Wie viel Nationalsozialismus – einem Imperium unter deutscher Herrschaft – steckt in der EU, und ihrem möglichen Scheitern? Mark Mazower: „Es war nichts spezifisch Nationalsozialistisches an Deutschlands Forderungen, die europäische Wirtschaft nach deutschem Vorbild zu rationalisieren, um sie aus der Depression zu holen, die Arbeit zwischen dem agrarischen Südosten und dem industriellen Nordwesten aufzuteilen oder Berlin zum Zentrum von Planung, Finanzen und Handel zu machen. Diese Ideen kamen meist aus Wirtschaftskreisen und griffen nur Pläne und Skizzen wieder auf, die seit dem Ersten Weltkrieg existierten.“ Am Widerstand der Unterdrückten hat es zunächst nicht gelegen. Der inzwischen weit verbreiteten Auffassung, ganz Europa habe durchgängig unter der Knute der deutschen Fremdherrschaft gelitten, macht Mazower schnell den Garaus. Das furchtbare Schicksal der Juden, Polen oder Tschechen beschäftigte die meisten Europäer nicht sonderlich. Eher schon waren viele beeindruckt von den schnellen Siegen der Wehrmacht, dem Modernisierungsanspruch, der ebenfalls Teil der nationalsozialistischen Ideologie war, und den wirtschaftlichen Erfolgen, die man Hitler zuschrieb. Entscheidend aber war die Unfähigkeit Deutschlands: die Nationalsozialisten waren zu dumm, zu unfähig, zu korrupt, zu brutal und ideologisch zu verblendet, um dieses Europa, das von ihnen erobert worden war, wie eine faule Frucht, zu einem Imperium zu formen, das sich hätte gegen die UdSSR oder die USA durchsetzen können. Könnte das auch für die heutige deutsche Elite zutreffen, etwa ihrer Unfähigkeit zum europäischen Denken und ihrer engen deutschen Buchhaltermentalität, ihrer Brutalität, ihrer Egozentrik, unter ihres Übrerlegenheitsgefühls? Ihr Ansehen (und leider damit für die meisten Europäer auch das Ansehen der Deutschen) stand noch vor zwanzig Jahren ganz anders da als heute, wo Deutschland in Europa immer isolierter ist. Die Architekten des Vereinigten Europas nach 1945 hatten zwar eine untadelige antifaschistische Vergangenheit – aber hinter den Kulissen arbeiteten einige Männer, die schon im Nationalsozialismus eine Art Vereintes Europa unter deutscher Herrschaft erträumt hatten. Diese deutsche Elite – so kann man schließen – wird weder zu einem nachhaltigen vereinten Europa beitragen noch zu einer nachhaltigen vereinten Welt, wie sie in der UNO-Charta und der Menschenrechtserklärung von den Staaten beschlossen worden ist. Es wird Zeit, dass Menschen mit diesen Prinzipien die Politik in Deutschland gestalten: Dominanz der Menschlichkeit im Land und gegenüber den Menschen in den anderen Ländern vor der wirtschaftlichen Effektivität, vor der Profitmacherei, vor dem Einsatz von Gewalt!

Hitlers Traum vom vereinten Europa unter deutscher Herrschaft

Mark Mazower: „Hitlers Imperium“, C.H. Beck, 666 Seiten

Rezensiert von Sylke Tempel

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Ansprache von Adolf Hitler auf der Wiener Hofburg am 15. März 1938 zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich (AP Archiv)
Ansprache von Adolf Hitler auf der Wiener Hofburg am 15. März 1938 zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich (AP Archiv)

Europa im Herbst 1941: im Osten rückt die deutsche Wehrmacht auf Moskau zu; im Norden ist Skandinavien mit Ausnahme des neutralen Schweden besetzt; im Süden reicht die Macht Berlins bis Athen, ein kleineres Kontingent der Wehrmacht unter Erwin Rommel hatte allerdings seinen schnellen Vormarsch vor der Wüstenstadt Al Alamein stoppen müssen. Und im Westen? Da zeigt die Präsenz deutscher Uniformen in den Cafés von Paris nur allzu deutlich, wer der neue Herr im Land ist.

