Die Boulevardpresse hatte einen wesentlichen Einfluss aufs britische Ja zum EU-Austritt. Das macht eine umfassende Analyse des King’s College London deutlich. Die Folgen der kapitalistischen Globalisierung und Automatisierung für die Arbeitenden in GB – die vor allem die britischen Reichen vorantreiben – hat sie den Migranten angelastet und viele Briten sind darauf reingefallen.

NZZ: Medienanalyse

Mit dem Thema Migration zum Brexit

von Rainer Stadler14.5.2017, 16:58 Uhr
Die Boulevardpresse hatte einen wesentlichen Einfluss aufs britische Ja zum EU-Austritt. Das macht eine umfassende Analyse des King’s College London deutlich.
(Bild Imago)

(Bild Imago)

Das renommierte King’s College London hat in einer umfassenden Studie untersucht, wie die britischen Medien vor einem Jahr den Abstimmungskampf um den Brexit begleiteten. Die Migration spielte dabei eine zentrale Rolle. Insbesondere die Organe, die einen Austritt aus der EU befürworteten, rückten dieses Thema in den Mittelpunkt. Überdies bearbeiteten sie die Brexit-Frage stärker als die Gegenseite.

Starke Präsenz auf Titelseiten

Während der zehn Wochen vor dem Abstimmungstermin erschienen auf den Titelseiten insgesamt 550 Artikel und davon 195 Texte, die sich dem Referendum widmeten. In fast zwei Drittel der Fälle waren es die «EU-gegnerischen» Redaktionen, welche dem Thema den prominentesten Platz in ihren Blättern gaben – die Studie verglich hier die 15 grossen nationalen Blätter.

99 Artikel auf den Titelseiten beschäftigten sich mit Migrationsfragen im Zusammenhang mit dem Brexit, wobei 78 davon in Pro-Brexit-Zeitungen erschienen. Besonders engagiert waren die «Daily Mail», der «Daily Express» (samt Sonntagsausgabe) und der «Daily Telegraph» (dessen Sonntagsblatt ebenfalls). Speziell ist, dass die «Mail on Sunday» im Gegensatz zu ihrem Schwesterblatt zu den Brexit-Gegnern zählte.

Ökonomische Fragen spielten ebenfalls eine wichtige Rolle im Abstimmungskampf. Dazu erschienen zwar deutlich mehr Artikel (7028) als zur Migration (4383), doch 40 Prozent dieser Texte schlugen gleichzeitig einen Bogen zur Einwanderung. Das Boulevardblatt «The Sun» (Brexit-Befürworter) machte diese Verbindung in 46 Prozent der Beiträge, die es publizierte. Beim «Express» und bei der «Daily Mail» beträgt dieser Anteil je 44 Prozent, während die Zeitungen auf der Gegenseite bedeutend weniger oft diese beiden Themen verknüpften. Vor allem der «Express» und die «Daily Mail» hoben die negativen Folgen der Migration für die Sozialsysteme hervor.

Der Drehpunkt

Sir Lynton Crosby, Spezialist für politische Kampagnen, wies bereits zu Beginn des Abstimmungskampfs in einem Beitrag für den «Telegraph» darauf hin, dass die Migration eine entscheidende Rolle spielen werde. Damals äusserten sich nur 41 Prozent der Befragten zugunsten eines Austritts aus der EU, aber 52 Prozent meinten gleichzeitig, dass ein Austritt die Immigrationsfrage entschärfen würde. Die Brexit-Befürworter, so schrieb Crosby damals, könnten diese 11-Prozent-Lücke schliessen, wenn es ihnen gelänge, der Immigrations-Skepsis mehr Nährboden zu geben. So geschah es denn auch.

Eine ursächliche Beziehung zwischen Medienangebot und Abstimmungsverhalten lässt sich natürlich nicht beweisen. Doch wenn bei einer politischen Frage keine ausgeprägte Mehrheit auszumachen ist, kann es ausreichen, eine Minderheit von Zweiflern zu gewinnen, um ein Abstimmungsresultat entscheidend zu beeinflussen. Umso mehr spielt es dann eine Rolle, welche Themen die Massenmedien setzen. In Grossbritannien waren es nicht nur, aber vor allem die grossen Boulevardblätter, welche für den Brexit kämpften. Mit ihren Themen auf den Titelseiten dürften sie gerade jene Konsumenten beeinflusst haben, denen die Migrationsfragen stärker auf den Nägeln brennen als dem Publikum der gehobeneren Blätter.

Die Anfang Mai publizierte Untersuchung des King’s College London fördert keine besonders überraschenden Erkenntnisse zutage, aber sie hat das Thema gründlich durchleuchtet und vorangehende Analysen bestätigt. Sie berücksichtigte 20 Nachrichtenangebote (TV, Zeitungen, Magazine und Online-Medien wie Vice, Buzzfeed und Huffington), die fast 14 800 Beiträge zum EU-Referendum publiziert hatten.

https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/medienanalyse-mit-dem-thema-migration-zum-brexit-ld.1293171

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