Zehn Piloten versuchen ehrenamtlich Menschen im Mittelmeer vor der libyschen Küste vor dem Ertrinken zu bewahren! Fünf sind Berufspiloten, einer arbeitet bei der Lufthansa. Sie sind an der Rettung von Leben beteiligt: Am Osterwochenende wurden 8000 gerettet, wie viele in diesen Tagen gestorben sind, weiss niemand genau, unter den Ertrunkenen ist ein sechsjähriges Kind. So alt sei sein Göttibub, sagt Zgraggen. Am schlimmsten ist die Verzweiflung im Cockpit, wenn er sieht, wie Menschen ins Wasser fallen und niemand in der Nähe ist, um sie zu retten. Aber 1200 Menschen sind auch dank ihnen gerettet worden. An rund vierzig Prozent der Rettungen auf dem Mittelmeer sind private Organisationen beteiligt. 2017 wurden bereits über 37 000 Personen gerettet. Laut Augenzeugen haben sich die Frontex-Schiffe in den letzten Wochen jedoch auffällig zurückgezogen und NGO deutlich mehr Einsätze übernommen. Die Frontex streitet dies offiziell ab; ihr Chef hat bisher nicht Stellung bezogen. Und nun sollen Lebensretter plötzlich Schlepper sein: In Italien hetzen ein Staatsanwalt und die Opposition gegen private Seenotretter, die Migranten aus dem Mittelmeer bergen. Innerhalb von Wochen haben sie es geschafft, die Stimmung zu drehen.

«Es ist schwer zu ertragen, wenn du Leute siehst, die um ihr Leben kämpfen und ertrinken»: Fabio Zgraggen (vorne) und Ruben Neugebauer. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

«Es ist schwer zu ertragen, wenn du Leute siehst, die um ihr Leben kämpfen und ertrinken»: Fabio Zgraggen (vorne) und Ruben Neugebauer. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

«Salam aleikum, Tripolis, wir suchen nach Flüchtlingen»

von Flurin Clalüna7.5.2017
Schweizer Piloten fliegen Rettungsmissionen vor der Küste Libyens. Das ist nicht unumstritten. Ihnen wird vorgeworfen, sie seien Handlanger der Schlepper.

So über das Mittelmeer zu fliegen, ist, wie von oben auf einen riesigen Friedhof zu schauen. Drei Männer starren aus den kleinen Flugzeugfenstern aufs Wasser hinab. Wenige hundert Meter unter ihnen sterben vielleicht wieder Menschen. In der Kabine riecht es eigenartig, nach Hoffnung, Angst und Schweiss, manchmal läuft auf dem Kopfhörer des Piloten die Musik von Jimi Hendrix, als surrealer Soundtrack. Irgendwo da unten treibt eine rote Schwimmweste im Wasser, «aber es hängt zum Glück keiner dran», sagt Fabio Zgraggen.

Der 32-jährige Pilot klingt erleichtert. Aber es ist ein moralisches Dilemma: Dort, wo er niemanden versinken sieht, stirbt auch niemand. Doch hat er an der richtigen Stelle gesucht? Zgraggen, Appenzeller, melancholische Augen, Strubbelhaar, darf nichts übersehen, «es wäre tödlich». Deshalb ist er mit seinen Pilotenkollegen, seiner Betroffenheit und einem einmotorigen, gemieteten Mini-Flugzeug aus der Schweiz hergeflogen: Zgraggen hat eine Stiftung gegründet, um Bootsflüchtlinge zu suchen, die vor der libyschen Küste in Seenot sind. Seit April sind die Piloten auf Malta, bis November wollen sie bleiben, 1000 Flugstunden lang. Zehn Piloten sind sie, alle fliegen gratis, fünf sind Berufspiloten, einer arbeitet für die Lufthansa.

