Die Durchmischung, die das eigentlich Urbane ausmacht, findet in den afrikanischen Städten kaum statt. Es wird einfach die dörfliche Lebensweise in die Stadt verpflanzt, man bleibt unter seinesgleichen. Typischerweise besteht die afrikanische Großstadt aus einem europäisch-kolonial geprägten Zentrum, das einer Oberschicht vorbehalten ist, und einem Ring aus armen Quartieren. Sie werden vor allem von Zugewanderten vom Land bewohnt, die Arbeit suchen der «Warteraum». In dieser Peripherie wird oft Gartenbau zur Selbstversorgung betrieben, und entsprechend ist der Lebensstil eher dörflich als städtisch geprägt. Die Tatsache, dass viele Stadtbewohner immer noch leben, als befänden sie sich auf dem Land, kann man auch nicht als Rückständigkeit, sondern als Chance wahrnehmen. Dazu gehört auch eine Aufwertung der Selbstorganisation und des Nichtstaatlichen: «Vieles in Agrokulturen ist informell, also nicht mit Geld fassbar.» Dieses nicht Formalisierte findet sich vor allem in den Slums, in denen man nicht nur Elend und Chaos, sondern auch Kreativität, Übergang, den Keim des Neuen sehen kann. Das Agrarische sollte der Stadt nicht ausgetrieben, sondern im Gegenteil gefördert werden. Die eigentlich moderne Stadt besteht für ihn – nicht nur in Afrika, sondern weltweit – nicht nur aus Beton und Glas, sondern aus einem Mix. Was in den afrikanischen Städten als vormodernes Überbleibsel wirkt, könnte ein Wegweiser in die Zukunft sein.

Städte in Afrika
Die blühende Tropen-City
von David Signer23.3.2017, 05:30 Uhr
aus der Neuen Züricher Zeitung
Die Städte in Afrika changieren zwischen Pseudo-Urbanität und Ländlichkeit. Das wirkt absurd, könnte aber zukunftsweisend sein. In seinem letzten Buch fährt Al Imfeld die Ernte aus Jahrzehnten Afrika-Erfahrung ein.
(Bild: Katja Müller)

(Bild: Katja Müller)

«Die afrikanische Stadt gibt es nicht», sagt Al Imfeld in seinem letzten Buch, «Agrocity – Die Stadt für Afrika», erschienen kurz vor seinem Tod. Es ist eine steile und politische unkorrekte These. Denn es ist heute opportun, gegen die koloniale Herablassung festzuhalten, dass es auch im vorkolonialen Subsahara-Afrika Geschichte, Staaten und Städte gab. In der Tat existierten im nördlichen Afrika seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden Städte: Kairo, Alexandria, Karthago, auch Meroë im Sudan oder Aksum in Äthiopien. Ab dem 12. Jahrhundert wurde die islamische Stadtform in den Süden getragen: In der Sahelzone gab es Timbuktu, Djenné oder Ségou, im heutigen Nigeria Kano. Es wurden auch Sklavenhäfen wie Gorée im Westen oder Bagamoyo und Sansibar im Osten gebaut.

Später gingen aus den europäischen Administrationszentren die ersten Kolonialstädte hervor, aus denen dann die meisten heutigen Metropolen entstanden. Aber all dies waren für Imfeld keine Städte im modernen Sinne mit Dichte, Diversität, Diffusion. Und es waren keine genuinen Bantu-Städte. Die landwirtschaftlich orientierten Bantu – benannt nach der gemeinsamen linguistischen Wurzel der meisten subsaharischen Ethnien – seien in Kleingesellschaften organisiert, schreibt Imfeld, mit einer starken Dorfkultur, aber keinen Städten.

Megadörfer statt echter Städte

Die ersten Städte südlich der Sahara entstanden erst um 1900, als koloniale Verwaltungssitze. Sie waren durch die Apartheid geprägt; nur Weisse hatten Zutritt zum Zentrum. Das Tragische ist, dass die afrikanischen Städte immer noch segregiert sind. Viele Quartiere sind nach Ethnien geordnet: Es gibt das Bambara-Viertel, das Peul-Viertel usw. Gerade unter den verschärften Bedingungen der Slums kommt es auch immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen, zum Beispiel vor und nach Wahlen. Aber im Prinzip sind auch die Gated Communities in den reichen Vierteln Ghettos.

«Die biologische Diversität muss auch ins Soziale übertragen werden. Der Boden überlebt mit einer Vielfalt von Pflanzen, Büschen und Bäumen, von Würmern und Bakterien. Genau so entsteht eine lebendige Stadt. Ghettos sollte es keine mehr geben, genauso wenig wie Gated Communities.»

Die Durchmischung, die das eigentlich Urbane ausmacht, findet in den afrikanischen Städten kaum statt. Es wird einfach die dörfliche Lebensweise in die Stadt verpflanzt, man bleibt unter seinesgleichen. «Früher war es der Zwang der weissen Regierung», schreibt Imfeld, «heute diktiert und zwängelt die eigene Grossfamilie, der Clan.»

Eine Stadt ist mehr als die Summe ihrer Teile; sie wird nicht gebildet durch eine simple Ansammlung von Häusern, selbst wenn sie gigantische Ausmasse hat wie zum Beispiel Kinshasa. Die Millionen kleiner einstöckiger Häuser bilden dort eine Art Riesendorf. Und es mangelt an allem, was für das Zusammenleben so vieler Menschen nötig ist: Elektrizität, Wasser, Kanalisation, Spitäler, öffentlicher Verkehr, Schulen, Strassen, Beleuchtung, aber auch öffentliche Orte wie Plätze oder Parks.

