Die von der Nato unterstützte UCK hat im Krieg gegen Serbien massive Verbrechen begangen. Die UCK-Rebellen, die in Kosovo bis heute an der Macht sind, verübten politische Attentate, unterhielten Gefangenenlager und führten Vergeltungsschläge durch gegen Serben und Roma nach dem Krieg und sie folterten. Eine Untersuchungskommission der EU hat nach eigenen Angaben klare Hinweise darauf, dass ranghohe Mitglieder der Kosovarischen Befreiungsarmee (UCK) während des Kosovo-Konflikts am Handel mit den Organen von Gefangenen beteiligt waren. Nach einem Bericht des Schweizer Ermittlers Dick Marty sollen kosovarische Untergrundkämpfer Serben und anderen Gefangenen Organe entnommen und verkauft haben. In dem Bericht wurde auch der Name des heutigen kosovarischen Ministerpräsidenten Hashim Thaci genannt. Menschen und auch UCK-Mitglieder, die heute gegen sie aussagen wollen, werden nicht selten von den heutigen Machthabern im Kosovo unter existenzbedrohenden Druck gesetzt. Einige wurden getötet. Andere überlebten nur, weil sie sich versteckten. Viele verweigern inzwischen aus Angst auszusagen. Für die meisten Kosovaren sind die Guerilleros der UCK Freiheitshelden. Doch ihre vielen Verbrechen gegen Serben und andere Gegner blieben bis heute ungesühnt. Die Mächtigen im Land tun alles, um die Aufklärung zu verhindern. Kritiker bemängeln, deren westliche Unterstützer hätten sich bisher im Interesse der politischen Stabilität davor gescheut, sie zur Verantwortung zu ziehen.

Aufarbeitung der UCK-Verbrechen

Zeugen leben in Kosovo gefährlich

von Serbeze Haxhiaj, Pristina23.5.2017, 09:00 Uhr
Ein neues Gericht kämpft mit alten Problemen, um ein dunkles Kapitel im Freiheitskampf des Balkanstaats zu beleuchten. Die Mächtigen im Land tun alles, um die Aufklärung zu verhindern.
Für die meisten Kosovaren sind die Guerilleros der UCK Freiheitshelden. Doch ihre vielen Verbrechen gegen Serben und andere Gegner bleiben ungesühnt. (Bild: Marco Di Lauro / AP)

Für die meisten Kosovaren sind die Guerilleros der UCK Freiheitshelden. Doch ihre vielen Verbrechen gegen Serben und andere Gegner bleiben ungesühnt. (Bild: Marco Di Lauro / AP)

Halil (Name geändert) öffnet die Metalltür und legt seine rechte Hand instinktiv auf die österreichische Glock-Pistole, die in einem Halfter an seinem Gürtel steckt. Eine Kamera überwacht den Eingang des Hauses, das etwas abseits der Strasse liegt. Siebzehn Jahre seien vergangen, erzählt Halil, seit er in einem geheimen Gefangenenlager in den albanischen Bergen von kosovarischen Freischärlern festgehalten und gefoltert wurde. Halils Vergehen hatte darin bestanden, dass er, ein Kosovo-Albaner, die Gegner der damaligen Rebellenorganisation UCK im Machtkampf nach dem Krieg unterstützt hatte. Um seine Sicherheit nicht zu gefährden, muss Halil anonym bleiben. Er lebt in Kosovo – mitten unter jenen, die ihn zum Schweigen bringen möchten. Illusionen darüber, dass seine Identität geheim bleibt, hat er keine. «Die ehemaligen UCK-Kämpfer kennen uns.»

«Gefoltert und getötet»

Halil will gegen seine Peiniger aussagen, vor den «Kosovo Specialist Chambers», einem neugeschaffenen Gericht in den Niederlanden (siehe Zusatztext). Es soll Licht auf die dunkle Seite des Freiheitskampfes gegen die serbische Unterdrückung werfen, den 1999 auch Nato-Bomber unterstützten. Die UCK-Rebellen, die in Kosovo bis heute an der Macht sind, verübten politische Attentate, unterhielten Gefangenenlager und führten Vergeltungsschläge durch gegen Serben und Roma nach dem Krieg. Kritiker bemängeln, deren westliche Unterstützer hätten sich im Interesse der politischen Stabilität davor gescheut, sie zur Verantwortung zu ziehen.

