Teile der Trump-Regierung wollen eine Offensive der saudisch geführten Allianz auf die jemenitische Hafenstadt Hudeida unterstützen, die Lebensader Jemens! Sie könnten durch die Schwächung ihrer Gegner damit auch zur Ausbreitung Al Kaidas beitragen. Hilfsorganisationen fürchten, dass mit einer Offensive die Versorgung der Zivilbevölkerung gekappt wird. Über den Hafen von Hudeida gelangen etwa 70 Prozent der humanitären Hilfe ins Land. Die UNO sprach sich deshalb entschieden gegen ein solches Vorhaben aus. Beobachter rechnen mit langen, verlustreichen Kämpfen in dichtbesiedeltem Gebiet, sollte der Angriff stattfinden. Im daraus resultierenden Chaos könnte sich auch die Kaida ausbreiten. Friedensbemühungen im Krieg in Jemen stocken seit Monaten, die Zeichen stehen auf Eskalation. «Die Koalition schiesst auf alles, was sich vor der Küste bewegt». Allein 200 Zivilisten sind durch den Beschuss an der Küste ums Leben gekommen, in Booten, aber auch auf dem Land entlang der Küste, berichtet eine Journalistin. Ein Helikopter eröffnete zudem Feuer auf ein Boot mit somalischen Flüchtlingen. Dutzende Menschen wurden tödlich getroffen.42 von 145 Bootsflüchtlingen getötet und 29 weitere verletzt. Augenzeugenberichte und Fotos des getroffenen Bootes lassen wenig Zweifel daran, dass der Angriff von einem Kampfhelikopter kam. Die einzige Partei, welche in dieser Gegend mit Kampfhelikoptern operiert, ist die saudisch geführte Koalition gegen die Huthi-Rebellen, die eine Seeblockade durchsetzt. Bis anhin helfen die USA dem Bündnis mit Waffenlieferungen und indem sie die Flugzeuge der saudisch geführten Koalition auftanken.

Die Hafenstadt Hudeida
Jemens Lebensader ist bedroht
von Monika Bolliger, Beirut19.4.2017, 09:30 Uhr
Über die Hafenstadt Hudeida gelangt ein Grossteil der Hilfslieferungen nach Jemen. Aber auch 60 Prozent des Einkommens der Huthi-Regierung. Nun ist ein eine Offensive gegen die Stadt geplant.
Somalische Flüchtlinge die eine Attacke auf ihr Boot vor der Küste Jemens überlebt haben. (Bild: Abduljabbar Zeyad / Reuters)

Somalische Flüchtlinge die eine Attacke auf ihr Boot vor der Küste Jemens überlebt haben. (Bild: Abduljabbar Zeyad / Reuters)

Die Somalier waren in einem Boot unterwegs, von der Meerenge Bab al-Mandab (Tor der Tränen) in Richtung Hudeida. Ihr erstes Etappenziel war der Sudan. Von dort hofften sie weiter nach Libyen zu reisen und über das Mittelmeer die Überfahrt nach Europa zu riskieren. Ein Kampfhelikopter kreiste offenbar stundenlang über ihnen, ohne dass etwas geschah. Doch dann, kurz nach Sonnenuntergang, soll der Helikopter plötzlich das Feuer auf das Boot eröffnet haben. Panik brach aus. Dutzende Menschen wurden tödlich getroffen.

Angriffe auf Fischer

Aisha, eine Somalierin, die den Angriff überlebt hat, suchte Schutz unter den Leichen, bis der Beschuss aufhörte. Sie gab das Erlebte der jemenitischen Journalistin Bushra al-Maktri in einem Spital in Hudeida zu Protokoll. Maktri berichtete in einem Telefongespräch von ihrem Besuch; ausländische Journalisten können derzeit wegen saudischer Hinderungen nicht nach Jemen reisen. In jener Unglücksnacht im März wurden 42 von 145 Bootsflüchtlingen getötet und 29 weitere verletzt. Augenzeugenberichte und Fotos des getroffenen Bootes lassen wenig Zweifel daran, dass der Angriff von einem Kampfhelikopter kam.

Die einzige Partei, welche in dieser Gegend mit Kampfhelikoptern operiert, ist die saudisch geführte Koalition gegen die Huthi-Rebellen, die eine Seeblockade durchsetzt. Sie aber weist jegliche Verantwortung von sich. Die Somalier sind indes nicht die Ersten, die hier unter Beschuss gekommen sind. Regelmässig werden auf diese Weise Fischer getötet. Diese begeben sich trotz der Gefahr aufs Meer, weil sie sonst keine Einkommensquelle haben. Laut Dawud Fadal, dem Sicherheitschef des Hafens von Hudeida, sind im März 31 Fischer getötet worden. «Die Koalition schiesst auf alles, was sich vor der Küste bewegt», beschwert er sich.