Seit den Zeiten des römischen Kaisers Trajan – und selbst unter dem Korsen Napoleon – hatte in Europa kein Reich mehr von diesen Ausmaßen existiert. „Hitlers Imperium“ nennt Mark Mazower, britisch stämmiger Historiker an der New Yorker Columbia University, folgerichtig sein Buch – und behandelt damit Aspekte, die in der reichlich vorhandenen Fachliteratur zur NS-Herrschaft noch nicht gewürdigt wurden:

Ging es Hitler nicht nur um den Lebensraum im Osten, sondern vielmehr auch um eine Neue Ordnung für Europa? Reichen die Wurzeln der europäischen Integration gar bis in die bösen Jahre des Nationalsozialismus zurück? Wobei, das soll sofort vermerkt werden, Mazower ganz sicherlich kein britischer Anti-Europäer ist, der mit allem Mittel versuchen würde, Brüssel zu diskreditieren um Britannien vor den Zumutungen der EU zu bewahren.

Die entscheidende Frage aber ist: Wenn Hitler im Herbst 1941 auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, wenn er durchaus an einer Neuen Ordnung für Europa interessiert war: warum gelang es ihm nicht, aus den schnellen Eroberungen der Wehrmacht ein echtes europäisches Imperium unter deutscher Herrschaft zu fügen?

Cover: "Hitlers Imperium" von Mark Mazower (C.H. Beck)Cover: „Hitlers Imperium“ von Mark Mazower (C.H. Beck)Am Widerstand der Unterdrückten hat es zunächst nicht gelegen. Der inzwischen weit verbreiteten Auffassung, ganz Europa habe durchgängig unter der Knute der deutschen Fremdherrschaft gelitten, macht Mazower schnell den Garaus. Das furchtbare Schicksal der Juden, Polen oder Tschechen beschäftigte die meisten Europäer nicht sonderlich. Eher schon waren viele beeindruckt von den schnellen Siegen der Wehrmacht, dem Modernisierungsanspruch, der ebenfalls Teil der nationalsozialistischen Ideologie war, und den wirtschaftlichen Erfolgen, die man Hitler zuschrieb:

„Die Entscheidung zur Kollaboration war keinesfalls unerklärlich. 1940 hatte Europa das Scheitern des Liberalismus und der Demokratie erfahren. Manche Europäer hofften standhaft, Deutschland werde Europa besser vereinigen als der Völkerbund oder Briten und Franzosen. Andere nahmen es einfach hin.“

Auch fehlte es nicht an vernünftigen deutschen Plänen für ein Vereintes Reich Europa, das dem bolschewistischen Erzfeind ebenso die Stirn geboten hätte wie der aufstrebenden, frischen, Technologiemacht USA, für die Hitler durchaus Bewunderung hegte.

„Es war nichts spezifisch Nationalsozialistisches an Deutschlands Forderungen, die europäische Wirtschaft nach deutschem Vorbild zu rationalisieren, um sie aus der Depression zu holen, die Arbeit zwischen dem agrarischen Südosten und dem industriellen Nordwesten aufzuteilen oder Berlin zum Zentrum von Planung, Finanzen und Handel zu machen. Diese Ideen kamen meist aus Wirtschaftskreisen und griffen nur Pläne und Skizzen wieder auf, die seit dem Ersten Weltkrieg existierten.“

Entscheidend aber war: die Nazionalsozialisten waren zu dumm, zu unfähig, zu korrupt, zu brutal und ideologisch zu verblendet, um dieses Europa, das ihnen in den Schoß gefallen war wie eine faule Frucht, zu einem Imperium zu formen. Die Römer hatten den von ihnen eroberten Völkern ein verlässliches Rechtssystem geschenkt und die Möglichkeit, Staatsbürger zu werden. Um Ruhe und Ordnung in ihrem Imperium zu wahren, wurden zu Trajans Zeiten höchstens zwei Legionen benötigt. Napoleon hatte alte, überkommene Ordnungen hinweggefegt und mit dem Code Napoleon ein modernes Staats- und Bürgerrecht eingeführt.

Noch unter Hitlers Herrschaft gab es zwar konservative Kreise in Deutschland, die in vernünftigen wirtschaftlichen Dimensionen für eine Neue Ordnung dachten: Spätestens nach dem Beginn des Krieges jedoch hatten sie nichts mehr zu melden; und die Nazis so zitiert Mazower einen Dolmetscher Hitlers, sprachen zwar dauernd von einem tausendjährigen Reich, konnten aber keine fünf Minuten voraus denken.

