Warum bombardieren Muslime jetzt Menschen bei uns? Wenn wir die Frage stellen, warum christlich geprägte europäische Staaten seit dem Ersten Weltkrieg muslimische Länder terrorisiert, erobert, unterworfen und ausgebeutet haben, werden wir eine der Antworten finden? Die meisten bei uns wurden und werden darüber nicht informiert. Hier eine der Daten.

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Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung

Nach dem ersten Weltkrieg teilen die Siegermächte den Nahen Osten unter sich auf. Nur nach und nach erlangen die arabischen Staaten ihre Unabhängigkeit, ein gemeinsames arabisches Nationalgefühl entsteht und verschwindet wieder. Erst der gemeinsame Feind, der neue Staat Israel, schweißt die arabischen Staaten zusammen.

Der Traum von einem arabischen Großstaat: 1958 schließen sich Ägypten, Syrien und Jemen zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen.Der Traum von einem arabischen Großstaat: 1958 schließen sich Ägypten, Syrien und Jemen zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen. (© picture-alliance/dpa-UPI)

Einleitung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die meisten Einwohner des Nahen Ostens und Nordafrikas Untertanen des Osmanischen Sultans, der als Kalif für viele auch gleichzeitig das religiöse Oberhaupt darstellte. Zwar entstanden in dieser Zeit erste Ansätze einer arabischen Nationalbewegung, aber vornehmlich als Reaktion auf den erstarkenden türkischen Nationalismus und ohne zentrale Führung. „Nahda“ (Erwachen) war das Schlüsselwort für die frühen arabischen Nationalisten. In ihren Klubs diskutierten sie ein breites Spektrum philosophischer, naturwissenschaftlicher und literarischer Fragen; bis zum Ersten Weltkrieg forderten sie eher eine Gleichberechtigung bzw. Anerkennung ihrer Kultur – etwa durch die Zulassung des Arabischen als Amtssprache – als staatliche Souveränität für arabischsprachige Regionen.

Erst die Gegnerschaft zwischen der Entente (Großbritannien, Frankreich, Russland) und den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich) im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 politisierte die Bewegung, weil sich ihren Emanzipationsbestrebungen jetzt die Unterstützung durch Großbritannien und Frankreich bot. Als der Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif im November 1914 zum „Heiligen Krieg“ gegen die ungläubigen Feinde, also die Entente, aufrief, suchte London eine arabische muslimische Persönlichkeit, die hinreichend renommiert war, um dem osmanischen Aufruf zum Dschihad die Gefolgschaft zu entziehen. Der britische Vorschlag, das Kalifat wieder „in arabische Hände“ zu legen, wurde vom Scherifen Hussein von Mekka, aus der Prophetenfamilie der Bani Haschim (Haschimiten), bereitwillig aufgenommen. Er wollte nicht nur arabischer Kalif, sondern auch Führer eines zukünftigen arabischen Einheitsstaates werden. Deshalb nahm er 1915 einen lebhaften Briefwechsel mit dem Hochkommissar des britischen Protektorats Ägypten, Henry McMahon, auf. Dieser schickte seinerseits Abgesandte, allen voran Thomas Edward Lawrence („Lawrence von Arabien“), um die Araber unter Führung des Scherifen zum offenen Aufstand gegen die Osmanen zu bewegen. Der „Aufstand in der Wüste“ brach im Juni 1916 tatsächlich aus und störte empfindlich die Nachschub- und Verbindungslinien der Osmanen auf der arabischen Halbinsel.
Als Gegenleistung für die militärische Unterstützung versprach die britische Regierung, nach dem Sieg über das Osmanische Reich einen unabhängigen arabischen Staat zu gewähren. Nach der Kapitulation der Osmanen am 30. Oktober 1918 hatten die aufständischen Araber also allen Grund, von der Einlösung der britischen Zusicherungen auszugehen. Sie konnten nicht wissen, dass sich London schon längst mit Paris anderweitig geeinigt hatte. Am 16. Mai 1916 waren die britischen und französischen Diplomaten Mark Sykes und Georges Picot übereingekommen, die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches in Form von „Einflusszonen“ untereinander aufzuteilen (Sykes-Picot-Abkommen). Ein gutes Jahr später, am 2. November 1917, hatte der britische Außenminister Arthur James Balfour zudem im Namen seiner Regierung erklärt, die Errichtung einer „jüdischen Heimstatt“ in Palästina zu unterstützen (Balfour-Deklaration). Damit waren schon vor der osmanischen Niederlage weitreichende Entscheidungen gefallen.

Aus gutem Grund hielten Frankreich und insbesondere Großbritannien die Abkommen geheim, denn sie bedeuteten nichts weniger als den Bruch aller Zusagen gegenüber den Arabern, allen voran Hussein von Mekka. Bis zum Kriegsende war London natürlich an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert. Noch im Januar 1918 hatte die britische Regierung, gemeinsam mit der französischen, eine Deklaration über die „Befreiungsmission“ verfasst, die den „von den Türken unterdrückten Völkern“ die Souveränität nach dem „Sieg über den gemeinsamen Feind“ verhieß. Letzteres erfolgte wohl notgedrungen: Im gleichen Monat hatte US-Präsident Woodrow Wilson seinen 14-Punkte-Plan verkündet, der allen Völkern der Erde das Recht auf Selbstbestimmung zusprach, von London und Paris aber als Fehdehandschuh eines weiteren Mitbewerbers um die Neuordnung der Region mit ihren vermuteten reichen Erdölschätzen interpretiert wurde.

