Die Doppelmoral vieler Europäer: Die europäischen Einwanderer beschweren sich: Warum den Menschen, die vor unserer Ankunft schon 50.000 Jahre in Australien gelebt haben, (mehr) Rechte auf das Land geben als uns? Australien strich vor einem halben Jahrhundert diskriminierende Bestimmungen gegen Aborigines aus der Verfassung. Doch deren Lage hat sich seither nur beschränkt verbessert. Heute stellen Aborigines weniger als drei Prozent der Gesamtbevölkerung Australiens. In der Mehrheit sind sie nur in gewissen abgelegenen Gebieten. Jahrzehnte der Vertreibung von ihrem angestammten Land, Massaker gegen Stämme, die Widerstand leisteten, und die erzwungene Trennung der Kinder von ihren Eltern – die sogenannte gestohlene Generation – haben tiefe Spuren hinterlassen. Vor allem viele der isolierten, ländlichen Gemeinden sind kaum funktional. Alkoholmissbrauch grassiert, viele Familien sind zerrüttet, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Aborigine im Gefängnis sitzt, ist dreizehnmal so hoch wie bei einem Nicht-Aborigine. Die Menschen, die vor der Invasion der Europäer schon 50.000 Jahre in Australien gelebt hatten, fordern ein politisches Gremium, das als Stimme der Aborigines dienen soll. Dieses soll in der Verfassung verankert werden. Auch schwebt den Delegierten eine Wahrheitskommission nach dem Modell von Südafrika vor, welche die Geschichte aufarbeitet. Zusätzlich wollen die Aborigines mit der australischen Föderation Verträge schliessen, wie dies zum Beispiel Neuseeland mit den Maori schon vor 177 Jahren gemacht hat. Forderungen nach einer politischen Vertretung, nach Verträgen und einer Wahrheitskommission werden es schwer haben. Denn viele Nicht-Aborigines sehen nicht ein, warum die Ureinwohner eine Sonderbehandlung haben sollen. Vor allem die weisse Unterschicht beklagt sich, dass für die Aborigines jedes Jahr Abermillionen ausgegeben würden, das Resultat aber kläglich sei. Auf die massive Unterstützung, die sie 1967 hatten, können die Aborigines nicht mehr zählen.

50 Jahre seit wegweisendem Referendum

Als Australien neben Schafen und Rindern auf einmal auch Aborigines zählte

von Patrick Zoll, Sydney29.5.2017, 04:51 Uhr
Australien strich vor einem halben Jahrhundert diskriminierende Bestimmungen gegen Aborigines aus der Verfassung. Doch deren Lage hat sich seither nur beschränkt verbessert.
Aborigines bei einer Demonstration vor dem Parlamentsgebäude in Canberra im Jahre 2015. (Bild: Mick Tsikas / Reuters)

Aborigines bei einer Demonstration vor dem Parlamentsgebäude in Canberra im Jahre 2015. (Bild: Mick Tsikas / Reuters)

90,2 Prozent Ja hiess das überwältigende Resultat beim Referendum, über das Australien am 27. Mai 1967 abstimmte. Damit wurden zwei Passagen aus der Verfassung gestrichen, welche bis dahin die Diskriminierung der Ureinwohner Australiens festgeschrieben hatten. So sollten künftig Aborigines und die Einwohner der Inseln in der Torres Strait in Volkszählungen mitgezählt werden. Und neu war in erster Linie die Föderation, also Canberra, für die Aborigines zuständig und nicht mehr die einzelnen Teilstaaten und Gebiete.

Bei Volkszählung ignoriert

Der erste Schritt war vor allem von grosser symbolischer Bedeutung. Schon kurz nachdem die britischen Kolonien in Australien gegründet worden waren, erhoben die Behörden Statistiken darüber, wie viele Schafe und Rinder gezüchtet, wie viel Getreide angepflanzt und wie viele Bodenschätze ausgegraben wurden. Und natürlich auch, wie viele Menschen einwanderten und wie sich die Bevölkerung entwickelte. Doch die Zahl der Aborigines, die den Kontinent seit 50 000 Jahren bevölkerten, interessierte niemanden. «Wir Black Fellas scherzten, dass wir wohl Teil der Flora und Fauna seien, weil wir ja nicht als Menschen betrachtet wurden», beschreibt ein Aborigine-Künstler, der 1967 geboren wurde, die absurde Situation in einem Interview mit dem öffentlichrechtlichen Sender ABC: «Doch das stimmte nicht einmal. Wir existierten überhaupt nicht.»