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Zehn Schweizer Piloten fliegen bis November mit einem Kleinflugzeug Einsätze, um Flüchtlingsboote zu finden. – Fabio Zgraggen auf dem Weg zur Startbahn. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Es ist wieder Saison auf der zentralen Fluchtroute im Mittelmeer, eigentlich hat sie gar nie aufgehört. Aber jetzt wird es wärmer, und noch mehr Menschen gehen auf die Schlauch- und Holzschiffe, um aufgegriffen zu werden und nach Italien zu kommen. Am Osterwochenende waren es 8000, wie viele in diesen Tagen gestorben sind, weiss niemand genau, unter den Ertrunkenen ist ein sechsjähriges Kind. So alt sei sein Göttibub, sagt Zgraggen. Viele der Flüchtlinge können nicht schwimmen, und das Meerwasser ist erst 17 Grad warm. Sobald die Menschen die Boote besteigen, liegt die Wahrscheinlichkeit umzukommen bei rund 1:40. Man könnte also zynisch abzählen: Bis zu 200 Menschen sind manchmal auf den überfüllten Schiffsruinen; statistisch gesehen werden fünf von ihnen sterben. Der Body-Count in den ersten Monaten des Jahres liegt bei rund 1000, das sind mehr Tote als 2016 zur gleichen Zeit. Im gesamten letzten Jahr sind auf der Route nach Italien laut offiziellen Angaben 4581 Menschen ums Leben gekommen.

Das Licht ist Europa

Zgraggen hat das Kleinflugzeug von der Air Corviglia im Engadin gemietet, 2000 Euro kostet ein Flug, eine halbe Million die ganze Mission. Und jetzt schwebt die kleine Cirrus mit ihren vier Sitzplätzen über dem Wasser, kurz nach Sonnenaufgang ist sie von einer holprigen Abflugpiste in Malta losgeflogen. Seit eineinhalb Stunden ist das Flugzeug unterwegs, und gleich da vorne beginnt Libyen, ein gescheiterter Staat. Alle wollen fort von hier, auch die Migranten, die aus der Subsahara gekommen sind.

«Salam aleikum, Tripolis», sagt Raeto Vitins, der Co-Pilot, ins Funkgerät, «HB-KHG beginnt jetzt seinen Suchflug. Wir suchen nach Flüchtlingen.» Aus dem Mikrofon scheppert die Stimme einer Fluglotsin zurück. In der Kabine ist es warm geworden, die Männer müssen aufpassen, dass sie nicht einschlafen, das ewige Starren ist ermüdend. Sie essen ein Sandwich, bis einer ruft: «Target auf 9 Uhr!» Das Flugzeug sinkt, Ruben Neugebauer, 26, der dritte Mann an Bord, hält den Feldstecher vors Gesicht und sagt dann: «No Action.» Es ist bloss ein libysches Fischerboot. Und wieder dieses merkwürdige Gefühl: Ist das jetzt gut? Oder sucht man am falschen Ort? Eigentlich stimmt das Wetter, das Meer ist ruhig, der Wind kommt von der richtigen Seite, die Fluchtschiffe hätten in der Nacht vom libyschen Strand in Sabrata ablegen können.

Das Suchgebiet ist etwa so gross wie der Kanton Wallis, es beginnt zwölf Seemeilen hinter der libyschen Küste in internationalen Gewässern. Bis dorthin müssen es die Flüchtlingsboote schaffen, um nicht zurückgebracht zu werden. Wenn sie in der Nacht losfahren, sagen die Schlepper den Flüchtenden, sie würden bald ein Licht sehen – und das sei Europa. In Wahrheit sind es nur die Flammen bei einem Ölbohrturm mitten auf dem Meer, die das Wasser erleuchten, Italien ist noch sehr weit weg.