Dieser rote Faden zieht sich durch Mazowers gesamte, akribisch recherchierte und faktenreiche Geschichte der deutschen Besatzungen in Europa: Der Mythos von der Effizienz der Nazionalsozialisten ist eben das: ein Mythos. Militärische Siege wurden schnell, zu schnell erzielt. Niemand wusste so recht, was mit den Eroberungen geschehen sollte – der Streit innerhalb der NS-Nomenklatura über das Schicksal Polens beispielsweise dauerte Monate. In einigen Ländern wie Dänemark blieben Regierung und Verwaltung fast vollständig erhalten und unbehelligt. Über die eroberten russischen Gebiete hingegen fegte ein einziger Sturm der Zerstörung hinweg, der nicht nur Millionen Menschen das Leben kostete. Die Nazionalsozialisten zerstörten auch die Ressourcen, die sie selbst für den Krieg brauchten.

Noch im Februar 1945 versuchte Propagandaminister Joseph Goebbels Deutsche und Europäer gegen die Nachkriegspläne einzustimmen, die die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten in Jalta entworfen hatten. Goebbels fragte:

„Wie wird die Welt im Jahr 2000 aussehen? Europa werde vereinigt sein. Man werde von Berlin nach Paris in nur einer knappen Viertelstunde zum Frühstück fliegen können. Aber der Bolschewismus wird dann immer noch eine Bedrohung sein und durch Europa werde ein Eiserner Vorhang verlaufen.“

Das war in Teilen erstaunlich akkurat. Nur verdeutlicht Mazower in jedem Kapitel seines Buches, warum die Nazionalsozialisten niemals ein vereinigtes Europa zustande gebracht hätten und warum aus Hitlers Reich eben kein Imperium wurde: Die ursprüngliche Sympathie in manchen Ländern war längst einer Verachtung für den Rassenwahn der Nazis gewichen; brutale Unterdrückung hatte Viele in den Untergrund oder als Partisanen in die Wälder getrieben. Die Nationalsozialisten mochten besessene Bürokraten sein. Als Verwalter eines Großreichs waren sie schlichtweg unfähig.

Mazowers erstaunliches Resultat ist: Aus diesem durch und durch Schlechtem entsprang etwas Gutes. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Schaffung zahlreicher neuer Nationalstaaten eine europäische Gesamtordnung verhindert. Nach 1945 habe Europa gelernt, über eigene Grenzen hinaus zu denken. Die Architekten des Vereinigten Europas hatten zwar eine untadelige antifaschistische Vergangenheit – aber hinter den Kulissen arbeiteten, so Mazower, einige Männer, die schon im Nationalsozialismus eine Art Vereintes Europa unter deutscher Herrschaft erträumt hatten.

Hier allerdings liegt auch der Irrtum in Mazowers ansonsten großartigem Buch: In Hitlers beschränkter Gedankenwelt konnte Einigung nur durch Kampf und Krieg entstehen. Eine Vereinigung kraft einer Idee war für ihn undenkbar. Und genau das ist die Europäische Union doch: nicht das Ergebnis eines gescheiterten Imperiums, sondern eine der klügsten Erwiderungen auf die Schrecken des Nationalsozialismus.

Mark Mazower: Hitlers Imperium: Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus
Aus dem Englischen von Martin Richter
C.H. Beck
666 Seiten, 34 Euro

http://www.deutschlandfunkkultur.de/hitlers-traum-vom-vereinten-europa-unter-deutscher.1270.de.html?dram:article_id=191200

Hitlers imperiale Träume

Mark Mazower: „Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus“, Verlag C.H. Beck

Paradoxerweise träumten schon die Nazis von einem geeinten Europa – ein Kontinent unter deutscher Vorherrschaft, ein ethnisch einheitliches Imperium, das die Macht über die Welt innehatte und damit auch über die USA. Über dieses zentrale Motiv hat Mark Mazower ein Buch geschrieben.

Von Niels Beintker

Adolf Hitler hatte die Vision eines europäischen Großreiches. (AP-Archiv)
Adolf Hitler hatte die Vision eines europäischen Großreiches. (AP-Archiv)

Der Generalplaner für den Mord an den europäischen Juden war mächtig verspannt. Mehr noch: Er war überaus erregt. Das jedenfalls berichtete sein Physiotherapeut an einem Sommertag des Jahres 1942. Auslöser für Heinrich Himmlers Muskelschmerz und Bluthochdruck war die Tatsache, dass der Führer persönlich dem Reichsführer SS gerade den angeblich glücklichsten Tag seines Lebens bereitet hatte. Hitler hatte nämlich gerade Himmlers Pläne zur Germanisierung des Ostens abgesegnet. Deutsche Siedlungen bis zum Ural!

