Wie israelische Soldaten zur Besatzungsarmee wurden und was es heißt, Kindern ihre Väter zu nehmen. 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg Israels – Stimmen israelischer Soldaten, die bis heute nicht gern gehört werden wollen und doch so wichtig sind: „Wir töteten einen ägyptischen Offizier im Kampf, und dann dachten wir, es könnte nützlich sein, ihm seine Papiere abzunehmen. Und plötzlich finde ich unter seinen Papieren ein Foto von zwei kleinen, lächelnden Kindern am Strand. […] Sofort dachte ich […]: Wie ist einer Familie zumute, deren Sohn gefallen ist? Und da bin ich – und habe einen Familienvater getötet. Da zerreißt es dich.“ „Das ist kein Gefühl der Freude oder des großen Triumphes – unsere Stiefel im Nacken der Araber. Wir haben gewonnen, wir haben sie erledigt. Aber ich glaube nicht, dass wir zum letzten Mal die Uniformen angezogen haben…weil wir eine Besatzungsarmee geworden sind. Du kannst es ‚verwaltete Gebiete‘ nennen, aber wir sitzen auf einem Stück Land mit einer tief verwurzelten, arabischen Bevölkerung. Und ich glaube, in der nächsten Runde wird der Hass der Araber auf uns noch viel größer sein. Und der nächste Krieg noch grausamer.“ „Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass jede Besatzung ein Fluch ist. Ich denke, dass das, was mit uns passiert ist nach dem Sechstagekrieg – die Besatzung und die Gier nach mehr (weitere Siedlungen, um genau zu sein) -, ich denke, dass dies das größte Unrecht ist, das der Zionismus gebracht hat, und gleichzeitig sein größter Fehler.“

Persönliche Bemerkung: Ich kannte einen PLO-Kämpfer, der gegen Israel Krieg führte. Als ihm seine palästinensische Mutter fragt, ob ihm klar sei, dass die Israelis, die er töten wolle, doch auch Väter und Söhne seien, um die Mütter und Kinder weinen werden. Er weigerte sich danach weiterzukämpfen und floh vor dem Krieg nach Deutschland. Leider habe ich zu ihm den Kontakt verloren. Wolfgang Lieberknecht

Deutschlandfunk:

Sechstagekrieg:
Die Schattenseiten des Sieges

Anfang Juni 1967 begann und gewann Israel den Sechstagekrieg. Wenn das Land nun den 50. Jahrestag begeht, dann ist das eine Heldengeschichte. Eine Art Gegennarrativ entwerfen der israelische Schriftsteller Amos Oz und der frühere Literaturprofessor Avraham Shapira. „Man schießt und weint“ dokumentiert Gespräche mit israelischen Soldaten.

Von Ina Rottscheidt

Israelische Truppen auf einem Kommandoposten in der Negev-Wüste am 05.Juni.1967. Der sogenannte Sechstagekrieg dauerte vom 5. bis 10. Juni 1967. (UPI)

Israelische Truppen auf einem Kommandoposten in der Negev-Wüste am 05.Juni.1967. Der sogenannte Sechstagekrieg dauerte vom 5. bis 10. Juni 1967. (UPI)
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Das Bild von den Soldaten, die an der Klagemauer vor Ergriffenheit weinen, ging um die Welt. Für die Juden erfüllte sich damals eine uralte Sehnsucht: nach Jerusalem, der Stadt Davids und der Klagemauer, dem heiligsten Ort für das jüdische Volk. Erstmals war sie unter ihrer Kontrolle.

In nur sechs Tagen eroberte die israelische Armee im Juni 1967 neben Ost-Jerusalem auch die Golanhöhen, das Westjordanland, Gaza und den Sinai. Aus Sicht Israels ein Präventivschlag, dem eine massive Bedrohung durch die arabischen Nachbarstaaten vorausgegangen war – allen voran Ägypten. In Israel herrschte damals – gut 20 Jahre nach dem Holocaust – die Angst vor der totalen Vernichtung. Wie ein Wunder wurde dann der Sieg gefeiert, mit dem kaum einer gerechnet hatte:

„Das Land schäumte regelrecht über und die Euphorie kannte keine Grenzen. Siegesalben, Siegesbücher, Siegeskult, Heldenkult, Nationalkult, Kult um die heiligen Orte. Doch kein Mensch sprach vom menschlichen Leid und erst Recht nicht vom besiegten Feind.“

…das diagnostiziert der damals noch junge Literaturlehrer Amos Oz. Gemeinsam mit dem Journalisten und späteren Judaistik-Professor Avraham Shapira beschließt er, genau das zu tun: Nach Leid und Gefühlen zu fragen. Beide waren selbst im Krieg gewesen. Beide waren sie Mitglieder eines Kibbuz. In der geschützten Atmosphäre dieser Gruppen war es ihnen möglich, hinter die Fassaden zu schauen:

„Wir töteten einen ägyptischen Offizier im Kampf, und dann dachten wir, es könnte nützlich sein, ihm seine Papiere abzunehmen. Und plötzlich finde ich unter seinen Papieren ein Foto von zwei kleinen, lächelnden Kindern am Strand. […] Sofort dachte ich […]: Wie ist einer Familie zumute, deren Sohn gefallen ist? Und da bin ich – und habe einen Familienvater getötet. Da zerreißt es dich.“

