Roma in Mitrovica und Umgebung zu finanzieren. Guterres bittet um Spenden und verspricht, man werde «Lehren aus dieser Erfahrung» ziehen.

Vertrieben und vergessen

Leidtragende dieser Erfahrung waren allerdings die Roma-Familien, die 1999 von bewaffneten Albanern aus ihrer Siedlung am Südufer des Flusses Ibar nach Nord-Mitrovica weggetrieben worden waren. Dort errichtete die Unmik drei provisorische Lager für etwa 600 Personen. Weshalb die Unterkünfte keine 200 Meter neben einer riesigen Halde mit Industrieabfällen aus der benachbarten Bleischmelzerei zu stehen kamen, weiss heute niemand mehr. Zweifellos gab es dort genügend Platz.

Schon im Jahr 2000 war der Unmik bekannt und durch wissenschaftliche Gutachten bestätigt, dass die vergifteten Böden ein hohes Gesundheitsrisiko darstellten, vor allem für Kinder. Die Erkrankungen und Todesfälle unter den Lagerbewohnern häuften sich. Doch das Provisorium dauerte an. Nicht weniger als fünf Unmik-Chefs kamen und gingen, während die Roma im Industriegebiet festsassen. Unter ihnen waren der französische Mitgründer der «Médecins sans Frontières» Bernard Kouchner, der deutsche Karrierediplomat Michael Steiner und der Däne Sören Jessen-Petersen, der ehemalige stellvertretende Hochkommissar des Uno-Flüchtlingshilfswerks.

Auf der Verliererseite

2006 wurden die Roma in ein weiteres Provisorium umgesiedelt, das ehemalige Militärcamp Osterode. Es ist schwer nachzuvollziehen, weshalb es elf Jahre dauerte, bis 2010 ein Teil der Familien in ihre wiederaufgebaute Siedlung am Ibar-Ufer zurückkehren konnten. An fehlendem Geld lag es kaum. Von ihrem Start im Sommer 1999 bis zur Unabhängigkeitserklärung Kosovos 2008 gab die Unmik laut Schätzungen 33 Milliarden Euro aus. Dass ihr auch kleine Minderheiten wichtig waren, zeigte sich daran, dass sie bei den ersten Wahlen in Kosovo eigens Stimmzettel für Blinde in Brailleschrift anfertigen liess. Die Roma, die im Konflikt zwischen Serben und Albanern nie etwas zu gewinnen hatten, gingen hingegen auf den vergifteten Böden Mitrovicas vergessen.

https://www.nzz.ch/international/uno-entschaedigt-roma-in-kosovo-nicht-vertrieben-vergiftet-vergessen-ld.1298271

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s