„Der deutsche Sport ist ein Massengrab“ In Sachen Doping stand die BRD der DDR an Skrupellosigkeit nicht nach! Auch in Westdeutschland wurde im Sport flächendeckend gedopt. Nach Angaben eines Opfervereins sind an den Folgen Hunderte Athleten gestorben – während der Deutsche Olympische Sportbund wegsieht. Das wird deutlich am Tod der 26jährigen Siebenkämpferin Birgit Dressel und an immer neuen Enthüllungen. Allein ihr Freiburger Arzt Armin Klümper, damals Guru für viele westdeutsche Spitzenathleten, hatte Dressel, in den zwei Jahren vor ihrem Tod 400 Injektionen verabreicht. Frühere Top-Leichtathleten aus dem Westen Deutschlands haben zugegeben, zum Teil über Jahre hinweg anabole Steroide eingenommen zu haben. Athletensprecherin Gaby Bußmann fordert öffentlich, dass die „Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden“. Doch der Oberstaatsanwalt in Mainz und seine Gutachter finden keinen Verantwortlichen – das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen des Verdachts fahrlässiger Tötung wird eingestellt.

Birgit Dressel wurde nur 26 Jahre alt.Birgit Dressel wurde nur 26 Jahre alt.(Foto: imago/teutopress)
Montag, 10. April 2017

30 Jahre nach dem Todesdrama
Birgit Dressel nahm der BRD die Unschuld

In den Jahren vor ihrem Tod 1987 nimmt die Siebenkämpferin Birgit Dressel rund 100 verschiedene Medikamente und Substanzen zu sich, darunter Anabolika. Aufgeklärt ist der Fall aber auch 30 Jahre später nicht – weil die Beteiligten noch immer schweigen.

Am 10. April 1987 verlor der bundesdeutsche Sport seine Unschuld. Eine Unschuld, mit der es schon damals nicht allzu weit her war. An jenem Freitag starb die Siebenkämpferin Birgit Dressel kurz vor ihrem 27. Geburtstag nach tagelangem Martyrium an Multiorganversagen. Ihr Tod ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Die Beteiligten schweigen, der Fall Dressel bleibt Trauma wie Schandfleck.

Der „Spiegel“ veröffentlicht 1987 einen Auszug der „Dokumente des Schreckens“.(Foto: imago/Sepp Spiegl)

„Der Tod von Birgit Dressel vor 30 Jahren bleibt bis heute eine der größten Tragödien des deutschen Sports“, sagte Präsident Alfons Hörmann vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). „Sie ist ein Opfer medizinischer Praktiken geworden, die unverantwortlich waren“, meinte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Und Dopingexperte Fritz Sörgel nennt Dressels Tod „eine Folge des massiven Gebrauchs und Missbrauchs aller möglichen Stoffe. Von harmlosen Nahrungsergänzungsmitteln bis zu Dopingmitteln in Höchstdosen“.

400 Injektionen in zwei Jahren

Dressel, 1986 in Stuttgart EM-Vierte, war im Kampf um sportlichen Erfolg zum Wrack behandelt worden. Mit Hunderten Spritzen, Tausenden Tabletten. Dies ging aus den Berichten der Ermittler hervor. „Dokumenten des Schreckens“, die der „Spiegel“ 1987 in Auszügen veröffentlichte.

Dressel steht für eine Ära, in der, wie auch neueste Enthüllungen zeigen, die Bundesrepublik der DDR an Skrupellosigkeit in nichts nachstand. Allein ihr Freiburger Arzt Armin Klümper, damals Guru für viele westdeutsche Spitzenathleten und heute hochumstritten, hatte Dressel, so das Ermittlungsergebnis, in den zwei Jahren vor ihrem Tod 400 Injektionen verabreicht. Rund 100 verschiedene Medikamente habe die Leichtathletin verwendet. Alleine in der Wohnung von Dressel und Thomas Kohlbacher, ihrem Verlobten und Trainer, stellten Ermittler Dutzende Mittel sicher.

Die „im höchsten Maße gesunde“ Birgit Dressel, wie sie Klümper gegenüber der Kripo nannte, war laut „Spiegel“ „in Wahrheit eine chronisch kranke, mit Hunderten von Arzneimitteln vollgepumpte junge Frau“.

