Giftgas in Syrien: Es könnte auch von den Islamisten mit Unterstützung des Nato-Mitglieds-Türkei eingesetzt worden sein! Türkischer Journalist Dündar bestätigt Michael Lüders Angaben im Kern und widerlegt „Lügenvorwurf“ von Bild und Frankfurter Allgemeine: Dündar: Wir haben berichtet, dass die Türkei den Islamischen Staat mit konventionellen Waffen und auch mit Chemikalien versorgt hat! Lüders hatte mit dem Verweis auf Berichte über diese Lieferungen begründet, dass das Giftgas in Syrien sehr wohl auch von islamistischen Rebellen und nicht von der Regierung Assad eingesetzt worden sein kann. Bis heute ist – anders als etwa auch Frau von der Leyen behauptet – noch nicht geklärt, wer 2013 das Giftgas eingesetzt in Syrien hat; die USA hatten es zunächst Assad zugeschrieben und erst im letzten Augenblick einen damit begründeten Angriff auf Syrien abgebrochen, als im Militär Zweifel über die Urheberschaft aufkamen. Die deutschen Medien, die über all diese Zweifel an der Urheberschaft der syrischen Regierung erst berichten, nachdem Autoren wie Lüders der bedingungslosen westliche Unterstützung des Krieges gegen Syrien Fakten entgegensetzen, dachten nun, dass sie Lüders endlich als unseriös widerlegen können, als glatten Lügner (Bild). Er hatte ungenau den türkischen Journalisten Dündar als Autor der Berichte über den Transport der Chemikalien angegeben und nicht die Zeitung, deren Artikel er aber als Chefredakteur verantwortet hat.

Ist Michael Lüders als „Fake-News-Verbreiter“ überführt?

20. APRIL 2017

Der Politikwissenschaftler und Berater Michael Lüders hat einen anderen Blick auf den Krieg in Syrien als die meisten anderen Experten und Kommentatoren in den deutschen Medien. Für den Präsidenten der Deutsch-Arabischen Gesellschaft ist es zum Beispiel keineswegs ausgemacht, dass für die Giftgasangriffe auf die Bevölkerung dort das Regime verantwortlich ist.

Seine Positionen und seine Anwesenheit in öffentlich-rechtlichen Talkshows lösen seit kurzem heftige Kontroversen aus. Anne Will stellte Lüders in ihrer ARD-Sendung mit einer Art warnendem Beipackzettel vor, dass er kein neutraler Experte sei. Lüders ist umstritten, und umstritten ist auch die Frage, ob er nur eine andere, bedenkenswerte Position in die Debatte bringt – oder ob er ein Scharlatan oder ein Lobbyist ist, der in der Debatte gar nichts zu suchen hat.

Vor einigen Tagen scheinen die Kritiker einen besonders eindeutigen Beweis dafür gefunden zu haben, dass Lüders nicht ernst zu nehmen ist: In der ZDF-Talkshow von Markus Lanz erklärte er, dass es Berichte gegeben habe, wonach die Türkei an die Al-Nusra-Front und andere so genannte Rebellen in Syrien Saringas geliefert habe. Er berief sich dabei auf den bekannten türkischen Journalisten Can Dündar, der seit kurzem in Deutschland im Exil lebt.

Dündar selbst aber widersprach ihm. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ zitierte ihn in ihrer Ausgabe vom 9. April 2017 mit den Worten, das sei „totaler Unsinn“, und fügte hinzu:

Seine Zeitung „Cumhuriyet“ habe damals über Waffenlieferungen berichtet, von Giftgas sei nie die Rede gewesen.

Die kleine Notiz in der FAS-Kolumne „Die lieben Kollegen“ zog Kreise. Der Deutschlandfunk berichtete online unter der Überschrift: „Dündar distanziert sich von Äußerungen des Nahost-Experten Lüders“. Der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ kritisierte Lüders unter anderem unter Bezug auf Dündars von der FAS zitierten Aussage; ein ausführlicher Faktencheck von „Spiegel Online“ verwies darauf.

Auch das Recherchebüro „Correctiv“, das mit Dündar zusammenarbeitet, veröffentlichte einen Faktencheck, der zu dem Ergebnis kam, dass es „komplett falsch“ sei, „Can Dündar als Quelle dafür zu nennen, dass die Türkei Giftgas an dschihadistische Rebellen geliefert hat“.

So weit, so scheinbar eindeutig. Viele Kritiker Lüders‘ stürzten sich auf diese offenkundige Unwahrheit als quasi letzten Beweis für die Unseriösität des Experten.

