Handelsblatt warnt vor Welt-Bürgerkrieg! Es ruft die Menschen auf, selbst aktiv zu werden! Weltunfrieden kennzeichnet die ersten Monate des Jahres 2017. So entstehen Weltbürgerkriege. Ohne Rücksicht auf zivile Opfer verfolgen die Kriegsparteien in Mossul, Aleppo und Damaskus, in der Ukraine und weiten Teilen Afrikas ihre Ziele. Und da, wo aktuell noch nicht gekämpft wird – am Fels von Gibraltar, an der Grenze von Nord- zu Südkorea, im südchinesischen Meer – ist eine Spirale von Drohung und Gegendrohung in Gang gekommen. Dem Lumpenproletariat entspricht eine Lumpenbourgeoisie, die in der Wahl ihrer Mittel den Feind kopiert. Aggression und Defensive werden ununterscheidbar. Der Mechanismus ähnelt dem der Blutrache. Immer mehr Menschen werden in den Strudel von Angst und Hass gezogen. Der Mechanismus von Hass und Gegenhass wirkt. Schon wird in Deutschland nach einem Islam-Gesetz gerufen, das den Keim eines neuzeitlichen Religionskrieges in sich trägt. Wenn wir selbst nicht innehalten, wird kein anderer es für uns tun. Das Handelsblatt erinnert an Enzensbergers Voraussage nach dem Ende des Kalten Krieges: „Mit der wachsenden Globalisierung und der Verfestigung politischer Routinen wächst auch die Zahl der Verlierer in den Gesellschaften, die – so der Autor – sich dann aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen fühlen und im Extremfall zu Vandalismus und Konfrontation mit Mitmenschen und staatlichen Institutionen neigen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international sieht Enzensberger einen Wandel: Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht, noch nie war die Zahl der Bürgerkriege so groß und die der funktionierenden Staaten so gering. Auch in den Metropolen, den Zentren des Kapitalismus, so lautet Enzensbergers These, habe der molekulare Bürgerkrieg bereits begonnen. Das Gemeinsame aller Bürgerkriege ist der Autismus der Gewalt militanter Gruppen, deren Neigung zur Selbstzerstörung und zum kollektiven Amoklauf. Überfordert sind nicht nur Einzelne, sondern auch die politischen Systeme, die im Umgang mit diesen Konflikten versagen.“

Handelsblatt (aus Morningbriefing) :

Enzi

Weltunfrieden kennzeichnet die ersten Monate des Jahres 2017. Ohne Rücksicht auf zivile Opfer verfolgen die Kriegsparteien in Mossul, Aleppo und Damaskus, in der Ukraine und weiten Teilen Afrikas ihre Ziele. Und da, wo aktuell noch nicht gekämpft wird – am Fels von Gibraltar, an der Grenze von Nord- zu Südkorea, im südchinesischen Meer – ist eine Spirale von Drohung und Gegendrohung in Gang gekommen. Wer Hans Magnus Enzensbergers „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ zur Hand nimmt, könnte meinen, das Buch sei nicht 1993, sondern im Frühjahr 2017 erschienen:

Aleppo

Bürgerkriege, vom molekularen bis zum großen Maßstab, sind ansteckend. Während die Zahl der Unbeteiligten abnimmt, weil sie sterben oder fliehen oder sich einer der Fraktionen anschließen, werden sich die Teilnehmer immer ähnlicher. In den Kriegsgebieten gehen Polizei und Armee vor, als wären sie eine Gang unter vielen. Dem Lumpenproletariat entspricht eine Lumpenbourgeoisie, die in der Wahl ihrer Mittel den Feind kopiert. Aggression und Defensive werden ununterscheidbar. Der Mechanismus ähnelt dem der Blutrache. Immer mehr Menschen werden in den Strudel von Angst und Hass gezogen.“

Angesichts der unfassbaren Bilder, die uns von den syrischen Giftgasopfern erreichen, spürt ein jeder, was Enzensberger gemeint hat. Tief in uns drin beginnt es zu strudeln. Der Mechanismus von Hass und Gegenhass wirkt. Schon wird in Deutschland nach einem Islam-Gesetz gerufen, das den Keim eines neuzeitlichen Religionskrieges in sich trägt. Wenn wir selbst nicht innehalten, wird kein anderer es für uns tun. So entstehen Weltbürgerkriege.

 

Das Buch, auf das sich das Handelsblatt bezieht:

Aussichten auf den Bürgerkrieg

Hans Magnus Enzensberger: Aussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993.