Das sagt auch al-Maktri. Während der Woche, welche die Journalistin aus der Hauptstadt Sanaa in Hudeida verbrachte, seien 200 Zivilisten durch den Beschuss an der Küste ums Leben gekommen, in Booten, aber auch auf dem Land entlang der Küste. Die von Saudiarabien und den Emiraten dominierte Militärkoalition will nach eigenen Angaben den Waffenschmuggel ins Gebiet der Huthi-Rebellen unterbinden. Die Koalition unterstützt Truppen der Regierung von Präsident Hadi, welche von den Huthi mithilfe des ehemaligen Präsidenten Saleh vor über zwei Jahren weggeputscht und ins Exil vertrieben wurde. Heute hat Hadis Kabinett seinen Sitz in der südjemenitischen Hafenstadt Aden, hält sich aber teilweise immer noch in der saudischen Hauptstadt Riad auf.

Aggressive Rhetorik

Friedensbemühungen stocken seit Monaten, die Zeichen stehen auf Eskalation. Hudeida ist dabei im Fokus. Die wichtigste Hafenstadt Jemens wartet bange auf eine drohende Offensive der Anti-Huthi-Allianz, die im Januar die Hafenstadt Mokha 180 Kilometer südlich von Hudeida eingenommen hat. Die Huthi und der ehemalige Präsident Saleh haben derweil Verstärkung geschickt, um Hudeida zu verteidigen. Sie werden alles daransetzen, Hudeida nicht zu verlieren. Ihre Gegner hoffen, mit einer Eroberung Hudeidas eine Lebensader der Huthi zu kappen. Laut Schätzungen eines jemenitischen Ökonomen stammen etwa 60 Prozent des Einkommens der Huthi-Regierung von Zöllen und Steuern auf Güter, welche via Hudeida geliefert werden. Die Huthi leben zudem auch vom Schmuggel.

Die Hilfsorganisationen fürchten indes, dass mit einer Offensive die Versorgung der Zivilbevölkerung gekappt würde. Die Uno sprach sich deshalb dezidiert gegen ein solches Vorhaben aus. Über den Hafen von Hudeida gelangen etwa 70 Prozent der humanitären Hilfe ins Land. Zugleich ist es fraglich, ob der Schmuggel der Huthi gestoppt werden kann: Laut einem gut informierten Diplomaten wurden auch Waffen über den Hafen von Aden, der unter der Kontrolle der Huthi-Gegner ist, in die Gebiete der Huthi geschmuggelt. Beobachter rechnen mit langen, verlustreichen Kämpfen in dichtbesiedeltem Gebiet. Im daraus resultierenden Chaos könnte sich die Kaida ausbreiten, die in Jemen gerne auftaucht, wenn es ein Machtvakuum gibt. In Hudeida hat sie bis jetzt keine feste Präsenz.

Noch zögert die Anti-Huthi-Allianz. Sie wartet auf Hilfe aus Washington. Dort wird intensiv für direkte militärische Unterstützung einer Offensive auf Hudeida lobbyiert. Bis anhin helfen die USA dem Bündnis mit Waffenlieferungen und indem sie die Flugzeuge der saudisch geführten Koalition auftanken. Der jemenitische Botschafter in den Vereinigten Staaten warb in einem Beitrag für die Zeitschrift «Newsweek» für die Offensive. Dabei kolportierte er auch, die mit Iran verbündeten Huthi bedrohten die Meerenge von Bab al-Mandab, durch die täglich vier Millionen Barrel Öl geschifft werden. Teile der Administration Trump scheinen nicht abgeneigt. Hilfsorganisationen haben das Pentagon indes vor einer möglichen Hungersnot bei einer Offensive auf Hudeida gewarnt.

Klima der Angst

Hudeida darbt derweil im Würgegriff des Krieges. Die Journalistin Bushra al-Maktri zeichnet ein bedrückendes Bild der Hafenstadt, deren Erscheinung heute mehr denn je von Bettlern und hungernden Menschen gezeichnet ist. Hudeida war schon früher arm und vernachlässigt, vom Hafen profitierte es wenig. Der Krieg hat die Armut verschlimmert. Bilder von unterernährten Kindern aus der Provinz von Hudeida gingen um die Welt, als die Uno zum ersten Mal vor einer drohenden Hungersnot in Jemen warnte.

In Jemen litt die Bevölkerung in manchen Gebieten schon vor dem Krieg an Mangelernährung, aber jetzt fehlt es im ganzen Land an Nahrungsmitteln, unter anderem, weil der Krieg auch mit wirtschaftlichen Mitteln geführt wird. Dabei spielt die Blockadepolitik der Koalition gegen die Huthi eine zentrale Rolle. Zugleich haben die Huthi eine Kriegswirtschaft aufgebaut, von der eine kleine Gruppe profitiert, während der Rest leidet. Bushra al-Maktri sah zum Beispiel, wie Hilfsgüter in Läden, welche den Huthi gehören, verkauft werden.

In der Stadt herrschten die Huthi mit eisernem Griff, sagt Maktri: «Die Leute trauen sich hier im Gegensatz zu anderen Landesteilen nicht, über Politik zu sprechen.» Tausende seien im Gefängnis. Auch sie selbst wurde von den Huthi verhaftet und nach Sanaa zurückgeschickt. Maktri fordert, dass Hudeida im Krieg in eine neutrale Zone umgewandelt werde. Alles andere sei aus humanitärer Sicht nicht haltbar.

https://www.nzz.ch/international/die-hafenstadt-hudeida-eine-bedrohte-lebensader-jemens-ld.1287523

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s