Neues Kosovo-Tribunal
Der lange Weg zur Gerechtigkeit
von Andreas Ernst, Belgrad23.5.2017, 11:58

Der Erfolg des Gerichts wird angesichts des Mangels an belastendem Material von Halil und anderen abhängen, die bereit sind, gegen einflussreiche ehemalige Freischärler auszusagen. Einige Zeugen bezahlten ihre Kooperation mit der Anklage mit ihrem Leben, andere haben im Ausland neue Identitäten erhalten. Halil weigert sich zu gehen. «Ich bin nicht jung. Ich habe Kinder, die mit ihren Familien hier leben. Wir können nicht alle wegziehen», meinte er. Dazu kommt Entschlossenheit: «Sie haben uns gefoltert und getötet, doch ich lebe, um Zeugnis abzulegen.»

«Eine dunkle Wolke»

Der amerikanische Ermittler Clint Williamson, dessen Verfahren die Grundlage für das neue Gericht schuf, warnte 2014 allerdings vor anhaltenden Bestrebungen, seine Arbeit durch Einflussnahme auf Zeugen zu untergraben. Auch frühere von der Uno-Mission Unmik und später von der EU-Rechtsstaatsmission Eulex angestrengte lokale Verfahren kämpften mit diesem Problem. «Solange einflussreiche Personen versuchen, die gegen sie gerichteten Ermittlungen zu konterkarieren, wird die Bevölkerung den Preis dafür zahlen, da dies wie eine dunkle Wolke über dem Land hängt», sagte er warnend. Zwar konnten die Zeugen ihre Gesichter und Stimmen unkenntlich machen. Da die Angeklagten das Recht hatten zu wissen, wer gegen sie aussagte, war völlige Anonymität ausgeschlossen. Die Zeugen blieben verwundbar.

Dies gilt auch für den Fall von Agim Zogaj. Der ehemalige Aufseher eines UCK-Gefangenenlagers sollte 2011 als «Zeuge X» anonym gegen zehn UCK-Kämpfer aussagen. Zu diesen zählte auch Fatmir Limaj, ein ehemaliger Minister und später enger Vertrauter von Hashim Thaci, dem Präsidenten der Republik Kosovo. Ihm und seinen Mitangeklagten wurden Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Einen Monat vor Prozessbeginn fand man Zogaj erhängt in Duisburg. Laut den deutschen Behörden beging er Selbstmord. Zogajs Familie behauptet, er sei ermordet worden.

«Gott allein steht mir bei»

Die Autorin dieses Artikels hatte Zogaj einige Monate zuvor interviewt. Seine hier erstmals veröffentlichten Aussagen geben Aufschluss über die Belastung, der Zeugen ausgesetzt sind. Zogaj erzählte, er habe sich jahrelang verstecken müssen. Er berichtete von Anschlägen auf sein Leben, Bestechungsversuchen und Druck von Mitarbeitern Limajs, damit er auf eine Aussage verzichte. Diese hätten ihm dafür 50 000 bis 60 000 Euro angeboten. Ein andermal sei ihm eine monatliche Zahlung von 500 Euro angeboten worden. Man wies ihn an, ein Bankkonto auf den Namen seiner Frau zu eröffnen, was er tat. Erhalten habe er jedoch nichts. Schliesslich habe Zogaj ein Versöhnungsgespräch mit Limaj gesucht. Dieser habe sich jedoch geweigert aufzustehen, um Zogaj die Hand zu geben, mit der Begründung, dass er der Familie nichts getan habe.