Von Todesangst und Ohnmacht

Und so erzählen Dutzende Soldaten von ihren Erlebnissen. Davon, wie es sich anfühlt, das erste Mal an der Front zu sein. Das erste Mal eine Leiche zu sehen; selbst zu töten oder mitzuerleben, wie der Kamerad stirbt. Sie erzählen von Zweifeln und Todesangst:

„Wenn du so im Sand liegst und hast nirgends die Möglichkeit, wirklich Deckung zu finden, […] und ein Flugzeug nähert sich, und du siehst ein immer größer werdendes Monstrum, ein riesiger Krach, es feuert, und du hast keine Möglichkeit, irgendetwas zu tun und liegst nur so da, dann kommt das Gefühl, dass das Ende naht.“

So entstanden rund 200 Stunden Tonbandmaterial, das Oz und Shapira auswerteten. Als sie sich dann entschlossen, die Inhalte als Buch 1968 zu veröffentlichen, war die öffentliche Empörung groß. Oz und Shapira galten als Nestbeschmutzer, als Verräter am Heldenmythos. Teile des Buches zensierte das Militär. Trotzdem wurde es zum Bestseller. Allein im ersten Jahr kauften die Israelis rund 120.000 Exemplare.

Interviews wurden zum Film

Die Tonbänder hielten die beiden Jahrzehntelang unter Verschluss. Bis 2015, als eine junge israelische Filmemacherin sie zu dem Dokumentarfilm „Censored Voices“ – zu Deutsch: „Zensierte Stimmen“ – verarbeitete. Erstmals hört man darin die dem Buch zugrunde liegenden Originalstimmen:

„Das ist kein Gefühl der Freude oder des großen Triumphes – unsere Stiefel im Nacken der Araber. Wir haben gewonnen, wir haben sie erledigt. Aber ich glaube nicht, dass wir zum letzten Mal die Uniformen angezogen haben…weil wir eine Besatzungsarmee geworden sind. Du kannst es ‚verwaltete Gebiete‘ nennen, aber wir sitzen auf einem Stück Land mit einer tief verwurzelten, arabischen Bevölkerung. Und ich glaube, in der nächsten Runde wird der Hass der Araber auf uns noch viel größer sein. Und der nächste Krieg noch grausamer.“

Der Soldat Avishai Grossmann sollte Recht behalten. 1967 war nicht der letzte Krieg in Israel. Der Sechstagekrieg legte die Grundlagen für die Situation, die bis heute im Wesentlichen gleich geblieben ist: Der damals um seine Existenz bangende Staat demonstrierte Stärke und Überlegenheit. Doch durch die Eroberung von Gebieten wurde er auch zur Besatzungsmacht: der Ausgangspunkt für alle folgenden Konflikte.

360 Seiten mit transkribierten Gesprächen: Das Buch von Amos Oz und Avraham Shapira hat seine Längen. Und es hätte auch nicht geschadet, zumindest die fremdsprachigen Ausgaben in den historischen Kontext einzubinden. Denn wer nicht mit den Ereignissen von 1967 vertraut ist, versteht die Zusammenhänge nur schwer.

Die Folgen der Besatzung und die Widersprüche einer Heldengeschichte

Das Buch zeichnet das Bild von Soldaten, die zwar einen großen Sieg für ihr Land einfuhren, aber selbst darunter leiden. Darauf spielt wohl auch der deutsche Titel: „Man schießt und weint“ an. Aber entspricht das der ganzen Wahrheit? Nach Angaben von Oz und Shapira zensierte das Militär damals, in den 60er Jahren, große Teile des Buches. Und Shapira selbst gibt zu Protokoll, Teile nicht veröffentlicht zu haben, weil sie ihn zu sehr schockiert hatten. Die Aussagen der Soldaten dürfen also nicht als repräsentativ gesehen werden, das macht sie aber nicht weniger wahr.

Denn wenn in diesen Tagen Israel den 50. Jahrestag des Sechstagekrieges begeht, dann werden Erinnerungen an einen Befreiungsschlag beschworen, an heldenhafte Soldaten, die das Land vor seiner Vernichtung bewahrten. Dieses Buch setzt einen wichtigen Kontrapunkt zu der offiziellen Rhetorik und er erzählt eine Wahrheit, die damals wie heute nicht gerne gehört wird.

„Die Menschen dachten, dass es Frieden geben würde und sich die Araber schon damit abfinden werden, dass sie machtlos sind und ihre Niederlage schließlich akzeptieren. […] Im Gegensatz zur allgemeinen Empfindung, dass jetzt alles gut würde, hatte ich das Gefühl, dass das Blutvergießen und das Leid nicht zu Ende waren.“

Und das Buch gibt auch eine Ahnung davon, wie die israelische Gesellschaft mit sich ringt: um das Selbstbildnis vom moralisch überlegenen Kampf für die eigene Existenz und von der einzigen Demokratie im Nahen Osten mit der Besatzung in Einklang zu bringen. Und dass der Sieg gleichzeitig eine Tragödie war, weil er die Grundlage für einen bis heute andauernden Konflikt bildet.

„Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass jede Besatzung ein Fluch ist. Ich denke, dass das, was mit uns passiert ist nach dem Sechstagekrieg – die Besatzung und die Gier nach mehr (weitere Siedlungen, um genau zu sein) -, ich denke, dass dies das größte Unrecht ist, das der Zionismus gebracht hat, und gleichzeitig sein größter Fehler.“

Amos Oz und Avraham Shapira: „Man schießt und weint. Gespräche mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg“
Westend Verlag, 360 Seiten, 24 Euro.

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