Schmerzen beim Kugelstoßen

Dressels finales Martyrium beginnt 48 Stunden vor ihrem Tod. Beim Kugelstoßtraining treten heftige Schmerzen in der linken Lendenwirbelregion auf, mit Kohlbacher stellt sich Dressel beim Orthopäden vor. Dieser scheitert daran, die Probleme in den Griff zu bekommen – wie zwei Dutzend weitere Mediziner in den Mainzer Unikliniken daran scheitern werden, das Unabwendbare abzuwenden.

Am Morgen ihres Todestages wird Dressel mit „wehenartigen Schmerzen“ ins Krankenhaus gebracht, es besteht Verdacht auf Nierenkolik, weitere Fehlvermutungen folgen. Am Nachmittag ist Dressel noch „zeitlich und örtlich orientiert“, doch Lippen und Fingernägel beginnen, sich blau zu verfärben. Am Abend wird Dressel, schon nicht mehr ansprechbar, auf die Intensivstation verlegt. „Verdacht auf toxisches Geschehen, Zerfall des Blutes“, so diagnostizieren die Mediziner richtig. Retten können sie Dressel nicht mehr.

Tod ohne Prozess

Athletensprecherin Gaby Bußmann fordert öffentlich, dass die „Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden“. Doch der Oberstaatsanwalt in Mainz und seine Gutachter finden keinen Verantwortlichen – das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen des Verdachts fahrlässiger Tötung wird eingestellt. Erst 2012 und damit 25 Jahre nach Dressels Tod enden die letzten Untersuchungen. Zu einem öffentlichen Prozess ist es nie gekommen. „Dass das Verfahren gegen Personen aus ihrem Umfeld damals eingestellt und niemals jemand zur Verantwortung gezogen wurde, ist eine bittere und typische Erkenntnis aus dieser Zeit“, sagte Hörmann.

Klümper wanderte 2000 nach Südafrika aus, der heute 81-Jährige schweigt. Auch Kohlbacher, der auf eine Anfrage zu den damaligen Vorgängen nicht reagierte, blieb unbehelligt. 1995 wollte er in einer Vernehmung auf die Frage, ob er Kenntnis von Dressels Gebrauch des Steroids Stromba gehabt habe, „keine weiteren Einlassungen mehr machen, da die Gefahr besteht, dass ich mich selbst dadurch belasten könnte“. Heute trainiert er Mehrkampf-Juniorinnen in Mainz.

Und der DLV? Wollte 1987 nichts von einem weitreichenden Fall Dressel wissen. Helmut Meyer, damaliger Chef des Bundesausschusses für Leistungssport und späterer Präsident, versicherte, „dass Birgit Dressels Tod mit Doping nichts zu tun“ habe. Dressels Ausspruch ist überliefert, man könne „heutzutage alles injizieren und einnehmen, weil alles reversibel ist“. Ein naiver Glaube – der Tod ist nämlich irreversibel: Seit bald 30 Jahren liegt Birgit Dressel auf dem Mainzer Hauptfriedhof begraben.

Quelle: n-tv.de , Christoph Leuchtenberg und Dominik Kortus, sid

Dopingopfer kritisieren DOSB„Der deutsche Sport ist ein Massengrab“

Eine noch unveröffentlichte Dissertation deckt jüngst flächenendeckendes Doping im früheren Westdeutschland auf. Nach Angaben eines Opfervereins sind an den Folgen Hunderte Athleten gestorben – während der Deutsche Olympische Sportbund wegsieht.

Der Doping-Opfer-Hilfeverein (DOH) hat den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vor dem Hintergrund der jüngsten Hinweise auf flächendeckendes Doping im früheren Westdeutschland erneut zu einer Unterstützung von Dopingopfern aufgefordert. „Aus dieser Bringschuld wird der Sportdachverband nicht entlassen“, teilte der DOH unter dem Vorsitz von Ines Geipel mit.

Der Pharmazeut Simon Krivec hat die Hinweise auf das flächendeckende Doping geliefert.

