Mit ihrer Unterstützung des Anspruchs auf Weltherrschaft des deutschen Reiches und die koloniale Unterwerfung anderer Völker bereitete die Evangelische Kirche Deutschland den Boden für die Ermordung von Hunderttausend Afrikanern in Namibia durch den deutschen Staat. Ebenso mit dem auch von ihr verbreiteten tief sitzendem Rassismus und deutschem Überlegenheitsgefühl. Das gesteht die Evangelische Kirche heute – mehr als 100 Jahre nach dem Völkermord in „Deutsch-Südwest-Afrika“ ein. Sie bittet die Opfer der Nachkommen, deren Vorfahren vom deutschen Staat getötet, zur Zwangsarbeit gezwungen oder enteignet worden sind, um Vergebung dieser Sünden. Aber auch heute zeigt sie noch Untertanengeist und Loyalität gegenüber der weltlichen Macht. Sie fordert die deutsche Regierung in ihrem Text nicht auf, die Hereros und Namas zu entschädigen. Den Hereros und Namas bleibt durch die Weigerung der Bundesregierung nur der juristische Weg, um zu ihrem Recht zu kommen. Aber auch der ist nicht gesichert, weil er nur über ein Gericht in den USA möglich ist und nicht über einen Internationalen Gerichtshof. Ein deutlicher Protest der Kirche gegen diese Haltung der Bundesregierung hätte ihrem Anliegen sicher noch mehr Glaubwürdigkeit gegeben.

„Dies ist eine große Schuld“

EKD bittet Nachfahren der Opfer des Namibia-Genozids um Vergebung

24. April 2017

Deutsch-namibische Konsultation Januar 2017

Deutsche und namibische Kirchenvertreter haben die Erklärung vorbereitet. Mit dabei u.a. Oberkirchenrat Klaus Burckhard (EKD, 2.v.r.) und Bishof Wylie V. Upi (Oruuano Kirche, 3. v.r.). (Foto: EKD)

„Vergib uns unsere Schuld“ (Matthäus 6, 12)

EKD-Erklärung zum Völkermord im früheren Deutsch-Südwestafrika

23. März 2017

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die OvaHerero und die Nama, setzten sich gegen die zunehmende Entrechtung, Enteignung und Gewalt zur Wehr. Ihr Widerstand wurde von der deutschen „Schutztruppe“ mit dem – aus Sicht der meisten Historikerinnen und Historiker – ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts beantwortet. Generalleutnant von Trotha ließ Vernichtungsbefehle gegen die OvaHerero am 2. Oktober 1904 und am 22. April 1905 gegen die Nama ergehen. Nach einer Schlacht am Waterberg entzog sich ein Großteil der OvaHerero-Bevölkerung der Einkreisung seitens der Schutztruppe durch Flucht in die Omaheke-Steppe, wo die meisten entkräftet verdursteten. Mehr als die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung im heutigen Zentral- und Südnamibia, vor allem Angehörige der Völker der OvaHerero, der Nama, der Damara und der San/Khoisan, fielen den deutschen Kolonialverbrechen zum Opfer. Die Überlebenden des Völkermords wurden enteignet, zwangsumgesiedelt und zu Zwangsarbeit in Konzentrationslagern verpflichtet.

Die Rheinische Mission vertrat während des Genozids eine zwiespältige Position. Während manche Missionare sich den imperialen Autoritäten gegenüber absolut loyal verhielten, verteidigten andere die rechtmäßigen Ansprüche der OvaHerero und Nama.

Die zu pastoralen Diensten an den deutschen evangelischen Siedlern und Schutztruppen durch den Evangelischen Preußischen Oberkirchenrat entsandten Pfarrer jedoch traten dem von Deutschen verübten Völkermord an OvaHerero, Nama, Damara und San/Khoisan bis auf wenige Ausnahmen nicht entgegen. Wie die entsendenden deutschen Landeskirchen verstanden auch sie den Anschluss von deutschsprachigen Gemeinden in den Kolonialgebieten im Sinne des 1896 von Kaiser Wilhelm II. propagierten „größeren Deutschen Reichs“ als ein nationales Projekt, das die Weltmachtstellung Deutschlands sichern und festigen sollte. Durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft haben sie somit den Boden für den Tod vieler tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen mit vorbereitet, die sowohl in den Kriegshandlungen selbst als auch bei der Internierung in Konzentrationslagern der deutschen Schutztruppen ums Leben kamen. Zwar haben (soweit es aus den Quellen zu ersehen ist) die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen, dennoch prägte ein tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität ihr Denken und vergiftete ihr Reden und Handeln.

Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen. Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekennen wir uns als Evangelische Kirche in Deutschland heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.

Als Evangelische Kirche in Deutschland sind wir uns bewusst, dass Akte der Versöhnung das begangene Unrecht nicht ungeschehen machen können. Dieses Schuldbekenntnis ist Ausdruck unserer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung, gemeinsam mit den Nachfahren der Opfer das Gedenken an die Opfer wachzuhalten, für die Anerkennung des Genozids öffentlich einzutreten und an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten.

Dabei erinnern wir uns an den vor fast 50 Jahren begonnen Prozess der Aussöhnung zwischen Christinnen und Christen in Deutschland und Namibia. So bekannten 1971 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) in Namibia: „Wir bekennen, dass wir oftmals der Versuchung erlegen sind, mit den weltlichen Machthabern auf Kosten unserer einheimischen Brüder und Schwestern zusammenzuarbeiten.“ 1978 und 1990 bestätigten Vertreter der Missionsleitung dieses Schuldbekenntnis. Die Kirchenleitung der Evangelisch Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELCRN) hat diese Schuldbekenntnisse entgegengenommen und Vergebung ausgesprochen. Gemeinsam begannen dann Christinnen und Christen in Namibia und Deutschland Initiativen, um die Strukturen der Missionsarbeit auf eine geschwisterliche Grundlage zu stellen. Im Jahr 2004 schufen die Evangelisch Lutherische Kirche in der Republik Namibia (ELCRN) und die Deutsche Evangelisch Lutherische Kirche [ELKIN (DELK)] unter Leitung der Bischöfe Zephania Kameeta und Reinhard Keding mit dem sogenannten „Bischofskomitee“ eine Plattform, auf deren Grundlage alle gesellschaftlichen Gruppen in Namibia am 12. August der Schlacht am Waterberg und ihrer furchtbaren Konsequenzen gemeinsam gedenken konnten. Die Versöhnungs-initiativen, die in diesem Prozess entstanden sind, bestimmen die politische Diskussion zum Umgang mit der Kolonialvergangenheit bis heute.

Aus diesem Grund hat die Evangelische Kirche in Deutschland die zwischen 2007 und 2015 durchgeführten Studienprozesse zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirchen und Missionswerke während der Kolonial- und Apartheidzeit in Deutschland und im Südlichen Afrika unterstützt. Gemeinsam war allen Teilnehmenden der große Wunsch, dass die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit allen Beteiligten hilft, als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten. So werden wir gemeinsam dazu befreit, als Christinnen und Christen in unseren Kirchen die Herausforderungen der Gegenwart mit neuer Perspektive anzugehen.

Als Evangelische Kirche in Deutschland erkennen wir mit Freude die Schritte an, welche die im gemeinsamen Kirchenrat UCC-NELC verbundenen Kirchen auf dem Weg der Versöhnung zwischen den verschiedenen lutherischen Kirchen im südlichen Afrika bereits gegangen sind, und werden auch weiterhin die Prozesse auf dem Weg zur Einheit nach unseren Kräften fördern und begleiten.

Wir sind uns gleichzeitig der Lasten bewusst, welche die Nachkommen von Opfern und Tätern bis heute mit sich tragen. Mit ihnen möchten wir gemeinsam den schwierigen Weg der Benennung, der Heilung und der Überwindung von Traumata und Schuld gehen, sodass zukünftige Generationen ein geheiltes und versöhntes Leben in Namibia und Deutschland führen können.

„Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammen-kommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen, um die Auswirkungen der Kolonialvergangenheit endlich zu überwinden, die unser Leben noch immer bestimmen.“

Bischof Zephania Kameeta im Vorwort zur Dokumentation des 1. Studienprozesses: „Deutsche evangelische Kirche im kolonialen südlichen Afrika“, Harrassowitz-Verlag Wiesbaden 2011.