Zum Zeitpunkt des Interviews war sich Zogaj nicht sicher, ob er aussagen sollte. Auch war ihm nicht klar, inwieweit er unter dem Schutz der Eulex stand. Er überlegte, Kosovo zu verlassen, hatte allerdings ein Angebot abgelehnt, ihn nach Bulgarien zu übersiedeln. «Weder unsere eigene Polizei noch Eulex können für mich garantieren. Gott allein steht mir bei, Gott allein», meinte er. Nach Zogajs Tod wurden Limaj, damals ein wichtiges Mitglied von Hashim Thacis regierender Demokratischen Partei, und seine Mitangeklagten vor Gericht freigesprochen. Der Richter erklärte Zogajs Aussagen für widersprüchlich und unglaubwürdig. Bereits 2005 hatte das Uno-Kriegsverbrechertribunal Limaj von ähnlichen Vorwürfen freigesprochen. Er wurde in seiner Heimat wie ein Held empfangen. Eulex hat es wiederholt abgelehnt, zu Zogajs Tod Stellung zu nehmen.

Spielball der turbulenten Weltpolitik
Schutz des Balkans vor Europa
KOMMENTARvon Andreas Ernst, Belgrad18.2.2017, 05:30

«Politisch stand viel auf dem Spiel»

Ebenfalls mysteriös bleibt der Fall von Ilir Selimaj. Dessen Mutter Fatime erzählt, wie ihr damals 23-jähriger Sohn im Februar 2003 das Haus verlassen habe, weil er gegen Kameraden in der UCK ausgesagt habe. «Wir dachten, er werde in die USA umgesiedelt werden», erzählt sie. Zwei Wochen später war er zurück. Die Unmik habe ihn nach Montenegro schicken wollen, doch er weigerte sich, weil er sich inmitten der grossen albanischen Bevölkerungsgruppe im Nachbarland nicht sicher fühlte.

Im April 2003 wurde Ilir am Steuer seines Wagens in der Nähe des Hauses der Familie in der Gemeinde Pec erschossen. Eine Tante von ihm, mit Zwillingen schwanger, kam ebenfalls ums Leben. Die Polizei nahm Ermittlungen auf, es wurde jedoch niemand angeklagt. «In diesem Fall stand politisch viel auf dem Spiel», gesteht der damals für den Fall zuständige Uno-Ankläger Kamudoni Nyasulu. Es habe zwar eine Form von Polizeischutz gegeben, doch kein Zeugenschutzprogramm für Selimaj.

Die Fälle illustrieren die Herausforderungen des Zeugenschutzes in Kosovo, wo die Verbindungen zu Familie und Heimat so stark sind, dass Betroffene die strengen Auflagen eines umfassenden Programms häufig als unzumutbar empfinden. Stefan Trechsel, ein Schweizer Richter, der am Prozess gegen Milosevic beteiligt war, vergleicht das Ändern der Identität mit «zivilem Tod»: «Praktisch alle Verbindungen werden abgebrochen, was ein zweifelhaftes Mass an Sicherheit gewährt, weil diejenigen, die hinter diesen Personen her sind, ihnen trotzdem auf die Spur kommen.» Fast alle Zeugen verzichteten deshalb auf das Schutzprogramm oder verletzten rasch die Auflagen.

«Dann sind wir quitt»

Auch das neue Spezialgericht für Kosovo wird dies nicht grundlegend ändern können. Er wird auf die Zusammenarbeit mit der Regierung angewiesen sein, in der Hashim Thaci weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Dennoch gibt es Fortschritte: Kosovo übernahm Ende 2014 die Verantwortung für Fälle von Kriegsverbrechen und ist dabei, ein Zeugenschutzprogramm zu entwickeln. Einige unabhängige Beobachter sind deshalb optimistisch, so Natasa Kandic, die Gründerin des Belgrader Zentrums für humanitäres Recht. Das Gericht habe es geschafft, Geheimhaltung zu bewahren. «Niemandem ist es gelungen herauszufinden, wer die Angeklagten und wer die Zeugen sind.»

