Depeche Mode: «Die Menschheit ist vom Weg abgekommen» Wenn der mächtigste Mann die Klimaveränderung ganz einfach in Abrede stellt, betrifft das auch mich – auch wenn ich ein reicher Musiker bin und meine Kinder. Es betrifft uns alle. Trumps Wahl zeigt nur die Krise der Welt! Ich finde das beängstigend. Ich hasse diese Kultur der Abspaltung und Abgrenzung. Zuerst der Brexit. Und jetzt stehen die Wahlen in Frankreich bevor, später in Deutschland. Wer weiss, ob Europa 2018 noch existieren wird, wenn sich überall Populisten durchsetzen. Das erste Lied auf «Spirit», «Going Backwards», handelt von zivilisatorischer Regression. Dass sich die Gesellschaft und die Technologie so schnell vorwärts entwickeln wie nie zuvor, das ist gerade ein Grund für den Zerfall. Ich habe lange geglaubt, neue Technologien würden die Welt zusammenbringen – die Welt würde durch sie geeint. Wir waren ja alle begeistert vom Arabischen Frühling, als sich die Leute mithilfe von Social Media organisierten und für ihre Freiheit kämpften. Aber dann ist alles schiefgelaufen: Der Nahe Osten scheint auseinanderzufallen. Wenn wir Bilder von Drohnenangriffen sehen, können wir sie kaum mehr von Sequenzen aus Video-Games unterscheiden. Und wir können uns kaum vorstellen, dass da Leute tatsächlich sterben, wenn von Drohnen Raketen abgeschossen werden. Die virtuelle Welt wird immer realistischer, wir sind dadurch wie betäubt. Depeche Mode fragen: Wo bleibt der Widerstand, eine Revolution?

Gespräch mit Martin Gore von Depeche Mode

«Die Menschheit ist vom Weg abgekommen»

INTERVIEWvon Ueli Bernays3.4.2017, 05:30 Uhr
Die britische Band Depeche Mode hat ein neues Album herausgebracht. Weshalb «Spirit» düster und depressiv klingt, erklärt der Songwriter und Sänger Martin Gore.
Depeche Mode: Martin Gore (rechts) mit Dave Gahan (Mitte) und Andrew Fletcher. (Bild: Antonio Calanni / Keystone)

Depeche Mode: Martin Gore (rechts) mit Dave Gahan (Mitte) und Andrew Fletcher. (Bild: Antonio Calanni / Keystone)

Martin Gore, Sie sind gerade zum fünften Mal Vater geworden – Gratulation!

Danke! Ja, vor dreizehn Monaten bereits bin ich Vater eines Mädchens geworden – jetzt schon wieder. Leider musste ich einen Tag nach der Geburt gleich auf Promotionsreise.

Sie sind Vater geworden, und Sie haben mit Depeche Mode ein neues Album herausgebracht. Sie müssten der glücklichste Mensch sein – sind Sie das?

Ja, ich kann mich nicht beklagen. Das Leben meint es gut mit mir (er lacht).

An Ihrem Beispiel lässt sich wieder einmal über das Verhältnis von Leben und Kunst sinnieren. Das neue Depeche-Mode-Album «Spirit» nämlich klingt alles andere als fröhlich. Die Songs sind geprägt von Krisen und Pessimismus. Was also hat «Spirit» mit Ihrer persönlichen Verfassung zu tun?

Es heisst ja immer, Depeche Mode sei düster und depressiv. Die neuen Songs sind aber tatsächlich Ausdruck meiner Bedenken. Als ich am neuen Repertoire zu arbeiten begann, hatte ich den Eindruck, mit der Welt gehe es bergab.

Wann war das?

Ende 2015, Anfang 2016. Damals konnte ich zwar weder den Brexit noch die Wahl Donald Trumps vorhersehen. Trump war im Wahlkampf aber schon ziemlich in Fahrt gekommen. Einen Wahlsieg hätte ich ihm nicht zugetraut. Aber schon seine Kandidatur verstärkte den schlechten Eindruck, den ich von der Welt hatte. «Spirit» dreht sich allerdings nicht um Donald Trump, sondern um Krisen, für die er symptomatisch ist. Ich glaube, die Menschheit ist vom Weg abgekommen.

Die britische Popband Depeche Mode blickt auf eine bald vierzig Jahre dauernde Erfolgsgeschichte zurück. Die Truppe beschenkte ihr treues Publikum mit Hits wie «Personal Jesus» oder «Just Can’t Get Enough». Die drei Teenager Andy Fletcher, Vince Clark und Martin Gore suchten für ihre Band einen Sänger, den sie in Dave Gahan fanden. Das Bild vom April 1985 zeigt v.l.n.r. Alan Wilder, Dave Gahan, Andrew Fletcher, Martin Gore anlässlich der Veröffentlichung des Albums «The Singles 81-85». (Bild: Imago)

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Das ist eine berechtigte Frage – habe ich eine Erklärung? Ich weiss es nicht . . .