Umschlag

Von der Leichtigkeit, die man diesem Schriftsteller nachsagt, ist in Enzensberger vorliegender Arbeit Aussichten auf den Bürgerkrieg kaum etwas zu spüren. Vielleicht liegt es ja daran, dass er dieses Buch unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges geschrieben hat. Sein Versuch, ein moralisches und politisches Minenfeld zu erkunden, spricht von quälendem Ernst.

Mit der wachsenden Globalisierung und der Verfestigung politischer Routinen wächst auch die Zahl der Verlierer in den Gesellschaften, die – so der Autor – sich dann aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen fühlen und im Extremfall zu Vandalismus und Konfrontation mit Mitmenschen und staatlichen Institutionen neigen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international sieht Enzensberger einen Wandel: Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht, noch nie war die Zahl der Bürgerkriege so groß und die der funktionierenden Staaten so gering. Auch in den Metropolen, den Zentren des Kapitalismus, so lautet Enzensbergers These, habe der molekulare Bürgerkrieg bereits begonnen. Das Gemeinsame aller Bürgerkriege ist der Autismus der Gewalt militanter Gruppen, deren Neigung zur Selbstzerstörung und zum kollektiven Amoklauf. Überfordert sind nicht nur Einzelne, sondern auch die politischen Systeme, die im Umgang mit diesen Konflikten versagen.

Enzensbergers Argumentation ist stimmig, die Beschreibung der Situation realistisch und für jedermann verständlich. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass er sich zu sehr in pessimistischen Visionen verfängt und sich zuwenig Gedanken macht, wie Abhilfe zu schaffen wäre. Er ist an den Details dieser Bürgerkriege nicht interessiert und behandelt sie alle wie ein einziges Phänomen. Bereits am Anfang der Auseinandersetzung mit diesem Thema bemerkt er: „Was dem Bürgerkrieg der Gegenwart eine neue, unheimliche Qualität verleiht, ist die Tatsache, dass er ohne jeden Einsatz geführt wird, dass es buchstäblich um nichts geht.“ (S. 35) „Der Bürgerkrieg kommt nicht von außen, er ist kein eingeschleppter Virus, sondern ein endogener Prozess. Begonnen wird er stets von einer Minderheit; wahrscheinlich genügt es, wenn jeder Hundertste ihn will, um ein zivilisiertes Zusammenleben unmöglich zu machen.“ (S. 19) Weiter spricht er von einer neuen Ent-wicklung dieser Bürgerkriege: Was anderswo geschah, wusste man früher nur vom Hörensagen, heute sind die Täter gerne bereit, ein Interview zu geben, und die Medien sind stolz darauf als Erste dabei zu sein. Enzensberger sieht hier eine neue Gewaltkultur, das Massaker ist zur Massenunterhaltung geworden. Realität und Film sind kaum zu unterscheiden, und die Täter können sich in der Presse selbst bewundern, gewinnen an Prestige und finden neue Anhänger. Enzensbergers pessimistische Sicht zeigt sich nochmals deutlich anhand der letzten Szene. Er spricht den Sisyphos-Mythos an: „Später musste er (Sisyphos), zur Strafe für seinen Menschenverstand, einen schweren Stein bergauf rollen, immer wieder. Dieser Stein ist der Frieden.“ (S. 93).

Aussichten auf den Bürgerkrieg

Das ist der Titel eines Buches von Hans Magnus Enzensberger, das 1994 erschien. Entstanden ist es unter dem Eindruck des Bosnienkrieges und der neonazistischen Anschläge in Mölln oder Hoyerswerda. Wer die schmale Schrift liest, dem wird klar, wie hellsichtig Enzensberger die Entwicklung nach dem Zusammenbruch des bipolaren Weltsystems analysiert hat.

An die vierzig Bürgerkriege gab es in den 90er Jahren auf der Welt, offene und verdeckte. Zu den Orten, an denen sie stattfinden, zählte Enzensberger damals schon ausdrücklich auch Städte wie Paris, Berlin, Detroit und Birmingham, Mailand und Hamburg. Heute muss man noch Stockholm dazuzählen.

Diese „molekularen“ Bürgerkriege“ in den westlichen Metropolen, sind ein endogener, also von Innen kommender Prozess. Die Kombattanten werden, wie in Afrika und Lateinamerika, immer jünger. Die weitere Entwicklung hat das nachdrücklich bestätigt. Bei uns schneiden inzwischen 16-jährige ihren 15-jährigen Freundinnen die Kehle durch. In unseren Schulen tobt schon der Kampf aller gegen alle.