Halil berichtet, die europäischen Ermittler hätten ihm gesagt, er solle sie anrufen, wenn er die geringsten Bedenken habe. «Ich lebe von einem Tag zum anderen; mit solchen Einschränkungen zu leben, ist schwer.» Im Tal sind Gewehrschüsse von einer Familienfeier zu hören. Halil sagt, er fühle sich zunehmend bedroht, fürchte aber mehr um seine Familie als um sich. «Am liebsten würde ich sie tot sehen», meint er über seine Peiniger. «Dann sind wir quitt.»

Serbeze Haxhiaj ist Redaktorin bei Radio Television Kosovo. Dieser Artikel entstand im Rahmen der Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der Erste-Stiftung und den Open Society Foundations, in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.

Aufarbeitung des Kosovo-Kriegs
Zähneknirschendes Ja zum UCK-Tribunal
von Andreas Ernst, Belgrad4.8.2015, 18:33
Nur auf massiven westlichen Druck hat Kosovos Parlament am Montag der Einrichtung eines Gerichtshofs für UCK-Verbrechen zugestimmt. Das Verhältnis zu den «Internationalen» ist auf einem Tiefpunkt.
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Der Erfolg des Gerichts wird angesichts des Mangels an belastendem Material von Halil und anderen abhängen, die bereit sind, gegen einflussreiche ehemalige Freischärler auszusagen. Einige Zeugen bezahlten ihre Kooperation mit der Anklage mit ihrem Leben, andere haben im Ausland neue Identitäten erhalten. Halil weigert sich zu gehen. «Ich bin nicht jung. Ich habe Kinder, die mit ihren Familien hier leben. Wir können nicht alle wegziehen», meinte er. Dazu kommt Entschlossenheit: «Sie haben uns gefoltert und getötet, doch ich lebe, um Zeugnis abzulegen.»

«Eine dunkle Wolke»

Der amerikanische Ermittler Clint Williamson, dessen Verfahren die Grundlage für das neue Gericht schuf, warnte 2014 allerdings vor anhaltenden Bestrebungen, seine Arbeit durch Einflussnahme auf Zeugen zu untergraben. Auch frühere von der Uno-Mission Unmik und später von der EU-Rechtsstaatsmission Eulex angestrengte lokale Verfahren kämpften mit diesem Problem. «Solange einflussreiche Personen versuchen, die gegen sie gerichteten Ermittlungen zu konterkarieren, wird die Bevölkerung den Preis dafür zahlen, da dies wie eine dunkle Wolke über dem Land hängt», sagte er warnend. Zwar konnten die Zeugen ihre Gesichter und Stimmen unkenntlich machen. Da die Angeklagten das Recht hatten zu wissen, wer gegen sie aussagte, war völlige Anonymität ausgeschlossen. Die Zeugen blieben verwundbar.

Dies gilt auch für den Fall von Agim Zogaj. Der ehemalige Aufseher eines UCK-Gefangenenlagers sollte 2011 als «Zeuge X» anonym gegen zehn UCK-Kämpfer aussagen. Zu diesen zählte auch Fatmir Limaj, ein ehemaliger Minister und später enger Vertrauter von Hashim Thaci, dem Präsidenten der Republik Kosovo. Ihm und seinen Mitangeklagten wurden Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Einen Monat vor Prozessbeginn fand man Zogaj erhängt in Duisburg. Laut den deutschen Behörden beging er Selbstmord. Zogajs Familie behauptet, er sei ermordet worden.

«Gott allein steht mir bei»

Die Autorin dieses Artikels hatte Zogaj einige Monate zuvor interviewt. Seine hier erstmals veröffentlichten Aussagen geben Aufschluss über die Belastung, der Zeugen ausgesetzt sind. Zogaj erzählte, er habe sich jahrelang verstecken müssen. Er berichtete von Anschlägen auf sein Leben, Bestechungsversuchen und Druck von Mitarbeitern Limajs, damit er auf eine Aussage verzichte. Diese hätten ihm dafür 50 000 bis 60 000 Euro angeboten. Ein andermal sei ihm eine monatliche Zahlung von 500 Euro angeboten worden. Man wies ihn an, ein Bankkonto auf den Namen seiner Frau zu eröffnen, was er tat. Erhalten habe er jedoch nichts. Schliesslich habe Zogaj ein Versöhnungsgespräch mit Limaj gesucht. Dieser habe sich jedoch geweigert aufzustehen, um Zogaj die Hand zu geben, mit der Begründung, dass er der Familie nichts getan habe.

