Die Welt steht vor der grössten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Auslöser der Hungersnöte sind vielfältig und stark kontextabhängig. In Afrika ist der Hunger im Kern aber fast überall auf das politische Versagen einer korrupten, autokratischen Elite zurückzuführen, die vorab am eigenen Machterhalt und an der Selbstbereicherung interessiert ist. In vielen Präsidentenpalästen des Kontinents sorgt das Leiden der Bevölkerung kaum für Beunruhigung. In einigen Ländern dürfte die politische Elite gar von Konflikten und Hungersnöten profitieren. Zu den grössten Versäumnissen vieler afrikanischer Regierungen gehört die Vernachlässigung der Landwirtschaft. Zwar haben die afrikanischen Regierungschefs sich in der sogenannten Maputo-Erklärung bereits 2003 zu einer Stärkung der Landwirtschaft verpflichtet. Doch die damalige Vereinbarung, 10 Prozent der Haushaltsgelder für die Entwicklung der Agrarwirtschaft einzusetzen, hat kaum ein Dutzend Staaten umgesetzt. Im Schnitt waren die Investitionen afrikanischer Länder in die Landwirtschaft zuletzt gar rückläufig. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen postulierte bereits in den 1980er Jahren einen Zusammenhang zwischen dem politischen System eines Landes und dem Auftreten von Hungerkatastrophen. Der Inder vertrat die These, dass es «in funktionierenden Demokratien, selbst in sehr armen, keine Hungersnöte gibt». Fraglos werden Hungersnöte durch externe Faktoren wie die gegenwärtige Dürre am Horn von Afrika verschärft. Der Klimawandel führt in weiten Teilen der Sahelzone zu einer Versteppung, was zu Konflikten und Nahrungsmittelengpässen führen kann.

Ursachen des Hungers in Afrika
Die hausgemachte Hungerkrise
aus Neue Züricher Zeitung
von Fabian Urech16.3.2017, 05:30 Uhr
Die Uno warnt vor einer Hungerkatastrophe in Afrika. An deren Ursprung liegt zumeist das Versagen der dortigen politischen Eliten.

Die Welt steht vor der grössten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit dieser eindringlichen Warnung wandte sich Uno-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien vergangene Woche an die internationale Gemeinschaft. Rund 20 Millionen Menschen in den vier Krisenstaaten Nigeria, Südsudan, Jemen und Somalia drohe der Hungertod, meinte O’Brien. Die Vereinten Nationen würden bis Mitte dieses Jahres 4,4 Milliarden Dollar benötigen, um das Schlimmste zu verhindern. «Ohne koordinierte globale Anstrengungen werden die Menschen einfach verhungern», sagte der Brite.

Kaum Hunger in Demokratien

Das gleichzeitige Auftreten mehrerer grosser Hungerkrisen ist laut der Uno ein Novum, das für die humanitären Hilfsorganisationen eine «beispiellose Herausforderung» darstelle. Das liegt auch daran, dass die vier Krisenstaaten längst nicht die einzigen sind, in denen die Bevölkerung von Hunger bedroht ist. Die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) schätzt, dass weltweit 37 Länder auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. Afrika ist mit 28 Ländern am stärksten betroffen.

Leserdebatte
Hunger in Afrika: Ist die grösste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg noch abzuwenden?
16.3.2017, 11:10
Verteilung von Hilfsrationen in Mayom, Südsudan (Aufnahme: 28. Juni 2016). (Bild: Challiss McDonough / AP)

Verteilung von Hilfsrationen in Mayom, Südsudan (Aufnahme: 28. Juni 2016). (Bild: Challiss McDonough / AP)

Die Auslöser der Hungersnöte sind vielfältig und stark kontextabhängig. In Afrika ist der Hunger im Kern aber fast überall auf das politische Versagen einer korrupten, autokratischen Elite zurückzuführen, die vorab am eigenen Machterhalt und an der Selbstbereicherung interessiert ist. In vielen Präsidentenpalästen des Kontinents sorgt das Leiden der Bevölkerung kaum für Beunruhigung. In einigen Ländern dürfte die politische Elite gar von Konflikten und Hungersnöten profitieren.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen postulierte bereits in den 1980er Jahren einen Zusammenhang zwischen dem politischen System eines Landes und dem Auftreten von Hungerkatastrophen. Der Inder vertrat die These, dass es «in funktionierenden Demokratien, selbst in sehr armen, keine Hungersnöte gibt». Nach Sen liegt das daran, dass autokratische Regierungen bei einer Hungersnot nichts zu befürchten hätten. In einer Demokratie würde hingegen auch die Regierung an einer Hungersnot leiden – nicht zuletzt mit Blick auf die möglichen Konsequenzen bei Wahlen. Sens Theorie ist zwar nicht unbestritten, in Afrika schneiden die von Hunger betroffenen Länder in Demokratie-Rankings aber tatsächlich fast ausnahmslos schlecht ab. Fraglos werden Hungersnöte durch externe Faktoren wie die gegenwärtige Dürre am Horn von Afrika verschärft. Der Klimawandel führt in weiten Teilen der Sahelzone zu einer Versteppung, was zu Konflikten und Nahrungsmittelengpässen führen kann. Doch diese Herausforderungen wären in Afrika genauso beherrschbar wie anderswo, gäbe es mehr verantwortungsvolle Politiker.