Noch gibt es in den Industrieländern eine Mehrheit, die keinen Bürgerkrieg will, deshalb bleibt er noch beschränkt, also molekular. Wie schnell daraus ein Flächenbrand werden kann, zeigte sich bereits Anfang der 90er Jahre in Los Angeles.

Der molekulare Bürgerkrieg beginnt unblutig, seine Indizien sind harmlos. Es mehrt sich der Müll auf den Straßen, im Park findet man häufiger Spritzen und zerbrochene Bierflaschen, die Wände werden mit Graffiti beschmiert. In den Grünanlagen und Hausfluren beginnt es nach Urin zu stinken.

Inzwischen haben diese Indizien schon die Viertel der Besserverdienenden in unseren Städten erreicht. Die Wohlstandsverwahrlosung ist nicht nur in Berlin Kreuzberg oder Neukölln, sondern auch in Pankow oder Mitte nicht mehr zu übersehen.

„Was dem Bürgerkrieg der Gegenwart eine neue, unheimliche Qualität verleiht, ist die Tatsache, dass er ohne jeden Einsatz geführt wird, dass es buchstäblich um nichts geht… Noch die Guerilleros der sechziger und siebziger Jahre hielten es für nötig, sich zu rechtfertigen… Den heutigen Tätern scheint das entbehrlich. Was an ihnen auffällt, ist das Fehlen von Überzeugungen.“

Die Aggressionen richten sich gegen Wehrlose. Die Täter, fast ausschließlich junge Männer, hacken wahllos auf Menschen ein, schubsen sie auf Gleise oder walzen sie mit einem Lastkraftwagen nieder. Inzwischen ist das eine fast alltägliche Meldung bei uns geworden.

Enzensberger stellt ausdrücklich auch die ideologische Substanz des islamistischen Fundamentalismus infrage, der mit der historischen Hochreligion nichts zu tun habe. „Es handelt sich um eine radikal moderne Reaktionsbildung auf den Modernisierungsdruck.“ Die Islamisten seien auf den Westen fixiert, den sie bekämpften. „Dessen tödliche Errungenschaften gilt ihre Sehnsucht: Atombomben, Raketen und Giftgasfabriken.“ Damit trachten sie, allen überflüssigen Menschen an die Gurgel zu gehen. Überflüssig ist, wer keine Waffe besitzt.

Das Merkmal der „neuen Männlichkeit“, die sich bei den Tätern zeige, könnte man mit „ihre Ehre hieße Feigheit“ bezeichnen.“ Schon die Unterscheidung von Mut und Feigheit ist ihnen nicht mehr verständlich. Charakteristisches Merkmal ist die Selbstzerstörung. Hauptangriffsziel sind die eigenen Viertel.

Die inadäquaten Reaktionen der Politik und der Medien hat Enzensberger auch beschrieben.

„In der Abenddämmerung der Sozialdemokratie“ hat die Partei „nicht die Produktionsmittel, sondern die Therapie verstaatlicht… Solche Vormünder nahmen…den Verwirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab. Schuld sind nie die Täter, immer die Umgebung: das Elternhaus, die Gesellschaft, der Konsum, die Medien, die schlechten Vorbilder…Auf diese Weise wird das Verbrechen aus der Welt geschafft, weil es keine Täter mehr gibt, sondern nur noch Klienten…als Objekte der Fürsorge.“

Deshalb können heutzutage junge Männer, die einen andern Mann auf die Gleise vor einen einfahrenden Zug geschubst und mit Tritten dort festgehalten haben, vom Staatsanwalt gleich wieder entlassen werden. Vergewaltigten Frauen wird mittlerweile öffentlich empfohlen, das, was ihnen widerfahren ist, nicht als Verbrechen, sondern als „Erleben“ zu betrachten.

Die Medien spielen eine verhängnisvolle Rolle, weil ihre Berichterstattung den Bürgerkrieg fördert.

„Jeder Halbirre kann heute die Hoffnung hegen, mit einer benzingefüllten Bierflasche in der Hand, die andere zum Hitlergruß erhoben, auf der ersten Seite der New York Times zu erscheinen, und in den Nachrichtensendungen kann er sein Werk vom Vorabend bewundern: Brennende Häuser, verstümmelte Leichen, Sondersitzungen und Krisenstäbe. So wirkt das Fernsehen wie ein einziger riesiger Graffito…“

Nicht nur das. Die Medien befördern die Moral als „letzte Zufluchtsstätte des Eurozentrismus“.