«Wir Black Fellas scherzten, dass wir wohl Teil der Flora und Fauna seien, weil wir ja nicht als Menschen betrachtet wurden. Doch das stimmte nicht einmal. Wir existierten überhaupt nicht.»

Der zweite Schritt versprach eine gewisse Gleichbehandlung, waren die Aborigines in den verschiedenen Teilstaaten doch völlig unterschiedlichen Gesetzen unterworfen. So durften sie in New South Wales auf regionaler Ebene abstimmen, frei heiraten, sie hatten rechtliche Kontrolle über ihre Kinder, durften sich frei bewegen und Eigentum besitzen. In Western Australia und Queensland hingegen waren den Aborigines all diese grundsätzlichen Rechte verwehrt. Die Regelungen in den anderen Staaten lagen dazwischen. Auch wenn sie zuerst zögerte, übernahm in den Jahren nach dem Referendum die föderale Regierung in Canberra die Führung in Bezug auf Gesetze, die Aborigines betrafen.

Die Aborigine-Führer versammeln sich am Uluru

Heute stellen Aborigines weniger als drei Prozent der Gesamtbevölkerung Australiens. In der Mehrheit sind sie nur in gewissen abgelegenen Gebieten, insbesondere im menschenleeren Northern Territory und in Western Australia. In den grossen Städten hingegen sind sie kaum sichtbar. Der Didgeridoo-Spieler am Circular Quai dürfte für viele Einwohner Sydneys der einzige Aborigine sein, dem sie im Alltag begegnen. Zwar haben auch viele Aborigines eine Ausbildung gemacht und sind in die Mittelklasse aufgestiegen. Doch Jahrzehnte der Vertreibung von ihrem angestammten Land, Massaker gegen Stämme, die Widerstand leisteten, und die erzwungene Trennung der Kinder von ihren Eltern – die sogenannte gestohlene Generation – haben tiefe Spuren hinterlassen. Vor allem viele der isolierten, ländlichen Gemeinden sind kaum funktional. Alkoholmissbrauch grassiert, viele Familien sind zerrüttet, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Aborigine im Gefängnis sitzt, ist dreizehnmal so hoch wie bei einem Nicht-Aborigine.

Zum fünfzigsten Jahrestag des Referendums von 1967 sind am Fusse des Uluru (der Name des Ayers Rock in der Sprache der Ureinwohner) 250 Aborigine-Führer zusammengekommen. Während dreier Tage diskutierten sie, ob und wie die Aborigines in der australischen Verfassung anerkannt werden sollen. Die beiden grossen nationalen Parteien, die Liberals und Labor, hatten im Vorfeld versprochen, dass sie ein Referendum über die Anerkennung der Aborigines in der Verfassung unterstützen würden. Doch die Delegierten der verschiedenen Stämme lehnten dies ab. Dies wäre nur ein symbolischer Schritt ohne Substanz, argumentieren sie.

Politische Stimme gefordert

Stattdessen fordern sie ein politisches Gremium, das als Stimme der Aborigines dienen soll. Dieses soll in der Verfassung verankert werden. Auch schwebt den Delegierten eine Wahrheitskommission nach dem Modell von Südafrika vor, welche die Geschichte aufarbeitet. Zusätzlich wollen die Aborigines mit der australischen Föderation Verträge schliessen, wie dies zum Beispiel Neuseeland mit den Maori schon vor 177 Jahren gemacht hat. In den Teilstaaten South Australia und Victoria sind entsprechende Verhandlungen schon im Gange. Alles, was eine Verfassungsänderung nach sich zieht, unterliegt allerdings einem Referendum. Die Regierung hat angedeutet, dass sie ein Referendum, das Gefahr läuft, zu scheitern, gar nicht erst zur Abstimmung bringen will. Forderungen nach einer politischen Vertretung, nach Verträgen und einer Wahrheitskommission werden es schwer haben. Denn viele Nicht-Aborigines sehen nicht ein, warum die Ureinwohner eine Sonderbehandlung haben sollen. Vor allem die weisse Unterschicht beklagt sich, dass für die Aborigines jedes Jahr Abermillionen ausgegeben würden, das Resultat aber kläglich sei. Auf die massive Unterstützung, die sie 1967 hatten, können die Aborigines nicht mehr zählen.

NZZ-Ozeanienkorrespondent Patrick Zoll auf Twitter oder Facebook folgen.

https://www.nzz.ch/international/aborigines-in-australien-seit-50-jahren-gezaehlt-aber-immer-noch-nicht-anerkannt-ld.1296572

Staatliche Kindsentführung
Australiens gestohlene Generation
von Viola Schenz, Newcastle22.7.2015, 06:00
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