Das erste Lied auf «Spirit», «Going Backwards», handelt von zivilisatorischer Regression. Dabei entwickeln sich die Gesellschaft und die Technologie eigentlich so schnell vorwärts wie nie zuvor.

Ja, aber das ist gerade ein Grund für den Zerfall. Ich habe lange geglaubt, neue Technologien würden die Welt zusammenbringen – die Welt würde durch sie geeint. Wir waren ja alle begeistert vom Arabischen Frühling, als sich die Leute mithilfe von Social Media organisierten und für ihre Freiheit kämpften. Aber dann ist alles schiefgelaufen: Der Nahe Osten scheint auseinanderzufallen.

Wenn wir Bilder von Drohnenangriffen sehen, können wir sie kaum mehr von Sequenzen aus Video-Games unterscheiden.

Was hat das aber mit den neuen Technologien zu tun?

Die Technologie ist nur ein Faktor. Sie nimmt Einfluss auf unsere Sensibilität. Zum Beispiel auf die Art und Weise, wie wir Kriege registrieren: Wenn wir Bilder von Drohnenangriffen sehen, können wir sie kaum mehr von Sequenzen aus Video-Games unterscheiden. Und wir können uns kaum vorstellen, dass da Leute tatsächlich sterben, wenn von Drohnen Raketen abgeschossen werden. Die virtuelle Welt wird immer realistischer, wir sind dadurch wie betäubt.

Kann man die Leute nun mit Songs für solche Probleme sensibilisieren?

Ich versuche das Publikum jedenfalls zum Denken zu bringen. Es gibt immer wieder Debatten darüber, ob man mit Musik etwas erreichen und die Welt verändern kann. Vielleicht kann man wenigstens ein paar Leute beeinflussen. Und falls wir gar nichts erreichen sollten, haben wir es wenigstens versucht.

Haben Sie als Pop-Stars einen geschärften Blick für die Welt? Sind Sie nicht eher etwas abgehoben von der Realität?

Journalisten haben uns schon oft gefragt, weshalb wir in unseren Songs gesellschaftliche Probleme ansprächen – wir seien doch reiche Pop-Stars. Aber was soll das? Wir leben auch in dieser Welt. Und wenn der mächtigste Mann die Klimaveränderung ganz einfach in Abrede stellt, betrifft das auch mich und meine Kinder. Es betrifft uns alle.

Ist Pop-Musik tendenziell aufklärerisch?

Ich glaube schon. Pop steht doch meistens für eine liberale Haltung und für Aufgeschlossenheit.

Ich hasse diese Kultur der Abspaltungen und Abgrenzungen.

Interessanterweise verliert die Pop-Musik heute einen Teil des Publikums an nationale Volksmusiken oder an ein Gemisch aus Pop und nationalen Klängen wie im deutschen Schlager.

Ich kenne den deutschen Schlager natürlich, von einem Boom wusste ich aber nichts. Könnte das nicht auch etwas mit Populismus zu tun haben? Ich finde das beängstigend. Ich hasse diese Kultur der Abspaltung und Abgrenzung. Zuerst der Brexit. Und jetzt stehen die Wahlen in Frankreich bevor, später in Deutschland. Wer weiss, ob Europa 2018 noch existieren wird, wenn sich überall Populisten durchsetzen.

Greifen Populisten eigentlich auch auf Mittel der Pop-Kultur zurück?

Ich bin jedenfalls oft verblüfft: Als wir schon glaubten, Trumps Wahlkampf könne nicht mehr irrer werden, wollte uns ausgerechnet Richard Spencer, der White-Supremacy-Aktivist, als Poster-Band der Alt Right in Anspruch nehmen. Was hat er sich nur gedacht? Wir haben nichts zu tun mit der Alt Right.

David Bowie soll Adolf Hitler einmal als Pop-Star bezeichnet haben. War das ein intelligenter Vergleich?

Es ist schon etwas dran. Es ist diese Kult-Sache – und die Beeinflussung der Massen. Das lässt sich schon vergleichen.

Pop-Stars waren früher Nonkonformisten, die allerlei Grenzerfahrungen kultivierten. Heute präsentieren sich Stars wie Ed Sheeran und Adele als gewöhnliche Leute – langweilig wie du und ich. Na ja, jedenfalls wie ich . . .

(Er lacht.) Wissen Sie, ich habe vor elf Jahren selber aufgehört zu trinken, und ich bin sehr froh, habe ich das getan. Aber ich bereue es nicht, dass ich früher ein ausgelasseneres Leben führte. Einerseits machte es Spass, andrerseits muss man das als Rockband wohl erlebt haben, im Sinne einer Feuerprobe.

Es ist ein bisschen wie in einer Familie – jedenfalls fühlen wir uns wie Brüder.