Durch Interkontinentalautobahnen mit Deutschland verbunden – von denen einzelne Abschnitte bereits von jüdischen Zwangsarbeitern gebaut wurden –, würden sie einen Grenzwall bilden, der Europa vor dem ‚asiatischen Einbruch‘ schützte. Pläne und Landkarten in seiner vollgestopften Aktentasche bezeichneten Bauernhöfe und Forsten, Modelldörfer und -städte sowie alle notwendigen Einrichtungen, um das Leben einer neuen Klasse von finanziell kräftigen und selbständigen Bauernsoldaten zu sichern.

Diese kleine Episode erzählt der amerikanische Historiker Mark Mazower in seiner großen Geschichte des Dritten Reiches, einer detailreichen Darstellung der nationalsozialistischen Großmachtträume. An derselben Stelle berichtet er auch, dass Himmler einige Tage vor seinem Gefühlsausbruch das Vernichtungslager Auschwitz besucht und die Ermordung einer Gruppe von Juden beobachtet habe. Dem Lagerkommandanten habe er danach befohlen, ihre Leichen zu verbrennen und sie nicht mehr wie bislang in Massengräbern zu verscharren. Auf gerade einer halben Seite findet sich damit der Kern dessen, was Mark Mazower die „neue Ordnung“ nennt: Die schreckliche Vision eines europäischen Großreiches, das sich über den ganzen Kontinent, von der Atlantikküste im Westen bis weit in den Osten, auf das Gebiet der Sowjetunion erstrecken sollte, bewohnt von einer rassisch homogenen Bevölkerung, der Gemeinschaft der deutschen Volksgenossen. Der sogenannte Generalplan Ost, über dessen Genehmigung Himmler so jubelte, war genau in dieser Absicht konzipiert. Er enthielt sogar ein pseudowissenschaftlich untermauertes Germanisierungsprogramm, berechnet auf der Grundlage der Bevölkerungsprognosen, die Hitler selbst aufgestellt hatte:

80 Millionen Deutsche, zehn Millionen Holländer, 300.000 Luxemburger und so weiter. Beeindruckt von den blonden, blauäugigen ukrainischen Kindern, denen er begegnet war, zählte er zehn Millionen Sklaven dazu, die ‚eingedeutscht‘ werden konnten. Von insgesamt 127 Millionen echten oder potenziellen Deutschen ausgehend, kalkulierte Hitler dann künftige Geburtenraten.

Hitler war, so Mark Mazower, zutiefst von der bevorstehenden Geburt eines europäischen Imperiums unter Führung der Deutschen überzeugt. Das eigentliche Motiv der nationalsozialistischen Politik war demnach der Griff nach der Weltmacht, nicht nur die Revision des Versailler Vertrages oder die Wiederherstellung der alten deutschen Machtstellung in der Welt. Wer die Vorherrschaft über den europäischen Kontinent ausübt, der kann ohne große Schwierigkeiten die Weltherrschaft übernehmen, so das Kalkül Hitlers. Den Weg zu diesem Ziel sollte, nach dem Anschluss Österreichs und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren, ein grausamer und rassisch motivierter Krieg ebnen. Dieser Krieg begann vor 70 Jahren mit dem deutschen Überfall auf Polen und dem Versuch, die polnische Führungsschicht vollständig auszulöschen. Während der Invasion der Wehrmacht wurden mehr als 55.000 Polen ermordet, unter ihnen 7.000 Juden. Wenige Monate später veranlasste Hans Frank, der Leiter des Generalgouvernements Polen, eine sogenannte „Außergewöhnliche Befriedungsaktion“, bei der 30.000 Angehörige der polnischen Elite festgenommen und 3.000 von ihnen erschossen wurden. Die ungeheure Brutalität der deutschen Besatzer diente dann als Vorbild für den Russlandfeldzug, das Unternehmen Barbarossa, das im Juni 1941 begann. Mit dem zeitgleich erlassenen Barbarossa-Befehl wurde das Kriegsrecht weitgehend außer Kraft gesetzt, unter Zustimmung der Wehrmacht. Das bedeutete: Soldaten, die Kriegsverbrechen begingen, wurden nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Die Wehrmacht arbeitete auf diese Weise der zunehmenden Hemmungslosigkeit der NS-Führung entgegen.

