Was ist das Deutsche? Um 1800 herum hatte ein Johann Wolfgang von Goethe noch seine Idee Deutschlands skizziert: eines – so wörtlich – weltbürgerlichen Landes, das das kulturelle Miteinander aller Menschen befruchten sollte. Friedrich Schiller dachte ähnlich. Aber schon in einem seiner unveröffentlichten Gedichte blitzte noch etwas Anderes auf: der Gedanke an ein herausgehobenes Deutschland. Und so ist die deutsche Weltbürgerlichkeit eine ambivalente Idee: „Sie kann entweder wie zumal bei Goethe jedes Superioritätsdenken ausschließen – oder aber in dasselbe umschlagen. Tut sie letzteres, besteht die Gefahr, dass sie sich irgendwann einmal nicht nur über die anderen Nationen, sondern auch gegen sie erhebt – sich von ihnen abgrenzt, um die Welt nicht mehr weltbürgerlich, sondern weltbeherrschend zu dominieren.“

Das Deutsche:
Identitätssuche in der Zeit nach den Dichtern und Denkern

aus Andruck im Deutschlandfunk:

Man sagt den Deutschen gern Piefigkeit nach – doch Deutschland besaß einmal eine kosmopolitische Kultur, so die Erkenntnis des Germanisten Dieter Borchmeyer in seinem Buch „Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst“. Diese Tradition bestehe noch aus der Zeit Goethes und Schillers.

Von Michael Kuhlmann

POrtrait Dieter Borchmeyer vor einem Bücherregal, in Jacket, weißem Hemd und Krawatte (Friederike Hentschel)

Germanist Dieter Borchmeyer geht der Frage nach: „Was ist deutsch?“ (Friederike Hentschel)
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Wenige Denker waren so kritisch wie Friedrich Nietzsche. Man schrieb das Jahr 1889 – das deutsche Kaiserreich war eine militärische Großmacht; es schickte sich an, auch wirtschaftlich durchzustarten. Nietzsche allerdings ließ sich davon nicht blenden, wie Dieter Borchmeyer anführt. Der Philosoph befand:

„Es zahlt sich theuer, zur Macht zu kommen: die Macht verdummt. Die Deutschen – man hiess sie einst das Volk der Denker: Denken sie überhaupt noch? Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste. Die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste. Die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge. ‚Deutschland, Deutschland über Alles‘ – ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie.“

Kosmopolitentum – eine zweischneidige Sache

In der Tat dachten die Deutschen am Ende des 19. Jahrhunderts ganz anders als zu dessen Beginn, wie Borchmeyer in seinem Buch zeigt. Um 1800 herum hatte ein Johann Wolfgang von Goethe noch seine Idee Deutschlands skizziert: eines – so wörtlich – weltbürgerlichen Landes, das das kulturelle Miteinander aller Menschen befruchten sollte. Friedrich Schiller dachte ähnlich. Aber schon in einem seiner unveröffentlichten Gedichte blitzte noch etwas Anderes auf: der Gedanke an ein herausgehobenes Deutschland. Und so ist die deutsche Weltbürgerlichkeit für Borchmeyer eine ambivalente Idee:

„Sie kann entweder wie zumal bei Goethe jedes Superioritätsdenken ausschließen – oder aber in dasselbe umschlagen. Tut sie letzteres, besteht die Gefahr, dass sie sich irgendwann einmal nicht nur über die anderen Nationen, sondern auch gegen sie erhebt – sich von ihnen abgrenzt, um die Welt nicht mehr weltbürgerlich, sondern weltbeherrschend zu dominieren.“

Damit sind die beiden Pole genannt, um die Borchmeyer kreist. Er hat eine beeindruckend kenntnisreiche Ideengeschichte verfasst. Sie beginnt mit einem Deutschland, das unter eigentümlichen Bedingungen in die Neuzeit gestartet ist: gerade weil es ein Flickenteppich machtloser Staaten war, interessierten sich seine Denker dafür, was kulturell in den Ländern um sie herum passierte. Das deutsche Bürgertum allerdings hing geistig in der Luft.

„Die alte Bürgerkultur der Städte wurde in den Religionskriegen zerstört. Zur absolutistischen Hofkultur ging das deutsche Bürgertum weithin auf Distanz, einen eigenen, neuen Stil wusste es aber seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht auszubilden. Das Bürgertum vermochte nicht, seine reiche Innenwelt mit der politischen Außenwelt zu vermitteln. Beide standen sich – ohne ‚Stil‘ – unvermittelt gegenüber. Der Bürger kultivierte seine private Innenwelt, verzichtete auf ihre republikanische Umsetzung, auf die sie eigentlich in ihrem Wertbestand, in der Spontaneität und Sensibilität subjektiven Lebens, angelegt war.“

Die kulturelle Blüte in der Provinz

Und da gab es nirgends eine Befruchtung zwischen Bürgern und Fürstenhöfen. Nur eine Ausnahme hat Borchmeyer gefunden: und die lag in der tiefsten Provinz.