Zum Zeitpunkt des Interviews war sich Zogaj nicht sicher, ob er aussagen sollte. Auch war ihm nicht klar, inwieweit er unter dem Schutz der Eulex stand. Er überlegte, Kosovo zu verlassen, hatte allerdings ein Angebot abgelehnt, ihn nach Bulgarien zu übersiedeln. «Weder unsere eigene Polizei noch Eulex können für mich garantieren. Gott allein steht mir bei, Gott allein», meinte er. Nach Zogajs Tod wurden Limaj, damals ein wichtiges Mitglied von Hashim Thacis regierender Demokratischen Partei, und seine Mitangeklagten vor Gericht freigesprochen. Der Richter erklärte Zogajs Aussagen für widersprüchlich und unglaubwürdig. Bereits 2005 hatte das Uno-Kriegsverbrechertribunal Limaj von ähnlichen Vorwürfen freigesprochen. Er wurde in seiner Heimat wie ein Held empfangen. Eulex hat es wiederholt abgelehnt, zu Zogajs Tod Stellung zu nehmen.

Spielball der turbulenten Weltpolitik
Schutz des Balkans vor Europa
KOMMENTARvon Andreas Ernst, Belgrad18.2.2017, 05:30

«Politisch stand viel auf dem Spiel»

Ebenfalls mysteriös bleibt der Fall von Ilir Selimaj. Dessen Mutter Fatime erzählt, wie ihr damals 23-jähriger Sohn im Februar 2003 das Haus verlassen habe, weil er gegen Kameraden in der UCK ausgesagt habe. «Wir dachten, er werde in die USA umgesiedelt werden», erzählt sie. Zwei Wochen später war er zurück. Die Unmik habe ihn nach Montenegro schicken wollen, doch er weigerte sich, weil er sich inmitten der grossen albanischen Bevölkerungsgruppe im Nachbarland nicht sicher fühlte.

Im April 2003 wurde Ilir am Steuer seines Wagens in der Nähe des Hauses der Familie in der Gemeinde Pec erschossen. Eine Tante von ihm, mit Zwillingen schwanger, kam ebenfalls ums Leben. Die Polizei nahm Ermittlungen auf, es wurde jedoch niemand angeklagt. «In diesem Fall stand politisch viel auf dem Spiel», gesteht der damals für den Fall zuständige Uno-Ankläger Kamudoni Nyasulu. Es habe zwar eine Form von Polizeischutz gegeben, doch kein Zeugenschutzprogramm für Selimaj.

Die Fälle illustrieren die Herausforderungen des Zeugenschutzes in Kosovo, wo die Verbindungen zu Familie und Heimat so stark sind, dass Betroffene die strengen Auflagen eines umfassenden Programms häufig als unzumutbar empfinden. Stefan Trechsel, ein Schweizer Richter, der am Prozess gegen Milosevic beteiligt war, vergleicht das Ändern der Identität mit «zivilem Tod»: «Praktisch alle Verbindungen werden abgebrochen, was ein zweifelhaftes Mass an Sicherheit gewährt, weil diejenigen, die hinter diesen Personen her sind, ihnen trotzdem auf die Spur kommen.» Fast alle Zeugen verzichteten deshalb auf das Schutzprogramm oder verletzten rasch die Auflagen.

«Dann sind wir quitt»

Auch das neue Spezialgericht für Kosovo wird dies nicht grundlegend ändern können. Er wird auf die Zusammenarbeit mit der Regierung angewiesen sein, in der Hashim Thaci weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Dennoch gibt es Fortschritte: Kosovo übernahm Ende 2014 die Verantwortung für Fälle von Kriegsverbrechen und ist dabei, ein Zeugenschutzprogramm zu entwickeln. Einige unabhängige Beobachter sind deshalb optimistisch, so Natasa Kandic, die Gründerin des Belgrader Zentrums für humanitäres Recht. Das Gericht habe es geschafft, Geheimhaltung zu bewahren. «Niemandem ist es gelungen herauszufinden, wer die Angeklagten und wer die Zeugen sind.»

