Benin fordert die von französischen Soldaten während des Krieges gegen die Afrikaner geraubten Kulturobjekte zurück. Auch ethnologische Forscher berichteten wie sie ihre Forschung in den von Frankreich unterworfenen Regionen zum Diebstahl nutzen. Die Objekte werden heute in französischen Museen ausgestellt! In einem offenen Brief fordern mehrere beninische und französische Vereinigungen und Abgeordnete die Rückgabe des Raubgutes

Afrikanische Kunst in Europa
Das Museum als Räuberkammer
von David Signer, Dakar28.3.2017, 14:00 Uhr
aus der Neuen Züricher Zeitung (wir halten das Thema für wichtig und haben einen anderen Standpunkt als der Autor, aber immerhin ist der Bericht sehr informativ und kann zur Meinungsbildung beitragen: Die Afrikaner haben das Recht, über die Kulturgüter zu entscheiden und die ehemaligen Kolonisatoren sollten sie dabei unterstützten, ihren Willen umzusetzen).
Benin fordert von Frankreich die Rückgabe afrikanischer Kultobjekte. Die alte und nun erneut aufgeflammte Diskussion hat juristische, moralische und historische Aspekte – aber auch heuchlerische.

Im westafrikanischen Staat Benin und in Frankreich ist eine Kontroverse entbrannt um die Rückgabe von afrikanischen Kulturgütern. Auslöser ist ein offener Brief an den französischen Präsidenten Hollande. Darin wird insbesondere die Repatriierung von Kunstschätzen aus dem ehemaligen Königreich Dahomey gefordert, die nun mehrheitlich im Museum Quai Branly in Paris ausgestellt sind. Die Werke – Statuen, Sakraltore aus dem Palast von Abomey, königliche Throne und Zepter – wurden hauptsächlich während der Schlachten zwischen 1892 und 1894 von französischen Soldaten geraubt.

Noch im Pariser Museum Quai Branly ausgestellt: 22 cm hohe Kriegerstatue aus Bronze (Benin, Nigeria, 18. Jh.). (Bild: André Held / AKG)

Noch im Pariser Museum Quai Branly ausgestellt: 22 cm hohe Kriegerstatue aus Bronze (Benin, Nigeria, 18. Jh.). (Bild: André Held / AKG)

Juristisch aussichtslos

Verschiedene beninische und französische Vereinigungen und Abgeordnete haben den Brief unterschrieben. «Die geraubten Werke haben für das Volk von Benin einen ausserordentlichen kulturellen und spirituellen Wert», heisst es in dem Schreiben. Laut dem Präsidenten von Benin, Patrice Talon, der immer wieder mit Äusserungen gegen die Einflussnahme der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich auffällt, würde es eine Rückführung der Objekte erlauben, «der Bevölkerung den Wert unserer kulturellen und historischen Güter besser bekannt zu machen». Darüber hinaus betonte er auch die Wichtigkeit dieser Schätze für den Tourismus, «ein wichtiger Pfeiler der beninischen Wirtschaft». Benin verfügt kaum über Bodenschätze, ist aber berühmt für den Palast von Abomey und das historische Museum sowie die Kultstätten und kolonialen Bauten in Ouidah. Bereits im September letzten Jahres hatte Benin eine offizielle Anfrage ans Museum Branly geschickt. Vor zwei Wochen haben sich die beninischen Aussen- und Kulturminister nach Paris zu Besprechungen begeben.

Die Regierung von Benin stützt sich bei ihren Forderungen auf die Unesco-Konvention von 1970, die die Rückgabe von Kulturgütern in ihr Herkunftsland und die Restitution im Falle von illegalem Erwerb anvisiert. Abgesehen davon, dass Frankreich die Konvention unterschrieben hat, Benin jedoch nicht, gilt die Regelung nicht rückwirkend. Sie wird nur angewendet für Güter, die ab 1970 aus den Herkunftsländern geschafft wurden. Juristisch betrachtet, hat Benin aus französischer Sicht kein Recht, Objekte zurückzufordern, die sich seit mehr als einem Jahrhundert in europäischen Museen befinden. Auch wird in Paris die Frage aufgeworfen, ob der beninische Staat überhaupt als rechtmässiger Besitzer der Objekte gelten kann. Denn das Königreich von Dahomey umfasste nicht nur das heutige Benin, sondern auch Nigeria. Überhaupt ist das Thema des Herkunftsortes eines Objekts problematisch. Ist damit das Land gemeint, die Region, die Ethnie, das Dorf oder religiöse beziehungsweise politische Instanzen, die heute oft gar nicht mehr existieren?

Mehr Aussicht auf Erfolg dürfte ein Vorgehen auf diplomatischen statt juristischen Wegen haben. Entsprechende Schritte sind auch bereits im Gange. Nigeria, der östliche Nachbar von Benin, versucht seit einiger Zeit, auf diese Weise Kulturgüter zurückzuerhalten, die die ehemalige Kolonialmacht Grossbritannien raubte.

