Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich verschlechtert. Einige Abgeschobene befinden sich bereits wieder auf der Flucht – Welches Leben sie in Afghanistan erwarten würde? „Um zu überleben, müsste man sich einer terroristischen Gruppe anschließen, man müsste Menschen töten“, sagt Mirwais, 19 Jahre alt

 

 

 

Vermehrte Abschiebungen nach Afghanistan: Angst lähmt Community

VIDEO KATRIN BURGSTALLER, MARIA VON USSLAR 5. Mai 2017, 09:00 1200 POSTINGS Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich verschlechtert. Seit dem ersten Sammelabschiebe-Flug von Wien nach Kabul herrscht Aufregung unter afghanischen Asylwerbern in Österreich. Einige Abgeschobene befinden sich bereits wieder auf der Flucht

Baden – Von der Ausweiskarte blicken müde Augen, darüber schwarze Augenbrauen, die sich fast in der Mitte treffen, und dazwischen eine Nase, die von den Taliban zertrümmert wurde. Das Bild wurde vor eineinhalb Jahren aufgenommen. Es zeigt Hanife, 27, aus Afghanistan, gezeichnet von den Strapazen einer Flucht, die sie gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Söhnen zwischen drei und neun Jahren angetreten hat. Mit der auf dem Ausweis abgebildeten Frau hat Hanife heute wenig gemeinsam. Inzwischen strahlt sie, lächelt unaufhörlich. Sie hat allen Grund zur Freude: Erst vor wenigen Tagen hat die Familie erfahren, dass sie in Österreich bleiben darf. In zweiter Instanz hat sie Asyl bekommen. Derzeit lebt sie mit rund 200 anderen Flüchtlingen im Paul-Weiland-Haus der Diakonie in Baden. Das ehemalige Altenheim ist barrierefrei und hat sich auf Flüchtlinge mit erhöhtem Betreuungsbedarf spezialisiert. Kinder in Rollstühlen, Menschen mit amputierten Beinen, krebskranke Kinder und eine im Sterben liegende Frau werden hier von drei angestellten Krankenschwestern medizinisch versorgt. Abschiebungen sind allgegenwärtig Neben der Freude für alle, die es „geschafft“ haben und in Österreich Asyl bekommen, ist hier die Angst vor Abschiebungen allgegenwärtig. Bisher sei die Polizei immer am frühen Morgen um sechs Uhr gekommen. Der oder die diensthabende Sozialarbeiterin muss dann die Polizei zu den Abzuschiebenden begleiten, erzählt Susanna Fieglmüller, Sozialarbeiterin im Paul-Weiland-Haus. „Die müssen dann zusammenpacken.“ Je nachdem, ob Kinder dabei sind, sei die Polizei dann entgegenkommender oder nicht. „Was dann passiert, das wissen wir nicht“, sagt Fieglmüller. Unter den Bewohnern herrsche große Ungewissheit. Beklemmung und Angst machen sich breit, wenn am Morgen wieder einmal ein Zimmer leer steht. foto: maria von usslar Demonstration gegen die Abschiebung von 19 Afghanen vor dem Polizeianhaltezentrum an der Rossauer Lände in Wien Ende März. Wer darf unter welchen Bedingungen bleiben? Und was soll aus uns werden, wenn wir nach Afghanistan abgeschoben werden? Hauptsächlich diese Fragen quälen eine Gruppe von jungen Afghanen auch in diesem Heim. Lähmendes Warten Viele von ihnen sind 2015 – damals noch minderjährig – und ohne Familienanschluss gekommen. Bisher haben sie angenommen, dass es ihre Chancen auf Asyl erhöht, wenn sie gut Deutsch sprechen, österreichische Freunde finden, fleißig lernen und sich in irgendeiner Weise für Österreich engagieren. Die geplante und zunächst aufgeschobene Abschiebung von Ehsan beunruhigt die jungen Afghanen sehr. Ehsan lebt seit sechs Jahren in Wien, macht derzeit seine Matura und engagiert sich ehrenamtlich – für seine Unterstützer viele Gründe, ihm Bleiberecht zu gewähren (DER STANDARD berichtete). Die Burschen in Baden wurden entweder von der Behörde noch gar nicht zum „Interview“ geladen oder haben schon einen negativen Bescheid bekommen. Welches Leben sie in Afghanistan erwarten würde? „Um zu überleben, müsste man sich einer terroristischen Gruppe anschließen, man müsste Menschen töten“, sagt Mirwais, 19 Jahre alt. Er wartet seit 19 Monaten auf sein erstes Interview. Eigentlich würde er gerne seine Sprachkenntnisse verbessern, doch zum Lernen fehle ihm die Kraft. Immer wieder kreist in seinem Kopf die Frage, wie es mit ihm weitergehen soll. Mirwais erzählt davon, dass er mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. foto: maria von usslar Im Jahr 2016 haben in Österreich 11.742 Menschen aus Afghanistan um Asyl angesucht. Die meisten Verfahren sind noch offen, 2.560 wurden bereits abgelehnt. 