Nachdem im letzten Jahr rund 5000 Menschen im Mittelmeer ihr Leben gelassen hatten, droht nun eine noch grössere Katastrophe. Laut IOM sind 2017 bereits 1340 Migranten auf der Fahrt nach Europa ertrunken. Erst am Mittwoch sind mindestens 34 Personen umgekommen, nachdem ein mit 700 Personen völlig überladenes Boot vor der libyschen Küste in Seenot geraten war. In den Sommermonaten könnten Tausende hinzukommen. Mehr Menschen als je zuvor dürften in diesem Sommer versuchen, in Schlepperbooten von Libyen nach Italien zu gelangen. Die Uno spricht von «entsetzlichen Bedingungen» in libyschen Migrantenlagern. Die EU arbeitet mit der international anerkannten Einheitsregierung zusammen. Diese beherrscht aber nur kleine Teile des Landes und einen Bruchteil der 1800 Kilometer langen Küste. Menschenrechtsorganisationen haben die Kooperation der EU mit Libyen zuletzt immer wieder scharf kritisiert. Der Deal laufe darauf hinaus, so eine Vertreterin von Human Rights Watch, die «Verantwortung an ein Land auszulagern, das von einem Konflikt zerrissen ist und in dem Migranten schrecklichen Misshandlungen ausgesetzt sind».

Migration über das Mittelmeer
Bis zu 300 000 Migranten an Italiens Küste erwartet
von Fabian Urech26.5.2017, 15:28 Uhr
Mehr Menschen als je zuvor dürften in diesem Sommer versuchen, in Schlepperbooten von Libyen nach Italien zu gelangen. Die Uno spricht von «entsetzlichen Bedingungen» in libyschen Migrantenlagern.
Letztes Jahr ertranken über 5000 Migranten im Mittelmeer, dieses Jahr könnten es noch mehr werden. (Bild: Darrin Zammit Lupi / Reuters)

Letztes Jahr ertranken über 5000 Migranten im Mittelmeer, dieses Jahr könnten es noch mehr werden. (Bild: Darrin Zammit Lupi / Reuters)

Italiens Küstenwache steht vor einem unruhigen Sommer. In den kommenden Monaten dürften täglich mehrere tausend Migranten die gefährliche Überfahrt von Libyen in das rund 300 Kilometer entfernte Italien versuchen.

Mehr als 54 000 Migranten sind seit Jahresbeginn bereits an Italiens Küste angekommen, 45 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Laut Schätzungen könnten es im laufenden Jahr bis zu 300 000 werden. Im vergangenen Jahr hatten 180 000 Migranten das Mittelmeer überquert – bereits dies war ein Rekord.

Schleppertum floriert im libyschen Chaos

Der rapide Anstieg geht wesentlich auf die chaotische politische Lage in Libyen zurück. Dem Land fehlt eine stabile Führung, weite Teile werden von bewaffneten Milizen kontrolliert, verschiedene Regierungen stehen in Konkurrenz zueinander. Für die gut organisierten Schlepperbanden, die die Überfahrten in den oft maroden und überfüllten Booten organisieren, ist das ein ideales Geschäftsumfeld.

Für die Migranten stellt Libyen derweil angesichts fehlender Alternativrouten ein notwendiges Übel dar. Nach Angaben internationaler Organisationen halten sich derzeit bis zu eine Million Menschen in dem nordafrikanischen Land auf, die nach Europa übersetzen wollen. Die meisten von ihnen stammen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara.

Seitdem die östliche Landroute über Griechenland und den Balkan durch das Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei praktisch geschlossen ist, befinden sich auf den Schlepperbooten nach Italien aber auch immer mehr Menschen aus dem Nahen Osten oder Asien, etwa aus Syrien oder Bangladesh.

Schreckliche Bedingungen in Gefangenenlagern

In den vergangenen Wochen wiesen mehrere internationale Organisationen auf die katastrophalen Lebensbedingungen der Migranten in Libyen hin. Mehrere tausend werden in Gefangenenlagern festgehalten. Der Uno-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi zeigte sich nach einem Besuch eines entsprechenden Lagers in der Hauptstadt Tripolis unlängst schockiert über die «entsetzlichen Bedingungen». Die Hilfsorganisation Médecins sans Frontières berichtet von überfüllten Zellen, schlimmen sanitären Bedingungen und Mangelernährung unter den Gefangenen, die zum Teil tagelang nichts zu essen bekämen.

Bereits Anfang Mai hatte der Internationale Strafgerichtshof (ICC) angekündigt, Ermittlungen zu Verbrechen gegenüber Flüchtlingen in dem nordafrikanischen Land zu prüfen. Libyen sei ein «Marktplatz für den Handel mit Menschen» geworden, sagte die Chefanklägerin Fatou Bensouda. «Verbrechen wie Tötungen, Vergewaltigungen und Folter sind in den Lagern mutmasslich alltäglich.» Auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) wies unlängst darauf hin, dass in Libyen inzwischen regelrechte «Sklavenmärkte» existierten, auf denen Migranten gekauft und danach oft missbraucht und zu harter Arbeit gezwungen würden.

EU-Kooperation funktioniert nicht

Die EU hatte angesichts der wachsenden Migrationsströme übers Mittelmeer bereits im Februar beschlossen, ihre Kooperation mit Libyen auszubauen. Im Zentrum stehen dabei die Unterstützung der libyschen Küstenwache, Hilfe beim politischen Stabilisierungsprozess und der Aufbau von Flüchtlingslagern auf libyschem Boden. Auch sollen die Bedingungen in den bereits bestehenden Lagern verbessert werden.

Bis anhin erweist sich der nordafrikanische Staat allerdings als schwieriger Partner – die wachsende Zahl der Bootsflüchtlinge Richtung Europa ist ein deutlicher Beleg dafür. Die EU arbeitet mit der international anerkannten Einheitsregierung zusammen. Diese beherrscht aber nur kleine Teile des Landes und einen Bruchteil der 1800 Kilometer langen Küste.

Menschenrechtsorganisationen haben die Kooperation der EU mit Libyen zuletzt immer wieder scharf kritisiert. Der Deal laufe darauf hinaus, so eine Vertreterin von Human Rights Watch, die «Verantwortung an ein Land auszulagern, das von einem Konflikt zerrissen ist und in dem Migranten schrecklichen Misshandlungen ausgesetzt sind».

Bereits 1340 Tote

Unter den gegebenen Umständen werden sich nur wenige vor der Überfahrt nach Italien abhalten lassen. Die meisten Migranten scheinen unverändert bereit, das erhebliche Risiko, das mit dem Besteigen eines Schlepperboots verbunden ist, in Kauf zu nehmen.

Nachdem im letzten Jahr rund 5000 Menschen im Mittelmeer ihr Leben gelassen hatten, droht nun eine noch grössere Katastrophe. Laut IOM sind 2017 bereits 1340 Migranten auf der Fahrt nach Europa ertrunken. Erst am Mittwoch sind mindestens 34 Personen umgekommen, nachdem ein mit 700 Personen völlig überladenes Boot vor der libyschen Küste in Seenot geraten war. In den Sommermonaten könnten Tausende hinzukommen.

Migrations-Kooperation
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