„Der schmutzige Krieg gegen Syrien“ – Der australische Soziologe Tim Anderson zum Nahen und Mittleren Osten: Das angerichtete Chaos ist das logische Ergebnis der geostrategischen Konzeption eines „Neuen Mittleren Ostens“ durch die USA. Während die USA in diesem Konflikt als Akteur nur am Rande in Erscheinung treten, haben sie durch Stellvertreterarmeen vor Ort systematisch und absichtsvoll die gewachsenen Strukturen des Nationalstaats Syrien zerschlagen. Das Ziel ist ein Regime Change oder sogar die Erschaffung ganz neuer Mini-Staaten vor Ort.

Tim Anderson: Der schmutzige Krieg gegen Syrien

Interview mit dem Autor auf Weltnetz und zuerst die Buchvorstellung

Washington, Regime Change und Widerstand

von Carola und Johannes Irsiegler

Buchbesprechung
Die Wahrheit kommt immer ans Licht. Angesichts der Ergebnisse der Chilcot-Kommission in Grossbritannien werden in den letzten Wochen viele Menschen an diese Weisheit gedacht haben. Dreizehn Jahre nach Beginn des Irak-Kriegs kommt eine Untersuchungskommission zum Schluss, dass der damalige Premierminister Blair das Land in einen Krieg gelogen hat, dem Hunderttausende, darunter vor allem Zivilisten, zum Opfer fielen. Es bleibt zu hoffen, dass sich Blair für seine Taten vor Gericht verantworten muss.
Die Wahrheit kommt nun auch in einem weiteren Krieg ans Licht: Fünf Jahre nach Beginn des Krieges gegen Syrien liegt eine ausführliche Dokumentation des australischen Politologen Tim Anderson vor, die die Lügen um den schmutzigen Krieg gegen Syrien entlarvt. Tim Anderson ist Dozent für politische Ökonomie an der Universität Sydney. Er forscht und schreibt über politische Entwicklungen in Lateinamerika, der Asien-Pazifik-Region und im Nahen Osten. Sein im März 2016 in englischer Sprache erschienenes Buch «The dirty war on Syria – Wa­shington, regime change and resistance» trägt in deutscher Übersetzung den Titel «Der schmutzige Krieg gegen Syrien – Washington, Regime Change und Widerstand».
Anderson möchte aufzeigen, dass sich die Abläufe in Syrien anders verhalten, als es uns in den westlichen Mainstream-Medien dargestellt wurde und immer noch wird. Es geht ihm um den Grundsatz des audiatur et altera pars: Die andere Seite möge auch gehört werden. Seine Dokumentation versteht er denn zum einen als «Quellenbuch», das einen «Beitrag zur Geschichte des Syrienkonflikts» leisten will. Dies gelingt ihm durch eine sorgfältige und akribische Aufarbeitung dessen, was sich jenseits einer massiven Desinformationskampagne in Syrien in Wirklichkeit abgespielt hat. Anderson legt dar, dass wir es in Syrien mit einem von langer Hand geplanten schmutzigen Krieg der westlichen Mächte und ihrer Verbündeten in der Region zu tun haben. Das Ziel der Operation besteht zum einen in der «Balkanisierung» der Region, das heisst der «Schaffung instabiler, in sich zerstrittener Einheiten, die auf US-Hilfe angewiesen sind», zum anderen aber auch in der Verhinderung einer Achse vom Westen unabhängiger regionaler Staaten. Der Krieg ist gegen einen Staat gerichtet, dem vorher noch eine gute Entwicklung beschieden war; das Bildungs- und das Gesundheitswesen waren in Syrien jedem Bürger kostenlos zugänglich und zeigten ein hohes Niveau. Politische Reformen waren durch den Präsidenten angedacht, der ein hohes Mass an Unterstützung in der Bevölkerung genoss und immer noch geniesst. Und vor allem hatte Syrien keine Auslandschulden.
Neben dem dokumentarischen Charakter versteht Anderson sein Buch aber auch als ein «Plädoyer» für das Recht des syrischen Volkes, «seine Gesellschaftsform und das politische System selbst zu bestimmen», dies «im Einklang mit den internationalen Gesetzen und den Prinzipien der Menschenrechte». Anderson klagt den Westen an, dieses Recht zu negieren und dabei auf das Schlimmste seiner Vergangenheit zurückzugreifen: «[…] nämlich auf das ‹imperiale Vorrecht› auf Intervention, unterstützt durch ein tiefsitzendes rassistisches Vorurteil sowie durch eine armselige Berücksichtigung der Geschichte ihrer Kulturen.»
Anderson stützt sich in seinen Ausführungen vor allem auf westliche Quellen. «Ich habe vorwiegend westliche Quellen benutzt, wo immer das möglich war, nicht weil sie mir zuverlässiger erscheinen, sondern um jede Behauptung auszuschliessen, ich hätte mich zu sehr auf syrische Quellen verlassen.» Jedem seiner Kapitel folgen zahlreiche Quellenangaben.
Der Autor stellt den Krieg von Anfang an in einen grösseren geopolitischen Zusammenhang: Die USA planen seit langem die Schaffung eines «Neuen Mittleren Osten». Es folgen akribisch genaue Darstellungen der Abläufe von Beginn des Krieges im Jahre 2011 bis heute. Dabei konfrontiert er den Leser immer auch mit den Abweichungen in der westlichen Berichterstattung, so dass die politische Agenda dieser Desinformation klar zu Tage tritt. Viele Leser mögen sich zum Beispiel noch an die Bilder toter oder verletzter Kinder im Jahre 2013 erinnern, die Opfer eines Giftgaseinsatzes in der syrischen Region Ost-Ghuta gewesen sein sollen. Anderson wertet dreizehn Berichte über dieses Ereignis aus und kommt zum Schluss, dass «die Beweislage aus unabhängigen Quellen» keinen anderen Schluss zulässt, als: «Chemiewaffen wurden in Ost-Ghuta eingesetzt, aber die Vorwürfe gegen die syrische Armee waren erfunden. […] Ausserdem standen viele Bilder der kranken und toten Kinder nicht mit Ost-Ghuta in Verbindung. […] Die Kraft der Beweise deutet darauf hin, dass es sich hier um ein weiteres ‹False Flag›-Ereignis handelt, mit dem Zweck, eine stärkere ausländische Intervention zu ermöglichen». In unseren Mainstream-Medien wird hingegen noch heute die syrische Regierung dieses Verbrechens beschuldigt!
Anderson zeigt auch einen Ausweg auf, den er bereits in seinem Titel andeutet: die Entstehung einer gestärkten Achse des Widerstands. «Es gibt klare Hinweise, dass Washingtons Pläne gescheitert sind, sei es nun beim ‹Regime Change› oder dabei, den Staat funktionsuntüchtig zu machen und das Land durch sektiererische Linien zu spalten. Stattdessen sehen wir den Aufstieg einer gestärkten Achse des Widerstandes mit dem Iran, Syrien, Palästina und der Hizbollah als Kernelementen, unterstützt von Russ­land und einem sich annähernden Irak.» Anderson ist überzeugt: «Syrien gewinnt, weil das syrische Volk seine Armee gegen sektiererische Provokationen verteidigt hat, wobei es seine eigenen Schlachten gegen die Nato und den von Golf-Monarchien bezahlten multinationalen Terrorismus geschlagen hat.» Der Sieg Syriens werde schliesslich das Ende von «Washingtons blutrünstiger ‹Regimewechsel›-Orgie in der Region» bedeuten.
Tim Andersons Dokumentation leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Wahrheit ans Licht kommt, dem Recht Geltung verschafft und der Krieg endlich beendet wird. Wir hoffen für die geschundenen Menschen in Syrien, dass dies möglichst bald geschieht. Dem auch den Lesern von Zeit-Fragen bekannten Autor Hermann Ploppa ist für die Übersetzung ins Deutsche und die Herausgabe dieses wertvollen Buches zu danken.    •