Letztlich sorgte die Oktoberrevolution in Russland 1917 für die Aufdeckung der britisch-französischen Geheimpläne. In ihrem Bestreben, die „verbrecherischen“ Pläne des gestürzten Zaren und seiner „imperialistischen Helfershelfer“ zu enthüllen, öffneten die Bolschewiken die geheimen Staatsarchive. Im Januar 1918 kam so auch eine Kopie des Sykes-Picot-Abkommens ans Tageslicht; die Fiktion der „Befreiungsmission“ war nicht länger aufrechtzuerhalten.

Staatsbildung im Schatten des Verrats

Nachrichten verbreiteten sich bekanntlich vor einem Jahrhundert ungleich langsamer als in der Gegenwart. Als Faisal, der Sohn des Scherifen Hussein, Anfang Oktober 1918 an der Spitze der mit der britischen Orientarmee unter General Allenby verbündeten arabischen Truppen in Damaskus einmarschierte, waren ihm über das Sykes-Picot-Abkommen allenfalls Gerüchte zu Ohren gekommen. Deshalb schickte er sich umgehend an, die syrische Metropole zur Hauptstadt des nun zu errichtenden arabischen Reiches zu machen. Am 5. Oktober 1918 ernannte er einen „Direktorenrat“, quasi eine provisorische Regierung. Gemäß der Bestimmungen des Sykes-Picot-Abkommens, die Syrien Frankreich zugesprochen hatten, begann am 22. Oktober 1918 der britische Rückzug aus Syrien und der Ersatz durch französische Truppen, der am 1. November 1919 abgeschlossen war. Jetzt konnten Faisal und die arabische Nationalbewegung nicht länger die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die britischen Verbündeten offensichtlich nicht gedachten, den während des Krieges eingegangenen Vertrag einzuhalten. Vielmehr deutete sich die Ablösung der osmanischen Herrschaft durch eine neue, europäisch-westliche an. Nicht nur in Syrien, sondern auch in anderen arabischen Regionen von Irak im Osten über Ägypten im Zentrum bis Marokko im Westen erhoben sich daraufhin die Bewohner gegen die Ausweitung und Vertiefung der kolonialen Unterdrückung. Britische und französische Truppen konnten die heftigen Aufstände in ihren jeweiligen Einflussgebieten zwar blutig niederschlagen, aber der Westen hatte das in ihn gesetzte Vertrauen endgültig verspielt.

Britisch-Französische Interessengebietsaufteilung 1916Britisch-Französische Interessengebietsaufteilung 1916 (© http://www.passia.org – Mahmoud Abu Rumieleh)

Unter dem Eindruck der revolutionären Nachkriegsunruhen in Europa und im Nahen Osten, Lenins Machtübernahme in Russland sowie der Offerten von US-Präsident Wilson an antikoloniale Bewegungen veränderten London und Paris die Form ihrer Kolonialherrschaft. Am 20. April 1920 ließen sie sich in San Remo seitens des von ihnen dominierten Völkerbunds „Mandate“ über die begehrten Gebiete erteilen, um sie auf die Unabhängigkeit „vorzubereiten“. In leichter Abänderung des Sykes-Picot-Abkommens erfolgte nun eine Aufteilung Syriens in Palästina, Libanon und „Rest-Syrien“, wobei die beiden letztgenannten Regionen unter französisches, Palästina – ebenso wie der östliche Nachbar Irak – unter britisches Mandat fielen. In diesem Gefüge war für Faisal zunächst kein Platz mehr. Am 28. Juli 1920 unterlag er südlich von Damaskus französischen Truppen und floh ins italienische Exil. Doch am 21. August 1921 ernannten ihn seine ehemaligen britischen Verbündeten zum König des Irak. Fast gleichzeitig bestätigten sie auch die Herrschaft seines Bruders Abdullah über Transjordanien. Ihr Vater, Scherif Hussein, musste hingegen 1924 vor Ibn Sa‘ud, dem Begründer des modernen Saudi-Arabien, kapitulieren. Letztlich war die Inthronisierung Faisals symptomatisch für die europäische Kolonialstrategie. In der Regel sicherte das Mandatssystem das nahezu uneingeschränkte Wirken eines Hochkommissars im jeweiligen Mandatsgebiet. Wurde der Widerstand der Einheimischen aber zu groß und standen hinreichend verlässliche Bündnispartner im Mandat zur Verfügung, wählten Großbritannien und Frankreich in der Folgezeit einen indirekteren Weg der Herrschaftssicherung durch die Einrichtung von Marionettenregimen. So erreichten Staaten wie etwa Ägypten oder Irak die formale Unabhängigkeit schon vor dem Zweiten Weltkrieg, die faktische aber – wie die meisten anderen Staaten des Nahen Ostens auch – erst weit danach.

mehr: http://www.bpb.de/156593/zwischen-kolonialismus-und-nationenbildung?p=all

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