Im Land mit den weltweit meisten Milliardären, das Geld hat, weltweit Kriege zu führen: Wenig gebildete weiße Amerikaner sterben immer früher: In einem «Meer der Verzweiflung». Der Anstieg der Sterblichkeitsraten wegen Überdosen von Drogen, Suiziden und alkoholbedingter Lebererkrankungen hat seit der Jahrhundertwende ungebrochen angehalten. Begleiterscheinungen sind auseinanderbrechende Familien, soziale Isolation, Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit, Übergewicht und andere chronische Leiden.Die Resultate der Forschung strahlen auch in den heftigen Streit um die Krankenversicherung hinein, der gegenwärtig in Washington tobt. Die besonders betroffene Bevölkerungsgruppe der weissen Unterschicht gilt als jene Wählergruppe, die für Präsident Trumps Sieg entscheidend war. Das Bild des «Tods durch Verzweiflung» zeigt, dass sie eine medizinische Versorgung besonders nötig hätte.

aus der Neuen Züricher Zeitung:

Sterblichkeit der weissen Unterschicht steigt weiter

Tod durch Verzweiflung in den USA

von Peter Winkler, Washington24.3.2017, 19:21 Uhr
Nicht einzelne zyklische Krisen, sondern eine langsame Anhäufung von Verzweiflung soll zur höheren Sterblichkeit geführt haben. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Dass weisse, 45 bis 54 Jahre alte Amerikanerinnen und Amerikaner mit wenig Bildung im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen früher sterben, hatten die Princeton-Ökonomen Anne Case und Angus Deaton bereits 2015 in ihrer aufsehenerregenden Forschungsarbeit nachgewiesen. Nun hat das prominente Forscherpaar nachgedoppelt. Die Lage, so lautet ihr Befund, ist alles andere als unter Kontrolle: Sie hat sich noch verschlechtert, denn der Trend umfasst nun auch jüngere Altersgruppen.

Schrittweiser Kollaps

In ihrem neuen Bericht, den sie am Donnerstag in der Denkfabrik Brookings Institution vorstellten, kommen Case und Deaton zum Schluss, dass sich für die weisse Unterschicht unterdessen ein «Meer der Verzweiflung» über das ganze Land erstrecke. Der Anstieg der Sterblichkeitsraten wegen Überdosen von Drogen, Suiziden und alkoholbedingter Lebererkrankungen habe seit der Jahrhundertwende ungebrochen angehalten. Gleichzeitig seien die Fortschritte im Kampf gegen Herzleiden und Krebs – die beiden wichtigsten Todesursachen im mittleren Alter – ins Stocken gekommen.

Hatte vorher noch der Zeitabschnitt «im besten Alter» im Fokus gestanden, so trifft der Trend nun auf weisse Nicht-Latinos in den Altersgruppen 25 bis 64 zu. Case und Deaton sprechen von einem schrittweisen Kollaps der weissen Arbeiterklasse mit Grundschulabschluss oder mittlerer Bildung, welche in den siebziger Jahren noch einen Höhepunkt erlebt hatte.

Es gebe keine Hinweise darauf, dass dies mit der aktuellen Einkommenssituation einhergehe, erklärte Case in einem Hintergrundgespräch mit amerikanischen Medien. Es scheine vielmehr, als häufe sich die Verzweiflung über längere Zeit hinweg an. Begleiterscheinungen seien auseinanderbrechende Familien, soziale Isolation, Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit, Übergewicht und andere chronische Leiden.

Schmerz und seine Bekämpfung

Ebenfalls ausgeprägt zugenommen habe das Empfinden von körperlichen Schmerzen – was vermutlich für die Epidemie von Opiatabhängigkeit wegen der weiten Verbreitung opiathaltiger Schmerzmittel mitverantwortlich ist. Diese hat in weiten Teilen der Vereinigten Staaten auch zu einer neuen Heroin-Epidemie geführt. Laut Case und Deaton haben die Opiate aber lediglich einen bereits existierenden Trend verschärft.

Was die Resultate der Forschung so aufwühlend macht, ist die Tatsache, dass alle anderen Bevölkerungsgruppen in den USA (Schwarze, Latinos) und die genau gleiche Bevölkerungsgruppe der weissen, mittelmässig gebildeten Unterschicht in anderen westlichen Industriestaaten einem gegenteiligen Trend folgen. So war 1999 die Sterblichkeitsrate der besonders betroffenen Weissen im mittleren Alter 30 Prozent tiefer als jene von Afroamerikanern im gleichen Alter (45 bis 54). Im Jahr 2015 hat sich das Verhältnis exakt umgekehrt. Vergleichbare gegensätzliche Entwicklungen fanden in allen Altersgruppen zwischen 25 und 64 Jahren statt. Auch Weisse mit einem Hochschulabschluss trotzen dem Negativtrend. Ihre Sterblichkeitsraten blieben seit der Jahrhundertwende mehr oder weniger gleich.

Besucherinnen eines Jahrmarkts in San Diego. (Bild: Mike Blake / Reuters)

Besucherinnen eines Jahrmarkts in San Diego. (Bild: Mike Blake / Reuters)

Die Faktoren, die in der weissen Unterschicht zu diesem unheilvollen Trend beitragen, fassen die Autoren im Begriff «Tod durch Verzweiflung» zusammen. Dessen Häufigkeit nahm fast im ganzen Land zu. Zur Jahrhundertwende war das Phänomen nur im Südwesten der USA aufgefallen. Fünf Jahre später hatte es sich auf Florida, die Westküste und die Appalachen ausgebreitet. Heute sei es landesweit verbreitet.

Und die Krankenversicherung?

Die Resultate der Forschung von Case und Deaton strahlen auch in den heftigen Streit um die Krankenversicherung hinein, der gegenwärtig in Washington tobt. Die besonders betroffene Bevölkerungsgruppe der weissen Unterschicht gilt als jene Wählergruppe, die für Präsident Trumps Sieg entscheidend war. Das Bild des «Tods durch Verzweiflung» zeigt, dass sie eine medizinische Versorgung besonders nötig hätte.

https://www.nzz.ch/international/sterblichkeit-der-weissen-unterschicht-steigt-weiter-tod-durch-verzweiflung-in-den-usa-ld.153442

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