Verachtung des Ländlichen

Typischerweise besteht die afrikanische Grossstadt aus einem europäisch-kolonial geprägten Zentrum, das einer Oberschicht vorbehalten ist, und einem Ring aus armen Quartieren. Sie werden vor allem von Zugewanderten vom Land bewohnt, die Arbeit suchen. «Warteraum», nennt sie Imfeld. In dieser Peripherie wird oft Gartenbau zur Selbstversorgung betrieben, und entsprechend ist der Lebensstil eher dörflich als städtisch geprägt.

Die Situation ist widersprüchlich: Einerseits ist das Denken und Fühlen der Bewohner landwirtschaftlich geblieben. Andererseits verachten sie das Agrarische. Bauer zu sein, ist gleichbedeutend mit Schufterei und Schande. Jeder möchte einem «Business» nachgehen oder wenigstens Land besitzen, das aber andere bearbeiten sollen. Zugleich beherrscht jedoch eine Idealisierung, ja Mythologisierung der Erde, der Traditionen und des Herkunftsdorfes die Köpfe. Die Stadt demgegenüber ist ähnlich ambivalent besetzt wie «der Weisse»: Sie steht für Moderne und Fortschritt, eine Befreiung von den Fesseln der Grossfamilie, aber zugleich für Verlorenheit, Heimatlosigkeit, Atomisierung, Geld und Sünde.

Hauptstädte vom Reissbrett

Das spiegelt sich in der Religion und in der Politik. In den monotheistischen Religionen spielt das visionäre Stadtkonzept eine wichtige Rolle. Jerusalem, Mekka, Rom und Konstantinopel waren zugleich reale wie auch utopische Zentren. Sie sind Orte der Wahrheit wie auch Burgen gegen das Böse, rund um den Tempel, die Moschee oder die Kathedrale errichtet. Die frühen Städte an den afrikanischen Küsten hingegen waren entweder militärische Forts, Handelsumschlagplätze oder Häfen für die Verschiffung von Sklaven. Die metaphysische Dimension geht ihnen ab. Die traditionelle afrikanische Religion ist agrarisch-dörflich, nicht städtisch. Sie zentriert sich um heilige Naturorte wie einen Baum, einen Felsen, einen Teich oder einen Hain.

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Die Politik nach der Unabhängigkeit konzentrierte sich auf die Städte und vernachlässigte das Land. Die neu kreierten Hauptstädte wie Dodoma, Yamoussoukro, Lilongwe oder Abuja entstanden am Reissbrett und hatten wenig mit den afrikanischen Lebensweisen zu tun. Für die neuen Machthaber war das Landleben gleichbedeutend mit Rückständigkeit. Sie träumten von modernen Städten mit einem westlichen Lebensstil und schämten sich für ihren bäuerlichen Hintergrund.

Lob der Vermischung

Hier nun setzt Imfelds Modell einer «Agrocity» an. Er träumt von einer Versöhnung von urban und rural, von Moderne und Tradition; von einer grünen, ökologischen Stadt mit «urban gardening», mit Dialog, Vermischung und Integration statt Entfremdung und Verelendung. Die Tatsache, dass viele Stadtbewohner immer noch leben, als befänden sie sich auf dem Land, nimmt er nicht als Rückständigkeit wahr, sondern als Chance. Dazu gehört auch eine Aufwertung der Selbstorganisation und des Nichtstaatlichen: «Vieles in Agrokulturen ist informell, also nicht mit Geld fassbar.»

Imfeld findet dieses nicht Formalisierte vor allem in den Slums, in denen er nicht nur Elend und Chaos, sondern auch Kreativität, Übergang, den Keim des Neuen sieht. Das Agrarische sollte der Stadt nicht ausgetrieben, sondern im Gegenteil gefördert werden. Die eigentlich moderne Stadt besteht für ihn – nicht nur in Afrika, sondern weltweit – nicht nur aus Beton und Glas, sondern aus einem Mix. Was in den afrikanischen Städten als vormodernes Überbleibsel wirkt, könnte ein Wegweiser in die Zukunft sein. «Die Zeit des Gegensatzes Stadt/Land geht zu Ende», schreibt er. Hier eröffne sich eine Chance für Afrika, denn die «afrikanische Stadt» sei noch nicht definiert.

Al Imfeld ist am 14. Februar im Alter von 82 Jahren in Zürich verstorben. Sein Buch über die afrikanische Stadt der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ist kurz vorher erschienen und zu einer Art Schlusswort geworden. Er selber, der Theologie, Soziologie und Agronomie studiert hatte, war der Stadt ähnlich, die ihm vorschwebte, auch er überbrückte Gegensätze und schreckte vor dem Paradoxen nicht zurück. Auch er lebte gleichermassen im bäuerlichen Napfgebiet, wo er herkam, wie auch in der vibrierenden Metropole. Und sein letztes Buch ist prallvoll mit Lebenserfahrung, aber offen und verspielt, als stammte es von einem jungen Springinsfeld.

https://www.nzz.ch/feuilleton/staedte-in-afrika-die-bluehende-tropen-city-ld.152820

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