Offiziere hatten das Recht, Vergeltungsmaßnahmen gegen jedes Dorf zu ergreifen, aus dem geschossen worden war. Soldaten sollten nicht einmal für Handlungen bestraft werden, die Kriegsverbrechen darstellten. Um die Militärgerichte vor Hitler zu schützen, der sie womöglich ganz aufgelöst hätte, entzog ihnen das Oberkommando auf unbestimmte Zeit die zivilen Vergehen. Offiziere konnten nun völlig frei über das Schicksal russischer Zivilisten entscheiden.

Beispielhaft für diesen völlig rechtsfreien Raum ist der Umgang mit den mehr als drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in den ersten Monaten des Feldzugs festgenommen wurden. Der größte Teil von ihnen wurde ermordet. Mark Mazower zeigt, dass die Wehrmacht mit diesen riesigen Gefangenenzahlen überfordert gewesen ist und ihren Tod billigend in Kauf nahm. Mit der Gewalt gegen die Soldaten der Roten Armee ging die massenhafte Ermordung der jüdischen Zivilbevölkerung einher. Die Besatzer griffen dabei auf die Hilfe zahlreicher faschistischer und antisemitischer Gruppen in den besetzten Gebieten zurück. Zudem entwickelten viele Wehrmachtsangehörige den unfaßbaren Ehrgeiz, sich von den Sonderkommandos der SS nicht ausstechen zu lassen. Von der hemmungslosen Brutalität der deutschen Besatzer gegen die Angehörigen der sowjetischen Armee bis zur sogenannten Endlösung der Judenfrage war es für Mazower nur ein kleiner Schritt.

Als die Deutschen abzogen, waren in den Grenzen von 1941 über zwei Millionen Juden ermordet worden. Von diesen hatten vielleicht 1,6 Millionen auf dem Territorium gelebt, das von 1939 bis 1941 von der UdSSR besetzt war. Juden hatten überall am stärksten unter deutscher Brutalität zu leiden, aber wo die Rote Armee zuvor geherrscht hatte, starben die meisten. Hier schlugen die deutschen Hinrichtungskommandos am frühesten und ohne Vorwarnung zu.

Der Russlandfeldzug brachte den Wendepunkt des Krieges, er war der Anfang vom Ende der Naziherrschaft. Und das Aus für die blutigen Pläne für ein großgermanisches Imperium in Europa. Vieles von dem, was Mazower schreibt, ist bekannt. Hier und dort aber wartet er mit neuen Erkenntnissen auf, etwa wenn er neue Quellen über die „Aktion Reinhardt“ erschließt, die die Brutalität dieses ersten systematischen Massenmords an den Juden im Baltikum belegen. Auch wenn gelegentlich der rote Faden seiner Argumentation ein wenig untergeht in der Darstellung vieler detaillierter Episoden, lässt sich dieses Buch, eine materialreiche und sehr spannend geschriebene Darstellung, mit Gewinn lesen. Nicht zuletzt liegt das an Mazowers ebenso gewagtem wie provokantem Versuch, nach Überbleibseln der ,,neuen nationalsozialistischen Ordnung“ des Kontinents in der Nachkriegszeit zu suchen. Er entdeckt sie vor allem im Bereich der personellen Kontinuität, unter Politikern und Beratern, die schon im Dritten Reich wichtige Positionen bekleidet hatten und nach dem Krieg beim Aufbau der grenzüberschreitenden Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mitwirkten: Männer wie Ludwig Erhard, Hermann Josef Abs oder Karl Blessing, der spätere Bundesbankpräsident. Eine These, die unter hiesigen Historikern eine spannende Diskussion auslösen könnte. Mark Mazowers Geschichte des nationalsozialistischen Imperialismus, seiner unmittelbaren Folgen und Nachwirkungen, eröffnet neue Perspektiven für die Beschäftigung mit dem Dritten Reich.

Mark Mazowers Buch „Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus“ ist im Verlag C.H. Beck erschienen. 704 Seiten kosten 34 Euro. Nils Beintker war der Rezensent.

http://www.deutschlandfunk.de/hitlers-imperiale-traeume.1310.de.html?dram:article_id=193919

 

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