„Die Idee der Menschenrechte erlegt jedermann eine Verpflichtung auf, die prinzipiell grenzenlos ist . Jeder soll für alles verantwortlich sein.“ Dieses Verlangen setzt „Allmacht voraus. Da aber alle unsere Handlungsmöglichkeiten endlich sind, öffnet sich die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer weiter… Nur Fachleute…können sich die hundertfünfzig Völkerschaften merken, die der Zerfall der Sowjetunion freigesetzt hat. Gleichwohl mutet die Tagesschau jeder Verkäuferin zu, zwischen Inguschen und Tschetschenen, Georgiern und Abchasen zu unterscheiden… Wer dazu nicht fähig ist, gilt als hartherziger Ignorant und als egoistischer Wohlstandsbürger, dem es gleichgültig ist, wenn andere leiden… Die psychische und kognitive Überforderung schlägt zurück… Die Botschaften werden abgewehrt und verleugnet. Diese innere Form der Notwehr…ist unvermeidlich. Moralische Forderungen, die in keinem Verhältnis zu den Handlungsmöglichkeiten stehen, führen dazu, daß die Geforderten am Ende…jede Verantwortung leugnen. Darin liegt der Keim einer Barbarisierung, die sich bis zur wütenden Aggression steigern kann“.

Vor der Aggression liegt die Phase der Resignation, die wir im Augenblick erleben. Je deutlicher die Anzeichen für einen heißen Bürgerkrieg werden, desto stiller wird es im Land. Es scheint aber nicht die Stille vor dem (Protest-)Sturm, sondern die Stille vor dem Schuss zu sein.

http://vera-lengsfeld.de/2017/03/20/aussichten-auf-den-buergerkrieg/

Aussichten auf den Bürgerkrieg (2)

In seinem gleichnamigen Buch hat Hans Magnus Enzensberger eine hellsichtige Analyse der Entwicklung in der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges geliefert. Nachdem ich mich im ersten Teil bereits mit der Genese, den Ursachen und den Charakteristika der molekularen Bürgerkriege in den westlichen Metropolen beschäftigt habe, möchte ich jetzt näher auf die Förderer dieser Bürgerkriege eingehen.

Auch hier hat sich Enzensbergers Analyse voll bestätigt.

„Dass Solidarität mit aller Welt ein nobles Ziel ist, wird niemand bestreiten… Doch… den Deutschen zum Beispiel steht es schlecht an, sich als Garanten des Friedens und als Weltmeister der Menschenrechte aufzuführen, solange deutsche Schläger- und Mordbrennerbanden Tag und Nacht Furcht und Schrecken verbreiten.“

An dieser Feststellung hat sich nichts geändert, auch wenn die Banden inzwischen multikulturell sind.

Obwohl sich die Sicherheitslage täglich verschlechtert und die „Härte des Rechtsstaates“ vor allem Falschparker und Geschwindigkeitsüberschreiter, sofern sie nicht einer Personengruppe angehören, die mit besonderer Nachsicht rechnen kann, zu spüren bekommen, hält unsere politisch-mediale „Elite“ an ihren moralischen Allmachtsphantasien fest. Die Vorstellung, dass „Kulturschaffende“, wie sie in totalitären Systemen genannt wurden, zur Zivilisierung der Gesellschaft beitragen, ist reines Wunschdenken.

„Schon vor Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts haben die Künstler, die Dichter und die Theoretiker der Moderne das Gegenteil bewiesen. Ihre Vorliebe für das Verbrechen, für den satanischen Outsider, für die Zerstörung der Zivilisation ist notorisch. Von Paris bis Sankt Petersburg kokettierte die Intelligenz des fin de siècle mit dem Terror… André Breton erklärte, „die einfachste surrealistische Tat“ bestehe darin, „mit dem Revolver auf die Straße zu gehen und so lange wie möglich blind in die Menge zu schießen.“ Heute sind solche surrealistischen Taten fast schon Alltag geworden, auch wenn die bevorzugte Waffe eine Axt zu sein scheint. Die „Provokationen“ der Kulturschaffenden „zeugen nicht nur von einem tiefen Hass auf das Bestehende, sondern auch von einem ebenso tiefen Selbsthass… Ein großer Teil der jugoslawischen Intelligenzia hat bewiesen, dass die Produktion von Hass und die Vorbereitung des Bürgerkrieges auch heute noch zu den wichtigsten Aufgaben der Kulturschaffenden gehören.“

Eindrucksvoll wird das bestätigt, wenn man „Das Buch meiner Leben“ von Aleksandar Hemonliest.

