Vor 80 Jahren, am 26. April 1937 bombardierten deutsche Kampfflugzeuge die baskische Stadt Guernica. Es war die erste grosse Bombardierung einer schutzlosen Zivilbevölkerung in Europa. Picasso hat das Grauen in seinem berühmtesten Bild erfasst. 55 deutsche und italienische Kampfflugzeuge, die den aufständischen Truppen des Generals und späteren Diktators Francisco Franco Hilfestellung leisteten, liessen drei Stunden lang 5000 Bomben auf die Stadt fallen – eine für jeden Einwohner – und trieben die schutzlosen Menschen durch die Gassen. Mit der gezielten Zerstörung wollten die Nationalsozialisten es Franco erleichtern, die Stadt einzunehmen, die bis dahin von den Wirren des zehn Monate zuvor ausgelösten spanischen Bürgerkriegs verschont geblieben war. Gleichzeitig wurde das Städtchen zum Testfeld für das Arsenal der deutschen Luftwaffe. 60 Jahre später, am 26. April 1997, liess der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog durch seinen Botschafter in Guernica eine Entschuldigung verlesen, in der er die schwere deutsche Schuld ausdrücklich anerkannte und die Hinterbliebenen um Vergebung bat. Das Franco-Regime hatte die Verantwortung für das Bombardement jahrzehntelang verschleiert und den «Roten» die Schuld in die Schuhe geschoben. Schon 1987 hatte die Bundestagsabgeordnete Petra Kelly die Gründung des Friedensforschungszentrums «Gernika Gogoratuz» (an Gernika erinnern) angeregt. Es liegt nicht weit von jenem heiligen Baum entfernt, unter dem noch heute alle Regierungschefs des Baskenlands ihren Amtseid schwören.

Aus NZZ, Neue Züricher Zeitung:
Bombardierung Spaniens vor 80 Jahren
Guernica – Zeichen und Zeichnungen
von Ute Müller, Guernica23.4.2017, 11:00 Uhr
Am 26. April 1937 bombardierten deutsche Kampfflugzeuge die baskische Stadt Guernica. Picasso hat das Grauen in seinem berühmtesten Bild erfasst. Ein 94-jähriger Überlebender malt das Geschehen heute mit Kindern.
Picassos Gemälde im Madrider Reina Sofia-Museum. (Bild: Juan Medina / Reuters)

Picassos Gemälde im Madrider Reina Sofia-Museum. (Bild: Juan Medina / Reuters)

Für den 26. April 1937 hatte sich Luis Iriondo etwas Besonderes vorgenommen. Nach der Schule traf sich der damals 14-Jährige mit einem Freund, um gemeinsam das erste Mal im Leben eine Zigarette zu rauchen. Wie richtige Männer wollten die beiden sich fühlen, sie hatten sich eigens lange Hosen für die Gelegenheit angezogen und wollten später noch ins Kino gehen. Doch die Jugendlichen kamen nicht dazu, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, denn gerade an jenem Nachmittag, um 15.45 Uhr, begann die deutsche Legion Condor mit einem dreistündigen Überraschungsangriff auf ihre Heimatstadt Guernica (baskisch Gernika).

Testfeld für Waffentechnik

«Es war Markt an jenem Montag» erinnert sich Iriondo, heute 94 Jahre alt und einer der letzten lebenden Zeitzeugen, im Gespräch. «Viele Leute spazierten auf den Strassen, der Zeitpunkt des Angriffs war mit Absicht so gewählt.» 55 deutsche und italienische Kampfflugzeuge, die den aufständischen Truppen des Generals und späteren Diktators Francisco Franco Hilfestellung leisteten, liessen drei Stunden lang 5000 Bomben auf die Stadt fallen – eine für jeden Einwohner – und trieben die schutzlosen Menschen durch die Gassen. «Von oben sahen wir wohl wie planlos herumrennende Ameisen aus», erinnert sich Iriondo bitter. Danach brannte Guernica volle 24 Stunden.

Mit der gezielten Zerstörung wollten die Nationalsozialisten es Franco erleichtern, die Stadt einzunehmen, die bis dahin von den Wirren des zehn Monate zuvor ausgelösten spanischen Bürgerkriegs verschont geblieben war. Gleichzeitig wurde das Städtchen zum Testfeld für das Arsenal der deutschen Luftwaffe. Der Bombenhagel und die darauf folgende Feuersbrunst legten Guernica in Schutt und Asche, mehr als 200 Menschen verloren ihr Leben, manche Historiker sprechen sogar von 1600 Toten. Die genaue Zahl steht bis heute nicht fest, denn in der Stadt hielten sich viele Menschen auf, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet waren.

Es war die erste grosse Bombardierung einer schutzlosen Zivilbevölkerung in Europa. Die Greueltat wurde weltweit bekannt, weil ein entsetzter Pablo Picasso in seinem Pariser Exil nur wenige Wochen danach sein berühmtestes Bild malte, das sieben Meter lange «Guernica». Die monumentale Anklage gegen den Krieg zeigt im Flammenmeer umkommende Menschen und Tiere, panische Geschöpfe, die ihrem Schicksal nicht entrinnen können.