Zgraggen ist im Alltag Grafiker, aber vor allem ist er ein Abenteurer. Er hat eine eigene Gleitschirm-Schule, und man hat ihm und seinen Piloten schon vorgeworfen, sie suchten mit ihren Aufklärungsflügen bloss einen weiteren Thrill, einen egoistischen Kick in der Katastrophe, weil ihre Sucht nach Emotionen so stark ist. Es sind junge Männer, die man auch in einer Berghütte antreffen könnte, in der Freizeit haben sie Outdoor-Kleidung an, in den Haaren stecken Sonnenbrillen. Im Flugzeug tragen sie orangefarbene, feuerfeste Anzüge, Uniformen mit Aufnähern an den Ärmeln, die ihrer Sache einen offiziellen Anstrich geben. Sie sagen, sie seien keine Adrenalinjunkies, sie wollten helfen. Über der Stille des Meers, wenn nur das Rauschen des Motors zu hören sei, hätten sie andere Gefühle: vor allem Betroffenheit. Aber sie spüren auch dies: Raeto Vitins, 42, ein grosser, kräftiger Mann, sagt: «Ich bin kein Heiliger. Was ich tue, ist auch ein Bedürfnis: das Bedürfnis nach Anerkennung.» Er weiss, dass das fast schon anstössig klingt, als machte er sich eine Krise zunutze.

Auf 3000 Fuss unterhalten sich die Männer darüber, was in ihnen vorgeht. Vitins sagt: «Manchmal stelle ich mir vor: Heute habe ich 100 Menschen gerettet. Also mache ich in meinem Leben nichts anderes mehr. Aber so darf ich nicht denken. Ich habe eine Frau und ein schönes Daheim, ich werde bald Vater.» Zgraggen: «Ich weiss, was du meinst. Wenn die Büchse der Pandora einmal offen ist, kommt man fast nicht mehr davon los.» Vitins: «Sprichst du mit Freunden darüber, was du hier erlebst?» Zgraggen: «Mir fällt es schwer, mit jemanden aus der Schweiz darüber zu reden. Wenn du Leute siehst, die um ihr Leben kämpfen und ertrinken, und du bist einfach nur Zuschauer: Das ist schwer zu ertragen.»

Er fühlt sich dann wie ein hilfloser Augenzeuge in seiner fliegenden Kiste – zu weit weg, um die Gesichter auf den Booten erkennen zu können, und doch nahe genug, um zu verstehen, was da unten passiert. Am schlimmsten ist die Verzweiflung im Cockpit, wenn er sieht, wie Menschen ins Wasser fallen und niemand in der Nähe ist, um sie zu retten.

Über den Köpfen der Fischer

So wie Mitte April. Zgraggen kreist mit dem Flugzeug über einem Schlauchboot, das vor seinen Augen auseinanderfällt. Er funkt an Rettungsschiffe und die zentrale Kommandostelle in Rom, wenn er etwas entdeckt. Er ist das fliegende Auge für die Rettungsmissionen. Neben Küstenwache oder Militär patrouillieren auch zehn private Schiffe in den Gewässern, aber vermutlich werden sie diesmal zu spät kommen. In der Nähe entdeckt Raeto Vitins ein libysches Fischerboot. Vitins war früher eine Art Buschpilot, er war Fluglehrer an den schwierigsten Orten der Welt, in Nepal, Kanada und Afrika, und jetzt lässt er das Flugzeug steil nach unten absacken, auf sechzig Meter über dem Meer. Er blinkt mit den Flugzeuglichtern SOS und fliegt geradewegs auf das Fischerboot zu, «um es aufzuwecken». Aber nichts geschieht. Vitins dreht ab und hält dann noch einmal auf die Fischer zu; jetzt ist er nur noch gut zwanzig Meter über dem Wasser, und diesmal passiert etwas: Das Boot bewegt sich zur Unglücksstelle.

Im Cockpit geht in diesem Moment der psychische Stress in ein Gefühlschaos aus Glück, Erleichterung und Begeisterung über. Und wenn sich die Männer vorher nicht sicher waren, ob sie überhaupt etwas finden wollen, weil das immer ein Drama bedeutet, so wissen sie nun: Sie wollen unbedingt. Vitins sagt, er spüre einen Jagdinstinkt in sich, «es ist wie Fischen aus dem Himmel. Wir müssen diese Boote finden.» Es hat etwas von einer Sucht, sie putscht ihn auf, «ich merke die Motivation körperlich».