Der Anfang der 60er Jahre in Sarajewo geborene Autor beschreibt darin das Leben der jungen Intelligenzia der Stadt, die sich in den Zeiten vor dem Bürgerkrieg mit „dekonstruktivistischen“ Performances, wilden Partys, Sexspielen an allen möglichen und unmöglichen Orten, Kostümfesten, auf denen sich alle als Nazis zu verkleiden hatten, Glücksspielen und Ähnlichem hingaben. Da sollte es nicht wirklich wundern, dass die Organisatorin der Naziparty später eine führende Figur bei den serbischen Tschetniks wurde. Aber auch der hochgebildete Literaturprofessor mit den schlanken Pianistenfingern, genauer Kenner des New Criticism , wurde engster Mitarbeiter des meistgesuchten Kriegsverbrechers der Welt, Radovan Karadžić.

Als der kroatische Krieg ausgebrochen war, es Berichte von Massakern gab und Fotos von enthaupteten Leichen veröffentlicht wurden, betrachtete man das als schreckliche Ausnahme, heute heißt es Einzelfall, der einen selbst nie betreffen könnte. Dann zog sich der Belagerungsring um Sarajewo zusammen, aber die Stadt intensivierte ihre Ablenkungs-Orgien, die denen ähnelten, die wir aus Berichten von Alessandro Manzoni aus dem von der Pest heimgesuchten Mailand kennen.

Hemon: „Je mehr wir erfuhren, desto weniger wollten wir davon wissen. Unser ganzes Dasein beruhte auf dem hartnäckigen Festhalten an vermeintlicher Normalität. Wenn wir und in hedonistische Verdrängung stürzten, war das aus unserer Sicht bloß der Versuch, ein normales Leben zu führen. Jede Nacht wurde Party gemacht und getrunken, oft bis in den frühen Morgen. Es wurde viel getanzt. Ich brachte im Kulturteil sogar einen Leitartikel…dass noch viel mehr getanzt werden müsse, um die bevorstehende Katastrophe zu verhindern.“

Enzensberger: „Der Krieg in Jugoslawien hat gezeigt, dass die Europäer weder willens noch fähig sind, den Frieden zu erzwingen. Die EU als „Friedensprojekt“ war schon lange vor Erhalt des Freidensnobelpreises gescheitert. Europa ist aber auch nicht willig, Lehren daraus zu ziehen, dass in Jugoslawien eine multikulturelle Gesellschaft blutig auseinandergefallen ist. Heute separieren sich die Ethnien streng voneinander. Die unsichtbaren Mauern sind undurchdringlicher als der hochgerüstete Berliner „Antifaschistische Schutzwall“. Fährt man heute durch die Nachfolgestaaten Jugoslawiens, kann man überall hören, dass der Konflikt nicht gelöst, sondern nur eingefroren ist. Alle rechnen mit dem Ausbruch des nächsten Krieges.

Die Politiker scheren sich nicht um die Lehren, die aus dieser europäischen Erfahrung gezogen werden müssten. Sie betreiben weiter ihre „Flüchtlingspolitik“, offensichtlich ohne sich um die wahrscheinlichen Folgen Gedanken zu machen. Für sich selbst sorgen sie aber vor. Jeder noch so unbedeutende Hinterbänkler im Bundestag bekommt inzwischen „Sicherheitsmaßnahmen“ für sein Wohnumfeld spendiert, die früher nur akut gefährdeten Personen vorbehalten waren. Die Bevölkerung dagegen bleibt schutzlos.

Auch die Kulturschaffenden treiben ihr Zerstörungsspiel weiter, indem sie Blaupausen für den Umgang mit Kritikern der Regierungspolitik produzieren. Da lässt der hoch staatlich subventionierte Regisseur Falk Richter auf den Brettern der Berliner Schaubühne den Bildern lebender Frauen die Augen ausstechen und zum Mord an ihnen ausrufen. Als dann Autos und Häuser dieser Frauen kurz darauf zu brennen beginnen, wollen er und sein Theater nichts damit zu tun haben.

Enzensberger: „Es gibt zahlreiche Täter, die das Gefühl haben, als seien sie ´selbst` an ihren Handlungen eigentlich nicht mehr beteiligt.“ Der am häufigsten genannte Satz nach dem Krieg in Sarajewo war: „Wir wissen nicht, was mit uns geschehen ist.“

Sie hätten es wissen können. Wir können es wissen. Aber dafür müssen wir hinsehen, statt zu verdrängen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz konstatiert, dass wir uns am „Anfang eines geistigen Bürgerkrieges“ befinden.

Seinen Optimismus, dass dieser Krieg nicht blutig verlaufen wird, kann ich nicht teilen.

http://vera-lengsfeld.de/2017/03/22/aussichten-auf-den-buergerkrieg-2/

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