„Die Kultur von Weimar ist das einzigartige Beispiel für den Versuch, den höfischen in den bürgerlichen Gesittungskanon zu integrieren, indem Formen und Werte der aristokratischen Kultur im Geiste der zeitgenössischen Ästhetik mit neuer Bedeutung versehen wurden. Der Versuch, auf diese Weise dem modernen Leben den verlorenen ‚Stil‘ wiederzugewinnen, musste jedoch scheitern. Einmal da er durch seine Ästhetisierung keine gesamtgesellschaftliche Prägekraft mehr entfalten konnte. Zum anderen da die deutsche Nationalbewegung alle aristokratischen Relikte über Bord warf.“

Auch die Ideengeschichte dieser zuletzt finster-chauvinistischen Nationalbewegung behandelt das Buch. Wer noch weltbürgerlich und aufgeklärt dachte, der stand nach der gescheiterten Revolution von 1848 vor einem Trümmerfeld.

Der Geist kapituliert vor der Macht

Auch im bald folgenden Deutschen Kaiserreich büßte die Bevölkerung ihre geistige Gestaltungskraft ein – man könnte Dieter Borchmeyers Darstellung noch um das Zitat des Soziologen Max Weber ergänzen: der befand, nach Bismarck seien die Deutschen einfach nur noch froh, wenn man über sie bestimme. Borchmeyer selbst spitzt seine Gedanken völlig zu Recht in einer Weise zu, die einen durchaus an einen Verrat denken lässt: die wilhelminische Aristokratie aus Adel und Militärs verriet 1918 das Bürgertum:

„In den ‚Stahlgewittern‘ des Ersten Weltkriegs zerbricht die Allianz von Bourgeosie und Aristokratie – wobei letztere nun ihren bürgerlichen ‚Juniorpartner‘ in ein Wertvakuum stößt. Dieser ist es nicht gewohnt, hat es in seiner Geschichte nicht gelernt, aus sich selbst, aus seinen eigenen Wertvorstellungen heraus zu leben – und selbständig ein in sich gefestigtes Staatsgefüge zu gründen. Der feudalisierte Bourgeois ist dem politischen Chaos der Nachkriegsära ebenso wenig gewachsen wie das politisch abgedrängte und sich in sein humanistisches Schneckenhaus zurückziehende Bildungsbürgertum – das seine republikanischen Energien längst eingebüßt hat.“

Das Ergebnis ist bekannt. Eindringlich führt Borchmeyer vor Augen, wie die Deutschen ab 1933 auch ihre fruchtbare Verbindung zum Judentum abbrachen – wovon sich das Land kulturell, geistig und dadurch zuletzt auch wirtschaftlich nie wieder erholt hat.

NS-Zeit: Gab es nur ein Deutschland?

Der Literaturwissenschaftler skizziert schließlich noch die anregende Kontroverse zwischen Thomas Mann und Bertold Brecht. Brecht sah zwei Sorten von Deutschen: die Verbrecher und die vielen Betrogenen. Mit letzteren, so Brechts Folgerung, werde man ein neues, antifaschistisches Deutschland aufbauen können. Für Thomas Mann hingegen gab es eben nur ein Deutschland, zu dem Goethe und Bismarck gleichermaßen gehörten; und zu dem folglich auch er selbst als Emigrant gehörte. Es sei ein Land, so Mann 1945: „dem sein Bestes durch Teufelslist zum Bösen ausschlug“.

Und dieses Land müsse es nun im Ganzen ertragen, für seine Barbarei zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Kontroverse zwischen Thomas Mann und Bertold Brecht bildet den letzten Schwerpunkt in Borchmeyers Darstellung – in einem beeindruckenden geistigen Panorama der Zeit zwischen Weimarer Klassik und der Gegenwart. Freilich: Inwiefern die deutsche Kultur denn traditionell kosmopolitischer gewesen sei als etwa die französische – wo ein Montesquieu die Staatsformen der Welt erforschte – oder die britische inmitten ihres vielfarbigen Empire, das erläutert das Buch nicht. Und eher am Rande bleibt die politische Kultur.

Wenn man aber wie Borchmeyer zum Ende seiner Studie nach Deutschlands Zukunft fragt, dann kommt man an Erfahrungen der 40-jährigen Bonner Demokratie nicht vorbei – der ersten politischen Erfolgsgeschichte auf deutschem Boden und damit der einzigen, auf der das gegenwärtige Deutschland aufbauen kann. Sie zeigte sich Nationalgefühlen gegenüber eher distanziert. Die damals entstandene Idee vom Verfassungspatriotismus entsorgt Borchmeyer allzu wohlfeil – sie sei historisch widerlegt. Damit aber lässt er den aufgeklärten Rationalismus kapitulieren vor jener Gefühlsduselei, die letztlich bei Le Pen, Trump und der AfD endet. Doch Borchmeyers Augenmerk richtet sich nun einmal eher auf den philosophisch-kulturellen Aspekt. Und da schließt er mit einer hoffnungsvollen Anregung:

„Vor allem ist Kultur eine Friedensmacht. Eine umsichtige auswärtige Kulturpolitik ist das vielleicht wichtigste Mittel, den Zusammenhalt Europas zu sichern – ihm trotz oder gerade wegen des gescheiterten Verfassungsprojektes eine Identität zu verleihen. Deutschland könnte so wieder – wie es das in seinen besten Zeiten war – ein ‚Land der Kultur‘ werden.“

Dieter Borchmeyer: „Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst“
Rowohlt Berlin Verlag, 1.056 Seiten, 39,95 Euro.

http://www.deutschlandfunk.de/das-deutsche-identitaetssuche-in-der-zeit-nach-den-dichtern.1310.de.html?dram:article_id=382218

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