Die Gauner-Ethnologen

Benin hat in dieser Kontroverse zweifellos die Moral auf seiner Seite. Liest man Berichte von zeitgenössischen Forschungsreisenden in Westafrika, kommt einem das Schaudern. So beschreibt zum Beispiel Michel Leiris in seinem Tagebuch zur berühmten ethnografischen Dakar-Djibouti-Expedition am 12. November 1931, wie die Ältesten in einem Dogon-Dorf in Mali die Forscher beschworen, gewisse heilige Regenmacherfiguren nicht anzufassen. Der Chronist beschreibt dann entzückt, wie er die Dorfvorsteher ausgetrickst hat. «Ich habe die Figur zuerst in mein Hemd gesteckt . . . Dann, ganz oben auf dem grossen Felsen, habe ich sie in den Regenschirm gesteckt und dabei, um die Aufmerksamkeit abzulenken, so getan, als sei ich pissen gegangen.» Zwei Tage später, lakonisch: «Der Raub von Gegenständen läuft weiter, genau wie die ethnografischen Befragungen.»

Die Ruchlosigkeit solcher Vorgehensweisen im Namen der Wissenschaft ist offensichtlich. Unabhängig davon stellt sich aber die Frage, ob ein Land wie Benin überhaupt ausgerüstet wäre, um die zurückverlangten Schätze sachgerecht zu beherbergen. Gegenwärtig existiert kein öffentlicher Ort in Benin, der dafür geeignet wäre. Es fehlt nicht nur die Infrastruktur, sondern auch das entsprechende Fachpersonal. Das betrifft nicht nur die Konservierung, sondern auch die Sicherheit. Das Risiko ist gross, gerade auch in einem Kontext von Korruption, dass die Objekte abermals geraubt oder verschachert würden und dann wahrscheinlich für die Öffentlichkeit definitiv verloren wären.

Das ist die etwas heuchlerische beziehungsweise politisch-propagandistische Seite an der ganzen Kontroverse. Denn die meisten Museen im subsaharischen Afrika sind in einem denkbar schlechten Zustand und werden von der Bevölkerung auch kaum frequentiert. Die wenigen Besucher sind meistens Weisse. Man gewinnt den Eindruck, dass weder der Regierung noch den Bewohnern besonders viel am «kulturellen Erbe» liegt. Das gilt nicht nur für die Objekte, sondern auch für die intellektuelle Beschäftigung: Die Mehrheit der kunsthistorischen und ethnologischen Auseinandersetzungen stammt aus westlicher Feder. Zugespitzt formuliert: Wären all die Objekte nicht in europäischen Museen gelandet, würden sie heute wahrscheinlich gar nicht mehr existieren. «Wir sollten Jacques Chirac für das Musée Branly dankbar sein», schrieb Jean-Pierre Bekolo, der kamerunische Filmregisseur, schon vor ein paar Jahren. «Dort zumindest wird unser Erbe bewahrt.»

Der schlechte Zustand und die Unpopularität der Museen in Afrika mögen damit zusammenhängen, dass die ganze Institution des Museums vielleicht eher auf einem europäischen Konzept basiert und den meisten Afrikanern fremd ist. Auch waren die entsprechenden Gegenstände ja ursprünglich nicht Exponate oder Kunstwerke, sondern hatten eine religiöse, rituelle oder dekorative Funktion. Zu rein ästhetischen Objekten wurden sie erst, als man sie aus ihrem Kontext herausriss.

Nur noch Landesmuseen?

Die Forderung, «verschleppte» Werke ins Ursprungsland zurückzugeben, beschränkt sich nicht auf Afrika. Auch China oder Griechenland etwa erheben ähnliche Forderungen. Die Grenze zwischen Raub, Überlistung und Kauf ist dabei nicht immer ganz klar. Oft wurden einem Dorf auch Kultobjekte «abgeluchst», indem Preise gezahlt wurden, die für die Einheimischen ein Vermögen darstellten, für die Europäer jedoch einen Klacks. Wenn man die Grenzen solcherart weit genug zieht, müsste wohl ein grosser Teil der ethnografischen Bestände in europäischen Museen und auch Privatsammlungen zurückgegeben werden. Allerdings fragt es sich dann in letzter Konsequenz, ob Museen denn nur noch einheimische Werke zeigen sollten. So würden alle Völkerkunde- letztlich zu Nationalmuseen.

Die ganze Diskussion um die Rückgabe gestohlener Objekte wäre fruchtbarer, wenn auf afrikanischer Seite weniger ideologisch und auf europäischer Seite weniger juristisch argumentiert würde. Es geht beim Thema nämlich letztlich um sehr grundsätzliche und brisante Fragen nach dem Eigenen und dem Anderen.

https://www.nzz.ch/international/forderung-nach-rueckgabe-von-afrikanischen-kunstgegenstaenden-das-museum-als-raeuberkammer-ld.153874

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