1.581 bekamen subsidiären Schutz, ein Bleiberecht, das man jährlich neu beantragen muss. „Ermutigungsgespräche zu führen, obwohl es oft nicht viel zu ermutigen gibt, und zu vermitteln, dass man die Hoffnung nicht aufgeben soll“, so beschreibt Sozialarbeiterin Fieglmüller eine ihrer Aufgaben. Wenn jedoch eine Abschiebung unwiderruflich feststeht, sei oft nichts anderes mehr möglich, als „einfach mit ihnen auszuhalten und sich so zu verabschieden, dass unser Verhalten keine Wunden hinterlässt“. Psychische Probleme Nicht nur die Angst vor der Ungewissheit macht Flüchtlingen zu schaffen, berichtet Fieglmüller. Auch das im Krieg Erlebte sitzt tief in den Knochen. So würden Jugendliche in der Nacht aufschrecken, wenn sie eine Tür hören. „Sie glauben, es kommen die Taliban und holen sie.“ Besonders drastisch ist die Situation eines neunjährigen Buben aus Syrien, der hier lebt. Seine Mutter und der kleine Bruder sind in Syrien geblieben. Nachts liegt der Bub bei seinem Vater und weint. In der Schule krabbelt das entwicklungsverzögerte Kind auf dem Boden. Der Vater hofft auf eine Familienzusammenführung. Für Frauen und Familien aus Afghanistan ist die Chance, in Österreich bleiben zu dürfen, höher als für alleinstehende Männer (29 Prozent positive Asylentscheidungen für afghanische Männer gegenüber 66 Prozent für afghanische Frauen). Die Wahrscheinlichkeit, überhaupt Asyl zu bekommen, ist für Afghanen recht gering. Insgesamt wurde nur einem Viertel der asylsuchenden Afghanen ein positiver Bescheid ausgestellt. Zum Vergleich: Syrer erhalten in knapp 90 Prozent der Fälle Asyl. Sicherheitslage verschärft Für die Menschen, die Ende März gegen die durchgeführte Sammelabschiebung nach Kabul demonstriert haben, ist das schwer nachvollziehbar. „Abschiebung ist Mord“, skandierten sie vor dem Wiener Anhaltezentrum in der Nacht, in der der Charterflug nach Kabul abhob. Laut einem UN-Bericht vom März 2017 hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan tatsächlich deutlich verschärft. Die UN verzeichnen einen Rekord an bewaffneten Auseinandersetzungen seit 2016. Im vergangenen Jahr gab es laut der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (Unama) 3.498 tote Zivilisten sowie 23.712 sicherheitsrelevante Zwischenfälle – die höchste Zahl seit 2009. Im ersten Quartal 2017 gibt es vier Prozent mehr zivile Opfer (715 Tote und 1.466 Verletzte) als im Vorjahr. Laut einem Bericht der US-Regierung an den Kongress kontrollierte die Regierung in Kabul Anfang des Jahres nur noch 57 Prozent der 407 Distrikte Afghanistans. Ende 2015 hatte Präsident Ghani noch die Oberhoheit über ein 15 Prozent größeres Territorium. Abkommen mit Afghanistan Dass Abschiebungen nun dennoch vermehrt stattfinden, hängt mit dem Rücknahmeabkommen zusammen, das seit Oktober zwischen EU-Staaten und Afghanistan besteht und Sammelabschiebungen nach Kabul erlaubt. Außerdem lässt Afghanistan Rückkehrer trotz fehlender Papiere wieder ins Land, statt dieser werden Rücknahmezertifikate von afghanischen Botschaften herangezogen. foto: maria von usslar Zettelkasten im Paul-Weiland-Haus in Baden. Das Gutachten vom gerichtlich beeideten Sachverständigen Karl Mahringer dient einigen Gerichten als Grundlage bei der Klärung der Frage, ob Asyl gewährt werden soll oder nicht. Laut Mahringer ist es Rückkehrern zumutbar, eine Wohnung und einen Job in einer der drei größten Städte Kabul, Herat und Mazar-e-Sharif zu finden, sollten sie in ihre Region nicht heimkehren können, was männlichen Einzelpersonen erlaube, der Gefahr in ihrer Heimatregion zu entgehen. Mahringer zieht in seinem Gutachten, das sich auf die Befragung von zurückgekehrten Afghanen stützt, den Schluss: „Es gibt keine Gründe, welche die Rückkehr nach Afghanistan unmöglich machen oder eine Gefährdung bedeuten.