Das britische Weltreich entstand durch Privatunternehmer, die glaubten, Chancen zu sehen und ihr Glück, respektive Profit, zu machen. Es war alles andere als das bloße Werk von Königen und Eroberern, sondern weitgehend ein privatwirtschaftliches Imperium, die Schöpfung von Händlern, Investoren, Siedlern und Missionaren (nebst vielen anderen). Das Imperium kannte die Technik, Herrschaft auszuüben, indem man eine kleine, lokale Schicht von Kollaborateuren durch Privilegien an sich bindet und zu Vasallen macht. Und durch Gewalt gegen die Unwilligen, die sich nicht unterwerfen wollten: „Die Briten konnten ein Weltreich errichten, weil sie die Möglichkeiten der globalen Vernetzung besser nutzten als ihre Konkurrenten“. Das taten sie nicht ohne koloniales Machtgehabe, sprich der konsequenten Anwendung von organisierter Gewalt: „Mit Zwang konnte man sich Land aneignen und Arbeitskräfte rekrutieren, oft sogar beides zugleich. Die Kolonialherrschaft war also für die weiße Herrenschicht das Mittel, die örtliche Wirtschaft in ihrem Sinne zu gestalten und zu kontrollieren. Wenn Schwarzafrikaner von Weißen totgetreten oder -geschlagen wurden, was gar nicht einmal selten vorkam, stellten die weißen Geschworenen gern als Todesursache eine „chronische Vergrößerung der Milz“ fest – was bei Schwarzen offensichtlich eigentlich häufig vorkam – und sprachen den Angeklagten frei.“ Warum endete das britische Imperium nach dem Zweiten Weltkrieg: Es gab immer auch die englischen empire-kritischen Stimmen, die aber nie im Land vorherrschend wurden. Es war die wirtschaftliche Schwäche, die es dem Imperium nach 1945 nicht mehr ermöglichten, alle Positionen des geostrategisch zersplitterten imperialen Netzwerkes zu kontrollieren. Großbritannien hatte nach ’45 nicht mehr die Stärke dafür. „Die Kolonialherrschaft hatte zudem den letzten Rest ihrer moralischen Rechtfertigung als eine Form der aufgeklärten Treuhänderschaft verloren. Die ideale Nachkriegsordnung verkörperte sich in der Charta der Vereinten Nationen, in der alle Formen des Kolonialismus abgelehnt und durch das universelle Ideal des souveränen Nationalstaats ersetzt wurden.“

Großbritannien
Wie ein Empire entsteht und zerbricht

Große Reiche wurden in der Weltgeschichte errichtet und verfielen. Fast 400 Jahre bestand das britische Weltreich – seine Geschichte vom Aufstieg bis zum Fall hat der englische Historiker John Darwin beschrieben.

Von Paul Stänner

Zu sehen ist ein altes Bild mit einer Parade von Elefanten, auf deren Rücken die königlichen Würdenträger sitzen. (picture-alliance/ dpa)
Ein Besuch von Edward (später Edward VII), dem Prince of Wales, in Indien im Jahr 1875 (picture-alliance/ dpa)

„Ich, Docemo, gebe, übertrage, gewähre der Königin von Großbritannien sowie all ihren Erben und Nachfolgern den Hafen und die Insel Lagos als direkte, volle und absolute Herrschaft und Souveränität aus freien Stücken, vollständig vollkommen und absolut.“

Es war am 6. August 1861, als die Insel Lagos, die heute ein Teil der Hauptstadt Nigerias ist, der britischen Regierung übereignet wurde. Was der Abtretungsvertrag, aus dem wir eben vorgetragen haben, nicht enthielt, waren die Worte des Königs Docemo, der sich am folgenden Tag beklagte, der Kapitän des Kriegsschiffes Prometheus habe ihn bedrängt, den Vertrag zu unterzeichnen.

„Und wenn ich mich weigerte, sei er bereit, die Insel Lagos zu beschießen und sie in einem Augenblick zu zerstören.“

Das britische Weltreich, wie es entstanden ist – John Darwin, Lecturer am Nuffeild College in Oxford, hat über „Das unvollendete Weltreich“ geschrieben. Weltreiche sind sein Spezialthema. Vor drei Jahren erschien auf deutsch sein Werk „Der imperiale Traum“, in dem er die Geschichte großer Reiche zwischen 1400 und 2000 untersuchte. Seinerzeit hatte er deren Dynamik beschrieben, wie sie entstehen und untergehen und vor allem, wie sie in Konkurrenz zueinander Chancen wahrnehmen oder sich offen bekämpfen.