Am Osterwochenende entdecken die Piloten ein überfülltes Schlauchboot. Erst angesichts der Bilder realisieren sie später, was sie eigentlich erlebt haben. (Bild: Piloteninitiative)

Am Osterwochenende entdecken die Piloten ein überfülltes Schlauchboot. Erst angesichts der Bilder realisieren sie später, was sie eigentlich erlebt haben. (Bild: Piloteninitiative)

Zgraggen und seine Leute sind zum zweiten Mal auf Malta, schon vor einem Jahr sind sie Missionen geflogen, 1200 Menschen sind auch dank ihnen gerettet worden. Man hat damals Heldengeschichten über sie geschrieben, die ihnen unangenehm waren, aber nun hat sich etwas verändert. Schon früher hat man ihnen vorgeworfen, die Hobby-Piloten unter ihnen wollten unter abenteuerlichen Bedingungen bloss Flugstunden sammeln. Und überhaupt: Mit dem einmotorigen Flugzeug brächten sie sich selber in Gefahr. Nun werden sie auch vermehrt aus politischen Gründen angegriffen: Sie seien naive Handlanger der Schlepperbanden – nicht die Schweizer Piloten im Speziellen, sondern die privaten Retter generell. Man hat sie als «Pull-Faktor» bezeichnet: als Mitgrund, dass die Migranten auf die Schiffe gehen, weil sie hoffen dürfen, gerettet zu werden. An rund vierzig Prozent der Rettungen auf dem Mittelmeer sind private Organisationen beteiligt.

In einem Interview im Februar sagte Fabrice Leggeri, der Direktor der EU-Grenzschutzagentur Frontex: «Wir müssen verhindern, dass wir die Geschäfte der Schlepper in Libyen noch dadurch unterstützen, dass die Migranten immer näher an der libyschen Küste von europäischen Schiffen aufgenommen werden. Das führt dazu, dass die Schleuser noch mehr Migranten als in den Jahren zuvor auf die seeuntüchtigen Boote zwingen, ohne genug Wasser und Treibstoff. Wir sollten deshalb das gegenwärtige Konzept der Rettungsmassnahmen vor Libyen auf den Prüfstand stellen.» Auf Anfrage schreibt Frontex ausserdem: «Europol schätzt für das Jahr 2015, dass Schlepper vier bis sechs Milliarden Euro damit verdient haben, Leute in die EU zu schmuggeln. Migranten von überfüllten Schiffen im Mittelmeer zu retten, kann nur ein Teil der Lösung sein.»

Zgraggen, Vitins und Neugebauer sitzen an einem Hafen in Malta. Es ist ein warmer Frühlingsnachmittag, der Rettungseinsatz ist vorbei, in einem Restaurant schauen sie sich Fotos von früheren Flügen an, von denen sie nicht wissen, ob sie sie überhaupt sehen wollen. Auf den Bildern sieht man Körper, die im Wasser treiben. Man weiss nicht, ob sie tot sind oder noch leben. Wenn die Piloten Einsätze fliegen, bekommen sie das alles vor lauter Adrenalin oft gar nicht mit. Erst nach dem kurzen Blackout merken sie, was sie eigentlich erlebt haben. Es ist wie ein verzögerter Schock.

Zgraggen schlägt den Deckel des Laptops zu, auf dem die Bilder gespeichert sind. Sein Computer ist wie ein beklemmendes Logbuch der letzten Wochen. Vitins sitzt daneben, etwas genervt von einer politischen Diskussion, die er eigentlich gar nicht führen möchte. Er sagt: «Ich bin ein völlig unpolitischer Mensch, ich bin einfach gestrickt. Vor meinen Augen ertrinkt keiner.»