Anderson, Tim. Der schmutzige Krieg gegen Syrien. Liepsen Verlag. Marburg 2016. ISBN 978-3-9812703-9-6

Die Öffentlichkeit ist entsetzt über den Krieg in Syrien. Die Lage scheint unkontrollierbar geworden zu sein. Kritische Beobachter gehen davon aus, dass die Unfähigkeit der USA, die politische Lage im Nahen und Mittleren Osten richtig einzuschätzen, mit verantwortlich sei für die ungeheure humanitäre Katastrophe und die immensen Flüchtlingsbewegungen.

Dieser Auffassung widerspricht der australische Soziologe Tim Anderson energisch. Seine These: das angerichtete Chaos ist das logische Ergebnis der geostrategischen Konzeption eines „Neuen Mittleren Ostens“ durch die USA. Während die USA in diesem Konflikt als Akteur nur am Rande in Erscheinung treten, haben sie durch Stellvertreterarmeen vor Ort systematisch und absichtsvoll die gewachsenen Strukturen des Nationalstaats Syrien zerschlagen. Das Ziel ist ein Regime Change oder sogar die Erschaffung ganz neuer Mini-Staaten vor Ort.

Wie kam es zum Konflikt in Syrien? Wer sind die sog. „moderaten Rebellen“? Von wem wurden die Chemiewaffen wirklich eingesetzt? Warum unterscheidet sich das Bild in der Mainstream-Presse so erheblich von den Thesen Andersons? Christiane Reymann fragt für Weltnetz.tv nach.

 

Über Tim Anderson:
Dr. Tim Anderson ist Dozent für politische Ökonomie an der Universität Sydney. Er forscht und schreibt über Entwicklungen, Rechte und Selbstbestimmung in Lateinamerika, der Asien-Pazifik-Region und des Mittleren Ostens. Er hat zahlreiche Kapitel und Artikel  in wissenschaftlichen Büchern und Zeitschriften veröffentlicht. Sein aktuelles Buch trägt den Titel: ‚Land und Lebensbedingungen in Papua Neu Guinea‘ (2015).
Anderson hat während des Kriegs zweimal Syrien besucht. Dabei führte er auch Gespräche mit Mitgliedern der syrischen Regierung, einschließlich Präsident Assad.

https://weltnetz.tv/video/964-der-schmutzige-krieg-gegen-syrien

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