Natürlich war auch in diesem Buch schon vom britischen Weltreich die Rede gewesen, jetzt widmet der Autor ihm eine eigene Monografie.

„Imperien wurden nicht von gesichtslosen Komitees geschaffen, die großartige Berechnungen anstellten und Pläne schmiedeten. Das galt ganz gewiss für das britische Weltreich, das Empire. Es war alles andere als das bloße Werk von Königen und Eroberern, sondern weitgehend ein privatwirtschaftliches Imperium, die Schöpfung von Händlern, Investoren, Siedlern und Missionaren (nebst vielen anderen).“

So gesehen ist es für Darwin müßig, nach einer staatlichen oder nationalen Konzeption zu suchen, die die Expansion seiner Insel über einen Großteil des Globus erklären könnte. Nein, das britische Weltreich entstand durch Privatunternehmer, die glaubten, Chancen zu sehen und ihr Glück, respektive Profit, zu machen. John Darwin arbeitet Stück für Stück die einzelnen Kapitel der Landnahme auf fremden Kontinenten ab. Im Regelfall begann es mit einem Brückenkopf, der nach und nach ausgeweitet wurde.

„Mit Zwang konnte man sich Land aneignen und Arbeitskräfte rekrutieren, oft sogar beides zugleich. Die Kolonialherrschaft war also für die weiße Herrenschicht das Mittel, die örtliche Wirtschaft in ihrem Sinne zu gestalten und zu kontrollieren. Wenn Schwarzafrikaner von Weißen totgetreten oder -geschlagen wurden, was gar nicht einmal selten vorkam, stellten die weißen Geschworenen gern als Todesursache eine „chronische Vergrößerung der Milz“ fest – was bei Schwarzen offensichtlich eigentlich häufig vorkam – und sprachen den Angeklagten frei.“

Die Zustände im Imperium, die Technik, Herrschaft auszuüben, indem man eine kleine, lokale Schicht von Kollaborateuren durch Privilegien an sich bindet: All das kennt man schon aus anderen Veröffentlichungen. Betrachten wir das Mutterland – warum lohnte es sich, ein Imperium zu unterhalten?

„Der Aufstieg Glasgows zu einer großen Handelsmetropole, der aktive Anteil, den schottische Geschäftsleute am Indien- und Afrikahandel hatten, die imperialen Feldzüge, in denen schottische Regimenter dienten, hatten allesamt eine doppelten Effekt. Sie waren eine Erinnerung daran, dass das viktorianische Schottland ohne das Empire ein armer Partner Englands gewesen wäre. Und sie bewirkten eine gewaltige Stärkung des schottischen Selbstvertrauens: die Überzeugung, dass Schottland als eigene nationale Gemeinschaft mit seinem eigenen Weg in die moderne Zeit überleben konnte.“

Es scheint zweifelhaft, ob man eine ähnliche Argumentation – sagen wir an einem brandenburgischen Regiment, das sich in Hitlers Eroberungskriegen ausgezeichnet und so den Brandenburgern Selbstbewusstsein für die Jahre nach ’45 verliehen hätte, – ob man eine solche Argumentation ebenso naiv lesen würde, wie Darwin sie geschrieben hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg, eigentlich schon nach dem Ersten, begann die Auflösung des Empire. Ein Grund war die geostrategische Zersplitterung, die einen hohen Aufwand erforderte, wollte man wirklich alle Positionen unter Kontrolle behalten. Großbritannien hatte nach ’45 nicht mehr die Stärke dafür.

Sehr kleinteilig erläutert Darwin, wie ab den 1960er-Jahren die Illusion von einem Weltreich Großbritannien, das gleichberechtigt mit den beiden damaligen Großmächten USA und UdSSR agieren konnte, von der Realität zerstäubt wurde. Dies sind die wahrscheinlich spannendsten Kapitel des Buches, in denen Darwin wieder mit sarkastischen Kommentaren die Agonie der britischen Politik beschreibt, die oftmals von einem tiefen, arroganten Unverständnis gegenüber den Kolonien geprägt war. Darwin betont sehr die englischen empire-kritischen Stimmen, die es während all der Jahrhunderte gegeben hat, erklärt aber nicht, warum diese Stimmen nie so viel Gewicht bekommen haben, als dass die Krone das Weltreich abgestoßen oder verkleinert hätte. Er erklärt, dass die asiatischen Länder sich aufgrund ihrer Kultur gegen Londons Imperium erhoben haben, erklärt aber nicht, warum dann die afrikanischen Staaten mit anderer wenig später nachzogen. Ausführlich widmet er sich den Fehleinschätzungen britischen Nachkriegspolitikerei der Auflösung des Empire. Aus ihrem Verhalten lässt sich sogar ein Erkenntnisgewinn ziehen.