Aber so einfach ist das nicht. Allein die Anwesenheit der Piloten ist ein Statement. Sie fliegen ihre Einsätze in einer politischen Krise, nicht in einer Naturkatastrophe. Zgraggen sagt: «Wir wissen, dass wir die Welt nicht verändern und die Krise nicht lösen können. Aber wir machen einen Unterschied für die Leute auf dem Meer. Es darf nicht sein, dass Menschen dort ertrinken.» Dass er und seine Freunde die Krise verschärfen, glaubt er nicht. Eine Studie der Universität Oxford vom März hat die Anzahl Fluchtbewegungen auf dem Mittelmeer zwischen 2010 und 2016 untersucht und festgestellt: Die Formel, wonach mehr Rettungsaktionen mehr Flüchtlinge bedeuten, stimmt nicht.

EU-kritisches Marketing

Am liebsten wäre Zgraggen eine Art moderner Henry Dunant, ein typisch neutraler Schweizer, der aus rein humanitären Motiven handelt. In diesem Geist hat er 2015 die «Piloteninitiative» gegründet – aus menschlicher Betroffenheit, an einem Lagerfeuer im Appenzellischen, mit Freunden, die sich vorstellen konnten, für eine gute Sache zusammenzuspannen. Aber diese totale Unabhängigkeit hat Zgraggens Stiftung nicht mehr; sie wird einer Aktivistenszene zugerechnet und ist eng mit der deutschen Organisation «Sea Watch» verbandelt, von der sie zu grossen Teilen finanziert wird. Diese patrouilliert mit einem Schiff auf dem Mittelmeer, betreibt aber ein viel aggressiveres, EU-kritischeres Politmarketing als die Schweizer Piloten. Schuld an der Krise sei «die Festung Europa». Ruben Neugebauer fliegt Einsätze mit Zgraggen, aber eigentlich gehört er zur «Sea Watch»-Crew. Er ist früher auf Atomkraftwerke geklettert und hat Greenpeace-Boote gesteuert. An diesem Tag trägt er ein T-Shirt, auf dem steht: «Fluchthilfe ist kein Verbrechen.»

Zgraggens Stiftung hat Gönner, die Parteien von der SP bis zur SVP wählen, und nicht allen gefällt es, wenn sie sich eindeutig positioniert. Solche Stimmen hat Zgraggen in seinem Umfeld schon gehört. Nun steht er am Abflugterminal auf Malta, es geht für einige Tage nach Hause. Aber er wird wiederkommen. So lange, wie er das Gefühl hat, es sei nötig.

https://www.nzz.ch/gesellschaft/salam-aleikum-tripolis-wir-suchen-nach-fluechtlingen-ld.1290524

Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer
Private Hilfsorganisationen retten Tausende von Migranten
16.4.2017, 09:12
Drei Nichtregierungsorganisationen haben nach eigenen Angaben innert 48 Stunden rund 3000 Migranten aus dem Mittelmeer gerettet. Die Retter arbeiten laut einer Sprecherin am Limit.

Bootsflüchtlinge im Mittelmeer

Lebensretter sollen plötzlich Schlepper sein

von Andrea Spalinger, Rom5.5.2017, 08:00 Uhr
In Italien hetzen ein Staatsanwalt und die Opposition gegen private Seenotretter, die Migranten aus dem Mittelmeer bergen. Innerhalb von Wochen haben sie es geschafft, die Stimmung zu drehen.
Auf dem Mittelmeer tätigen Nichtregierungsorganisationen wird vorgeworfen, mit Schlepperbanden unter einer Decke zu stecken. (Bild: Yannis Behrakis / Reuters)

Auf dem Mittelmeer tätigen Nichtregierungsorganisationen wird vorgeworfen, mit Schlepperbanden unter einer Decke zu stecken. (Bild: Yannis Behrakis / Reuters)

Bis vor kurzem wurden Nichtregierungsorganisationen (NGO) und private Helfer, die auf dem Mittelmeer Bootsflüchtlinge retten, in Italien als Helden gefeiert und mit Verdienstmedaillen überhäuft. Nun werden sie als Helfershelfer der Schlepper verteufelt und müssen sich vor parlamentarischen Kommissionen verteidigen. Die Stimmung hat sich innerhalb von wenigen Wochen gedreht. Hatten zuvor nur rechtspopulistische Hardliner gegen die Rettungsaktionen auf hoher See mobil gemacht, schiessen heute diverse Oppositionspolitiker und sogar ein Minister gegen die NGO.