Wie muss man sich ein Leben mit Depeche Mode vorstellen?

Es ist ein bisschen wie in einer Familie – jedenfalls fühlen wir uns wie Brüder.

Mit Dave Gahan haben Sie sich ja auch öfters gestritten wie mit einem Bruder . . .

Ja, natürlich hatten wir manchmal Streit. Wir sind schon siebenunddreissig Jahre zusammen. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, so lange zusammenzubleiben ohne Meinungsverschiedenheiten. Allerdings haben wir ausgerechnet in den schwierigsten Zeiten oft die beste Musik kreiert.

Wie arbeiten Sie zusammen? Wie ist zum Beispiel «Spirit» entstanden?

Ich schreibe regelmässig Songs zu Hause in meinem eigenen Studio in Kalifornien. Dave schreibt Songs mit unterschiedlichen Musikern – diesmal zum Beispiel mit Peter Gordeno, der in unserer Live-Band Keyboard spielt, und mit Christian Eigner, unserem Drummer. Als wir genug Songs zusammenhatten, haben wir uns getroffen, um über einen neuen Produzenten nachzudenken. Wir wollten eine Veränderung – auch um uns herauszufordern. Die Wahl fiel dann auf James Ford, denn wir mögen so ziemlich alles, was er in den letzten Jahren produziert hat [etwa für Arctic Monkeys oder Florence + the Machine, Anm. d. Red.].

Was war seine Funktion?

Er verwandelte unsere Demo-Tapes in etwas Grösseres, Besseres. James Ford ist ein kompletter Musiker – er spielt alles: Schlagzeug, Keyboards, Gitarre.

Jetzt ist das Album vollendet – arbeiten Sie nun selbst an der Live-Präsentation?

Was die Bühneninszenierung betrifft, arbeiten wir schon lange mit dem niederländischen Fotografen und Filmregisseur Anton Corbijn zusammen. Er ist auch diesmal für die Bühnenproduktion zuständig. Er hat mit uns ein paar Filme gedreht, die dann auf den Screens laufen werden. Er hat aber auch vier, fünf Filme ohne uns gemacht. Wir werden diese Arbeiten erst bei den Proben zur ersten Show sehen. Das zeigt, wie gross unser Vertrauen in Anton ist.

Martin Gore, Sie sind schon über dreissig Jahre im Musikbusiness. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?

Was hat sich nicht verändert? Alles hat sich verändert (er lacht).

Vermissen Sie etwas?

Ach, die Musikindustrie war ja einst viel grösser. Wir sind so lange unterwegs, dass unsere Fan-Base gross genug ist. Wir verkaufen immer noch Alben. Ich frage mich aber, wie man als junge Band heutzutage noch Geld verdienen kann. Wohl deshalb gibt es immer seltener spannende Bands.

Auf «Spirit» findet sich der Song «No More (This Is The Last Time)» – nun wird bereits spekuliert, es könnte sich dabei um einen Abgesang auf Depeche Mode handeln. Können Sie diesbezüglich Entwarnung geben?

(Er lacht.) Ach, die Leute behaupten seit Jahren, Depeche Mode sei am Ende . . . Man weiss ja nie, was geschieht. Ich kann nichts versprechen. Aber weshalb sollten wir die Band aufgeben – jetzt, da es uns so gut läuft?

Lackierte Düsternis

ubs. · Dräuende Akkorde und ein Beat, der die Schritte einer dumpfen Armee suggeriert: Ein schicksalsschwangerer Tonfall ist gesetzt, noch bevor Dave Gahan mit seinem Bariton geistige Leere moniert und einen Rückschritt der Menschheit zur «caveman mentality». «Going Backwards», der erste Song des neuen Depeche-Mode-Albums «Spirit», nimmt sich aus wie die Ouvertüre zu einer düsteren Song-Suite. Es geht weiter im schleppenden Takt von Anklage und Kritik. «Patriotic junkies» werden angeklagt («Where’s The Revolution»), von einem «lynching in the square» ist die Rede («The Worst Crime»), und zuletzt wird das Verderben zusammengefasst: «Our souls are corrupt, Our minds are messed up, Our consciences bankrupt, Oh, we’re fucked» («Fail»). Depeche Mode hat sich immer wieder dadurch ausgezeichnet, katastrophische Momente in schlüssigen Formen und elektrisierenden Sounds zu präsentieren. Und auch auf dem vierzehnten Album gelingt es, den Pessimismus angesichts von Krieg und Terror, von Brexit und Trumpismus, in poppig ansprechenden Songs zu bündeln. Insgesamt schillert und leuchtet diese musikalische Schwarzmalerei wie lackiertes Chiaroscuro.

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/interview-mit-martin-gore-von-depeche-mode-die-menschheit-ist-vom-rechten-weg-abgekommen-ld.154375

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