„Sie zeigen nämlich, dass die Vorhersage des historischen Wandels ein ausgesprochen riskantes Unterfangen ist. Außerdem erinnern sie uns daran, dass der Niedergang von Imperien nur selten in einer vorhersehbaren Geschwindigkeit und noch seltener in vorhersehbarer Weise erfolgt. Es war also kaum überraschend, dass die britischen Staatslenker die Zukunft ihres Landes nicht korrekt vorhersagen konnten. Tatsächlich tat das auch kein anderer.“

John Darwin: „Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600-1997“, Campus, 482 Seiten, Preis: Euro 39,90, ISBN: 978-3-593-39808-2

http://www.deutschlandfunk.de/grossbritannien-wie-ein-empire-entsteht-und-zerbricht.1310.de.html?dram:article_id=273850

Britisches Empire
400 Jahre Geschichte in vielen Grautönen

John Darwin: „Das unvollendete Weltreich“

Von Nana Brink

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Aufnahme einer Szene aus der Krönungszeremonie von Königin Elisabeth II. am 02.06.1953 in der Westminster Abbey. (dpa picture alliance/PA)
Krönung Elisabeth II. (dpa picture alliance/PA)

John Darwin bearbeitet 400 Jahre britische Geschichte leicht und doch präzise formuliert. Er schreibt weder antiimperialistisch noch nostalgisch und macht Lust, hinter die gängigen Klischees zu blicken.

Deutsche Wochenschau über die Krönung Elisabeths II.: „Der große Augenblick war gekommen, als der Erzbischof der jungen Monarchin die Krone aufs Haupt setzte. Jene Krone, die ein Viertel der Menschheit verbindet.“

Als Elisabeth II am 5. Juni 1953 zur Königin von England gekrönt wird, ist das Britische Empire noch ein Weltreich.

„Es war das prunkvollste Schauspiel, das die Welt seit dem Mittelalter erlebte. Nach der Krönung marschiert die Heeresmacht Englands mit allen Waffengattungen auf. Alle Formationen des weltumspannenden Reiches sind vertreten.“

England, Irland, Schottland, die amerikanischen, karibischen, afrika-nischen Kolonien und Überseegebiete, Indien, Hong Kong – als Elisabeth II das Zepter übernimmt, ist der Auflösungsprozess dieses Empires allerdings schon in vollem Gange.

Mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 hat er seinen sichtbaren Anfang genommen. Denn, so schreibt der britische Historiker John Darwin:

„Die Kolonialherrschaft hatte den letzten Rest ihrer moralischen Rechtfertigung als eine Form der aufgeklärten Treuhänderschaft verloren. Die ideale Nachkriegsordnung verkörperte sich in der Charta der Vereinten Nationen, in der alle Formen des Kolonialismus abgelehnt und durch das universelle Ideal des souveränen Nationalstaats ersetzt wurden.“

Wer sich an diese Geschichte wagt, muss eine Idee haben

Fast 400 Jahre immerhin, von 1600 bis 1997, so der Untertitel von John Darwins umfassender Geschichte des britischen Empires, prägte dieses Reich wie kein anderes die Weltgeschichte. Wer sich an diese Geschichte wagt, muss eine Idee haben, denn sie ist schon Hunderte Male beschrieben worden, in allen Facetten.

(Campus Verlag)John Darwin: „Das unvollendete Weltreich“ (Campus Verlag)Der in Oxford beheimatete Darwin wartet mit einer besonderen auf, die sowohl in der intellektuellen Zuspitzung wie in ihrer Darstellung fasziniert. Er nennt dieses Herrschaftsgebilde, das die ganze Welt umspannte, kühn ein „unvollendetes“.

„Wenn wir die alten Weltkarten betrachten, auf denen riesige Flächen in dem für die britischen Besitzungen typischen Rot eingefärbt sind, gerät leicht aus dem Gedächtnis, dass diese Empire stets im Werden war und tatsächlich kaum zur Hälfte vollendet wurde. Zum Ersten waren seine Gründer von keiner einheitlichen Vorstellung beseelt, was dieses Reich eigentlich sollte.