Deutsche Entschuldigung

60 Jahre später, am 26. April 1997, liess der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog durch seinen Botschafter in Guernica eine Entschuldigung verlesen, in der er die schwere deutsche Schuld ausdrücklich anerkannte und die Hinterbliebenen um Vergebung bat. Das Franco-Regime hatte die Verantwortung für das Bombardement jahrzehntelang verschleiert und den «Roten» die Schuld in die Schuhe geschoben. «Mit der Herzog-Botschaft wurde mit diesem Mythos endgültig aufgeräumt», erinnert sich Iriondo.

Schon 1987 hatte die Bundestagsabgeordnete Petra Kelly die Gründung des Friedensforschungszentrums «Gernika Gogoratuz» (an Gernika erinnern) angeregt. Es liegt nicht weit von jenem heiligen Baum entfernt, unter dem noch heute alle Regierungschefs des Baskenlands ihren Amtseid schwören. Wie durch ein Wunder entging jene knorrige Eiche dem Bombenhagel der Nazis.

Auch beim achtzigsten Jahrestag des Angriffs steht die Eiche im Zentrum von Feierlichkeiten. «Wie jedes Jahr werden wir hier und am Friedhof mit der Niederlegung von Kränzen und Blumen der Opfer gedenken», sagt Maria Oianguren Idígoras, die Leiterin des Friedensforschungszentrums. Zum 13. Mal wird der Guernica-Friedenspreis verliehen, dieses Jahr geht er an den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos und an Rodrigo Londoño, den früheren Anführer der Rebellengruppe Farc, weil es beiden Männern gelang, dem 52 Jahre währenden Konflikt in Kolumbien ein Ende zu setzen.

9 Bilder

Vor 80 Jahren, am 26. April 1937, warfen Flugzeuge der deutschen «Legion Condor» Bomben über der baskischen Stadt Gernika (kastilisch Guernica) ab. Es war der erste terroristische Akt gegen eine schutzlose Zivilbevölkerung. (Bild: AP)

Doch auch die Aufarbeitung der Geschehnisse von Guernica kommt nicht zu kurz, im Gegenteil. Ein Neffe des Stabschefs der Legion Condor, Wolfram von Richthofen, der seinerzeit die Bombardierung angeordnet hatte, wird ins Baskenland reisen, um eine Entschuldigung der Familie zu verlesen. Erwartet wird auch der Sohn von George Steer, dem britischen Kriegsreporter der «Times», der in jenen Tagen mit seinen detaillierten Berichten über die Greueltat die Weltöffentlichkeit aufrüttelte.

Zerstörung auch heute

Mit dabei ist wie jedes Jahr Luis Iriondo, der den Kindern in seiner Ortschaft bis heute Zeichenunterricht gibt und mit ihnen auch die Bombardierung schon gezeichnet hat. Das Picasso-Bild hat er, freilich in kleinerem Format, auch schon selbst kopiert. Iriondo ist überzeugt, dass Picassos Original von Madrid in seine Stadt gebracht werden müsste, doch die Madrider Kulturverantwortlichen wiesen sein Ansinnen schon mehrmals ab, mit dem Hinweis auf den heiklen Zustand des Monumentalgemäldes. «Alles Ausreden, die Sixtinische Kapelle in Rom konnte man schliesslich auch renovieren», brummt der Baske, der sich in seiner Heimatstadt mit einer «Guernica»-Kopie auf Fliesen in einem Park begnügen muss. Erfolgreicher war Iriondo mit seiner Initiative «Marchemos juntos por la paz» (Marschieren wir gemeinsam für den Frieden), die er vor vier Jahren mit dem Japaner Toyoichi Ihara, einem Vertreter der Bombenopfer von Nagasaki, ins Leben rief.

Allem Trubel zum Trotz will sich Iriondo – er war nach der Bombardierung mit seiner Familie über Bilbao nach Frankreich geflohen – nicht so richtig von der Feierstimmung anstecken lassen. Er setzt sich jetzt für die syrischen Flüchtlinge ein. «Auch ich floh damals im Boot und wurde mit offenen Armen aufgenommen.» Jetzt kämen diese Menschen nach Europa, weil der Krieg sie aus ihrer Heimat vertreibe, und man verschliesse ihnen die Tür. Iriondos Sohn ist freiwilliger Helfer auf der griechischen Insel Lesbos, wo die Zustände «schrecklich» seien. «Die Zivilbevölkerung ist überall auf der Welt gleich. Was jetzt gerade geschieht, beweist nur eines: Die Menschheit hat nichts dazu gelernt!»

NZZ vom 28.4.1937: Die Zerstörung von Guernica

NZZ vom 29.4.1937: Die Bombardierung von Guernica

NZZ vom 30.4.1937 :Guernica

NZZ vom 3.5.1937: Guernica nach der Besetzung durch die Truppen Francos

Jahrelang unterstützte Pablo Picasso die Sache der Republikaner – und brachte sich damit selbst in höchste Gefahr
Francos Rache
von Michael Carlo Klepsch12.1.2012, 00:00
Nach Jahrzehnten der Franco-Diktatur wurde Picassos «Guernica» 1981 nach Madrid überstellt.
Filme zu  Guernica:
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