Doch so einfach ist die Sache nicht. In einem Interview mit den „Nachdenkseiten“ räumte Lüders diese Woche zwar eine „Ungenauigkeit“ ein, als er bei „Markus Lanz“ sagte, dass Dündar solche Berichte verfasst hätte. Dündar selbst habe tatsächlich nur über konventionelle Waffenlieferungen an islamistische Rebellen berichtet. „In seiner Zeitung ‚Cumhuriyet‘ sind aber sehr wohl Artikel zu diesem Thema erschienen, auch zu der Zeit, als er Chefredakteur war“, sagt Lüders. „Nur aus seiner Feder eben ‚leider nicht‘, wie er [Dündar] mir gegenüber erklärte.“

Wenn es so war, wäre Lüders Aussage bei „Markus Lanz“ tatsächlich nicht der große, ihn endgültig als unseriös entlarvende Fehler, sondern nur eine Ungenauigkeit. Nach Angaben von Lüders betonte Dündar ihm gegenüber auch, dass auch die Zeitung „Hürriyet“ Ende vergangenen Jahres über die Lieferung von Chemikalien aus der Türkei an den „Islamischen Staat“ berichtet habe.

Das würde aber bedeuten, dass die Darstellung der FAS, die von so vielen geteilt wurde, irreführend war, weil Dündar eben nur der persönlichen Autorenschaft der entsprechenden Berichte in der von ihm verantworteten Zeitung widersprach.

Auf Anfrage von Übermedien bestätigt Dündar nun Lüders Version:

Meine Geschichte hatte nichts mit Chemiewaffen zu tun. Aber meine Zeitung hat einige entsprechende Behauptungen veröffentlicht, während ich Chefredakteur war.

Bei der telefonischen Anfrage der FAS habe er nicht genau verstanden, um wen es ging. Er sei nur gefragt worden, ob sein eigener Artikel von Chemiewaffen handelte. Mehr habe die FAS nicht gefragt.

Dündar sagt uns noch, er verstehe nicht, warum das so ein großes Thema geworden sei, und natürlich ist die eigentliche Frage nicht, wer was gesagt oder berichtet hat, sondern von wem Chemiewaffen in Syrien eingesetzt wurden oder hätten eingesetzt werden können. Die Berichte über Waffenlieferungen, auf die sich Lüders bezieht, existieren aber nach Aussage Dündars wirklich – er hat nur den falschen Autor genannt. Als Beweis dafür, dass ihm nicht zu trauen ist, taugt die ganze Episode nicht.

Die „Bild“-Zeitung aber holt heute zum ganz großen Schlag gegen Lüders [€] aus. Sie stellt ihn als Putin-Propagandist dar, bezichtigt ihn einer „glatten Lüge“, unterstellt ihm „abstruse Verschwörungstheorien“ und kritisiert, dass der „überführte Fake News-Verbreiter“ vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt noch eingeladen wird.

Nachtrag, 24. April. Lüders hat in einer Erklärung Stellung zu der Kritik an ihm genommen. Er räumt erneut ein, dass ihm beim Bezug auf Dündar ein Fehler unterlaufen sei. Außerdem hätte er bei Markus Lanz vorsichtiger formulieren sollen. Weitere Vorwürfe unter anderem von „Bild“ seien aber haltlos. Lüders nennt in seiner Erklärung auch mehrere Links zu Berichten über „mögliche Giftgaslieferungen“.

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

http://uebermedien.de/14739/ist-michael-lueders-als-fake-news-verbreiter-ueberfuehrt/

Pressemitteilung: Stellungnahme von Michael Lüders

 

In verschiedenen Medien sind in den letzten Tagen kritische Berichte über mich erschienen. Zu den Vorwürfen nehme ich wie folgt Stellung:

 

Can Dündar und die Giftgaslieferungen an Dschihadisten seitens der Türkei

In der Sendung „Markus Lanz“ vom 5. April 2017 habe ich Berichte türkischer Journalisten über Giftgaslieferungen des türkischen Geheimdienstes an syrische Dschihadisten erwähnt. Dabei habe ich den Namen Can Dündar genannt. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien daraufhin am 9. April 2017 ein Artikel, in dem Dündar mit den Worten zitiert wird, das sei „totaler Unsinn“. „Seine Zeitung ‚Cumhuriyet’ habe damals über Waffenlieferungen berichtet, von Giftgas sei nie die Rede gewesen.“ Dieser Bericht ist daraufhin immer wieder zitiert und als Beleg dafür angeführt worden, dass die Geschichte über mögliche Giftgaslieferungen seitens der Türkei völlig haltlos sei.