Zum zweiten war die Führungs- und Herrschaftsstruktur dieses Imperiums zu allen Zeiten unzureichend und ziemlich oft sogar chaotisch. Die Ansicht, dass ein in London ausgesprochener Befehl überall auf der Welt von diensteifrigen Statthaltern ausgeführt worden sei, ist eine historische Fantasievorstellung, wenn auch eine recht populäre.“

Darwin geht thematisch vor, nicht chronologisch

Geschichte wird nicht schwarz und weiß gemalt, sondern zeigt sich in vielen Grautönen. John Darwins Erzählung des britischen Empires ist demnach weder nostalgisch verbrämt – wie in konservativen Zirkeln in Großbritannien bis heute üblich –,  noch mit antiimperialistischem Impetus versehen, wie er in der Forschung der letzten Jahrzehnte vorherrschte.

Sein Geschichtsbuch, leicht und dennoch präzise formuliert, macht Lust, hinter die gängigen Klischees zu blicken. Vor allem weil er nicht chronologisch vorgeht, sondern thematisch. Wenn es schon keinen Masterplan für das Empire gab, was waren seine Erfolgsprinzipien?

Der Freihandel, symbolisiert in der Gründung der Ostindien-Kompanie, und die gut organisierte Militärmaschine waren Garanten für den Aufstieg zur Weltmacht. Nicht zu vergessen ein pragmatischer Blick auf die Dinge, den ein Mann – wenn auch am Ende der Erfolgsgeschichte – unvergesslich formuliert hat: „Ich habe Euch nicht anderes zu bieten als Blut, Mühsal, Schweiß und Tränen“, erklärte Winstons Churchill am 13. Mai 1940 im britischen Unterhaus seine Strategie gegenüber Nazi-Deutschland.

Diese nüchterne Sichtweise allerdings lässt auch erahnen, wie sehr die britische Politik auch letztendlich an ihre Überlegenheit glaubte. „Die Briten konnten ein Weltreich errichten, weil sie die Möglichkeiten der globalen Vernetzung besser nutzten als ihre Konkurrenten“, schreibt Darwin. Das taten sie nicht ohne koloniales Machtgehabe, sprich der konsequenten Anwendung von organisierter Gewalt, wie Darwin trocken so formuliert:

„… die weniger schönen Begleiterscheinungen der Eroberungen und Besiedlungen, etwa die Vertreibung und Unterjochung ganzer Völker, als ein Preis, den man zu zahlen hatte. (…) Ein oft ziemlich unsauberes, wenn nicht sogar blutiges Geschäft.“

Eckdaten 1600 und 1997

Ausbeutung und Rassismus gehören als „Regierungsmethoden“ zur Geschichte des britischen Empires ebenso dazu wie der Erfolg der Ostindien-Kompanie, ein Synonym für das, was wir heute „Globalisierung“ nennen würden. Wie sie damals funktionierte, beschreibt Darwin fast journalistisch anhand von vielen Beispielen, die mehr als nur eine Parallele zu heute aufweisen.

Bleibt die Frage, warum John Darwin die etwas krummen Eckdaten 1600 und 1997 für seine Geschichtsschreibung wählt? Das erste Datum nennt die Gründung der Ostindien-Kompanie. Das zweite die Aufgabe der letzten Kronkolonie. Am 1.Juli 1997 übergibt der letzte britische Gouverneur Chris Patton die Kontrolle über Hong Kong an die Volksrepublik China. Ein Imperium verabschiedet sich. Auch wenn es sich – siehe den Konflikt um das britische Überseegebiet der Falklandinseln – noch aufbäumt. John Darwin wäre kein Brite, wenn er es schlimm fände:

„In der langen Abfolge der Weltgeschichte war die Ära des Britischen Empires nur eine kurze Phase und ein außergewöhnlicher Moment. Sie wurde durch eines der unvorhersehbaren Zusammentreffen ermöglicht, die es in der Geschichte immer wieder gibt. Ein schwaches und passives Ostasien und ein Europa, zwischen dessen rivalisierenden Großmächten gerade ein prekäres Gleichgewicht herrschte, und ein introvertiertes Amerika.“

John Darwin: Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600-1997
Aus dem Englischen von Michael Bayer und Norbert Juraschitz
Campus Verlag, 482 Seiten, 39,90 Euro (eBook 34,99)
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