Angefangen hatte alles mit einem kritischen Bericht der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Deren Chef, Fabrice Leggeri, ist überzeugt, dass die Rettungsaktionen vor der libyschen Küste einen Anreiz für Schlepperorganisationen schaffen. Damit steht er auch in Italien nicht alleine da. In Interviews hat der Franzose den privaten Helfern nun aber sogar vorgeworfen, in direktem Kontakt mit Menschenhändlern in Libyen zu stehen. Der Oberstaatsanwalt von Catania, Carmelo Zuccaro, nahm den Ball auf. Die NGO steckten unter einer Decke mit den Schmugglern und verfolgten mit ihrem Engagement finanzielle Interessen, behauptete er und leitete eine Untersuchung ein. Konkrete Beweise hat er nach eigenen Angaben keine. Das hält ihn aber nicht davon ab, seine Beschuldigungen gegenüber italienischen Medien täglich zu bestärken.

Die Opposition frohlockt

Für die Opposition ist die Polemik ein gefundenes Fressen. Luigi Di Maio, einer der führenden Köpfe der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, sprach von «Taxidiensten auf dem Mittelmeer» und warf den NGO vor, Kriminelle zu transportieren. Der Chef der rechten Lega Nord, Matteo Salvini, donnerte, nun wolle man Verhaftungen sehen. Sogar Aussenminister Angelino Alfano, Vorsitzender einer kleinen katholischen Partei, gab zu Protokoll, Zuccaro liege hundertprozentig richtig.

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August 2016, Spanien: Nach Schliessung der Balkan-Route gelangen die meisten Flüchtlinge übers Mittelmeer nach Europa. Die Boote, die ihnen Schlepper teuer vermitteln, sind meist überfüllt und wenig seetauglich; Hunderte sterben bei der Überfahrt. Hier rettet die spanische NGO Proactiva ein Flüchtlingsboot, das von der lybischen Küste gestartet ist. (28. August 2016). (Bild: Giorgos Moutafis / Reuters)

Der Justizminister reagierte genervt. Bisher gebe es keinerlei Beweise für die Vorwürfe, sagte Andrea Orlando. Die Diskreditierung der NGO bringe wenig. Das Flüchtlingsproblem sei eine epochale Herausforderung, für die man nachhaltige Lösungen suchen müsse. Auch Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni verteidigte die NGO. Diese retteten Tausende von Menschenleben. Dafür sollte man ihnen dankbar sein, sagt er.

Um den schweren Vorwürfen auf den Grund zu gehen, hat der Senat die Verteidigungskommission mit einer Untersuchung beauftragt. In den letzten Tagen wurden Helfer, Beamte, Rechtsvertreter und Spione angehört. Interessant ist insbesondere, dass Italiens Geheimdienste, die in der früheren Kolonie Libyen sehr aktiv sind, nach eigenen Aussagen keinerlei Hinweise auf Verbindungen zwischen NGO und Menschenschmugglern haben. Und auch andere Staatsanwälte halten die These des Kollegen aus Catania für fragwürdig.

MSF spricht von obszöner Kampagne

Vertreter von Médecins sans Frontières (MSF) sprachen an einer Pressekonferenz nach der Anhörung im Senat von einer «obszönen» Politkampagne. Die Organisation ist mit zwei Schiffen auf dem Mittelmeer präsent. Man habe keinerlei direkte Kontakte zu Menschenschmugglern, versicherte Loris De Filippi, Chef von MSF Italien. Alle Rettungseinsätze würden von der Einsatzzentrale der italienischen Küstenwache koordiniert. In einigen Fällen gehen laut MSF zwar Hilferufe direkt an NGO. Diese würden aber umgehend nach Rom geleitet, wo das Einsatzgebiet auf Satellitenbildern überwacht werde.

