Für jeden Euro, den wir an Entwicklungshilfe ausgeben, sollen vier Euro zurück nach Deutschland kommen. Das Geschäft der Konzerne mit der Entwicklungshilfe! Öffentlich-private Partnerschaften fördern mit Steuergeldern vor allem westliche Unternehmen, um ihnen neue Absatzmärkte zu erschließen und zu sichern. Die Kleinbauern, die das Rückgrat für die lokale Ernährungssicherung darstellen, gehen dabei meist leer aus

Sehenswerte Doku auf Arte: „Konzerne als Retter?“

Kleinbauernschulung: Mitarbeitern des Agrarkonzerns Olam/Aviv in Tansania wird erklärt, wie der Kaffeeanbau idealerweise zu funktionieren hat. Foto: Thurn Film/Dieter StürmerKleinbauernschulung: Mitarbeitern des Agrarkonzerns Olam/Aviv in Tansania wird erklärt, wie der Kaffeeanbau idealerweise zu funktionieren hat. Foto: Thurn Film/Dieter Stürmer

Osnabrück. Arte nimmt die Zuschauer heute Abend mit auf eine Reise nach Kenia, Sambia und Tansania. Dort werden Konzerne in die Entwicklungshilfe einbezogen. In einem sorgfältig recherchierten Dokumentarfilm zeigt der Sender auf, wie staatliche Entwicklungshilfe missbraucht wird.

Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden! Zwischen Bielefeld und Nairobi! Dr. Oetker-Fertigpizzen werden idealerweise bei minus 21 Grad bis in die kenianische Hauptstadt transportiert, pro Container rund 12.000 Stück. Dort werden sie dann für umgerechnet mehr als sieben Euro pro Salami- oder Quattro Stagioni-Variante verkauft. Ein Beispiel für den funktionierenden Handel zwischen Europa und Afrika, auch wenn sich das deutsche Fastfood wohl nur die dortige Oberschicht wird leisten können. Das Problem ist nur, dass das alles Entwicklungshilfe sein soll. Aus dem westlichen Fanisi-Fonds gingen zwei Millionen Euro an das Unternehmen Europeans Food Africa. Dahinter steht der in Kenia lebende Deutsche Stephan Belzer, der mit dem Geld moderne deutsche Kühlräume und Aggregate anschaffte. Belzer vertreibt mit seinen 30 Mitarbeitern tiefgefrorene Beeren, Sahnetorten und Pizzen made in germany. Immerhin, könnte man sagen.

Zum Fernsehbeitrag: http://info.arte.tv/de/konzerne-als-retter

„Ungute Vermischung staatlicher Entwicklungshilfegelder mit privatem Kapital“

Die beiden Filmemacher Caroline Nokel und Valentin Thurn sehen darin aber eine ungute Vermischung staatlicher Entwicklungshilfegelder mit privatem Kapital in Fonds, die vor allem renditeorientiert sind. Da werde gar nicht mehr die Frage gestellt, was wirklich den Bedürftigen hilft. Die UN hat das Ziel ausgegeben, die extreme Armut und den Hunger bis 2030 beseitigen zu wollen. Dabei soll die Privatwirtschaft helfen. Doch die will vor allem Gewinn machen, so die Kritik in der Dokumentation.

„Der ehemalige Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat das unverblümt ausgedrückt. Jeder Euro, den wir an Entwicklungshilfe ausgeben, dafür sollen vier Euro zurück nach Deutschland kommen. Das würde der jetzige Minister nicht so krass sagen. Aber er handelt nicht so anders. Entwicklungshilfe ist zu einer Art Wirtschaftsförderung verkommen“, sagt Filmautor Valentin Thurn.

Heimische Produkte werden nicht mehr angebaut

So preist der jetzige Entwicklungshilfeminister Gerd Müller die deutsche Hilfe in Afrika weiterhin in höchsten Tönen. Etwa German Food Partnership, ein Vorzeigeprojekt der deutschen Bundesregierung. Auch 30 Agrarunternehmen wie BASF, syngenta, Bayer Crop Science oder der Landwirtschaftsmaschinenhersteller Grimme beteiligen sich. Mit umgerechnet 1,8 Millionen Euro wird aus dem Fonds die Kartoffelinitiative in Kenia gefördert. Doch von den geförderten Bauern werden jetzt keine heimischen Sorten mehr angebaut, sondern chips- und frittengerechte EU-Normkartoffeln. Die müssen aber Jahr für Jahr als Saatkartoffeln teuer angekauft werden und benötigen ein vielfaches Mehr an Pestiziden und Dünger. Das steigert zwar den Ernteertrag, gleichzeitig aber auch die Abhängigkeit von den Kreditgebern. Kleinbauern geraten so in einen Schuldenkreislauf, aus dem sie kaum noch entkommen können. Auch scheinen westliche Konzerne dafür afrikanische Staaten enorm unter Druck zu setzen.

„Malawi, eines der ärmsten Länder der Welt, hat plötzlich ein Gesetz erlassen, das Kleinbauern verbietet mit ihrem eigenen Saatgut zu handeln und nur noch Konzernsaatgut zulässt. Dahinter steht Korruption“, meint Thurn.

Arbeitsplätze werden nicht geschaffen

In der fast 90-minütigen Dokumentation addieren sich die Negativ-Beispiele. Baumwollmonokulturen machen Bauern vom Weltmarkt abhängig. Fällt der Preis, sind sie ruiniert. Gigantische Soja- und Maismonokulturen dienen nicht der Bekämpfung von Hunger, sondern der Erzielung von Rendite für westliche Anleger. Soja- und Palmöl-Plantagen verdrängen die heimische Bevölkerung und schaffen nur wenig Arbeitsplätze. Denn die großen Flächen werden industriell bewässert und bewirtschaftet. Da braucht es oft nur noch schlecht entlohnte Tagelöhner und Hilfsarbeiter. Der aufwendig recherchierte Film gerät hier allerdings in die eigene Text-Bild-Schere. Die Kritik äußert sich allein in vielen Betroffenen- und Experteninterviews. Zu sehen sind aber grünende und blühende Landschaften, in denen offensichtlich wohlernährte Einheimische ihr Auskommen finden. Kann das schlecht sein? Es fällt schwer, sich von der vermeintlich erfolgreichen Entwicklungshilfe nicht blenden zu lassen. Denn öffentlich-private Partnerschaften fördern mit Steuergeldern vor allem westliche Unternehmen, um ihnen neue Absatzmärkte zu erschließen und zu sichern. Die Kleinbauern, die das Rückgrat für die lokale Ernährungssicherung darstellen, gehen dabei meist leer aus, so das Fazit des Films.

https://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/892082/sehenswerte-doku-auf-arte-konzerne-als-retter