Dazu stelle ich fest: Tatsächlich ist mir in der Sendung ein Fehler unterlaufen. Can Dündar selber hat nicht über Giftgaslieferungen an Dschihadisten geschrieben – „leider nicht“, wie er mir im Gespräch am 13. April 2017 sagte.http://www.nachdenkseiten.de/?p=37845

 

In meinem Buch „Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“ steht richtig, dass er über konventionelle Waffenlieferungen geschrieben hat, in der Sendung habe ich es falsch erinnert. Für diesen Irrtum habe ich mich bei Dündar entschuldigt. Dass in türkischen Zeitungen Artikel über mögliche Giftgaslieferungen an Dschihadisten erschienen, ist aber dennoch richtig. Sogar in „Cumhuriyet“ wurde in der Zeit, als Dündar Chefredakteur war, darüber berichtet.

Der Hintergrund: Zwei Parlamentsabgeordnete der kemalistischen CHP, Eren Erdem und Ali Seker, erhoben aufgrund von Gerichtsakten der Staatsanwaltschaft in Adana entsprechende Vorwürfe gegen den türkischen Geheimdienst. Nach dem gescheiterten türkischen Militärputsch im Juli 2016 wurden die Staatsanwälte in Adana ausgetauscht, die Ermittlungen offenbar eingestellt.

Dass Dündar sich lediglich von seiner Autorenschaft distanzierte, nicht aber von der Tatsache, dass türkische Zeitungen über Giftgaslieferungen berichtet haben, hätte sich durch einen Anruf bei ihm leicht klären lassen, wie es Stefan Niggemeier gezeigt hat. Das hat aber offenbar niemand für nötig gehalten, auch nicht die „Faktenfinder“, die mich als Verbreiter von „fake news“ überführen wollten: http://uebermedien.de/14739/ist-michael-lueders-als-fake-news-verbreiter-ueberfuehrt/

Gleichwohl räume ich im Rückblick selbstkritisch ein, dass ich in der Sendung „Markus Lanz“ vom 5. April 2017 klarer hätte benennen müssen, dass wir alle in einer extrem unübersichtlichen Situation um die Wahrheit ringen. Ich habe von einer „sehr hohen Wahrscheinlichkeit“ dafür gesprochen, dass es sich bei dem Giftgasanschlag von Ghouta bei Damaskus im August 2013 um einen „Angriff unter falscher Flagge“ gehandelt habe. Besser hätte ich von einer „gewissen Wahrscheinlichkeit“ gesprochen. Bei Ghouta bewegen wir uns auf der Ebene von Indizien, die man unterschiedlich gewichten und interpretieren kann. Darüber kann und muss man streiten, aber das sollte konstruktiv geschehen, was einen respektvollen Umgang miteinander einschließt.

 

Hier einige Links mit Material zu den möglichen Giftgaslieferungen:

Bericht in der Tageszeitung CUMHURIYET über Dossiers zweier Oppositionspolitiker der CHP (Eren Erdem und Ali Seker) im türkischen Parlament über die Lieferung chemischer Kampfstoffe seitens der Türkei an den IS und die Al Nusra Front, 20. Oktober 2015: http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/siyaset/391457/Dosya_TBMM_de…__Sarin_gazi_sorumlusu_AKP_.html

Homepageeintrag der Parlamentsabgeordneten Eren Erdem über Lieferung chemischer Kampfstoffe, Sarin, seitens der Türkei: http://erenerdem.net/haberler-Suriyeye-atilan-sarin-gazinin-kimyasallari-Turkiyeden-gitti

Bericht Tageszeitung CUMHURIYET, Gerichtsurteil in Adana bestätigt den Abgeordneten Eren Erdem, über die Lieferung von Sarin-Gas an IS und Al Nusra aus der Türkei, 29.12.2015:http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye/455713/Sarin_Gazi_Davasi_nda_karar_verildi__Eren_Erdem_hakli_cikti.html

Video-Beitrag im CUMHURIYET TV, Stellungnahme des Abgeordneten Eren Erdem zum Gerichtsurteil in Adana, 29.12.2015:http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye/455778/Eren_Erdem_den__sarin_gazi__karari_icin_ilk_aciklama__Erdogan_dan_ozur_bekliyorum.html