Migranten in Seenot werden erst ausserhalb der libyschen Hoheitsgewässer gerettet. Die meisten Rettungsaktionen finden zwischen 12 und 40 Seemeilen vor Libyens Küste statt. Die Rettungsboote warten in dieser Zone, und wenn ein Hilferuf kommt, wird jenes aufgeboten, das die Unglücksstelle am schnellsten erreichen kann.

Während seiner Anhörung vor der Kommission warf Zuccaro den NGO auch vor, auf Kommando der Schlepper bis in libysche Gewässer einzudringen und dies zu vertuschen, indem sie ihre Radars ausschalteten. Der Staatsanwalt berief sich dabei auf Informationen von Frontex und der EU-Militärmission zur Bekämpfung des Menschenschmuggels. Diese scheinen ihre Vorwürfe auf Aussagen von Flüchtlingen zu stützen.

Gezielte Kampagne?

Riccardo Gatti von Proactiva Open Arms, einer NGO aus Barcelona, befürchtet, dass die Polemik zu einem Rückgang der Spenden führen und Rettungsaktionen erschweren könnte. Andere gehen noch weiter und mutmassen, die Spitze der Frontex habe die Vorwürfe bewusst lanciert, um die Helfer zu diskreditieren. Ziel der Grenzschutzagentur sei es, nach der Balkan-Route auch jene übers Mittelmeer zu schliessen, nötigenfalls auch zum Preis, dass die Zahl der Todesopfer wieder ansteige. De Filippi wollte sich vor der Presse dazu nicht äussern, betonte jedoch, dass die NGO nicht der Grund seien, weshalb Migranten nach Europa strömten. Das Flüchtlingsproblem könnte man nur mit einer weitsichtigeren europäischen Politik lösen, betonte der Chef von MSF.

Für jeden dritten Einsatz verantwortlich

spl. Rom ⋅ Bis Ende 2014 hatte Italien mit der Mission «Mare Nostrum» Bootsflüchtlinge im Mittelmeer gerettet. Dann übernahm die EU-Grenzschutzagentur Frontex die Führung. Diese sah ihre Aufgabe vor allem darin, vor der europäischen Küste zu patrouillieren, und suchte nicht aktiv nach Schiffbrüchigen. Die Zahl der Todesopfer stieg an, und nachdem im April 2015 bei einem Unglück fast 900 Migranten ertranken, begannen auch private Hilfsorganisationen, Bootsflüchtlinge zu retten. Später passte die EU-Kommission das Mandat der Frontex dahingehend an, dass sich diese an Rettungsaktionen beteiligen konnte.

Derzeit sind auf dem Mittelmeer neun NGO mit fünfzehn Booten und einem Flugzeug im Einsatz. Zu ihnen zählen Médecins sans Frontières, Save the Children, die in Malta beheimatete Migrant Offshore Aid Station des Unternehmerpaars Regina und Christopher Catrambone und kleinere Organisationen aus Deutschland, Spanien und den Niederlanden.

2016 wurden laut dem Uno-Flüchtlingshilfswerk 181 436 Bootsflüchtlinge nach Italien gebracht. Rund ein Drittel wurde von privaten NGO gerettet; Frontex war für 12 Prozent der Aktionen verantwortlich; die EU-Militärmission Eunavfor für 10 Prozent. Den Rest der Einsätze leistete vor allem die italienische Küstenwache. Vereinzelt mussten auch private Frachter einspringen. 2017 wurden bereits über 37 000 Personen gerettet. Laut Augenzeugen haben sich die Frontex-Schiffe in den letzten Wochen jedoch auffällig zurückgezogen und NGO deutlich mehr Einsätze übernommen. Die Frontex streitet dies offiziell ab; ihr Chef hat bisher nicht Stellung bezogen.

https://www.nzz.ch/international/den-ngo-wird-vorgeworfen-mit-schleppern-unter-einer-decke-zu-stecken-schweres-geschuetz-gegen-lebensretter-ld.1290567

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