Wachsende Finanzierungslücke für humanitäre Hilfe

Benötigte Hilfsgelder
Eingegangene Spenden
Dollar (Mrd.)
20070809101112131415201601020

Zu den grössten Versäumnissen vieler afrikanischer Regierungen gehört die Vernachlässigung der Landwirtschaft. Obwohl über die Hälfte der subsaharischen Bevölkerung – 520 Millionen Menschen – in der Landwirtschaft tätig ist, vermag der Kontinent sich nicht selbst zu ernähren und importiert heute rund einen Viertel seiner Nahrungsmittel. Die Produktivität der kleinbäuerlich geprägten Landwirtschaft Afrikas liegt weit unter dem globalen Durchschnitt, derweil grosse Teile des Kontinents – Experten sprechen von 600 Millionen Hektaren – agrarisch ungenutzt bleiben.

Zwar haben die afrikanischen Regierungschefs sich in der sogenannten Maputo-Erklärung bereits 2003 zu einer Stärkung der Landwirtschaft verpflichtet. Doch die damalige Vereinbarung, 10 Prozent der Haushaltsgelder für die Entwicklung der Agrarwirtschaft einzusetzen, hat kaum ein Dutzend Staaten umgesetzt. Im Schnitt waren die Investitionen afrikanischer Länder in die Landwirtschaft zuletzt gar rückläufig.

Drastische Finanzierungslücke

Die Uno-Hilfsorganisationen stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, die desaströsen Folgen dieser langjährigen Versäumnisse kurzfristig einzudämmen. Aufgrund der zahlreichen Krisenherde fehlt ihnen dafür das Geld. In den letzten Jahren ist der weltweite Bedarf an humanitärer Hilfe rapide angestiegen. Rechnete die Uno im Jahr 2000 noch mit rund 2 Milliarden Dollar, sind es fürs laufende Jahr bereits über 20 Milliarden. Allein für die Hilfe im Syrien-Konflikt werden rund 8 Milliarden benötigt.

Der Anstieg gründet nicht nur auf der höheren Zahl der Konflikte, sondern auch auf der immer längeren Dauer humanitärer Krisen. Zudem hängt die Höhe der Kosten auch von der Lokalität ab: Laut IKRK sind Hilfslieferungen ins Binnenland Südsudan siebenmal teurer als in den Küstenstaat Somalia.

Die grössten Spender humanitärer Hilfe (2016)

Milliarden Dollar
NorwegenJapanGrossbritannienDeutschlandEUUSA01234567

Die Uno-Appelle bringen fast nie die Beträge zusammen, die erbeten werden. In den letzten Jahren ist die Lücke zwischen dem Bedarf und den Spenden besonders stark angewachsen. 2016 kamen nur 52 Prozent der benötigten Hilfsgelder zusammen, im laufenden Jahr hat die Uno per Ende Februar erst 7 Prozent der geforderten Spenden erhalten.

Falls der amerikanische Präsident Trump an den angekündigten drastischen Budgetkürzungen im humanitären Bereich festhält, dürfte sich die Finanzierungslücke noch vergrössern. Die USA sind mit zuletzt 6,2 Milliarden Dollar das weitaus grösste Geberland humanitärer Hilfe. Für die Bedürftigen bedeutet weniger Geld weniger Hilfe. In vielen Flüchtlingslagern musste die Nahrungsmittelhilfe bereits rationiert werden. Bei weiteren Kürzungen werden schwer zugängliche Gebiete im Südsudan oder in Nordnigeria womöglich komplett von der Hilfe abgeschnitten.

Krieg und Hunger im Südsudan
Das vorsätzliche Desaster
von David Signer, Dakar16.3.2017, 06:39
Es mag zynisch sein, die Frage nach den Nutzniessern der Katastrophe im Südsudan zu stellen. Es ist jedoch offensichtlich, dass es der Führung in Juba umso besser geht, je mehr die Bevölkerung leidet.

Hunger in Afrika

Technische Lösungen reichen nicht

KOMMENTARvon Fabian Urech16.3.2017, 05:30

Bereits im Februar hatte die Uno für Teile des Südsudans eine Hungersnot ausgerufen – die weltweit erste seit 2011. Die grösste humanitäre Krise spielt sich derzeit aber in Jemen ab, wo mehr als 7 Millionen Menschen vom Hunger betroffen sind. Kaum besser ist die Lage in Somalia und Nordnigeria – ebenfalls Gebiete, in denen seit Jahren blutige Konflikte herrschen.

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