Bericht in der Tageszeitung RADIKAL: Eren Erdem: Das vom IS benutzte Sarin wurde in der Türkei hergestellt, 19.10.2015:http://www.radikal.com.tr/turkiye/chpli-eren-erdem-isidin-kullandigi-sarin-gazi-turkiyede-yapildi-1455202/

 

Haltung gegenüber Assad

Spiegel Online behauptete am 12. April 2017 fälschlicherweise, ich hätte gesagt, „der Chemieangriff von vergangener Woche[gemeint ist der Angriff auf Chan Scheichun am 4. April 2017, ML] sei genauso wenig das Werk von Assads Armee gewesen wie der große Sarin-Angriff auf ein halbes Dutzend Vorstädte von Damaskus am 21. August 2013“. Auf welt.de wurde ich wenig später als „munter draufloslabernder Assad-Apologet“ bezeichnet.

Dazu stelle ich fest: Selbst in Bezug auf Ghouta habe ich von Wahrscheinlichkeiten gesprochen. Was Chan Scheichun angeht, so habe ich gesagt, dass der Giftgaseinsatz allen Parteien zuzutrauen sei, dass man zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nicht wisse, wer dahinterstecke. Sowohl in meinem Buch als auch bei meinen Auftritten lasse ich keinen Zweifel daran, dass Assad ein brutaler Verbrecher ist, der Teile seines Volkes mit extremer Grausamkeit bekämpft.
Wirtschaftliche Motive

In ihrer Vorstellung meiner Person in ihrer Sendung vom 9. April 2017 hat Anne Will gesagt: „Wir haben Sie heute bewusst nicht als einen neutralen Nahost-Experten vorgestellt, sondern als Autor und als Politik- und Wirtschaftsberater. Sie sind, muss man sagen… ein Geschäftsmann, der sein Wissen an Firmen verkauft, die im Nahen und Mittleren Osten ihre Geschäfte machen wollen. Spielen Ihre wirtschaftlichen Interessen da eine Rolle, wenn Sie sagen oder behaupten, dass es der Westen sei, der Syrien ins Chaos gestürzt hat?“

Dazu stelle ich fest: Im Netz kursieren seit einiger Zeit Verschwörungstheorien, die mich als Wirtschafts-Lobbyisten darstellen und unterstellen, dass meine wirtschaftlichen Interessen meine Darstellung der Konflikte im Nahen Osten beeinflussen. Diese Unterstellungen stützen sich einzig und allein auf meine Homepage, wo ich eine „Nahostberatung“ anbiete. In der Sache sind sie aus der Luft gegriffen und entbehren jedes Realitätsbezugs.

Tatsächlich sind meine Kontakte in die Wirtschaft eher bescheiden. Ich halte im Jahr fünf, sechs öffentliche Vorträge vor Unternehmen oder Fachverbänden, die sich vor allem für meine politische Einordnung der Verhältnisse in der arabisch-islamischen Welt interessieren. Zuletzt habe ich für eine Supermarktkette einen Vortrag über den Syrien-Konflikt gehalten.
Von Russland verbreitete Fake News

In der BILD-Zeitung vom 21. April 2017 wird behauptet, ich hätte in der Sendung „Markus Lanz“ vom 5. April 2017 „von Russland verbreiteten Fake News eine Bühne“ geboten. Im Kreml habe sich anschließend „der große Manipulator Putin die Hände“ gerieben.

Dazu stelle ich fest: Diese Vorwürfe sind vollkommen haltlos. Meine Bemerkungen in der Sendung „Markus Lanz“ zu Ghouta stützen sich auf amerikanische und britische Quellen, prominent auf den renommierten Enthüllungsjournalisten und Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh und dessen Analysen in der Zeitschrift „London Review of Books“, aber auch auf andere Artikel, etwa „The Obama Doctrine“ in der Zeitschrift „The Atlantic“, und auf freigegebene Geheimdienstdokumente. Hinzu kommen die erwähnten türkischen Quellen.

Auf die im Artikel der BILD-Zeitung behandelten russischen Theorien zu dem Giftgasanschlag von Chan Scheichun bin ich mit keinem Wort eingegangen und sie erscheinen mir auch nicht besonders glaubwürdig.

Ich halte es für sehr bedenklich für unsere Debattenkultur, wenn über bestimmte Positionen nicht mehr kontrovers diskutiert wird, sondern ihre Vertreter pauschal als „fünfte Kolonne“ Moskaus diffamiert werden. Das ist einer freiheitlichen Demokratie unwürdig.

 

Michael Lüders, 21. April 2017

 

Dateien:
Stellungnahme_Lueders.pdf763 K

 

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