Im Lichte dieser Erklärung und nach intensiver Beratung der deutschen und namibischen Partnerkirchen und -werke bietet die Evangelische Kirche in Deutschland ihre Zusammenarbeit in der Begleitung des Prozesses zur Heilung der Erinnerung in Namibia und Deutschland an. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen, zum Beispiel durch die

  • Teilnahme an einem öffentlichen Akt zur Anerkennung des Genozids in Namibia und Deutschland,
  • Unterstützung der Identifizierung und Gestaltung von Gedenkorten zum Genozid in Namibia und Deutschland,
  • Mitwirkung an der Gestaltung und Durchführung einer Übergabe bzw. Entgegennahme der noch in Deutschland befindlichen sterblichen Überreste von Opfern des Genozids im  angemessenen Rahmen,
  • Wiederaufnahme bzw. Weiterentwicklung des 2004 von den namibischen Kirchen angeregten Projekts eines namibisch-deutschen Instituts für Versöhnung und Entwicklung,
  • Mitarbeit am Umgestaltungs- und Nutzungskonzept der Christuskirche Windhoek,
  • Mitarbeit an der kontinuierlichen pädagogischen Vermittlung und theologischen Reflexion des Geschehenen für die nachfolgenden Generationen von Namibiern und Deutschen,
  • Unterstützung von sichtbaren Zeichen der Versöhnung gegenüber den direkt vom Genozid betroffenen Gruppen.

Darüber hinaus wird auch zwischenkirchlich an einer Neuausrichtung der bestehenden Partnerschaftsbeziehungen zu arbeiten sein. Die gegenwärtigen Partnerschaftsbeziehungen mit ihrer strukturellen Unterscheidung zwischen Beziehungen, die aus gemeinsamer Missionsarbeit hervorgegangen sind, und solchen, die auf der Grundlage internationaler Partnerschaftsarbeit deutscher Kirchen bestehen, sind immer noch Folge und Ausdruck des kolonialen Ursprungs unserer Beziehungen. Daher sollen die derzeitigen Systeme der Partnerschaft, der finanziellen Unterstützung und des Personalaustauschs so überdacht und bearbeitet werden, dass sie die Spaltungen der Vergangenheit überwinden helfen. Auch in der Vorbereitung und Durchführung von Partnerschaftsprogrammen ist eine sorgfältige und verstärkte Sensibilisierung für die aktuelle Lebenswirklichkeit der jeweiligen Partner vorzunehmen.

http://www.ekd.de/EKD-Texte/erklaerung_volkerrmord_deutschsuedwestafrika.html

„Dies ist eine große Schuld“

EKD bittet Nachfahren der Opfer des Namibia-Genozids um Vergebung

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bittet die Nachkommen der Opfer des Völkermords in Namibia vor mehr als 100 Jahren um Vergebung. „Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung“, heißt es in einer am 24. April in Hannover veröffentlichten Erklärung der EKD.

Pfarrer haben den Boden bereitet

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen gehandelt habe, bekenne sich die Kirche heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld, heißt es in dem Dokument, das der Rat der EKD verabschiedet hat.

Zwar hätten, soweit dies aus Quellen ersichtlich sei, die in das damalige Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen. Durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft sowie durch einen tief sitzenden Rassismus hätten sie aber den Boden bereitet für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen in den Kriegshandlungen und Konzentrationslagern. „Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen“, heißt es in der Erklärung.

Bleibende historische und ethische Verpflichtung der EKD

„Wir sind uns der Lasten bewusst, die die Nachkommen von Opfern und Tätern bis heute mit sich tragen“, sagte die EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber. Auch die jetzige Erklärung könne das damalige Unrecht keinesfalls ungeschehen machen. Sie sei jedoch Ausdruck der bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung der EKD, gemeinsam mit den Nachfahren das Gedenken an die Opfer wachzuhalten, für die Anerkennung des Genozids einzutreten und an der Überwindung des damaligen Unrechts zu arbeiten. „Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung.“ Die könne nur gelingen, wenn sich alle Bevölkerungsgruppen gegenseitig die Hand reichten, erläuterte Bosse-Huber.

Deutsche Kolonialtruppen hatten in Reaktion auf Aufstände zwischen 1904 und 1908 einen Vernichtungskrieg im Südwesten Afrikas geführt, der als Völkermord gewertet wird. Schätzungen zufolge wurden bis zu 100.000 Herero und Nama getötet oder in den sicheren Tod in der Wüste getrieben. Ein Großteil der Überlebenden wurde ihres Landes enteignet. Deutschland hatte 1884 die Kolonie Deutsch-Südwestafrika im heutigen Namibia errichtet. 1915 kapitulierten die deutschen Truppen. Südafrikanische Truppen besetzten das Land.

epd

http://www.ekd.de/aktuell/edi_2017_04_24_ekd_erklaerung_voelkermord_namibia.html

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