“ „Man weiß nicht, ob man den Tag überlebt“ Unvorstellbar für Reza, einen der Heimbewohner in Baden. Der 19-Jährige hat dunkle Schatten um die Augen und wirkt zerbrechlich. Auch er ist als Minderjähriger nach Österreich gekommen und hat nun nach einem ersten negativen Asylbescheid Angst davor, abgeschoben zu werden. „Überall gibt es Bomben, man weiß nicht, ob man den Tag überlebt“, sagt Reza über die Situation in Afghanistan. Vor seiner Flucht nach Österreich hat Reza als Papierloser im Iran gelebt. Dort schikaniere man Afghanen und drohe ihnen mit einem Rauswurf zurück nach Afghanistan, wenn sie nicht als Söldner in den syrischen Krieg ziehen. Nichts sehnlicher wünscht er sich als österreichische Papiere. Hier geht er seit zwei Jahren zur Schule und möchte einmal Dolmetscher oder Polizist werden. foto: maria von usslar Indem er sonntags in einem nahegelegenen Pflegeheim aushilft, bei jeder Gelegenheit Kontakt zu den Jugendlichen in Baden sucht – etwa bei Fußball, Tischfußball oder in der Kirche –, glaubt Reza, erhöhe sich seine Chance aufs Bleiberecht trotz negativen Bescheids. Außerdem will er sich so viel wie möglich beschäftigen, damit ihm nicht die Gedanken an die Abschiebung durch den Kopf geistern. Er will sich weiterhin auf ein Leben in Österreich und nicht in Afghanistan vorbereiten. Rund 400 negative Bescheide in letzter Instanz liegen gerade im Innenministerium auf. Laut Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums, steht die Gruppe, die konkret von einer Abschiebung bedroht ist, aber nicht fest, denn einige davon, so hoffe er, werden eine freiwillige Rückkehr bevorzugen. Was bisher im Bericht nicht berücksichtigt wurde und wovor die Uno warnt, ist die Belastung durch die vielen Rückkehrer aus den Nachbarländern Afghanistans. Insgesamt schätzt das zuständige Ministerium in Afghanistan die Zahl auf fünf Millionen Flüchtlinge in Pakistan und dem Iran, von denen in der nahen Zukunft etwa zwei Drittel erwartet werden, sowie eine weitere Million Binnenvertriebener, die ebenfalls versorgt werden muss. 1.000 Euro für die ersten Rückkehrer Auch deshalb fürchten sich Afghanen in Österreich vor einer Versorgungsnot nach der Rückkehr. Um Afghanen trotzdem Anreize zu geben, freiwillig heimzukehren, werden sie seit Jahresbeginn von einem EU-Förderprogramm dabei unterstützt. In Österreich heißt die Kampagne „Freiwillige Ausreise und Rückkehrhilfe – Ein Neustart mit Perspektiven“ und schließt etwa Infotafeln an Bahnhöfen mit ein. screenshot: voluntaryreturn.at Die EU hat im Oktober 2016 ein Übernahmeabkommen mit Afghanistan als Bedingung für weitere milliardenschwere Entwicklungshilfeprojekte abgeschlossen. Kolportiert wurde die Zahl von 80.000 Menschen, die von der EU nach Afghanistan abgeschoben werden beziehungsweise zurückkehren sollen. Rückkehr von der Rückkehr Wenn man die Kampagnenseite im Internet öffnet, poppt ein Fenster auf, das an unseriöse Gewinnbenachrichtigungen erinnert. „1.000 Euro für die ersten 1.000 Personen“, heißt es dort. Wer sich dazu bereiterklärt, bekommt neben der finanziellen Starthilfe auch eine Beratung und die Flugbuchung- und -organisation. Im Jahr 2016 haben insgesamt 597 Afghanen die freiwillige Rückkehr angetreten. Einige Rückkehrer planen allerdings bereits wieder ihre Rückkehr nach Europa. Aus dem Fazit des Gutachtens, das dem STANDARD vorliegt, geht hervor: Allein vier der sechs von Gutachter Mahringer befragten Afghanen denken wieder über eine Flucht nach. Würden diese in Österreich erneut um Asyl ansuchen, wird ihr Akt wieder geöffnet und sie, sofern sich die Sachlage nicht geändert hat, erneut abgelehnt werden. foto: privat Auf diesem Pick-up ist Qadir mit 30 anderen Menschen einen Teil der Strecke von Kabul über die Berge in Pakistan und nach Schiras im Iran geflohen. Von den im März aus Wien abgeschobenen Afghanen befänden sich bereits mindestens drei wieder auf dem Weg, berichten ihre österreichischen Freunde. Mit einem ist DER STANDARD im direkten Kontakt: Qadir sitzt derweil im Iran fest, kann dort aber nicht bleiben, geschätzt eine Million geflohene Afghanen teilen sein Schicksal als Illegale im Iran, weshalb Qadir so bald wie möglich weiterziehen will. (Katrin Burgstaller, Maria von Usslar, 5.5.2017) Weiterführende Lektüre Kollege Andreas Sator hat vor einem Jahr zusammengefasst, wer die Afghanen sind, die nach Österreich kommen, wie ihre Chancen sind und wo sie Arbeit finden können. Hier finden Sie den aktuellsten UN-Länderbericht zu Afghanistan. Hier kommen Sie zur STANDARD-Berichterstattung über Afghanistan. Allein im April berichtete DER STANDARD von fünf Zwischenfällen, bei denen zusammengerechnet über 200 Menschen durch regierungsfeindliche Kräfte ums Leben kamen, weshalb auch von einer „Frühlingsoffensive“ der Taliban die Rede ist. Für das erste Quartal 2017 dokumentierte die Unams 715 getötete und 1.466 verletzte Zivilisten. – derstandard.at/2000055439852/Vermehrte-Abschiebung-nach-Afghanistan-Angst-laehmt-afghanische-Community

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