Halil berichtet, die europäischen Ermittler hätten ihm gesagt, er solle sie anrufen, wenn er die geringsten Bedenken habe. «Ich lebe von einem Tag zum anderen; mit solchen Einschränkungen zu leben, ist schwer.» Im Tal sind Gewehrschüsse von einer Familienfeier zu hören. Halil sagt, er fühle sich zunehmend bedroht, fürchte aber mehr um seine Familie als um sich. «Am liebsten würde ich sie tot sehen», meint er über seine Peiniger. «Dann sind wir quitt.»

Serbeze Haxhiaj ist Redaktorin bei Radio Television Kosovo. Dieser Artikel entstand im Rahmen der Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der Erste-Stiftung und den Open Society Foundations, in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.

Aufarbeitung des Kosovo-Kriegs
Zähneknirschendes Ja zum UCK-Tribunal
von Andreas Ernst, Belgrad4.8.2015, 18:33
Nur auf massiven westlichen Druck hat Kosovos Parlament am Montag der Einrichtung eines Gerichtshofs für UCK-Verbrechen zugestimmt. Das Verhältnis zu den «Internationalen» ist auf einem Tiefpunkt.

EU hat Beweise für Organhandel während Kosovo-Konflikts

Eine Untersuchungskommission der EU hat nach eigenen Angaben klare Hinweise darauf, dass ranghohe Mitglieder der Kosovarischen Befreiungsarmee (UCK) während des Kosovo-Konflikts am Handel mit den Organen von Gefangenen beteiligt waren. Den Verdächtigen würden Mord, illegaler Organhandel und weitere Verbrechen vorgeworfen, sagte der von der EU eingesetzte US-Staatsanwalt Clint Williamson. Demnach ist aber die Anzahl der Fälle erheblich kleiner als frühere Berichte hatten vermuten lassen.

Die Vorwürfe wurden erstmals 2008 erhoben und fanden sich in einem Bericht des Schweizer Ermittlers Dick Marty, der 2011 von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats angenommen wurde. Demnach sollen kosovarische Untergrundkämpfer Serben und anderen Gefangenen Organe entnommen und verkauft haben. In dem Bericht wurde auch der Name des heutigen kosovarischen Ministerpräsidenten Hashim Thaci genannt.

„Es gibt überzeugende Hinweise darauf, dass diese Praxis in einem sehr begrenzen Maß stattfand und eine kleine Anzahl von Menschen getötet wurde, um ihre Organe zu entnehmen und zu verkaufen“, sagte Williamson, dessen Mandat im August ausläuft. Zugleich widersprach er Vermutungen, wonach hunderte vermisste oder getötete Angehörige ethnischer Minderheiten den kosovarischen Organhändlern zum Opfer gefallen seien. Er bezifferte die Zahl der Opfer auf etwa zehn.

Williamson wollte weder Namen noch die Anzahl der Beschuldigten nennen. Er betonte aber, dass es sich bei den Organentnahmen um die Taten einzelner UCK-Mitglieder gehandelt habe. Diese hätten „politische Macht und persönlichen Reichtum für sich selbst“ gewollt und keiner höhere Sache gedient. Thaci und seine Regierung hatten die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Um Anklage gegen die mutmaßlichen Organhändler zu erheben, müssen sich EU und die Regierung in Pristina auf die Einrichtung eines Sondergerichtshofs verständigen. Williamson äußerte die Hoffnung, dass bis Anfang kommenden Jahres eine solche Verständigung erzielt werden könnte.

Das Kosovo hatte sich in einem von 1998 bis 1999 andauernden Krieg von Serbien losgesagt und 2008 für unabhängig erklärt. Die Rebellen der UCK hatten den Krieg mit Hilfe der Nato gewonnen, welche die Kosovo-Albaner von einem Völkermord bedroht sah. Heute ist das Kosovo das jüngste und ärmste Land Europas.

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