Klimaforscher Latif: Die Macht der Wenigen, sich auf Kosten der Natur zu bereichern – und die bisherige Unfähigkeit der Politik, gegen sie im Interesse des Gemeinwohls Regeln durchzusetzen. Wider das Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet.“ Der Leitgedanke einer Wirtschaftsordnung sollte sein, dass man tatsächlich Verantwortung übernimmt für seine Mitmenschen. Eigentlich ganz einfach. Nur leider ist es im Moment im Kapitalismus so, dass viele dieses Gemeinwohl überhaupt nicht mehr im Blick haben. Nehmen Sie große internationale Konzerne wie Starbuck’s, die zusehen, dass sie keine Steuern zahlen. Die fühlen sich für das Gemeinwohl einfach nicht mehr verantwortlich. Und das ist der Kern des Problems, um den es gehen muss!

KAPITALISMUSKRITIK 06.MAI 2016

Klimaforscher Latif: „Den Herrschenden geht es nur um ihren Vorteil“

Der renommierte Klimaforscher Mojib Latif gehört zu den angesehensten Experten des derzeit in Wien laufenden Kapitalismustribunals. Mit dem Greenpeace Magazin sprach er über die Macht der Wenigen, die sich auf Kosten der Natur bereichern – und die Unfähigkeit der Politik, Regeln zu setzen.

Warum unterstützen Sie das Kapitalismustribunal?

Weil es Kunst ist. Und die muss provozieren und innovativ sein. Ich denke es ist gut, den Kapitalismus zu hinterfragen. Das Tribunal deckt die Schwächen und Stärken des Wirtschaftsystems auf.

Eine zentrale Frage des Kapitalismustribunals lautet:  Was darf in einer Ökonomie der Zukunft nicht mehr geschehen?  Wie lautet Ihre Antwort?

Bei uns steht schon im Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. Der Leitgedanke einer Wirtschaftsordnung sollte sein, dass man tatsächlich Verantwortung übernimmt für seine Mitmenschen. Eigentlich ganz einfach. Nur leider ist es im Moment im Kapitalismus so, dass viele dieses Gemeinwohl überhaupt nicht mehr im Blick haben. Nehmen Sie große internationale Konzerne wie Starbuck’s, die zusehen, dass sie keine Steuern zahlen. Die fühlen sich für das Gemeinwohl einfach nicht mehr verantwortlich. Und das ist der Kern des Problems, um den es gehen muss!

Was Bürger-Windparks durch die neuen Ausschreibungen erwartet

Die großen Konzerne fühlen sich für das Gemeinwohl nicht mehr verantwortlich, beklagt Klimaforscher Mojib Latif.  Foto: Picture Alliance/Sven Simon

Wie konnte es soweit kommen?

Der Kapitalismus hat keine Regeln und die Politik ist unfähig, Regeln zu setzen und selbst darauf zu achten, dass Gesetze eingehalten werden. Wie zum Beispiel bei VW: Die Verwendung der Software bei der Abgaskontrolle war ein klarer Gesetzesverstoß. Und die deutsche Bundesregierung ist unfähig, etwas dagegen zu setzen! Man darf ja auch nicht vergessen, dass der Chef-Lobbyist Matthias Wissmann selbst lange Bundesverkehrsminister war, bevor er Präsident des Verbandes der Automobilindustrie wurde. Da gibt es natürlich eine enge Verbindung zur Bundesregierung – und der amtierende Verkehrsminister Alexander Dobrindt scheint nicht Willens zu sein, strukturelle Änderungen vorzunehmen.

Sind die Autohersteller und ihre Lobby die derzeit härtesten Widersacher beim Kampf für den Klimaschutz?

Nein, da gibt es ebenso Widerstand aus anderen betroffenen Industrien. Das Grundproblem ist ja, dass das Wirtschaftswachstum auf Kosten der Umwelt erreicht wird, indem man Raubbau an der Natur betreibt. Was bei VW passiert, ist da nur ein Symptom. Es gibt ja viele solcher Beispiele für Fehlentwicklungen beim Kapitalismus.  Denken Sie etwa an die Briefkastenfirmen. Pausenlos erleben wir irgendwelche Skandale. Da ist die Aufregung immer groß – aber am Ende des Tages passiert nichts!

Sie beschreiben den Status Quo. Warum ist der so mächtig?

Das ist der Punkt. Warum ist der Status Quo so mächtig? Der Grund ist klar: Weil es denen, die diese Welt letzten Endes regieren, dabei gut geht. Und dabei meine ich nicht nur die Politiker, sondern vor allem die führenden Wirtschaftsbosse. Die Herrschenden haben offenbar gar kein Interesse daran, etwas zu ändern. Und denen scheint es auch egal, dass die Umwelt vor die Hunde geht. Denen geht es nur um ihren Vorteil hier und jetzt! Und Donald Trump, der vielleicht nächste Präsident der USA, verkörpert genau diese Haltung.

Warum ist es offenbar so schwer etwas zu ändern? Die letzte Finanzkrise war doch eine Mahnung, dass es so nicht weitergehen kann.

Die letzte Finanzkrise…ich habe noch den damals amtierenden Bundesfinanzminister Peer Steinbrück im Ohr, der in der Krise erklärte: So etwas wird nicht wieder passieren. Keine Boni mehr für die Banker – und so weiter. Und was geschieht jetzt?  Es geht genauso weiter! Gerade war die Commerzbank wegen angeblicher Millionendeals zur Steuervermeidung in den Schlagzeilen. Es ist unglaublich, wie sich einige Wenige bereichern, auf Kosten der Mehrheit der Weltbevölkerung. Und vor allem auch auf Kosten der Natur! Das hat auch der Papst in seiner Umweltenzyklika geschrieben und klar gemacht, dass es so nicht weiter gehen kann. Die eigentliche Situation ist doch die: Alle wissen das. Und keiner tut etwas, um die Verhältnisse wirklich zu ändern. Das ist doch genau die Ausgangslage.

Kann das Kapitalismustribunal etwas erreichen, das andere nicht erreichen können?

Das Tribunal kann provozieren. Allein der Name provoziert ja schon: Kapitalismustribunal! Damit lässt sich Aufmerksamkeit erzeugen, und es lassen sich Anstöße geben, dass man den Kapitalismus  hinterfragt, in der Art und Weise wie er heute existiert. Die entscheidende Frage ist: Wie kann man den Kapitalismus reformieren, so dass er für die Menschheit da ist und nicht nur für einige wenige Menschen.

Kristian Lüders

https://greenpeace-magazin.de/nachrichtenarchiv/klimaforscher-latif-den-herrschenden-geht-es-nur-um-ihren-vorteil

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