Allein seit März sind in Mexiko sechs Medienleute umgebracht worden. Einer von ihnen ist Javier Valdez, der furchtlos über das mächtige Sinaloa-Kartell berichtete. «In Mexiko – einem der gefährlichsten Länder für Journalisten weltweit – erlaubt es die weitverbreitete Straflosigkeit kriminellen Gruppen, korrupten Beamten und Drogenkartellen, ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen.» Seit dem Jahr 2000 sind laut verschiedenen Zählungen um die 120 Journalisten in Mexiko umgebracht worden, so gut wie alle Morde bleiben unaufgeklärt. Nicht alle Medien halten der Bedrohung stand. Viele üben Selbstzensur und rühren die heissen Eisen kaum mehr an.

Prominenter Journalist in Mexiko getötet
Wo alle paar Wochen ein Journalist ermordet wird
von Peter Gaupp, San José16.5.2017, 20:54 Uhr
Allein seit März sind in Mexiko sechs Medienleute umgebracht worden. Einer von ihnen ist Javier Valdez, der furchtlos über das mächtige Sinaloa-Kartell berichtete.
Der Journalist Javier Valdez ist in Mexiko ermordet worden. (Bild: Mario Guzman / Keystone)

Der Journalist Javier Valdez ist in Mexiko ermordet worden. (Bild: Mario Guzman / Keystone)

In Culiacán, der Hauptstadt des mexikanischen Gliedstaats Sinaloa am Golf von Kalifornien, ist am Montag der international bekannte Journalist Javier Valdez ermordet worden. Eine Gruppe Männer stoppte seinen Wagen auf offener Strasse in der Nähe der Büros des Nachrichtenportals «Ríodoce», das er 2003 mit Kollegen gegründet hatte, und erschoss ihn kaltblütig. Sinaloa ist die Hochburg des gleichnamigen Drogenkartells, dessen Gründungschef Joaquín «El Chapo» Guzman in New York der Prozess gemacht wird, nachdem er im Januar von Mexiko an die USA ausgeliefert worden ist.

Valdez war auch Korrespondent der nationalen Zeitung «La Jornada». Wie kein Zweiter vertiefte er sich in die sozialen Wurzeln und Auswirkungen des organisierten Verbrechens und schrieb mehrere Bücher darüber. Für Journalisten aus anderen Regionen und Ländern war er bereitwillig Anlaufstelle und Informationsquelle, wenn sie sich mit dem Thema befassten. Für seine mutige Arbeit erhielt er im Jahr 2011 in den USA Preise der Columbia University und des Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ).

Notorische Straflosigkeit

Allein seit März sind in Mexiko somit sechs Journalisten umgebracht worden. Grosses Aufsehen erregte am 23. März der Tod der Korrespondentin von «La Jornada» in Chihuahua, Miroslava Breach, die erschossen wurde, als sie ihren 10-jährigen Sohn zur Schule fuhr. Valdez‘ fatalistischer Twitter-Kommentar lautete damals: «Sollen sie uns doch alle umbringen, wenn die Strafe dafür, über diese Hölle zu berichten, der Tod ist. Nein zum Schweigen!» Noch an Valdez‘ Todestag gab es ein weiteres Attentat: auf die Vizedirektorin einer Lokalzeitung in Jalisco; sie überlebte, während ihr 26-jähriger Sohn starb.

Seit dem Jahr 2000 sind laut verschiedenen Zählungen um die 120 Journalisten in Mexiko umgebracht worden, letztes Jahr deren 11. Aggressionen aller Art gegen Medien und ihr Personal gab es im vergangenen Jahr über 400; so gut wie alle bleiben unaufgeklärt. Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit brachte das CPJ die Sache auf den Punkt: «In Mexiko – einem der gefährlichsten Länder für Journalisten weltweit – erlaubt es die weitverbreitete Straflosigkeit kriminellen Gruppen, korrupten Beamten und Drogenkartellen, ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen.» Nicht alle Medien halten der Bedrohung stand. Viele üben Selbstzensur und rühren die heissen Eisen kaum mehr an.

Hinter Syrien, vor dem Irak

Die Gewalt gegen die freie Meinungsäusserung ist indessen nur ein kleiner Teil des Blutbads im Sog des organisierten Verbrechens. Allein in Sinaloa wurden in den ersten vier Monaten dieses Jahres 492 Morde registriert. Laut dem Londoner Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS) war Mexiko 2016 hinter Syrien das Land, in dem am meisten Menschen gewaltsam ums Leben kamen, noch vor dem Irak und Afghanistan.

Die Regierung hat ausser Worten der Verurteilung der Verbrechen und des Beileids für die Opfer wenig zu bieten. Präsident Peña Nieto twitterte am Montag: «Wir sind der Meinungs- und Pressefreiheit verpflichtet, sie ist fundamental für unsere Demokratie.» 2010 wurde eine Spezial-Staatsanwaltschaft für Delikte gegen die Meinungsfreiheit eingerichtet. Sie erwirkte bisher drei Verurteilungen.

Seit 2012 bietet das Innenministerium einen «Mechanismus zum Schutz von Menschenrechtsverteidigern und Journalisten» an. Geldmittel dafür wurden freilich laut der BBC für 2017 nicht mehr bewilligt. Auch war das Vertrauen der potenziellen Nutzniesser beschränkt – verständlich angesichts der Verfilzung von korrupten Behörden und organisiertem Verbrechen.

https://www.nzz.ch/international/prominenter-journalist-in-mexiko-ermordet-javier-valdez-ein-kenner-des-sinaloa-kartells-ld.1293949

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