Der Pharmazeut Simon Krivec hat die Hinweise auf das flächendeckende Doping geliefert.(Foto: picture alliance / ./p.kellerbac)

Seit dem tragischen Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel vor 30 Jahren am 10. April 1987 sei der organisierte Sport in Deutschland zu einem Massengrab geworden, lautet der Vorwurf der Organisation. Die Todesliste des DOH verzeichne Hunderte an Dopingfolgen verstorbene Athletinnen und Athleten aus Ost und West. „Die Ursachen sind Herzversagen, Schlaganfälle, Tumore, Akutversagen der Organe oder toxisch-allergische Reaktionen auf Doping“, heißt es in der Erklärung des DOH. Die bundesdeutsche Gesellschaft habe angesichts des Todes von Birgit Dressel noch unter Schock gestanden, seitdem werde das Dauersterben der Athleten „so konspirativ gehandhabt wie das Doping selbst und insbesondere zum alleinigen Problem der Aktiven gemacht“.

Dressel war im Alter von nur 26 Jahren an Multiorganversagen nach einem möglicherweise toxisch-allergischen Kreislaufschock gestorben. Sie hatte in der Zeit vor ihrem Tod rund 100 Substanzen, darunter auch Anabolika, eingenommen. Ob ihr Tod allerdings eine Dopingfolge war, wurde nie vollständig geklärt.

„Seit Birgit Dressels Tragik wissen wir alles, was wir wissen müssen, um eine solche Toxizität zu verhindern“, sagt Geipel, „und dennoch wird mehr denn je gestorben. Wir müssen raus aus dieser zirkulären Scheindiskussion, die da heißt: Hier die bösen Betrüger, dort der schöne, saubere Sport, der mit all dem nichts zu tun hat.“ Diese bitteren Tode seien „genuiner Teil des organisierten Sports in Deutschland, und deshalb ist es auch mehr als überfällig, dass er zuerst die Verantwortung dafür übernimmt. Bigotterie und gespielte Ahnungslosigkeit helfen da nicht weiter“, so Geipel weiter. Der DOH fordert den DOSB daher erneut auf, „die Arbeit an einem Nachhaltigkeitskonzept für die vielen Sportopfer im Land aufzunehmen und in Sachen Unterstützung endlich konkret zu werden“.

Eine unveröffentlichte Doktorarbeit an der Universität Hamburg gab Ende März Hinweise auf flächendeckendes Doping in der bundesdeutschen Leichtathletik zwischen Ende der 60er- und den späten 80er-Jahren. Demnach sollen 31 ehemalige männliche Top-Athleten zugegeben haben, während ihrer aktiven Zeit zum Teil über viele Jahre anabole Steroide eingenommen zu haben. Die Dissertation stammt vom Pharmazeuten Simon Krivec, die ARD-Dopingredaktion berichtete in der Sportschau darüber.

http://www.n-tv.de/sport/Der-deutsche-Sport-ist-ein-Massengrab-article19786466.html

Top-Leichtathleten waren gedopt
31 West-Athleten gestehen Anabolika-Doping

Sportler aus sozialistischen Staaten waren während des Kalten Krieges systematisch gedopt. Das ist sicher. Das Verhalten westdeutscher Sportler ist weniger gut erforscht. Nun räumen erstmals viele Top-Leichtathleten Anabolika-Missbrauch ein.

Frühere Top-Leichtathleten aus dem Westen Deutschlands haben zugegeben, zum Teil über Jahre hinweg anabole Steroide eingenommen zu haben. Das geht aus einer unveröffentlichten Dissertation des Pharmazeuten Simon Krivec von der Universität Hamburg hervor, wie die ARD-Dopingredaktion in der „Sportschau“ berichtete.

Der Wissenschaftler hat nach eigenen Angaben 121 ehemalige männliche Spitzensportler des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) angeschrieben, 61 haben ihm geantwortet, „und 31 Athleten haben die Einnahme von Anabolika bestätigt“, sagte Krivec, dessen Studie die Zeit von 1960 bis 1988 erfasst.

„Verblüffend war, dass die Athleten sehr offen damit umgegangen waren – mir gegenüber“, erklärte Krivec. Den Athleten sei Anonymität zugesichert worden, der ehemalige Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig stimmte der Veröffentlichung seines Namens zu.

Die Arbeit habe die Verhältnisse so dargestellt, „wie sie wirklich früher waren. Das ist schon bemerkenswert“, sagte der zweimalige Olympia-Teilnehmer. Hennig war erstaunt, „dass das genau so ist, wie ich das auch in Erinnerung habe, wie ich es gehört habe damals – und wie ich es natürlich selber auch gemacht habe.“

http://www.n-tv.de/sport/31-West-Athleten-gestehen-Anabolika-Doping-article19765293.html

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